40 881 Kilometer für ein Mittagessen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 15. März 2018

Manchmal bin ich richtig einfallslos. Im Moment zum Beispiel fällt mir einfach gar nichts ein. Darum gibts heute ein Kochrezept. Rezepte gehen immer, finde ich. Manche Autorinnen und Autoren füllen ganze Bücher damit, weil ihnen sonst nichts einfällt. Und die verkaufen sich dann auch noch wahnsinnig gut. Weil vielen Menschen noch nicht mal ein Rezept einfällt. Also wirds für eine Kolumne schon reichen.

Item. Was kochen wir heute zusammen? Ich hab da an was Saisonales, Frühlingshaftes gedacht. Sie haben doch sicher auch langsam genug vom Winterspeck (und dem Sauerkraut dazu, kleiner Scherz), jetzt zaubern wir etwas Leichtes auf den Teller. Ein gluschtiges Pouletbrüstli, dazu Frühkartöffelchen, und natürlich ein paar Spargeln. Was? Spargeln sind nicht Saison, sagen Sie? Ich bitte Sie. Irgendwo haben die Dinger bestimmt Saison. Sonst gäbe es sie ja nicht bereits in allen Läden, und dazu noch im Sonderangebot.

Also, los, schnappen Sie sich ein Einkaufskörbchen. Und weil Kalorienzählen langweilig ist, zählen wir heute, einfach so aus Spass, mal die Kilometer. Einverstanden? Also, ein Pfund Spargeln brauchen wir. Woher kommen die? Aus Peru. Wahrscheinlich aus der Anbauregion La Libertad. Nehmen wir da mal eine Stadt, Ascope. Ascope–Düdingen, das macht 10 368 Kilometer. Luftlinie. Und weiter gehts. Frühkartoffeln. Kommen im Moment aus Ägypten. Macht aber nichts. Ist ja Bioqualität. Macht 2789 Kilometer. Plusminus. Ganz genau wollen wir es ja eigentlich gar nicht wissen. Oder?

Fehlt noch die Pouletbrust. Die gibts aus der Region. Kostet aber deutlich mehr als die tiefgefrorene aus Brasilien. Und wir kaufen schliesslich bewusst ein. Kostenbewusst. Das Samba-Hühnchen schlägt mit 8991 Kilometern zu Buche.

Haben Sie noch Lust auf Nachtisch? Ja? Wunderbar. Die Erdbeeren sehen so schön rot aus. Also gleich zwei Schälchen, kommen ja auch nur aus Spanien. Praktisch um die Ecke. 1579 Kilometer. Dazu natürlich Schlagrahm. Und weils so schön «Pfff» macht, kaufen wir heute mal Rahm in der Sprühdose. Kommt ja aus der Schweiz. Der Rahm. Wird aber in Belgien in die Aludose abgefüllt. Zweimal 667 Kilometer.

Macht total 25 061 Kilometer.

Und wir haben noch nicht mal den Wein aufgemacht. Ein australischer Shiraz würde gut passen (leichte Erdölnote, nachhaltig im Abgang). Und schon ist das Mass voll: 40 881 Kilometer. Einmal um die ganze Welt mit einem Mittagessen.

Dazu fällt mir jetzt nicht mal eine lustige Schlusspointe ein. So einfallslos bin ich heute. Oder sollte ich besser sagen, gedankenlos?

En Guete mitenand.

#NoBeilag

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 7. März 2018

«NoBillag» ist an der zwangssteuerfinanzierten Staatsurne versenkt worden. Gut so. Aber uns beschäftigen dieses Jahr noch weit brisantere politische Initiativen.

Schon in den nächsten Tagen will etwa die Fleisch­lobby Schweiz ihre Initiative «NoBeilag» lancieren. Die Berufskarnivoren fordern, dass ab 2020 an allen öffentlich-rechtlichen und privaten Kantinen jeden Mittwoch ausschliesslich Fleisch serviert wird, und sonst gar nichts. Service Schüblig. No Beilage. Nicht mal Pommes. Der «Meat-woch», so die Initianten, soll ein Zeichen sein im Kampf gegen den internationalen Veganismus und den staatlich verordneten Gemüseterror, die nichts anderes seien als ein «Totalangriff auf unsere christlich-abendländischen Cholesterinwerte».

