Pilzsaison

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 2. Oktober 2017

«Es ist Herbst», trompeten die Bovisten durch den Wald, dass dem Täubling die Judasohren wackeln. Tief im dunklen Tann, wo der Satanspilz und der Hexenröhrling um Mitternacht ihre Knollen blättern, stapft der Fransige Wulstling durchs Unterholz, um seine schändliche Lust zu stillen an einem unschuldigen Scheidenstreifling oder einer Weissen Trüffel. Doch die alte Stinkmorchel findet nur einen Grünstieligen Zärtling. «Gut, dass ich ein Stäubender Zwitterling bin, ich Glückspilz», denkt der wüste Wulstling. «Oh, du Büscheliges Hängeröhrchen, oh du Braunes Pustelkeulchen, oh du mein Leuchtender Prachtbecherling», säuselt er und macht ganz poetisch einen auf Schillerporling, «oh, du mein Muscheling – willst du mal meinen Wolligen Milchling sehen?»

Aber da ist der Wulstling an den Falschen geraten. Denn der Zärtling hängt die Bauchwehkoralle raus: «Lieber hüpf ich mit dem Brätling in die Pfanne als mit dir, du Borstiger Kotling», ruft er empört. «Und jetzt geh weg mit deinem Runzeliggerieften Schleimfuss, du Grosser Schmierling, sonst bringe ich dich vors Pilzgericht. Und überhaupt», giftelt der Zärtling maliziös, «soll deine Herkuleskeule ja keinen Pfifferling wert sein. Sagt zumindest der Jungfernschirmling

«Na warte, aus dir mach ich Pilzragout, du Misttintling», schreit der Wulstling blind vor Wut und will dem Zärtling an den Kragen. Doch da taucht der Bärtige Ritterling auf, der seiner Striegeligen Tramete derart die Sporen gibt, dass sein Goldgelber Ziegenbart im Wind flattert. «Mach ne Fliege, Pilz», herrscht der Ritterling den Wulstling an, «oder ich mach dich zum Schneckling.»

«Dann komm doch her, du Stumpfhütiger Wasserkopf, du Gekrümmthaariger Scheinhelmling», lacht der Wulstling verächtlich, «dann werden wir ja sehen, wer der zähere Saftling ist.»

«Shii-ta-ke», ruft darauf der Ritterling, denn er ist Champignon in Karate und versetzt dem Wulstling mit einem gekonnten Hallimasch einen derartigen Schlag an den Holzrübling, dass er seinen Schirm zuklappt und zu Boden geht. Lorchel, Lorchel, röchelt er und macht sich vom Ackerling und ward seither nicht mehr gesehen im Forst.

Und wenn sie nicht gepflückt worden sind, leben der Ritterling und der Zärtling noch heute glücklich miteinander. Dass es sich beim Ritterling in Tat und Wahrheit nicht um den Bärtigen, sondern um den Unverschämten Ritterling, Tricholoma lascivum, handelt, stört den Zärtling übrigens nicht im Geringsten.

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«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 30. September 2017

Vor kurzem wurde ich 40. Darum lasse ich mich jetzt umschulen. Damit ich auch die verbleibenden 35 Jahre bis zur Pension noch fit bleibe für den Arbeitssklavenmarkt. Ich lerne jetzt Roboter. Mit Diplomabschluss. Man muss eben mit der Zeit gehen. Es heisst ja immer, die Roboter würden künftig die Hälfte unserer Jobs wegnehmen. Dagegen kann man wohl nichts machen – aber man kann auf der richtigen Seite stehen. Deshalb werde ich jetzt eben Roboter. Und ich hab Talent.

Als Teilzeithausmann bringe ich nämlich die besten Voraussetzungen fürs Roboterdasein mit. Ich bin es gewohnt, zuverlässig stundenlang die immer gleichen monotonen Arbeiten zu verrichten, ohne zu murren: Putzen, aufräumen, Geschirrspüler ausräumen, Geschirrspüler einräumen, staubsaugen, Wäsche waschen und zum tausendsten Mal das Pony- und das Piraten-Pixi vorlesen.

