Running Gag

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. November 2019

Als Jogger bin ich eine Witzfigur, ein Running Gag, eine Schnecke in Lycra-Leggins. Überhaupt habe ich nur mit dem Laufen begonnen, weil im Internet stand, über 45 solle man zuerst zum Arzt, bevor man mit dem Joggen anfange, und da dachte ich mir: Fang lieber vorher an. Denn zum Arzt ist nie gut; immer teuer, weil der ja sein ganzes Hightech-Equipment amortisieren muss – Rolex, Jacht und Golfschläger. Und am Schluss sagt er Sätze wie: «Sie haben noch 40 Jahre zu leben. Mindestens. Aber es wird kein schönes Alter werden.»

Nun stehe ich barfuss im Sportgeschäft auf einer Glasplatte und schaue auf dem Bildschirm vor mir meine Füsse von unten an. Ein gruseliges Gefühl, und es hilft nicht, dass die gelangweilte Verkäuferin mir Knickfüsse diagnostiziert und beiläufig anfügt, die hippen Laufschuhe, die ich mir im Internet gekauft habe, seien für Wettkämpfer, im Fall. Leute wie ich bräuchten eher etwas mit mehr Stütze. Meine Füsse knicken gleich noch etwas mehr ein und mit ihnen mein Selbstwertgefühl.

Ob ich eigentlich auch Krafttraining mache, fragt die Verkäuferin, meine Fussmuskulatur lasse nämlich zu wünschen übrig. «Ich finde Rennen schon anstrengend genug», versuche ich es mit einem Witz, worauf sie mir mit missbilligendem Blick einen Prospekt reicht, in dem Menschen Dinge mit farbigen Gummibändern anstellen, für die man im Zirkus Eintritt verlangen könnte. Das seien Powerbänder, ob ich vielleicht Interesse hätte, fragt sie, und ich weiss, wenn ich einen letzten Rest von Würde aufrechterhalten will, dann muss ich viel Geld liegen lassen. Ich nicke ergeben.

Zum Anprobieren der Schuhe borgt sie mir ein paar Rennsocken. «Rennsocken haben Sie, oder?» Ihr Blick geht zu meinen roten Baumwollringelsocken. Verschämt schüttle ich den Kopf. «Aber Sie wissen schon, wofür die gut sind», lässt sie nicht locker. «Ist ja gut», sage ich, «ich nehme sechs Paar, für jeden Trainingstag eines.» Aber schon lauert die nächste Stolperfalle. «Die Schmetterlingsschnürung kennen Sie bestimmt, oder?»

Ich murmle etwas Undeutliches und komme mir vor wie ein Erstklässler, der noch immer Schuhe mit Klettverschluss trägt, weil er nicht weiss, wie man sich die Schuhe bindet.

An der Kasse fragt sie dann noch, ob ich auf einen bestimmten Wettkampf hin trainiere. «Der Erfinder des Marathons ist gleich bei der ersten Austragung ums Leben gekommen. Das Konzept ist also echt nicht ausgereift», sage ich nur. Und dann bin ich so schnell aus dem Laden raus, also, wenn ich dieses Tempo halte, dann müssen sich die Kenianer beim nächsten Murtenlauf aber ganz warm anziehen.

Total vermöbelt

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 13. November 2019

Mein Schrank ist echt beschränkt. Neulich vermöbelte er mein Bett, nur weil es gesagt hatte, er habe nichts auf dem Kasten. Der Schrank natürlich gleich bis auf den Pressspan beleidigt. «Möbel, hau’s», schrie er, «sonst breche ich dir jedes einzelne Lättli. Und dann ist fertig Happy Bett.» Das Bett dachte gar nicht dran abzuhauen, ist ja kein Reisebett. Der Schrank, total furniert, mit Karacho aufs Bett. «Unter den Tablaren der Staub von tausend Jahren», begann in diesem Moment der Perserteppich zu skandieren, ein Alt-68er, der weiss, wie es ist, mit Füssen getreten zu werden, und sich darum mit allen Unterdrückten solidarisiert.