Ähnliche Töne schlägt auch der bisher weitgehend unbekannte rechtsnationale Lyriker-Verband «Le Pen» an, der unter der Füllfederführung von Oskar Freysinger fordert: «Keine fremden Dichter». Verdichtung sei zwar auch in der Lyrik das Gebot der Stunde, argumentiert der Verband, das gesunde Versmass sei heute jedoch bei Weitem überschritten, die Dichterdichte zu gross, der Dichte(r)stress unerträglich geworden. Selbstbesinnung auf den heimischen Knittelvers tue not. Der Bundesrat schlägt als direkten Gegenvorschlag ein neues Reimabkommen mit der EU vor.

Weitgehend chancenlos dürfte das Begehren aus der Küche der Evangelikalen sein, die sich starkmachen für ein nationales «Furka-Verbot». Wie jeder wisse, so die frommen Christen, stamme der Name Furka vom lateinischen furca her, was zweizinkige Gabel heisse – ein Besteck, das klar auf den Satan verweise. Übrigens sei es ja wohl kein Zufall, dass die Furka-Bergstrecke genau 666 teuflische Spitzkehren zähle, was zwar nicht stimmt, aber hey, wen kümmern heutzutage noch Fakten?

Den Littering-Teufel an die Wand malen die Jungen Grünen. Sie sammeln bereits Unterschriften für ihr «Vermüllungsverbot» und finden es gar nicht lustig, wenn man sie fragt, wieso sie dafür ausgerechnet Wegwerfkugelschreiber verwenden. Der Gewerbeverband denkt über eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit nach und will frischgebackenen Vätern erlauben, sieben Tage die Woche durchzuarbeiten («Urlaub vom Papi-Sein», lautet der Slogan).

Und dann gibts da noch die Initiative «Mehr Transparenz beim Hornvieh»: Wenn ichs richtig verstanden habe, fordert sie, dass öffentlich-rechtliche Parteien offenlegen, von wem sie Spenden erhalten. Damit das Stimmvieh erkennt, von welchen Hornochsen es an der Nase herumgeführt wird. Oder so ähnlich.

Das kann ja heiter werden.

Bauer Gredig flucht

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. Februar 2018

Es hatte ihn ziemlich viel Überwindung gekostet, sich für diese Verkupplungsshow im Fernsehen anzumelden, für «Bauer, ledig, sucht». Vor der halben Schweiz sein Herz zu öffnen, das war noch weniger sein Ding als Subventionsanträge auszufüllen. Aber er hatte sich einen Ruck gegeben. Umso hässiger wurde Gredig deshalb, als er vom Sender eine schnöde Absage per Mail erhielt. Es tue ihnen leid, teilte ihm eine Frau Gabathuler mit, aber sie hätten erst gerade einen Bio-Poulet-Bauern aus dem Bündnerland in der Staffel gehabt, deshalb könnten sie ihn vorerst nicht berücksichtigen; sie würden ihn aber gerne auf die Warteliste setzen.

Er könne aber nicht warten, erklärte Gredig der überraschten Frau Gabathuler kurz darauf am Telefon. Schon früh habe er nämlich den Hof von seinen Eltern übernehmen müssen, weil es ihnen gesundheitlich schlecht gegangen sei. Dann habe er den Hof bewirtschaftet und zu seinen kranken Eltern geschaut – da sei halt keine Zeit geblieben, um unter die Leute zu kommen. Und in die Disco gehe er sowieso nicht gerne; dieses Herumgehüpfe, schlimmer als aufgescheuchte Hühner. Letztes Jahr seien dann seine Eltern gestorben, und jetzt sei es halt schon wahnsinnig einsam auf dem Hof, so alleine mit tausend Hühnern – und die Sendung sei seine letzte Hoffnung gewesen. Quasi.