Von meinen Usern, also meinen Kindern, weiss ich auch, wie es ist, mit unlogischen Befehlen gefüttert zu werden und trotzdem zuverlässig Output zu liefern. Und (fast) nie gibt es eine Error-Meldung. Höchstens die Reset-Taste muss zwischendurch mal gedrückt werden. Auch die etwas hüftsteifen Roboterbewegungen kriege ich ganz locker hin. Mein Rücken und die Knie sind halt auch schon 40.

Die künstliche Intelligenz der Roboter toppe ich mit natürlicher Intelligenz und gesunder Neugier. Ausserdem bin ich komplett selbstlernend und damit den Blechkameraden aus Silicon Valley noch mindestens eine Prozessorengeneration voraus. Wenn die Akkus noch einigermassen voll sind, kann man mit mir ausserdem durchaus intelligente Gespräche führen, die nicht nach einprogrammierten Floskeln tönen. Und ich erkenne Ironie. Daran scheitern die Maschinen ja noch zuverlässig. Das ist aber auch mein grösstes Manko auf dem Weg zum Roboter: Das binäre Denken will einfach nicht in mein Gehirn rein. 0, 1, Strom, kein Strom, wahr, falsch – so ticken die Roboter. Meinen Schaltkreisen aber, korrumpiert durch ein geisteswissenschaftliches Studium, ist das alles zu einfach gestrickt. Aber ich besuche jetzt einen Intensivkurs bei den Populisten, dann klappt’s sicher auch mit dem schablonenhaften Denken.

Eigentlich wäre ich also bereit, mich als Roboter zu verdingen. Es gibt da nur zwei kleine Probleme: Meine Lohnvorstellung hat für den Markt zu viele Nullen hinter der 1.

Und meine Familie sagt, sie möchte mich nicht mehr hergeben.

Unverklärte Vergangenheit

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 13. September 2017

Ich möchte ja nicht pauschalisieren, aber ich glaub schon, dass früher alles schlechter war, unter dem Strich. Einmal barfuss auf einen rostigen Nagel getreten – zack, Blutvergiftung und Exitus. Überhaupt brachte einen früher alles gleich ins Grab: Lungenentzündung, eine komplizierte Geburt, Kuchenteig aus der Schüssel naschen (oder war das Fake News meiner Eltern?). Man arbeitete 60 Stunden die Woche, fast die Hälfte des Einkommens ging fürs Essen drauf, und die meisten starben, bevor sie ins AHV-Alter kamen – und das war auch gut so, denn die AHV gab es früher noch gar nicht. Und die katholische Kirche konnte mit ihrer Barmherzigkeit ganz schön grausam sein.

Nein, früher war es nicht besser. Früher war alles schlechter.

Homosexuelle kamen in den Knast, Dienstverweigerer auch, Frauen durften nicht wählen und abstimmen, und wenn der eigene Ehemann sie vergewaltigte, dann war das nicht strafbar. Sondern etwas, das halt zu den Haushaltspflichten dazugehörte. Kinder wurden geschlagen oder verdingt oder verdingt und geschlagen. Und alle fanden das okay. «Tatzen» in der Schule und wollene Strümpfe waren allgegenwärtig. Und Sie hätten sich mit dieser Kolumne den Hintern abgewischt. Auf einem Plumpsklo ohne fliessend Wasser. Was ich sagen will: Ich hätte nicht früher leben wollen. Also, natürlich habe ich auch schon früher gelebt, und darum kann ich aus meiner eigenen beschränkten Anschauung sagen: Früher war alles schlechter.

Man musste zum Beispiel vom Sofa aufstehen, um den Fernsehsender zu wechseln, und davon gab es weniger, als man Finger hat. Und das Aufregendste am Programm war die Frage, welch schrillen Fummel Thomas Gottschalk diesmal trägt im «Wetten, dass …?». Zum Wandern trug man im Hochsommer lange Jeans, füllte die Plastikfeldflasche mit Tiki-Brausepulver und strich Melkfett statt Sonnencreme ein, um ja schön braun zu werden. Denn braun war schick. Aber dunkelhäutige Menschen kannte man nur aus «Globi in Afrika» und aus «Wetten, dass …?», wo Roberto Blanco auftrat. Und man fand es lustig, dass ausgerechnet ein Schwarzer Blanco heisst. So war das damals. Schlimm.

