Mein Philosofa

Beitrag im «Nebelspalter»

Mein Canapé ist tiefgründiger als ich, aber nicht, weil es durchgesessen wäre, nein: es ist ein Philosofa. Was wohl daher rührt, dass es den ganzen Tag nur rumsteht, mit dem Rücken zur Wand. Da kommt man natürlich schnell ins Grübeln über existenzielle Fragen wie: Bin ich wirklich ein Sofa? Und wenn ja, für wie viele?

Ich habe es Immanuel getauft, auch wenn es aus Fichte ist. Der Bezug hat diesen speziellen Rot-Ton, man sagt ihm, glaub ich, «Rousseau». Dazu Knöpfe aus Lessing. Wenn man sich draufschlegelt, machen die Federn leise «Nietzsche». Es ist recht bequem, aber manchmal geht es mir echt auf den Hegel mit seiner Philosofiererei.

«Ich denke, also bin ich. Oder denke ich nur, dass ich bin und bin gar nicht, was ich denke? Nicht auszudenken», sagt es zum Beispiel. «Ich denke, du bist, weil du gemacht worden bist», sage ich. «Das bist du auch.» «Aber anders. Gezeugt, nicht gezimmert.» «Genagelt wurde bei beiden.» «Jetzt hör aber auf, Immanuel. Das ist unterste Schublade.»

«Wieso muss eigentlich immer ich herhalten, wenn ihr schmutziges Zeugs redet?», reklamiert die unterste Schublade der Kommode eingeschnappt. «Weil es so kommod ist», säuselt der Luftbefeuchter, sonst nicht gerade bekannt für trockenen Humor. «Aber das ist ungerecht», beharrt die Schublade. «Tja, ähm, also…», sage ich. «Mehr fällt dir dazu nicht ein?», ätzt der Nachttisch, der eigentlich ganz süss wäre, hätte er nur ein t weniger. «Sogar dein Canapé ist tiefgründiger als du.»

«Das wäre ein schöner erster Satz für eine Kolumne», sage ich. «Da, er klaut schon wieder», ruft die billige Eames-Chair-Kopie, «darf er das überhaupt?» «Legal, illegal, Scheissegal», plärrt der anthrazitfarbene Stereoanlagen-Turm dazwischen, den alle nur den schwarzen Block nennen.

Da kommt meine Frau ins Zimmer und kuschelt sich zu mir aufs Sofa. «Liebes Mobiliar», sagt sie, «könntet ihr mal eure Klappe halten? Ich möchte jetzt nämlich ein bisschen ungestörte Zweisamkeit.»

«Und ich habe gedacht, ich sei deine einzig wahre Liege», sagt das Sofa und macht einen sauren Wittgenstein. «Ich steh gar nicht auf dich », sage ich. «Aber ich bin besessen von dir», gesteht das Sofa. «Klappe, Immanuel», sagt meine Frau.

Das einzige, was man dann noch hört, ist ein leises «Nietzsche-Nietzsche-Nietzsche».

Wer Möbelwitze mag, dem gefällt vielleicht auch die Kolumne «Total vermöbelt». (Ein paar Wortspiele kommen in beiden Texten vor.)

Ein Gedanke zu „Mein Philosofa“

  1. Danke für diese erfreuliche Kolumne – für mich ein richtiger Find, ein Findling ganz in der englischen punning Tradition. Looking forward to more.

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