Und dann schickte Gredig noch einen Fluch hintendrein. Aber nicht einfach ein «Gopffriedstutz» oder ein «Herrgottstärne», sondern eine anderthalbminütige Fluchtirade. Einfach so, aus dem Bauch heraus improvisiert, verreckt wüst, aber irgendwie auch unverschämt schön war dieser Fluch, von einer poetischen Wucht, die sich Gredig selber nicht zugetraut hätte. Es war, als hätten all der Frust und Schmerz, die sich über die Jahre hinweg in ihm angestaut hatten, endlich aus ihm rausmüssen.

Als Gredigs Fluchlawine ins Tal gedonnert war, blieb es einen Moment lang still in der Leitung. Wow, sagte dann Frau Gabathuler, ob er noch mehr derartige Flüche auf Lager habe? Daraus könnte man nämlich eine supercoole Mini-Serie fürs Internet machen. Die Jungen würden voll auf so was abfahren. Sie hätte auch schon den passenden Titel dafür: «Bauer Gredig flucht».

Und dann lachte sie, so charmant und herzerwärmend, dass der Ärger von Gredig auf einmal weggeblasen war wie der letzte Schnee vom Föhn.

Sie heisse übrigens Lisa, sagte sie, und falls er Lust habe, würde sie ihn gerne mal treffen. Ganz privat.

Seither flucht Gredig nur noch, wenn er gefragt wird, wie seine Frau und er sich eigentlich kennengelernt haben.

Einvernehmlicher Verkehr

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. Februar 2014

In Schweden gelten ab diesem Sommer neue Verkehrsregeln. Vor dem Sex muss man seine Partnerin oder seinen Partner um Erlaubnis fragen. Ohne explizites Einverständnis kein Verkehr, sonst macht man sich strafbar. Ich finde, was die Schweden im Bett praktizieren, könnten wir doch auch auf unseren Strassen einführen: Bevor man ins Auto steigt, um die Umwelt flachzulegen, muss man erst ihre Erlaubnis einholen. Damit der Verkehr auch wirklich einvernehmlich ist. Sie können sich das nicht vorstellen? Bitte, ich helfe Ihrer Fantasie gerne auf die Sprünge.

«Hey, Umwelt, Schätzchen, ich hätte gerne Verkehr.» «Muss das sein?» «Geht nicht anders, ja.» «Na gut, wenn’s sein muss.» «Geil, aber ich sag dir lieber gleich, dass ich auf schmutzige Sachen stehe. Nicht dass du hinterher dann sagst, du hättest nicht gewusst, auf was du dich einlässt.» «Schmutzige Sachen?» «Fifty Shades of Blei, hähä, du weisst schon …» «Nein, ich kenn mich da nicht so aus.» «Stickoxid, Schwefel­dioxid, Kohlenstoffmonoxid, Fein­staub, solches Zeug halt.» «Das tönt jetzt nicht grad sehr antörnend.» «Jetzt hab dich nicht so. Der Krebs jedenfalls, der findet das wahnsinnig erregend. Der kann nicht genug davon kriegen.» «Und das ist ganz sicher nicht gefährlich?» «Ach was, ich mach’s nur mit Airbag.» «Ok, ja dann.»

«Noch was, nicht dass du erschrickst: Ich komme schnell. Von 0 auf 100 in vier Sekunden.» «Na super.» «Keine Bange, Baby. Du kommst schon auf deine Rechnung, wenn ich den S-Punkt bearbeite.» «Den S-Punkt?» «Den Schleifpunkt. Dann kommst du schnell in die Gänge. Und wenn ich mal in Fahrt bin, stoppt mich so schnell keiner. Wirst schon sehen, wie ich dich zum Schwitzen bringe.» «Du bist also ein heisser Hengst?» «Nein, das sind die Treibhausgase. Und noch was: Ich bin ziemlich schwer. Kann also schon sein, dass dir die Luft wegbleibt. Und ich werde ziemlich laut, wenn ich voll abgehe.» «Hör auf, das ist ja widerlich.»