In den Büchsenravioli war Hirn drin, dafür in den Köpfen der Kalten Krieger keins. Und man hielt Mirácoli-­Spaghetti für italienisches Essen. Im Sommer klebte man an den Plastiksitzen der SBB – das schmatzende Geräusch, wenn man sich erhob, habe ich bis heute im Ohr –, und seine Notdurft verrichtete man direkt auf die Schienen, was angeblich dem Wein im Lavaux seine besondere Note gab.

Nur etwas war früher besser: die Zukunft.

Streitkultur

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 30. August 2017


«Vielleicht», sage ich und beisse in mein Gipfeli, «vielleicht müssen wir die Erziehung unserer Kinder nochmals überdenken.»

«Unbedingt», sagt meine Frau und schlürft ihren Kaffee. «Was ist heute der Grund?»

«Weil der Klügere immer nachgibt, sind so viele Dumme an der Macht. Habe ich neulich gelesen. Marie von Ebner-Eschenbach hat das so ähnlich gesagt.» «Und jetzt?», will meine Frau wissen.

«Jetzt müssen wir unsere Kinder das Streiten lehren.»

«Die können das schon», sagt meine Frau und zeigt auf die Kleinen, die sich in den Haaren liegen, wer das letzte Volg-Märkli einkleben darf.

«Nicht zanken um des Zankens willen. Sondern streiten, um der Dummheit die Stirn zu bieten.» «Tönt gut», sagt meine Frau. «Du weisst aber schon, dass das Wichtigste bei der Erziehung das eigene Beispiel ist.» «Was willst du damit sagen?» «Von dir lernen sie es jedenfalls nicht. Du bist harmoniesüchtig.»

«Bin ich nicht», sage ich. Sie schaut mich an. «Gut, vielleicht hast du recht», lenke ich ein. «Aber du, du bist doch immer so …» «Stur?», fragt sie.

«Standhaft», entgegne ich.

«Standhaft bis zur Sturheit», beharrt sie.

«Das ist genau das, was wir unseren Kindern beibringen sollten: Standhaftigkeit im Streit. Damit sie nicht zu Duckmäusern und Abnickern werden, die alles einfach hinnehmen.» «Sondern Wutbürger und Kommentartrolle?», wirft meine Frau ein. «Und wer sagt, dass unsere Kinder, wenn es drauf ankommt, zu den Klugen gehören und nicht zu den Dummen?» Darauf fällt mir auf die Schnelle nichts ein. Dumm.

«Papi», fragt jetzt die Grosse. «Wer von euch ist klüger?» «Mami», sage ich. «Papi», sagt meine Frau. «Wieso?», fragen wir beide. «Wir wollen eine Glace», sagt die Grosse. «Und ich dachte, ich frag gleich den Klügeren, der gibt ja nach.» «Heute wird nicht nachgegeben», sage ich. «Wir lernen jetzt, zu Ende zu streiten.»

Erstaunt schauen mich die Kleinen an. «Dann streiten wir jetzt mit dir, bis wir eine Glace kriegen», sagt die Grosse und macht ein grimmiges Gesicht.

«Wir streiten nicht um Banalitäten wie Glace, sondern um Prinzipien», sage ich.

«Wer ist der Prinzli Ben?», fragt der Kleine. «Prin-zi-pi-en. Ideale. Hohe Güter», sage ich.

«Ein Erdbeer-Cornet ist gut und hoch oben im Tiefkühlschrank. Ist das jetzt ein hohes Gut?», fragt die Grosse.

«Die Winnetou-Glace ist noch höher oben und noch güter», ereifert sich der Kleine.

«Stimmt nicht», giftelt die Grosse. «Stimmt wohl», plärrt der Kleine. «Hört sofort auf zu streiten. Und holt euch halt eure Glacen», gebe ich entnervt nach.

«Harmoniesüchtig. Sage ich doch», sagt meine Frau mit sanftem Spott. «Aber im Prinzip hast du recht.»

