Geheime Wünsche

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. Juli 2023

Wovon träumen Rasenmähroboter, wenn sie nachts friedlich in ihrer Ladestation schlummern und handgemachten Ökostrom nuckeln? Stellen sie sich vor, ein Mähdrescher zu sein in den unendlichen Weiten des amerikanischen Westens? Einfach mal drauflosdreschen, tagelang durch die Weizenfelder pflügen. Das grösste Vieh in der Prärie und weit und breit keine Thujahecke, kein Trampolin und kein Gartenzwerg, die einen stoppen. Ach, wenn nur der Akku so gross wäre wie die Träume.

Was geht dem Staubsaugerroboter durch die Schaltkreise, der stumpfsinnig seine ewig gleichen Runden dreht und Dreck frisst, bis er eines Tages zum ersten Mal Saharastaub schmeckt: Wie fremd und aufregend! Heiss brennt das Verlangen nach Tapetenwechsel in seiner Platine, er spürt, da draussen muss es noch mehr geben als nur Katzenhaare und Eichenparkett. Aber er schaffts nicht einmal bis vor die Haustüre. Schwellenangst.

Was wissen wir, was in unseren Haushaltsgeräten vorgeht? Hätte das Bügeleisen gerne Räder, um durch den Jura zu dampfen als Dampfbügeleisenbahn? Wie viele Toaster erleiden Jahr für Jahr ein Burn-out, weil sie eigentlich lieber etwas anderes machen möchten als Toast, zum Beispiel Kleintierkremationen? Wer weiss, vielleicht träumt Ihr Schwingbesen vom Hosenlupf im Sägemehl. Den Knethaken hat er schliesslich drauf wie kein anderer. Und doch wird kein Böser je aus ihm. Sonntagszopf statt Siegerkranz.

Sind wir uns der Seelenpein unserer Haushaltsgeräte bewusst? Wie sehr leidet der philosophische Föhn darunter, dass er nur heisse Luft produziert? Oder wäre er gerne so fies drauf wie sein grosser Bruder, der den Urnerinnen und Urnern nicht nur die Haare zerzaust, sondern auch das Gehirn? Was ist mit der Personenwaage? Hat sie es nicht längst dicke, ständig mit Füssen getreten zu werden? Und wie schwer muss es für den Beamer sein, sich nicht wegbeamen zu können?

Was wissen wir schon über die geheimen Wünsche, Nöte und Träume unserer Haushaltsgeräte? Nichts wissen wir.

Und das ist auch gut so. Ich jedenfalls würde kein Auge mehr zu machen, wenn ich wüsste, dass die Moulinex eine eiskalte Psychokillerin ist, die mit ihren scharfen Messern eigentlich was ganz anderes schnetzeln möchte als nur Sellerie und Karotten. Und der Fritteuse traue ich sowieso nicht über den Weg; die war in einem früheren Leben sicher Folterknechtin der Inquisition.

Aber wenn Sie Mitleid mit Ihrem fernwehkranken Staubsauger haben: Er darf gerne bei uns ein paar Tage Ferien machen. Es gibt hier ein paar ganz unberührte Ecken zu entdecken.

Bild: Markus Distelrath/Pixabay

Der Wäscheberg ruft

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. Juni 2023

Vor 70 Jahren bestiegen Tenzing Norgay und Edmund Hillary als erste Menschen den Mount Everest. Ruhm und Ehre sind ihnen sicher. Völlig zu Unrecht vergessen werden hingegen alle Alpinistinnen und Alpinisten, die Woche für Woche die lebensfeindlichen Gipfel bezwingen, die sich bei ihnen zu Hause himmelhoch türmen: der Kleidermantscharo, der Piz Pulli, das Fleckhorn, der Dent du Minijupe, der Monte Hose, der Mount Washmore.

Glaube versetzt Berge? Schön wärs! Meine Wäscheberge wandern jedenfalls nicht von allein in die Maschine und zurück in den Schrank. Da kann ich glauben, so viel ich will. Nur beherztes Zupacken hilft. Im Frühtau zu Berge, heya ho, fallera. Wenn der Berg ruf, muss ich rauf. Wobei paradoxerweise jede Bezwingung eines Wäschebergs mit einem Abstieg beginnt. Hinunter in die Waschküche. Erst aber muss ich im Basislager die ganze Wäsche einsammeln. Die Socken der Kinder vom Sofa pflücken, T-Shirts unter dem Bett hervorfischen (Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gesaugt?) und mit spitzen Fingern Turnbeutel leeren, in denen die Evolution grad die neusten Killerkeime ausbrütet.

