«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Mai 2016
Ich bin ein gigantischer Ressourcenverschwender. Denn ich besitze rund einskommasiebenfünf Quadratmeter Haut (Tendenz wachsend, vor allem um meine Äquatorialregion herum), aber kein Tattoo. Mein Körper ist eine lebendige Leinwand, die ich ungenutzt runzlig werden lasse – anstatt sie zu verzieren mit Mandalas am Handgelenk, dem Gottéron-Logo am Knöchel oder den chinesischen Schriftzeichen für «Einmal aufgetaut nicht wieder einfrieren» über dem Herzen. Oder glauben Sie wirklich, dass Rüfe von der Tätowierstube «Tintenschmerz» seine aus dem Internet geklauten Vorlagen von einer Muttersprachlerin verifizieren lässt? Eben.
«Tattos sind keine Verzierung», werden jetzt vermutlich die in der Wolle gefärbten Tätowierten entrüstet rufen, während sie sich ihre entzündeten Gliedmassen reiben. «Jedes Tattoo erzählt eine Geschichte.» Mag sein. Blöd nur, dass die meisten Leute nichts zu erzählen haben. Sich die Namen und Geburtsdaten seiner Kinder auf die Unterarme zu stechen, zeugt jedenfalls nicht von erzählerischem Talent. Eher von einem grandios schlechten Gedächtnis.
Und überhaupt: Unser Leben schreibt sich doch ganz von selbst in unseren Körper ein. Wozu braucht es da noch Nadel und Tinte? Die prägendsten Ereignisse hinterlassen so oder so ihre Spuren: Narben erzählen von überwundenen Unfällen, schwierigen Geburten und überstandenen Krankheiten. Lachen und Sorgen zerfurchen unsere Gesichter. Jede Falte ein Gedicht, jede Furche eine Geschichte. (Klammerbemerkung: Botox macht nicht schön, nur langweilig.) Dass unsere Körpergeschichten, so unterschiedlich sie sein mögen, am Schluss alle auf dasselbe absehbare Ende hinauslaufen, ist halt dem Genre «Leben» geschuldet. Das ist in dieser Hinsicht herrlich einfallslos.
Aber zwischendurch frag ich mich schon: Bin ich hoffnungslos veraltet, wo doch fast alle anderen ein Tatttoo haben? Oder gerade deshalb Avantgarde? Wer weiss, vielleicht ist in ein paar Jahren Haut-Purismus der letzte Schrei und ich unerwartet ein Trendsetter? Ganz nach dem Motto «An meine Haut lass ich nur Falten, Sommersprossen und meine Frau». Mal abwarten. Oder wie der schon in der Bibel erwähnte Tätowiervorlagenlieferant Kohelet sagte: Alles hat seine Zeit. Falls Sie sich diesen hübschen Sinnspruch übrigens auf Chinesisch hinter die Ohren schreiben lassen wollen, ist das hier die Stechvorlage für Rüfe: 解凍後請勿再次冷凍. Gern geschehen.
Ich halte mich derweil lieber an die Devise: Tinte gehört aufs Papier. Dort geht sie im besten Fall tiefer unter die Haut als im Tattoostudio.
Bild erstellt mit ChatGPT