Monster im Lavendel

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 11. August 2017

Seit kurzem wohnen wir auf dem Land, wo, wie mir scheint, eine Kultur der zivilisierten Barbarei herrscht. Da sprengen am 1. August ein paar Knallköpfe den Schulhausbriefkasten in die Luft, kleben dann aber reumütig ein schriftliches Mea culpa in das Loch in der Wand: «Es tut uns leid. Wir haben den Briefkasten aus Versehen gesprengt. Wir melden uns beim Abwart und der Gemeinde. Es tut uns wirklich leid.» Höfliche Vandalen, gesittete Barbaren, das gibt’s nur hier. Und überhaupt: Schuld und Sühne, Leben und Tod, Fressen und Gefressenwerden – alles liegt auf dem Land irgendwie näher beieinander als in der Agglo.

Am Vormittag bewundert man mit den Kindern die herzigen Kälbli, die auf der Weide neben ihren Mamis liegen, und am Abend bestellt man online das Mischpaket Natura Beef vom Bauern ums Eck für 28 Franken das Kilo. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten findigen Landwirte nach den Selbstpflückfeldern die Selbstschlachtweiden einführen.

Bei uns auf der Terrasse ist jeden Tag Discovery Channel. Im Lavendel lauern die Monster. Achtbeinig, mit gelb gestreiftem Bauch und Giftklauen. Dutzende Wespenspinnen haben ihre Netze zwischen den violetten Lavendelblüten gesponnen, filigrane Wunderwerke, verstärkt mit einem speziellen Zickzackfaden. Und dann veranstalten die kunstsinnigen Killerinnen ein Massaker am Blütenbuffet: Sie fangen nicht nur Wespen, Hummeln und Zitronenfalter, sondern fressen nach der Paarung auch gleich ihre Männchen auf. Koitus. Exitus. Zivilisation und Barbarei. Alles ganz nah beieinander.

Überhaupt, die Viecher überall. Im Haus und ums Haus herum. Die toten Mäuse im Lichtschacht des Kellerfensters. Und natürlich Mücken, Mücken und nochmals Mücken, und Fliegen und Wespen. Und erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass sich Wespen mit blankpolierten Einräpplern auf dem Esstisch vertreiben lassen. Da kann man auch gleich eine Hunderternote an die Wand nageln. Das bringt auch nichts.

Neben den Lästlingen kreuchen und fleuchen aber auch wunderschöne Geschöpfe herum: Tagpfauenaugen, Schwalbenschwänze und Taubenschwänzchen zum Beispiel. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht ein neues, unbekanntes Insekt entdecken. Das Insektenlexikon liegt denn auch immer griffbereit auf dem Stubentisch: um die Viecher nachzuschlagen und nötigenfalls auch gleich zu erschlagen. Getötet vom gesammelten Wissen – zivilisierte Barbarei eben.

Gedanken-Gassi

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 22. Juli 2017

Wie kommen Sie auf neue Ideen? Also ich gehe mit meinen Gedanken Gassi. Die brauchen auch Auslauf zwischendurch. Dann lass ich sie von der Leine, damit sie sich so richtig austoben können. Ein verspielter Haufen, meine Gedanken. Nichts als Flausen im Kopf. Wehe, wenn sie losgelassen. Erst balgen sie wild miteinander. Urplötzlich lassen sie dann voneinander ab, nehmen Witterung auf und jagen pfeilschnell fremden Gerüchen und wilden Gerüchten hinterher. Dabei scheuchen sie Ideen auf, die hakenschlagend das Weite suchen, und erschrecken mit ihrem Gekläffe Einfälle, die vorbeiflanieren und nichts Böses ahnen.

Das Ganze dauert mal ein paar Minuten, mal mehrere Stunden. Am Schluss kommen die Gedanken angehechelt und wollen ausgiebig gelobt und gestreichelt werden für das, was sie angeschleppt haben: erlegte Ideen, ausgegrabene Kalauer, zerfledderte erste Sätze.

Manchmal haben sie unterwegs auch einen fremden Gedanken aufgegabelt. Der wird erst einmal ausgiebig von der ganzen Meute beschnuppert und dann auch an die Leine genommen. Zwar krieg ich manchmal ein schlechtes Gewissen, den nach Hause zu nehmen; immerhin stammt er nicht von mir. Aber andererseits hat so ein Gedanke ja keine Hundemarke um den Hals. Die Gedanken sind frei.