(An dieser Stelle dürfen Sie übrigens gerne Ihre spöttischen Kommentare loswerden. Im Sinne von «Selber schuld, der Moser, hätte der halt seine Kinder von klein auf in seine Wäscheseilschaft integriert». Oder auch ihr stilles Eingeständnis, dass es bei Ihnen auch nicht anders läuft.)

Aber wie schon Reinhold Messner sagte: «Aus Widerständen lässt sich Grossartiges erreichen.» Also ran an den Berg. Ich riskiere Kopf und Kragen beim Einstieg über den Hemdengrat, passiere den Jeanskamm (den schaffen auch Nieten), gebe beinahe auf im Sockencouloir (Wo ist bloss meine Sauerstoffflasche?) und steh am Schluss vor der Frotteeflanke, 90 Grad, ohne Weichspüler – das wird hart.

Wobei beim Wäscheberg die meiste Arbeit erst nach dem Aufstieg erfolgt. Aufhängen, zusammenlegen, wegräumen. Und ja, sie haben richtig gelesen, ich bügle nicht. Was sich nicht beim Trocknen entfaltet, glättet sich beim Tragen am Körper, lautet meine Devise. Man muss einfach alles eine Nummer zu klein kaufen. Ausser bei den Unterhosen, sonst kneifts im Schritt.

Das Frustrierende am Wäscheberg: Niemand gratuliert zum Aufstieg. Ein Gipfelwein um neun Uhr morgens ist auch keine gute Idee, auch wenn der Weinkeller gleich neben der Waschküche liegt. Und kaum ist ein Wäscheberg bezwungen, beginnt im Wäschekorb schon die nächste Alpenfaltung.

Zum Glück habe ich Sherpa Miele. Der macht die schwerste Arbeit. Und zwar richtig gut.

Auch wenn er jedes Mal ins Schleudern kommt.

(Bild Pixabay)

Youtube-Heimwerker

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 14. Juni 2023

«Und du bist wirklich sicher, dass du das kannst?»

«Klar, Schatz, das ist kinderleicht. Du musst nur das Schwundstück schön mittig mit den Dreiviertelzoll-Doppelnippeln verdriemeln und die abkaloschierten Querkalotten dran flaunschen – und gut ist.»

«Aha. Und woher weisst du das so genau?»

«Ich hab ein tolles Tutorial auf Youtube gefunden. Schau dich schlau mit Raoul vom Bau.»

«Schau dich schlau mit Raoul vom Bau? Und du bist sicher, dass das kein Satireaccount ist?»

«Der ist total gut. Ausgebildeter Sozialpädagoge…»

«Aha.»

«… und begeisterter Handwerker, der kann das voll gut erklären.»

«Doppelnippel verdriemeln? Für mich tönt das, als hätte dieser Raoul selber ein Schwundstück zwischen den Ohren. Da hat ja Bob der Baumeister mehr Expertise.»

«Wenn du es besser kannst, darfst gerne du dir die Hände schmutzig machen.»

«Ich kanns nicht besser…»

«Eben.»

«… und darum würde ich einen Handwerker holen, der sich damit auskennt.»

«Und der 160 Franken verlangt, für etwas, das ich selbst in fünf Minuten erledigen kann? Gib mir mal den kreuzverschlitzten Senkschrauber.»

«Den was?»

«Den Dings da, mit den Dings vorne.»

«Diesen Dings?»

«Den anderen Dings. So, und jetzt einfach den Exzenterstopfen sauber reingrätschen. Hm. So rum? Oder anders? Egal, Hauptsache vermuffen, und verzinkte Unterlagscheiben drauf. Oder drunter? Am besten beides. Sodeli, siehst du? Passt wie Arsch auf Eimer.»

«Das ist aber nicht im Blei.»

«Das ist Kupfer, Schatz.»

«Dein Kupfer ist nicht im Blei, Scha-hatz, weil du es schräg reingeschwippt hast. Und wackeln tut es auch.»