«Hey, Baby, bevor du jetzt den Rückwärtsgang einlegst: Willst du dir nicht mal meinen Hubraum ansehen?» «Du kotzt mich an. Hast du schon mal an Fussverkehr gedacht?» «Ist das so ne Thaimassage?» «Schwachkopf. Und ÖV?» «Ich steh nicht drauf, wenn mir andere dabei zuschauen.» «Machst du mir danach wenigstens Frühstück?» «Vergiss es, Baby. Wenn ich keinen Verkehr habe, steh ich nur unnütz rum und nehme Platz weg. Und ich saufe. Ziemlich viel sogar. Also, was ist jetzt mit uns zwei, Schätzchen?» «Wenn ich mir das so überlege, würde ich unterm Strassenstrich sagen: Vergiss es. Deinen Auspuff kannst du dir sonst wo hinstecken.»

Also ich finde das eine Überlegung wert.

Ich sehe Gespenster

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 14. Februar 2018

5545 Seelen leben in Wünnewil-Flamatt. Sagt die Einwohnerstatistik. Was sie nicht sagt: Dass da noch mindestens zwei Dutzend Arme Seelen umhergeistern. Eigentlich tot, aber trotzdem unheimlich lebendig, irgendwie. Und darum statistisch schwer einzuordnen. Was aber nichts daran ändert, dass sie da sind.

Schon mehrmals etwa habe ich den «Pfarrverweser» beobachtet. Läuten am Samstagabend die Kirchenglocken zur Messe, eilt er mit flatternder Soutane und irrem Blick vom Pfaffenholz in Richtung Pfarrkirche. Und wehe dem, der nicht schnell genug ausweicht, durch den geht der ruhelose Geistliche durch wie ein kalter Lufthauch durch eine offene Türe. Und noch Wochen später erwachen die Betroffenen nachts schweissgebadet und murmeln lateinische Messformeln vor sich hin. Was ein Hinweis ist, dass es sich um einen vorkonziliären Geist handeln muss. Über die Gründe für seine Verdammnis lässt sich nur mutmassen. Ich tippe auf Trunksucht oder Hurerei. Oder Unzucht im Suff.

Item. Von den Verantwortlichen gerne totgeschwiegen wird, dass seit jeher auf dem Golfplatz Blumisberg ein seltener Cousin des gemeinen Irrlichts sein Unwesen treibt – das Irrloch. Dieses – nicht so hell, aber genauso arglistig wie das Irrlicht – geistert zwischen dem 12. und 13. Loch herum und hat mit seiner unsteten Art schon manchen gestandenen Golfer um den Verstand und die Platzreife gebracht. Die bekannten Abwehrzauber wirken übrigens beim Irrloch nicht, sondern können auf denjenigen zurückfallen, der sie ausspricht. Aber ein Gegrüsstseistdumaria ist sicher nicht verkehrt.

Gar polizeilich aktenkundig geworden ist die unholde Jungfrau von Staffels. Diese Spukgestalt macht sich einen besonderen Spass daraus, in Vollmondnächten auf der Brücke über die Autobahn entgeisterten Autofahrern ihren entblössten Hintern entgegenzustrecken – laut Überlebenden ein schaurig-schöner Anblick, der Autos gleichermassen ins Schleudern bringt wie die Libido ihrer Lenker.

Den Hund von Bagewil und den hingemeuchelten Müllersknecht aus dem Mülital habe ich jetzt noch gar nicht erwähnt. Und auch den Poltergeist nicht, der sich im Kegelsaal des Köbù mit lautem Rumpeln bemerkbar macht, wenn oben die Cäcilienchörler ihr letztes Herrgöttli trinken.

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die Geister; ich bin im Gegenteil ganz begeistert davon, was es zwischen Himmel und Erde alles gibt. Trotzdem hätte ich es nur fair gefunden, wenn der Gemeinderat uns beim Neuzuzügerabend zumindest in Grundzügen über diese Alteingesessenen der Gemeinde aufgeklärt hätte.