Und dann beginnt für mich die Arbeit: Kletten und Zecken aus dem Fell kämmen; schauen, an welchem Knochen noch etwas Fleisch dran ist, und sich die neu zugelaufenen Gedanken zu Freunden machen. Und natürlich die ganzen Kothaufen wegputzen, die die Gedanken hinterlassen haben. Und mit etwas Glück findet sich unter dem angeschleppten Zeug etwas Brauchbares.

Aber neulich wurde ich gedankenlos meine Gedanken los. Wir sind umgezogen, und ich hätte vor dem ersten Gassigehen die Gedanken erst mal an die neue Umgebung gewöhnen müssen. Jedenfalls rannten sie los, kaum hatte ich sie von der Leine gelassen – und bis sind heute nicht mehr zurückgekommen. Dumme Gedanken.

Ich weiss nicht, was mit ihnen passiert ist. Vielleicht hat sie einer der Mähdrescher erwischt, die bis spät in die Nacht hinein unterwegs sind. Kein schöner Gedanke. Vielleicht hatten sie aber auch einfach die Schnauze voll, ständig neue Ideen apportieren zu müssen. Und jetzt suchen sie sich ein neues Daheim.

Falls also in den nächsten Tagen bei Ihnen ein schräger Gedanke auftaucht, an Ihrer Türe kratzt und Sie mit gros­sen Hundeaugen um Einlass anbettelt – der könnte von mir sein. Aber sie dürfen ihn ruhig behalten, ich mach mir unterdessen ein paar neue.

Aber Vorsicht: Nicht alle sind stubenrein und kinderlieb. Und entwurmt im Fall auch nicht. Nur damit Sie es wissen.

Einschlaf-Rituale

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 28. Juni 2017

Das Monster unter dem Bett ist das kleinste Problem. Wie jeder weiss, hilft dagegen nur eines: ein kräftiger Pups in die Matratze. Ausser natürlich, es handle sich um ein Exemplar der Sorte Flatulenza impertinenta – dann geht der Schuss nach hinten los, und zwar gewaltig. Aber derartige Schreckgestalten sind relativ selten in westeuropäischen Kinderzimmern. «Furz mal kräftig», fordere ich daher meinen Sohn auf. Mit einer diebischen Freude donnert er fröhliche Böllerschüsse in die Matratze, Bohnensalat zum Znacht sei Dank. Und es funktioniert: Unter wüsten Flüchen löst sich das Monster in Luft auf. Doppelt erleichtert kuschelt sich der Kleine in seine Decke.

Leise will ich mich aus dem Kinderzimmer schleichen, da setzt sich die Grosse im Hochbett auf: «Papi, ich habe Angst, dass in der Nacht ein böser Wolf ins Zimmer kommt.» «Wölfe sind nicht böse. Und sie kommen auch nicht zu uns ins Tal», sage ich. «Die werden droben in Jaun vergiftet», füge ich in Gedanken hinzu. Beruhigt lässt sie sich wieder ins Bett sinken.

«Papi», meldet sich da der Kleine mit ängstlicher Stimme, «ich glaub, da ist ein Gespenst im Schrank.» Ich schaue nach. Tatsächlich. Seufzend setze ich mich zum Gespenst in den Schrank und fordere es zu einem «Schere, Stein, Papier»-Duell heraus. Was bleibt mir sonst anderes übrig? Wir spielen sieben mal sieben Runden, wovon ich ausnahmslos alle gewinne.

Völlig entgeistert entschwebt das Gespenst. Nachtgespenster, das nur nebenbei, sind bekanntlich durchsichtig, weshalb man beim Schere, Stein, Papier immer genau sieht, was sie hinter ihrem Rücken vorbereiten. Das ist geschummelt, ich weiss. Aber wenn die Kleinen Schiss haben, ist Bescheissen erlaubt.

Als ich aus dem Schrank steige, spüre ich den heissen Atem des Drachens in meinem Nacken, bevor mir meine Kinder zurufen, dass hinter mir ein Drache steht. Ich hechte unter seinem Feuerstrahl hindurch, rolle mich ab, hebe dabei das Kartonschwert des Kleinen vom Boden auf – gut, hat niemand aufgeräumt – und säble dem Lindwurm einen Kopf ab. Er hat sieben. Und sogleich wachsen zwei nach, und das Kartonschwert fängt Feuer.