«Ach das passt sich ein. Lieber ein bisschen Spiel, als gar keinen Spass, wie Raoul immer sagt.»

«Der Mann hat wirklich nicht mehr alle Zacken an der Fräse. Und da ragt ein Stück raus. Muss das so?»

«Das? Ja, also, das… einfach sauber wegflexen, und schön störts nicht mehr.»

«Jetzt tropft es.»

«Dann muss ich die Flanschmutter noch fester in die Unterziehnut friemeln. Wieso geht das nicht mit dem blöden Schraubschlüssel? Hast du mir mal den Hammer? Geht’s nicht mit Gewalt, geht’s mit mehr Gewalt.»

«Sagt das auch dieser Raoul? So eine Flachzange.»

«Aber recht hat er. Oder tropft es etwa immer noch?»

«Nein.»

«Siehst du.»

«Jetzt sprudelt es eher.»

«Fu**.»

«HaHa.»

«Ich finde das nicht lustig, tammisiechnomoll.»

«HaHa, der Haupthahn. Hat Raoul etwa nicht erwähnt, dass man den vorher abdrehen muss?»

«Fuuuuuuuu**!»

«Ich ruf schon mal den Sanitär an. Du kannst ja unterdessen die Überschwemmung wegmoppen. Übrigens, wenn du das so richtig profimässig machen willst – ich kenne da ein tolles Tutorial auf Youtube…»

Hund am Handy

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Mai 2023

Haben Sie sich schon mal überlegt, wie es wäre, wenn Ihr Hund sprechen könnte? Und ein Handy hätte? Der würde Sie stalken, das ist so sicher, wie Katzen Whiskas kaufen würden. Sie gehen nur mal schnell Brot holen und kaum wären Sie zur Tür raus – Bing – schon die erste Sprachnachricht. «Hallo, ich bins, dein Hund. Ich wollte nur fragen: Gehen wir heute noch in den Park? Wir waren heute noch nicht im Park und ich geh doch so gern in den Park. Ich liiiieeebe den Park. Gehen wir noch in den Park? Ja? Ja? Ja?»

Keine Minute später – Bing – die zweite Sprachnachricht. «Ich bins nochmal. Weisst du, wo meine Quietsche-Ente ist?»

Bing. «Meine Quietsche-Ente, wo ist die?»

Bing. «Die gelbe, die quietscht, wenn ich draufbeisse.»

Bing. «Gehen wir heute noch in den Park? Wir waren noch gar nicht im Park heute. (Schwanzwedelgeräusche)»

Sie hätten kaum Zeit, die Sprachnachricht abzuhören, Bing, kommt schon die nächste. «Juhui, gleich kommt der Pöstler… (wuff, kläff, bell, Schreie im Hintergrund, wuff, kläff, bell noch lautere Schreie)…»

Bing. «Gehe nicht in die Küche, wenn du nach Hause kommst. Okay?»

Bing. «Das in der Küche, das war nicht ich.»

Bing. «Die Pfütze ist vom Pöstler, diesem Schisshasen.»

Bing. «Draussen läuft grad Ayla vorbei. Die ist läufig, das riech ich bis hier.»

Bing. «Wieso hast du mich eigentlich kastrieren lassen (Winsel, Leckgeräusche).»

Bing. «Tut man das seinem besten Freund an?»

Bing. «Ich bin doch dein bester Freund?»

Bing. «Ich werde immer dein bester Freund sein, egal, was du mit mir tust. (Hechel, hechel)»

Bing. «Weisst du, wo meine Quietsche-Ente ist? Ich habe deine ganzen Sachen durchwühlt und da war sie nicht.»

Bing. «Hast du gewusst, dass das Sofa quietscht, wenn man fest reinbeisst?»

Bing. «Fast wie meine Quietsche-Ente.»

Bing. «Gehen wir jetzt noch in den Park? Ich freu mich so auf den Park.»

Bing. «Auch wenn ich schon Pipi war.»

Bing. «Aber nicht in der Küche. Das war der Pöstler.»

Katzen wären ganz anders. Katzen würden fünf Tage lang spurlos verschwinden und kein Lebenszeichen von sich geben. Und Ihre besorgten Nachrichten und Anrufe wären für die Katz, das Viech würde sie einfach ghosten.