Paradiesgässlein 666

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 3. Februar 2018

Als der Teufel ans Paradiesgässlein 666 in Gotthelfikon zog, rümpften die Nachbarn zuerst schon ein bisschen die Nase. Nicht nur wegen seines Aftershaves, das aufdringlich nach Schwefel roch. Nein, man hatte ja auch schon die eine oder andere Geschichte über ihn gehört.

Aber der Teufel war furchtbar freundlich. Er ging von Tür zu Tür und stellte sich vor. Ja, er sei es, leibhaftig. Aber er habe dem Bösen abgeschworen und wolle fortan ein braves Leben führen. Und überhaupt, scherzte er, würden die Menschen seinen Job inzwischen ja besser machen als er selber. Dann lud er das ganze Quartier zu einem Barbecue in seinen Garten ein. Es gab einen höllisch guten Satansbraten und einen himmlischen Hörnlisalat. Und alle amüsierten sich prächtig.

Aber als nach ein paar Wochen zuerst die schwarze Katze von Meiers verschwand, und dann auch noch der Geissbock von Bauer Hungerbühler, direkt ab der Weide, wie vom Erdboden verschluckt, da sagte der Pfarrer, er wolle ja nicht den Teufel an die Wand malen, aber ihm komme das schon verdächtig vor.

Da nützte es auch nichts, dass der Teufel sein Altpapier ordentlich gebündelt an den Strassenrand stellte, seine Thujahecke sauber stutzte und im Dorfladen einkaufte.
Als kurz darauf Zurkinden frühmorgens mit seinem E-Bike schwer verunfallte, weil grosse Steine mitten auf der Quartierstrasse lagen, verbreitete seine Frau in der Turnriege, die seien sicher dem Teufel ab dem Karren gefallen, der habe doch so einen Pick-up mit offener Ladefläche. Und die anderen Frauen nickten zustimmend.
Da nützte es auch nichts, dass der Teufel stets freundlich grüsste und den Schulkindern – denen, die noch bei ihm zu klingeln trauten – Schoggitaler und Pro-Juventute-Marken abkaufte.

Als dann auch noch bei Häfeli der Krebs wieder ausbrach, Hubers Informatikbude Konkurs ging, der Kanton die Umfahrungsstrasse zurückstufte und die 18-jährige Tochter der Pfarreiratspräsidentin partout nicht verraten wollte, wer sie geschwängert hatte, da sagte der Quartiervereinspräsident eines Abends am Stammtisch im «Engel», jetzt müsse endlich etwas gehen, zum Teufel noch mal. Und bestellte noch ein Herrgöttli.

Man fand nie heraus, wieso in einer kalten Novembernacht das Haus am Paradiesgässlein 666 bis auf die Grundmauern abbrannte. Die Feuerwehr, die lange brauchte, bis sie am Brandort eintraf, konnte nichts mehr machen, nur die angrenzenden Häuser schützen.

Der Teufel wurde offiziell für tot erklärt.

Aber der eine oder der andere im Paradiesgässlein roch noch während Wochen ganz zart nach Schwefel.

Weihnachtsvorfreude

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 30. Januar 2018

Weniger als elf Monate bis Weihnachten. Ich freu mich schon. Im Januar finde ich Weihnachten nämlich am schönsten: endlich Ruhe nach der Stillen Zeit. Kein sterbender Baum in der Stube als Symbol für das Wunder des Lebens (ich habe das Konzept nie ganz verstanden). Und man muss nichts Gutes mehr tun, man hat ja schon Dezember was gespendet.

Alles in Butter also. Wären da nicht die Mailänderli.

Es sind immer die Mailänderli, die übrig bleiben. Die Spitzbuben? Schon am Samichlaustag rübis und stübis weggemampft. Wir mussten zweimal nachbacken. Die Anischräbeli waren im Nu weg, auch wenn sie sich mit Händen und Füessli dagegen wehrten, und die letzten Zimtsterne verputzte die nimmersatte Verwandtschaft am Stephanstag. So soll es auch sein. Weihnachtsguetsli sind wie schlechte Gewohnheiten: Sie haben im neuen Jahr nichts verloren.