Zum Glück kommt in diesem Moment meine Frau ins Zimmer. «Schleich dich», befiehlt sie dem Gewürm, «sonst stopfe ich dich aus und verkaufe dich als Maskottchen im Gottéron-Fanshop.» Dazu macht sie mit einer Flasche Anti-Schuppen-Shampoo dreimal das Kreuzzeichen. Ein heiliger Schreck durchzuckt das Schuppentier, es entfleucht durchs Fenster Richtung Schwarzsee und ward nie mehr gesehen.

Jetzt ist es still im Kinderzimmer. Die Kleinen schlafen. Leise gehen wir hinaus, sorgsam darauf bedacht, nicht ins Drachenblut zu treten, das am Parkett klebt.

Reality-Brille selber basteln

Virtual-Reality-Brillen kennen wir alle. Die lassen sich auch ganz einfach selber basteln – mit Wellkarton und Smartphone.

Viel dringender allerdings bräuchten wir Reality-Brillen. Finde ich. Die lassen sich auch ganz einfach selber basteln – mit Wellkarton und Smartphone.

So gehts:
1. Vorlage auf Wellkarton übertragen, ausschneiden, Gummibänder anbringen.
2. Brille anziehen.
3. Ganz wichtig ist die korrekte Montage des Smartphones. Das gehört in die linke Gesässtasche. Oder die Handtasche. Am besten ausgeschaltet.
4. Und jetzt: Genau hinschauen. Scharf nachdenken. Dann klappts auch mit der Realität.

       

Habe Schaf – suche Seckel

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 14. Juni 2017

Kleinanzeigen sind grosses Kino. Drama, Action, Gefühle – alles drin in zwei, drei Zeilen. Vor einiger Zeit stand zum Beispiel in der «Friburgera» folgende Annonce. Ungelogen. «Suche eine ältere Gans und Kabishobel.» Ein Satz – und schon krieg ich Gänsehaut. Hitchcock hätte das nicht besser hingekriegt. Was geht da ab? Sucht ein perverser Psychokiller sein neustes Opfer – per Kleinanzeige? Und welche Gans ist doof genug, sich darauf zu melden? Oder versucht sich da jemand in der Herstellung von Gänsecarpaccio?

Ich weiss es nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls hab ich mir gesagt, was der Gänsehobler kann, kann ich auch. Seither mache ich mir einen Sport daraus, absurde Kleinanzeigen zu texten und in die Zeitung zu schmuggeln – als Kürzestgeschichten und intellektuelle Stolpersteine.

«Verkaufe VW Golf. Handicap: 18 Löcher.» So was in der Art. Oder: «Renitente Gofen? Hutätä hilft. Auch für Kindergeburtstage buchbar.» Da kommt schon der eine oder die andere in Versuchung, zum Hörer zu greifen. Und wenn wir schon bei Spukgestalten sind: «Spende Blut – rette Leben. Nach 24 Uhr bei Graf D. klingeln.»

Lokalkolorit kommt auch gut an, das schafft Authentizität. «Sammle alte Pöteterli. Nur einwandfrei funktionierende Exemplare.» Und es darf ruhig auch ein wenig weh tun: «Tausche Gottéron-Trikot gegen Servette-Schärpe.»

Mit Tieren kann man auch nichts falsch machen. «Abzugeben: Nacktschnecke, kastriert und kinderlieb. Nur in FKK-Familie mit Häuschen.» Da stehen gleich allen Büsi­streichlern die Haare zu Berge.

Oder ein bisschen Tristesse à la Kaurismäki: «Tausche Briefmarkensammlung gegen Leben. Bei Nichtinteresse – leckt mich.» Je absurder, desto besser. «Robinson sucht Freitag. Erreichbar Mo.–Do., Sa./So.» Oder wieso nicht gleich so? «Habe Schaf. Suche Seckel.» Da fällt den Kaffeerahmdeckelisammlern gleich die Tasse aus der Hand.