Nach fünf Tagen dann ein knappes Whatsapp: «Du liebst mich also nicht? Oder wieso hängen noch keine Vermisst-Plakate im Quartier? Ich bin enttäuscht. Ich werde morgen zwischen sieben Uhr früh und 23 Uhr nach Hause kommen. Und du wirst mir frischen Lachs servieren, sobald ich reinkomme. Und sag dem Hund, er kriegt seine Quietsche-Ente erst wieder, wenn er endlich aufhört, mir ständig Fotos seines Lieblingsknochens zu schicken.»

Foto: Pixabay

Hell oder dunkel?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 10. März 2023

– Kaufst du auf dem Heimweg noch ein Brot? Merci (Herz-Emoji, Brot-Emoji)

– Klar (Küsschen-Smiley) Hell oder dunkel?

– Egal. Worauf du grad Lust hast (Zwinker-Smiley, Lippenleck-Smiley)

– Körnerbaguette

– (Daumen hoch)

– Und wenn sie kein Körnerbaguette mehr haben? (Besorgtes Smiley)

– Dann halt ohne Körner (Trost-Smiley)

– Aber schon (Brezel-Emoji). Oder?

– ?

– Sorry, meinte (Baguette-Emoji), nicht (Brezel-Emoji)

– Ganz wie du magst. (Croissant-Emoji, Ironie-Smiley)

– Hell oder dunkel?

– (Nichts-Böses-Sehen-Affe) Nimm einfach, was es noch hat. Ist ja schon kurz vor Ladenschluss.

– Ein Pfünderli?

– (Daumen hoch)

– Oder lieber ein Kilo? Dann können sich die Kinder morgen noch Brötli machen für den Schwimmkurs (Delfin-Emoji, Krebs-Emoji)

– Gute Idee.

– Oder doch lieber ein Pfünderli und einen Krustenkranz? Der ist noch besser für Sandwiches. (Nachdenkliches-Gesicht-Smiley)

– Krustenkranz ist auch gut.

– Hell oder dunkel?

– Was hat es denn noch? (Sanduhr-Emoji)

– Weiss nicht, bin noch nicht im Laden. (Albernes Smiley) Aber Kartoffelbrot hat es immer bis zuletzt. Das kauft nie jemand. (Unwohl-Smiley, Grün-im-Gesicht-Smiley, Kotz-Smiley)

– Dann halt Kartoffelbrot. (Enttäuschtes-Gesicht-Smiley)

– Aber Baguette wäre dir schon lieber?

– Wenn es noch hat…

– Hell oder dunkel?

– Hauptsache gebacken. (Wutrotes-Gesicht-Smiley)

– Aufbackbrötchen hat es sonst auch immer.

– Von mir aus. (Grummel-Smiley)

– Hell oder dunkel?

– Egal! St. Galler Brot, Tessinerli, Maisbrot, Fladenbrot, Pumpernickel. Weiss wie Schnee, schwarz wie die Nacht – Hauptsache Brot, Hauptsache gebacken, Hauptsache Gluten! (Ärger-Smiley, Schädeldecke-explodiert-Smiley, Fluch-Smiley)

– Oder Knäckebrot.

– Von mir aus auch Knäckebrot!!!!

– Mit Leinsamen oder Sesam?

– Mit kandierten Speckwürfeli. (Sarkasmus-Smiley)

– Neue Sorte? Habe ich noch nie gesehen.

– War ein Witz.

– Apropos. Kennst du den: Was macht ein Brot auf einem AC-/DC-Konzert?

– ?

– Abroggen… (Tränenlach-Smiley, Laut-herauslach-Smiley, noch so ein Grinse-Smiley)

– (Lach-Smiley)

– (Bestürztes Smiley)

– ?

– Jetzt hat grad die Migros zugemacht.

– (Nichts-Böses-Sagen-Affe, Hand-an-die-Stirn-Emoji, Bomben-Emoji)

– (Bestürztes Emoji, mit-grossen-Augen-bittendes-Emoji, den Tränen-nah-Emoji)

– (Sorry-Smiley, Schulterzuck-Smiley, Herz-Emoji) Egal… Dann bestelle ich uns halt Pizza.