Aber jetzt ist Ende Januar; die Pralinen, die wir geschenkt bekommen haben, sind schon alle weg, und ich hab sogar schon einmal die Laufschuhe geschnürt, um den angefutterten Kalorien davonzurennen (aber dann durfte man nicht in den Wald, wegen der Sturmgefahr) – und noch immer liegen vier einsame Mailänderli in der Guetslibüchse. Ein König, ein Schaf, ein Esel und ein Stern. Ein halbes Krippenspiel. Und ein stummer Vorwurf: Wieso wir?

Die Ersten werden die Letzten sein. Nirgendwo ist das wahrer als bei den Mailänderli. Sie sind die ersten Guetsli, die wir backen. Weil die Kinder es lieben, den Teig mit den Förmchen auszustechen. Aber dann bleiben sie liegen. Die Mailänderli haben, entgegen ihrem Namen, kein italienisches Temperament. Sie sind die bescheidensten Gebäcke auf dem Guetsliteller. Die Spitzbuben geben an mit ihren inneren Werten, die Anisbrötli führen sich als Model auf, und die gefüllten Datteln feilschen mit Marzipan um unsere Gunst. Bescheidenheit mag eine Tugend sein, aber sie bringt einen nicht weiter.

Aber was tun mit den harten Keksen? Man könnte sie zu Studentenschnitten weiterverarbeiten. Aber vier Mailänderli reichen nicht. Ich müsste also neue backen und wieder alt werden lassen. Auch keine Lösung. Ich habs: Ich bewahre sie auf, und nächste Weihnachten legen wir sie einfach zu den anderen Guetsli dazu. Sieht schön aus, und es isst sie ja sowieso niemand – das fällt also gar nicht auf. Und wenn das Gelb verblasst, einfach mit Acrylfarbe ein bisschen aufhübschen. Und von Generation zu Generation weiterreichen.

Ausserdem haben wir so im Dezember weniger zu tun. Sie finden das jetzt vielleicht übertrieben, aber in weniger als elf Monaten ist Weihnachten. Dann sind sie froh um alles, was sie schon jetzt erledigt haben. Frohes Fest.

Unwahrscheinliches Glück

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 27. Januar 2018

Sie liebt Nussgipfel, er hat eine Nussallergie. Sie fährt ab auf Hardrock, er spielt drittes Horn in der Blasmusik. Sie hat einen Bachelor, er kennt den nur aus dem Fernsehen. Sie fährt gerne sportliche Autos, er hat ein GA. Sie mag Hunde, er kann chinesisches Essen nicht ausstehen. Sie investiert in Aktien, er kauft Rubbellösli. Er gewinnt ab und zu, sie verliert meistens.

Er steht ein bisschen links der Mitte, sie ein bisschen rechts. Er ist Vegetarier, sie tötet für ein Cordon bleu. Er mag Wein, sie mag Bier. Sie ist ein Reisefüdli, er schaut am liebsten in seinem Garten den Tomaten beim Wachsen zu. Sie kauft ihr Brot nach der Arbeit in der Migros, er frühmorgens beim Beck. Sie ein Fünf-Korn-Brot, er ein helles Pfünderli.

Er glaubt an Gott, sie an den Markt, kämpft aber mit Glaubenszweifeln. Er ist Mitglied bei Amnesty, sie beim TCS. Er war bei den Pfadfindern, sie bei den Jungfreisinnigen. Sie hat ein Navi, er fühlt sich manchmal ein bisschen verloren. Sie ist spontan, er eher nicht. Er mag mollige Frauen, sie ist gertenschlank. Sie fährt ab auf muskulöse Typen, er hat einen Waschbärbauch.