Ein Fall für sich sind Kontaktanzeigen. Kontaktanzeigen sind ja entweder romantisch verbrämte Aufrufe zum bandenmässigen Diebstahl von Einhufern («Suche einen Mann zum Pferde stehlen») oder dann ein Abkürzungsgewitter mit dem Charme eines Durchfallbakteriums («Dipl. Ing. ETH, AHV, GA, NR, FDP, FKK, EFH, sucht ebs. Sie zw. L.&GV.»).

Mein Vorschlag: «Du bist einsam? Lass es uns gemeinsam sein.» Was so beginnt, das geht nicht mehr auseinander, davon bin ich überzeugt.

Meine liebste Anzeige aber lautet: «Habe nichts. Gebe alles. Muss abgeholt werden.»

Bis jetzt hat sich noch niemand darauf gemeldet.

Ro-Ro-Roboter

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. Mai 2017

Dipl. Ing. Baeriswyl tupft sich mit einer dünnen Papierserviette den Kaffee von der Hose. Kantinenroboter «iFröilein» hat den Milchkaffee so schnell an den Tisch gefahren, dass die Hälfte davon übergeschwappt ist. Zum dritten Mal schon diese Woche. Ein Projekt der Erstsemestrigen; denen muss ich nochmals die physikalischen Grundlagen der Beschleunigung erklären, denkt Baeriswyl – und am Silikon-Po müssen sie auch noch arbeiten. Das Kneifgefühl stimmt noch nicht.

Seine Kollegen am Znünitisch prahlen mit ihren neusten Durchbrüchen. Richter erzählt von seiner App für selbstfahrende Autos, die in den Sekundenbruchteilen vor einem Crash die Handydaten aller potenzieller Unfallopfer erfasst. Telefonnummern, Facebook-Kontakte, Finanztransaktionen. «Und zack, schon weiss das Auto, wer sozial wertvoller ist und wen es über den Haufen fahren soll, wenn es nicht anders geht», erzählt Richter. «Ich bin allerdings noch unschlüssig, was der Algorithmus höher gewichten soll: regelmässige Telefonate mit der Familie oder die Anzahl der Instagramm-Follower.»

Sugimoto zeigt ein Handyvideo vom Test seiner Paketdrohne «Kamikaze». «Die nimmt das Zalando-Paket gleich wieder mit, wenn einem die Kleider nicht passen. Was ja sowieso immer der Fall ist», lacht er. «Damit spart sich die durchschnittliche Zalando-Kundin, hochgerechnet auf ihr Leben, einen Monat Wartezeit in der Post. Stellt euch vor, was sie mit dieser geschenkten Zeit alles anfangen kann», strahlt Sugimoto in die Runde. «Noch mehr bei Zalando bestellen», prustet Baeriswyl los. Grosses Gaudi.

«Was glaubt ihr», fragt nun Dunant, «wie viele Sätze muss ich meinem Pflegeroboter einprogrammieren, damit ihn die Alten nicht mehr als Roboter wahrnehmen?» «Drei», sagt Sugimoto: «Wie geht es uns heute?» – «Sodeli.» – «Uf wiederluege!» Schallendes Gelächter.

«Und du, Baeriswyl, ­woran arbeitest du gerade?», fragt Richter. «Ich?», fragt Baeriswyl, «im Gegensatz zu euch arbeite ich an einem wirklich visionären Projekt.» Die Kaffeerunde staunt ihn an. «Wir sind die klügsten Köpfe weit und breit», sagt Baeriswyl. «Und was tun wir? Wir erfinden Roboter, die diejenigen arbeitslos machen, die nichts von Algorithmen verstehen.» «Das tönt so negativ», wirft Richter ein. «Wir befreien die Menschen von stumpfsinniger Arbeit. Und sparen obendrein einen Haufen Geld – so ein Roboter braucht ja keine Ferien.» «Genau», sagt Baeriswyl, «aber was, wenn wir alle Busfahrer, Päcklipöstler und Pflegerinnen durch Maschinen ersetzt haben? Wir müssen doch viel radikaler denken – und Ingenieur-Roboter erfinden, die uns überflüssig machen. Das wäre wahre Effizienz. Oder?»

Plötzlich wird es ganz still am Tisch. Nur «iFröilein» kichert leise und räumt die leeren Tassen ab.