Wer wissen will, worauf er steht, muss graben

Rede zum 100. Geburtstag von Kultur Natur Deutschfreiburg (KUND), vormals Deutschfreiburger Heimatkundeverein, Tafers, 31. Oktober 2026

Meine Damen und Herren, wir feiern heute 100 Jahre Deutschfreiburger Heimatkundeverein. 1926 wurde der Verein gegründet, 2017 fusionierte er mit der Deutschfreiburger Arbeitsgemeinschaft (DFAG) zu Kultur Natur Deutschfreiburg (KUND). Ein hundertjähriger Geburtstag also, da steht man als Festredner vor der delikaten Frage, welche Textgattung besser zur Gelegenheit passt: Glückwunschtelegramm? Oder doch eher schon Grabrede? Ich will nicht lange um den heissen Brei herumreden, meine Damen und Herren. Ich finde, 100 Jahre KUND sind genug. Es reicht.

Ganz ehrlich. Was wollen wir denn noch? Das Senslerdeutsche ist bis in den hintersten Kehllaut vermessen und in ein Wörterbuch gepackt worden, von A wie «aablüeme», «aaijele» und «aahässele» bis Z wie «zwüüschleefferig», «Zyttung» oder «Zyzwyler». Die Bügelfalten im Ärmel der Kränzlitracht sind gezählt und gewürdigt worden, alle Bauernhausinschriften sind inventarisiert und die bluemete Trögli gleich mit. Die Ruine Obermaggenberg ist trotz wiederholter Sanierungen immer noch eine Ruine (wenn auch eine hübsche), der Murtner Elefant steht skelettiert im Naturmuseum Bern, das Murtner Schlachtpanorama ist digitalisiert und das Sensler Museum hat schon so viele Ölgemälde mit heimatlichen Motiven von Max Clément im Keller, dass der Kurator dankend abwinkt, wenn ihm neue angeboten werden.

Es gnüegelet.

Der Bahnhof Freiburg ist nach langen Kämpfen und Krämpfen zweisprachig beschriftet; hurra!, aber wen interessiert das noch? Die gemeinsame Sprache ist doch sowieso längst Englisch – und «Gottéron» lässt sich in allen Sprachen wie aus einer Kehle brüllen. Und das Hintercher-Theater hat uns dieses Jahr vom Vorgestern direkt auf den Mars gebeamt, lange bevor Elon Musk da oben war.

Ja, was soll da noch kommen?

Und sowieso: Die Generation TikTok lockt KUND nicht hinter ihrem Smartphone hervor. Oder anders gesagt, und nehmen Sie mir das jetzt bitte nicht krumm, meine Damen und Herren: Aber wenn ich so in den Saal schaue – oder in den Spiegel: Zukunft sieht anders aus. Darum finde ich: Alles hat ein Ende, nach 100 Jahren auch Kultur Natur Deutschfreiburg. Stossen wir darauf an und lassen es gut sein.

Oder vielleicht doch nicht?

Immerhin bedient unser Verein (und ja, anders als der ketzerische Einstieg vermuten lassen könnte, bin ich Mitglied) ein urmenschliches Bedürfnis: Wir alle wollen uns zugehörig fühlen zu einer Gemeinschaft, wollen uns wiederfinden in einer vertrauten Kultur, uns aufgehoben fühlen in einer Sprache, zuhause sein in einer Landschaft, die etwas in uns zum Schwingen bringt. Kurz gesagt: Wir alle brauchen Heimat. Und in unserem Fall ist das – entweder durch die Geburtslotterie bestimmt oder durch eigenes Zutun entschieden – nun mal Deutschfreiburg.

Spätestens jetzt muss ich kurz politisch werden. Denn Heimat ist ein politisch aufgeladener Begriff. Oft wird «Heimat» als in Stein gemeisseltes Selbstbild verstanden: So sind wir, und nicht anders. «Heimat» wird so zur Schablone, anhand der entschieden wird, wer dazugehört und wer nicht. Willkommen im Wellness-Retreat «Heimat», wo man sich im Schlammbad der Selbstbestätigung suhlt, in der wohligen Gewissheit, dass der Herrgott schon gut daran tut, ein Wändli um dieses ganz besondere Ländli hochzuziehen.