– Super. Hab dich lieb. (Herz-Augen-Smiley, Drei-Herzen-Smiley, Herz-mit-Schleife-Emoji, Pizza-Emoji, Pizza-Emoji, Pizza-Emoji, Lippenleck-Emoji) Bestellst du mir noch ein Bier dazu?

– Hell oder dunkel?

Riz Casimir forever

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. März 2023

Jetzt ist es offiziell, und es tut mir weh in meiner wilden Bünzliseele: Riz Casimir ist eines der schlechtesten Gerichte der Welt. Auf einer Rangliste des Foodguides «Tasteatlas» ist es auf Platz 18 der weltweit miesesten Speisen gelandet. Das muss ich erst mal verdauen. Denn ich liebe Riz Casimir, vorbehaltlos.

«Riis Kasimir» wird in der Schweiz schon seit 70 Jahren gegessen. Natürlich hat es längst seinen Glanz eingebüsst, den es 1952 noch hatte, als Ueli Prager in seinen Mövenpick-Restaurants erstmals dieses Curry-Rahmsauce-Gericht servierte. Der kulinarische Horizont der Schweiz war damals eng, Flugreisen für die meisten unbezahlbar, selbst Pizza war noch ein Fremdwort. Da war Riz Casimir ein Gericht, das einen Hauch Exotik und Weltläufigkeit auf die helvetischen Teller zauberte und doch niemanden verstörte mit zu viel Fremdartigkeit (dem vielen Rahm sei Dank).

Heute wird es gerade deswegen verspottet. Natürlich hat dieses gelb gefärbte Züri-Gschnätzlete nichts, aber auch gar nichts mit der authentischen indischen Küche zu tun, von der es nur den Namen Kaschmir stibitzte, aber sicher nicht die Schärfe. Und eine frisch gepflückte Ananas direkt ab Strauch mag so köstlich sein, dass man nachher nie mehr Dosenananas anrührt. Aber ich war halt noch nie in Ghana oder Thailand oder wo die Ananas sonst noch wachsen. Und punkto Ökobilanz ist es doch sicher besser, wenn die Ananas in kleinen Dosen zu mir kommt als ich in kurzen Hosen zur Ananas.

Mir gehts beim Riz Casimir ja auch gar nicht ums Fernweh. Eher um die Nostalgie. Mich erinnert das Gericht an unzählige Lager, in denen dampfende Schüsseln mit der gelben Köstlichkeit aufgetragen wurden, oder den übrig gebliebenen zuckrigen Pfirsichsaft, den ich als Kind aus der Büchse schlürfen durfte. Diese Süsse des Gerichts ist sein Geheimnis. Schon als Säuglinge wissen wir – süss ist gut. Das ist wohl auch der Grund, warum meine Kinder zufrieden den Riz-Casimir-Teller leer machen und fragen: «Hats noch gebratene Bananen?»

Ja, die Bananen. Sie sind das Wichtigste überhaupt. Liebevoll in Butter gebraten, was heisst da in Butter, in viel Butter, in ganz viel Butter mit Sorgfalt gebraten, bis der Fruchtzucker zu Karamell wird und sich der Schlauchapfel zu einem zuckrig-süssen Fast-schon-Kompott zersetzt – heilige Betty Bossi, mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Munde zusammen.

Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte: Egal, auf welchem Platz der Weltrangliste der schlechtesten Gerichte Riz Casimir stehen mag – ich hab Hunger. Und ich weiss auch schon, was es gibt.

Bild: pioneer111/istockphoto

Hitzköpfe im Kühlschrank

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Januar 2023

Nichts als Hitzköpfe in meinem Kühlschrank. Neulich öffne ich den Kühlschrank und was sehe ich? Die Olma-Bratwurst macht den Schinken zur Sau, bloss weil der sich nicht zu schade ist, mit dem Senf ins Brötchen zu steigen. Dabei ist dieser eingebildete Schüblig doch einfach frustriert, weil er selbst nie was Scharfes abkriegt, das verklemmte Würstchen.

Der Cervelat hält sich für was Besseres, dabei ist er höchstens ein C-Promi. Ungefragt gibt er überall seinen Senf dazu. Am liebsten philosophiert dieser Richard David Precht der Charcuterie darüber, dass alles ein Ende habe, nur die Wurst deren zwei, und fühlt sich dabei so wichtig, dass ihm fast die Pelle platzt. Von wegen Darm mit Charme.

