Weniger ist mehr

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 25. Juni 2015

Manchmal bin ich schlimmer als meine Kinder. In der Migros sind die Seehund-Glacestängel Aktion, dazu gibt’s gratis eine Kühltasche – und mein Gehirn kennt nur einen Gedanken: «Will das haben!» Zu Hause koche ich dann erst einmal notfallmässig Rahmspinat, um Platz im Gefrierfach zu schaffen. Und meine Frau räumt mit mitleidigem Blick die Kühltasche zu den 13 anderen, die wir schon haben.

Spontaneität sei doch eine schöne Charaktereigenschaft, versuche ich mich halbherzig zu verteidigen. Aber ich weiss natürlich, dass das nur eine faule Ausrede ist: Ich bin der hirnlosen «Kaufitis» erlegen. Einmal mehr.

Aber seit Kurzem bin ich davon geheilt. Das Zauberwort heisst Suffizienz–Genügsamkeit. Effizienz ist das eine: Sparlampen, Minergiehäuser, Autos mit geringem Spritverbrauch. Aber um die ökologische Wende hinzubekommen, braucht es auch die Suffizienz: mit weniger Quadratmeter auskommen, das Auto mit anderen teilen, Dinge reparieren statt wegwerfen. Und wissen Sie was? Genügsamkeit macht glücklich. Probieren Sie es aus. Dann stehen Sie vor den 50 Paprika-Pouletflügeli im Sonderangebot, schauen die Grillschürze an, die es obendrauf gibt und fragen sich: Brauche ich das wirklich? Mit gutem Gewissen können Sie verneinen. Und Sie werden sich gut fühlen. Denn Sie haben gerade den Planeten gerettet. Und ihr Portemonnaie geschont.

Das Beste daran: Es funktioniert nicht nur beim Einkaufen. Damit werden Sie auch die Zeugen Jehovas los, die an Ihrer Türe klingeln. Rufen Sie ihnen einfach entgegen: «Ich glaube an die Suffizienz.» Wenn die Bekehrungsvertreter Sie dann entgeistert anschauen, fügen Sie erklärend hinzu: «Auf sie kann ich gut verzichten.» Und weg sind sie.

Suffizienz befreit. Weg mit all dem unnötigen Zeugs. Blatter, Blocher, Rhabarber-Rivella, ein iPad fürs Gästeklo? Danke, ich kann gut ohne.

Der Nachbar hat einen gigantischen Swimmingpool? Seien Sie nicht neidisch. Gönnen Sie sich ein Schwimmbad-Abo, das bringt auch Abkühlung. Und so ein geteilter Fusspilz verbindet auch gleich ungemein. Suffizienz statt Statussymbole.

Scheidung? Der Alte tut’s doch eigentlich noch ein paar Jährchen. Vielleicht lässt sich das eine oder andere ja reparieren. Das ist gelebte Suffizienz. Burka oder Bikini? Weniger ist mehr. Suffizienz kann ja so schön sein.

Und ihr Chef wird Sie lieben, wenn Sie beim nächsten Lohngespräch sagen, Ihr Gehalt reiche Ihnen eigentlich ganz gut zum Leben. Und wenn Sie mutig sind, fügen Sie noch hinzu: «Und übrigens, Chef, ohne dich ginge es im Grunde genommen auch.»

Wenn Sie dann Ihren Job los sind, haben Sie wenigstens schon Übung darin, mit wenig über die Runden zu kommen. Suffizienz sei Dank.