Ironischerweise fehlt oft gerade jenen, die den Begriff Heimat für sich gepachtet zu haben scheinen, etwas Zentrales, wofür unser Verein steht: nämlich die Heimatkundigkeit. Der Begriff Heimatkunde mag heute etwas aus der Zeit gefallen sein, aber er trifft es eigentlich ganz gut. Heimat gibt es nicht ohne Kundigkeit, Heimat braucht Sachverständnis, Wissen, vertiefte Kenntnis. Und um heimatkundig zu werden, muss man neugierig sein, vorgefasste Vorstellungen kritisch hinterfragen und einen neuen Blick auf scheinbar Selbstverständliches werfen. Man darf sich nicht mit der Oberfläche begnügen, sondern muss tiefer bohren.

Anders gesagt: Wer wissen will, worauf er steht, muss graben.

Beim Graben muss man mit Überraschungen rechnen. Im besten Fall stösst man auf unerwartete Schätze. Ganz sicher aber findet man Unangenehmes, Verdrängtes, Vergessenes. Gut möglich, dass dadurch unser Heimatbild plötzlich Risse bekommt, unser Selbstverständnis ins Wanken gerät und der heimatliche Boden ins Rutschen kommt.

Und das ist gut so. Denn darin liegt eine grosse schöpferische Kraft. Wenn wir realisieren, dass Kultur, Sprache, Traditionen, Landschaft und Natur nicht einfach vom Himmel fallen, sondern von Menschen gemacht werden und sich ständig verändern, mal langsam, mal disruptiv, mal harmonisch, mal nur dank Kämpfen; wenn uns das bewusst ist, wird auch klar: Heimat lässt sich nicht bloss bewahren und verwalten, Heimat lässt sich auch freudig und kundig gestalten.

Deshalb hat KUND auch nach 100 Jahren noch nicht ausgedient. Im Gegenteil. Spannende Themen hat es so viele wie Steine in der Sense. Man muss sie nur anpacken: Noch wartet die Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschfreiburg darauf, erzählt zu werden. Oder die der jugendlichen Subkulturen nach 1968. Wieso rücken wir nicht einmal die Zuwanderung in den Fokus: Vom Ungarnflüchtling 1956 über den türkischen Kebabstandbetreiber bis zur deutschen Uniprofessorin. Vielleicht würde es sich lohnen, Linguistinnen undercover auf Sensler Pausenplätze zu schicken, um zu beobachten, ob und wie sich Senslerdeutsch und englisch geprägte Jugendsprache vermischen? «Aute, chill dini Matta, numme well du bi Fifauter komplett lost bisch, bisch trotzdem voll mis legit Ehren-Gspändli, Bro.»

Ich freue mich auf die KUND-Publikation, die der Frage nachspürt, wie in den 1970er-Jahren die Autobahn über die Köpfe der Leute hinweg geplant und gebaut wurde, und wie sie unseren Bezirk verändert hat. Und noch mehr freue ich mich auf die Zukunfts-Labore von Kultur und Natur Deutschfreiburg, in denen wir gemeinsam diskutieren und ausprobieren, wie sich Mobilität, Konsum und unser Miteinander neu denken lassen, damit Deutschfreiburg auch in hundert Jahren eine lebens- und liebenswerte Heimat für alle bleibt, mit einer Kultur, die vielfältig blüht, und einer möglichst intakten Natur.

Bleiben wir also neugierig, bleiben wir relevant, bleiben wir überraschend – bleiben wir heimatkundig. Vielleicht sitzen dann in 25 Jahren beim nächsten Jubiläum von KUND auch die ersten Vertreter*innen der Generation TikTok hier im Saal. Weil sie merken, dass das, was unser Verein tut, auch sie angeht.

In diesem Sinne: Happy Birthday, Kultur Natur Deutschfreiburg. Alles Gute für die nächsten 100 Jahre.

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