Eigentlich haben die beiden nur eines gemeinsam: Sie sind einsam und sie haben sich bei derselben Online-Partnervermittlung angemeldet. Er hat den langen Fragebogen am PC ausgefüllt, sie am iPhone. Jetzt weiss der Kuppler-Algorithmus alles über sie. In Sekundenbruchteilen vergleicht er ihre Profile mit denen von Tausenden anderen Singles. Auch ihre beiden Datensätze gleicht er ab: absolut keine Übereinstimmung.

Sie erhält 15 Vorschläge für ein Date, er drei. Nette Abende, langweilige Abende, desaströse Abende. Es wird nichts draus, weder bei ihr noch bei ihm. Durch einen glücklichen Zufall lernen sie sich dann doch kennen. Nach einer Musikprobe zerkratzt er aus Versehen mit seinem Instrumentenkoffer ihren roten Sportwagen, den sie gerade mit Schwung einparkt. Sie tauschen ihre Nummern aus, er entschuldigt sich und lädt sie zur Wiedergutmachung zu einem Glas Wein ein. Obwohl er nicht spontan ist. Sie bestellt ein Bier.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit lernen sie sich lieben.

Was die Formel sei für ihr Glück, werden ihre Freunde sie noch Jahre später fragen, erstaunt darüber, dass ausgerechnet diese beiden so unterschiedlichen Menschen zusammengefunden haben und, vor allem, zusammengeblieben sind.

Seit sie zusammen seien, antworten die beiden dann, sei die Welt auf einmal doppelt so gross wie vorher. Ein wahnsinniges Geschenk sei das, ein Abenteuer – ein unwahrscheinliches Glück.

Ihre Meinung ist uns wichtig

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. Januar 2018

«Hallo, Herr Moser. Carsten Klötenmüller mein Name, von Kain&Kabel, Ihrem Telekom-Anbieter. Ich ruf Sie heute an, weil Sie mit unserem Service nicht zufrieden sind und wir alles daran setzen, um unsere Dienstleistungen laufend zu optimieren und langjährigen Kunden wie Ihnen – für Ihre Treue danke ich Ihnen im Namen von Kain&Kabel übrigens herzlich – ein optimales Kommunikationserlebnis zu bieten.»

Der Telekom-Mann rattert den Satz runter, ohne einmal Luft zu holen. Ich sage nichts. Ein alter Trick der Könige: Den unliebsamen Bittsteller einfach mal auflaufen lassen.

«Herr Moser? Sie haben vor kurzem Kain&Kabel in einer Online-Umfrage die schlechteste Bewertung gegeben.» Ich schweige noch immer. «Tja, weil wir unseren Service stetig verbessern wollen, möchten wir gerne wissen, was wir tun können, um Sie zufriedener zu machen?»

«Hören Sie auf, mich ständig zu fragen, wie zufrieden ich mit Ihrem Service bin.» Jetzt schweigt er. «Wochenlang», fahre ich fort, «wochenlang haben Sie mich mit Mails gestalkt und mich genötigt, Ihren Laden zu bewerten. Das hat mich irgendwann so genervt, dass ich Ihnen eine –10 gegeben habe, nur um endlich Ruhe zu haben.»

«Unsere Skala geht aber nur von 1 bis 10.» «Ich gebe Ihnen eine –10, weil Sie mich jetzt auch noch anrufen.» «Verstehe. Die Frequenz unserer Feed­backanfragen stört Sie also.» Ich höre, wie er etwas in seinen Computer tippt. «Wie sehr haben Sie denn diese E-Mails gestört?» «Lassen Sie mich raten, Herr Flötenknüller …» «Klötenmüller.» «Reicht die Skala von 1 bis 10?» «Ja.» «Dann gebe ich Ihnen eine –10, Herr Krötengriller.» «Klötenmüller. Dann notiere ich mal eine 1, weil der Computer eine –10 nicht akzeptiert.»