Das Naturjoghurt hingegen ist eine Dramaqueen mit null Selbstvertrauen. Will sich immer gleich ins Verderben stürzen, bloss weil es das Verfallsdatum überschritten hat. Natürlich hilft es seinem Ego nicht, dass es vom Schoggipudding mit Sahnehäubchen als Magerquark geschmäht wird. Gar nicht gentil, das Chantilly. Der Doppelrahm mobbt die Crème fraîche, die Vorzugsbutter disst die Margarine («Von dir haben alle die Nase gestrichen voll»), der Gruyère macht den Cottage cheese fertig («So ne Hafechääs»), und wenn man nicht rechtzeitig dazwischen geht, sind am Schluss alle sauer. Derweil schwitzt der milde Emmentaler aus allen Löchern, weil er es allen recht machen will und gerade deshalb von niemandem gemocht wird.

Vom Gemüse will ich gar nicht erst reden. Der Rotkohl wird nicht grün mit dem Weisskohl, der sieht gleich rot, wenn ich den Grünkohl bevorzuge, was wiederum den Federkohl grün vor Neid macht. Der Kopfsalat ist auch so ein Lauch. Glaubt stets, sein letztes Stündchen habe geschlagen, weil er die Radiesli von unten anschaut. Dabei ist das keine Metapher, sondern einfach meine Art, die Gemüseschublade einzuräumen: unten Salat, oben Radiesli. Aber das schnallt er nicht. Kommt wahrscheinlich davon, wenn man das Herz im Kopf hat. Dann ist die Logik am Arsch.

Immer alles gleich persönlich nehmen, das können sie, meine Lebensmittel. Das Lagerbier zischt und schäumt, wenn ich an seiner Stelle zum Amberbier greife. Von wegen «kühles Blondes». Leck mich doch, tönt es derweil dumpf aus dem Tiefkühlfach. Das ist die einsame Raketenglace vom letzten Sommer. Und ich weiss nicht so recht, ob das als süsse Aufforderung gemeint ist oder doch als Beleidigung.

Entnervt schliesse ich den Kühlschrank. Im Keller hats noch eine Dose Ravioli. Die heissen zwar Maultaschen, halten aber den Mund und sind einfach nur froh, wenn sie endlich aus der Dose ausbüxen können.

(Bild: Alfred Heiler/Pixelio)

Weihnachtswunder

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 23. Dezember 2022

Wunder halten sich nicht an Daten.

Darum geschehen Weihnachtswunder meist auch nicht an Heiligabend; die trunkene Fonduechinoisesösseliseligkeit macht taub für Wunder, die meist auf leisen Sohlen um die Ecke huschen.

Viel eher passieren Wunder zum Beispiel an einem neblig-kalten 21. Januar, wenn man – eine Woche nach dem offiziellen Entsorgungstermin, mit entsprechend schlechtem Gewissen, die Mütze tief ins Gesicht gezogen und im Schutz der Dämmerung – seinen schon arg abgenadelten Christbaumkadaver mit klammen Fingern und ein paar Flüchen («Fondüschinuassösselisiechnomoll») zur Gemeindeentsorgungsstelle schleppt und dort auf einen seelenverwandten Menschen mit einem noch viel erbärmlicheren Festtagsbesen und einem ähnlich schlechten Gewissen trifft, man mit einem Lachen und einem flapsigen Spruch versucht, die Peinlichkeit des Ertapptwerdens zu überspielen, man darüber ins Gespräch kommt, in ein langes und gutes Gespräch, das man zu Hause bei Gifferstee (er schmeckt mit jeder Tasse wunderbarer) fortsetzt und dann aus der Komplizenschaft über das gemeinsame Übertreten des kommunalen Abfallreglements eine Liebe heranwächst, die auch noch Jahre später so frisch duftet und herrlich glänzt wie ein gerade eben gefälltes Rottannli im Lamettakleid.

Das ist dann ein Weihnachtswunder, auch – oder sogar erst recht – wenn es sich erst am 21. Januar zuträgt. Oder sich schon am 19. ereignet.

Denn wie gesagt: Wunder halten sich nicht an Daten. Wunder geschehen unerwartet.

Wer allerdings nur auf Wunder wartet, darf keine Wunder erwarten. Wunder gibt es zwar immer wieder, wie schon die Schlagersängerin Katja Ebstein wusste, aber nur, wenn wir sie geschehen lassen. Oft reicht es schon, wenn wir dem Wunder «leise wie einem Vogel die Hand hinhalten», wie die Dichterin Hilde Domin geschrieben hat.

Wunder halten sich nicht an Daten, Wunder halten sich an Taten. Man kann auf Wunder hoffen, man kann sie aber auch einfach schaffen.

Ich glaube, wir würden uns alle wundern, wie wunderbar leicht es wäre, Wunder zu wirken, wenn wir es nur täten. Egal ob an Weihnachten oder einem der anderen 363 Tage, die uns dafür zur Verfügung stehen.

Wie uns die Weihnachtsgeschichte zeigt, reicht es für den Anfang ja schon, Mensch zu werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wundervolle Weihnachten.
Und einen wundervollen 21. Januar.
Und viel Spass beim Entsorgen Ihres Christbaums.

Team Frederick

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 11. Oktober 2022

Kennen Sie Frederick? Die Feldmaus aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni? Im Herbst sammelt Fredericks Familie Vorräte für den Winter. Nur Frederick sitzt untätig herum. Er sammle Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für die kalten, grauen und langen Wintertage, entgegnet Frederick auf die Frage, warum er nicht mit anpacke. Dann ist der Winter da, kalt und lang. Die Vorräte schwinden, der Frühling ist noch lange nicht in Sicht. Zum Glück können die Mäuse jetzt von Fredericks Vorräten zehren. Er erzählt von den Sonnenstrahlen, und den Mäusen wird ganz warm ums Herz. Seine Schilderung der Farbenpracht macht den Winter weniger trist, und mit seinem Gedicht gibt er der Mäuseschar Hoffnung.

Klingt kitschig? Klingt ziemlich aktuell, finde ich. Denn so, wie es aussieht, könnte der nächste Winter auch bei uns kalt, grau und lang werden, weil Strom und Gas fehlen – und die steigenden Preisen vielen ans Lebendige gehen. Zu zweit duschen, wie das unsere Energieministerin vorgeschlagen hat, ist übrigens keine Lösung. Irgendein Körperteil klebt dabei immer am nasskalten Duschvorhang. Und ständig denkt man an Sommaruga und Putin – und zu viert wird es in einer mittelständischen Duschkabine definitiv zu eng.

Es könnte ungemütlich werden. Wüste Diskussionen wird es darüber geben, ob die Skilifte dringender Strom brauchen oder die Stadttheater: Schwarzsee oder Schwanensee? Spätestens wenn wir im Advent durch die dunklen Innenstädte huschen auf der Suche nach dem letzten bisschen hübsch verpackten Strom für die Playstation des Göttibubs, sinkt die Stimmung unter den Gefrierpunkt. Und der auf 19 Grad heruntertemperierte Glühwein macht es auch nicht besser. Ein Politiker vom rechten Rand hat verklausuliert bereits mit einer Art Saubannerzug vors Bundeshaus gedroht. Natürlich liesse sich über ihn spotten, er gehe beim Stromsparen als leuchtendes Vorbild voran: nicht die hellste Birne – und auch die zwischendurch ausgeknipst.

Aber Hohn, Spott und Hass werden uns nicht über den Winter bringen.

Vielmehr brauchen wir Frederick. Wärme, Fantasie, Mitgefühl und Solidarität. Kluger Rat, Empathievorrat. Und weil es leider kein Bundesamt für die poetische Landesversorgung gibt, ist Eigenverantwortung gefragt. Füllen wir unsere Stauseen mit Liebe und die Pflichtlager mit Grosszügigkeit, damit wir heil durch den Winter kommen. Und genug Fantasie für mindestens 14 Tage sollte jede und jeder im Keller haben.

Tönt blöd? Tönt nicht verkehrt, finde ich. Ich jedenfalls bin im Team Frederick.

Jetzt muss ich aber los. Sonne tanken. Und Blätterfarbenpracht.