«Wird dieses Gespräch zu Qualitäts- und Schulungszwecken aufgezeichnet, Herr Trötengüller?» «Fötenfüller, ich heisse Föten.., also, Zotenbrüller …» «Also ja? Gut, liebe Chefs: Wieso wollen Sie eigentlich ständig meine Meinung wissen, wenn meine Meinung Ihrem Computer dann gar nicht in den Kram passt? Und wieso rufen Sie mich umgehend an, wenn ich Ihnen eine schlechte Note gebe, aber wenn das Internet nicht funktioniert, dauert es Tage, bis der Techniker kommt? Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit, dann müssen Sie sich um meine Meinung keine Sorgen machen. Ende der Durchsage.»

Es ist still in der Leitung. «Herr Klötenmüller?» «Ja, so heiss ich.» «Darf ich das Gespräch mit Ihnen zum Abschluss bewerten?» «Äh? Ja, aber die Skala geht …» «… nur von 1 bis 10, ich weiss. Ich gebe Ihnen zwölf Punkte, Herr Klötenmüller. So zufrieden wie nach dieser Kropfleerete war ich schon lange nicht mehr.»

Die Sache mit dem Glück

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 15. Januar 2018

Von wegen happy new year. Also ich hatte im neuen Jahr bisher nur Pech mit dem Glück. Zwar stand das Glück schon am 4. Januar vor meiner Tür, aber ich war nicht da. Und als ich dann nach Hause kam, fand ich nur einen Zettel an der Tür. «Das Glück hat Sie leider nicht gefunden.» Das war alles. Auch keine Nummer, um einen neuen Zustelltermin abzumachen. Saublöd.

Manche Leute behaupten ja, nur Verlierer würden auf das Glück warten, Gewinnertypen hingegen nähmen die Sache selber in die Hand. «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied», lautet ihr Credo, das sie uns in unzähligen Glücksratgebern predigen. Wers nicht schafft, hat sich halt nicht fest genug angestrengt; selber schuld. Was die Glücksschmiede nicht sagen: Die wenigsten haben das Glück, in einer Schmiede aufzuwachsen. Es gehen also nicht alle mit den gleichen Chancen an den Start. Und in der Mikrowelle kriegt man das Glück einfach nicht gebacken.

Ein weiteres Glaubensbekenntnis der Glücks-Coaches lautet, man müsse einfach die Gelegenheit beim Schopf packen. Ich habe da so meine Hemmungen. Ich meine, das tut der doch weh, wenn man sie packt? Möchte sie das überhaupt? Vielleicht wäre es ihr ja viel lieber, wenn sie unbeachtet vorübergehen könnte, ohne von Gelegenheitsgrabschern befummelt zu werden. Ich sag nur: #MeToo.

Apropos übergriffig. Krieg dein Leben in den Griff, ist auch so ein Satz, der mir auf den Glückskeks geht. Weil ihn nur Menschen in den Mund nehmen, die ihr Leben so fest im Griff haben, dass es schon blau anläuft und nur noch röchelt. Wieso muss man sein Leben in den Griff kriegen, man kann ihm doch auch die Hand reichen zum Tanz? Wer dabei führt? Spielt keine Rolle. Hauptsache, du tanzt. Straucheln, auf die Füsse treten, schwerelos herumwirbeln, alles gehört dazu.

Einige glauben, mit dem Glück sei es wie mit Hunden. Hat man es erst mal, bleibt es einem ein Leben lang treu. Ich glaube eher, Glück ist eine Katze. Launisch, eigensinnig, verspielt. Es kommt und geht, wie es ihm passt. Natürlich kann man es dem Glück leichter machen. Eine offene Türe hilft, eine Katzenklappe im Herzen, wenn Sie so wollen. Und dann, unverhofft, streicht es miauend um die Beine, hüpft einem auf den Schoss, lässt sich streicheln und schnurrt so schön, dass einem ganz warm wird dabei. Geniessen lässt sich der Moment, festhalten nicht. Aber wo es sich wohlfühlt, kommt das Glück gerne wieder.

In diesem Sinne: Mögen Sie 2018 zu Hause sein, wenn das Glück an Ihre Türe klopft. Grüs­sen Sie es lieb von mir und richten Sie ihm doch bitte aus, ich sei jetzt wieder erreichbar.