«Halt du bloss deine Quasten, sonst klopf ich dich ordentlich durch, du Staubmilbenbordell», mischte sich jetzt der Nachttisch ein, der eigentlich ein ganz Süsser wäre, hätte er ein t weniger. «Deine Sprache ist unterste Schublade», monierte der Sessel aus dem Brockenhaus, der sich einbildet, er sei Brockhaus. «Wieso muss eigentlich immer ich herhalten, wenn ihr schmutziges Zeugs daherredet?», fragte die unterste Schublade der Kommode eingeschnappt. «Weil es so kommod ist», zischte der Luftbefeuchter, sonst nicht gerade bekannt für trockenen Humor.

«Ich ertrag das nicht länger, ich ertrag das nicht länger», jammerte das Ikea-Büchergestell und fing an zu zittern wie Espenlaub, aus dem es ja auch gemacht ist. «Legal, illegal, Scheissregal», pöbelte jetzt auch noch lautstark der anthrazitfarbene Plexiglas-Hi-Fi-Turm, den alle nur den Schwarzen Block nennen. Daraufhin machte vor Angst der Stuhl in den Gang. «Flurschaden», witzelte die Deckenlampe, die sich mit ihren 40 Watt für besonders hell hält.

Inzwischen hatten auch die Outdoor-Möbel mitbekommen, was bei der Inneneinrichtung abging, und natürlich – rattan-rattan! – gleich voll drauf. «Stubenhocker, Stubenhocker», schmähten die Liegestühle das Taburettli, das sich fast zu Tode schemelte. «Hört bloss auf, ihr billigen Eintagsliegen», eilte der Vorhang zur Verteidigung, der für einmal nicht bloss rumhing, sondern klare Goldkante zeigte.

Ein Tumult im ganzen Haus. Die Zierkissen zierten sich nicht und pufften sich, dass die Federn flogen. Sogar das Piano wurde laut. Nicht einmal die Fenster blickten mehr durch, um was es überhaupt ging. In diesem Moment kam meine Frau ins Zimmer. «Jetzt ist aber genug», sagte sie. «Du kannst doch nicht für eine deiner Kolumnen unseren ganzen Hausrat gegeneinander aufhetzen.»

«Liebes Mobiliar», sagte ich, «meine Frau hat recht. Ausserdem fallen mir keine Wortspiele mehr ein. Also Schluss jetzt.»

Essjuhwiehs

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 11. Oktober 2019

Ich will mich ja nicht aufregen. Aber Essjuhwies? Also, SUVs, oder «Suffs», wie Deutschschweizer manchmal ganz treffend sagen. Denn die saufen ja wirklich viel, also die Suffs, nicht die Deutschschweizer. Und darum verstehe ich einfach nicht, wieso entgegen jeder klimapolitischen Dringlichkeit immer mehr Schweizerinnen und Schweizer einen solchen Streitwagen fahren. Es gibt nur einen vernünftigen Grund für einen Suff: eine abgeschlossene Lehre als Förster. Aber so viele Försterinnen kann es gar nicht geben, wie Suffs zugelassen sind. Wer ums Verrecken beim Vorwärtskommen mehrere Tonnen unterm Hintern haben will, dem spendiere ich eine Runde Elefantenreiten im Kinderzoo.

Ich will mich ja nicht aufregen. Aber wieso geben wir überhaupt noch Millionen von Franken für den Bau und Unterhalt von Strassen aus, wenn sowieso alle Offroader fahren? Dann sollen die eben durchs Gelände pflügen. Fussgänger fräst man damit ja auch um, ohne etwas zu spüren. Da gehören doch ein paar Schlaglöcher zum Fahrspass einfach dazu.

Wieso überhaupt noch ein Haus kaufen, wenn die Autos so gross sind, dass die durchschnittliche Scheidungsfamilie bequem darin leben könnte? Samt Hund und neuer Geliebter? Man hat ja zwei davon. Also Suffs. Bei zwei Geliebten wird es dann schon ein wenig eng, vor allem wenn sie eigene Hunde mitbringen.

Gut, ich merke, dieses Argument überzeugt Sie nicht. Aber haben Sie gewusst, dass ein Suff-Parkfeld gleich gross ist wie eine Einzelzelle in einem Schweizer Gefängnis? Nämlich rund zwölf Quadratmeter? Jeder kriegt eben, was er verdient.

Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem Argument, so ein Suff sei halt praktisch für den Wocheneinkauf. Die durchschnittliche Aldi-Filiale gibt gar nicht so viel her, wie in den Kofferraum passt. Die Schweizer Privathaushalte verfügen heute über mehr gepanzerte Fahrzeuge als die beste Armee der Welt. Was, um Himmels Willen, haben wir damit vor? In Konstanz einmarschieren? «Seit 5 Uhr 45 wird die Mehrwertsteuer zurückgefordert?»

Ich will mich ja nicht aufregen. Aber wieso korreliert viel Geld nie mit gutem Geschmack? Suffs sind hässlich, Ochsen­frösche auf Anabolika. Ich glaube ja, dass die Suff-Designer aller Autobauer intern eine Wette am Laufen haben, wie hässlich sie ihre Offroader gestalten können, dass die Leute immer noch bereit sind, mehr als den Jahreslohn einer Migrosverkäuferin dafür hinzublättern.

Ich will mich ja nicht aufregen. Aber was man mit diesem Geld alles anstellen könnte? Ein GA und jeden Tag Champagner saufen in der 1. Klasse! Ich meine, wenn ich wählen könnte, wäre für mich ganz klar: lieber besoffen im Zug, als nüchtern im Suff. Gute Fahrt.

Kleine Thekenkunde

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 30. September 2019

Die Bibliothek kennt jeder, wenn auch nicht von innen. Aber wie sieht es mit ihrer Verwandtschaft aus? Häufig verwechselt wird die Bibliothek mit ihrer frommen Tante, der Bibelthek, dabei sind die beiden leicht zu unter­scheiden. In der Bibelthek steht nämlich in der Regel nur ein einziges Buch – oder aber ­ein dyslexischer Primar­schüler, und es ist doch eine Bibliothek.

Eng verwandt mit den Bi­blio­theken sind die Fleisch­theken. Bei beiden ist die Auslage ähnlich blutig, wobei sich in der Thriller-Abteilung der Bibliotheken in der Regel Körperteile nicht tierischen Ursprungs stapeln. Das Gute an den Bibliotheken: Im Gegensatz zu den Fleischtheken kann man die dicken Schinken hier wieder zurückbringen, wenn man sie verschlungen hat. Tut man es nicht, muss man eine Hypothek aufnehmen, um die ­horrenden Mahngebühren zu tilgen.

Ein Vetter der Bibliothek ist der Schulthek, der aber trotz eines grossen Ranzens in der Regel weitaus weniger Bücher enthält als eine Bibliothek. Unter ihren Geschwistern ist die Bibliothek die introvertierteste: nicht so verspielt wie die Ludothek, nicht grosses Kino wie die Cinemathek, und sie geht auch nicht so ab wie ihre partygeile Schwester, die Discothek. Was mit ein Grund dafür ist, dass die Bibliothek eher von älteren Semestern frequentiert wird, die neben den mittagsschlafkompatiblen Nachmittagsöffnungszeiten auch das Angebot an Grossdruck-Büchern schätzen. Das Kleingedruckte hingegen ist die Spezialität der Apotheke. Wobei Beipackzettel lesen häufig mehr Alpträume verursacht als die blutigsten Thriller aus der Bibliothek.

Irgendwann in der vorletzten Eiszeit ausgestorben ist die Videothek, eine Coucousine der Bibliothek mit eher zweifelhaftem Ruf. Auch von der Bildfläche verschwunden ist der südamerikanische Onkel, der Azteke, dem die Spanier nicht nur Land und Gold raubten, sondern auch das h nach dem t. Im Gegensatz zur Videothek gehörte der Azteke jedoch, genau wie die Bibliothek, zur Hochkultur.

Bis heute umstritten ist übrigens die Frage, wie viele Bücher es braucht, damit überhaupt von einer Bibliothek gesprochen werden kann. Die Franzosen ziehen sich wie immer ganz elegant aus der Affäre. Bei ihnen ist jedes Bücherregal eine bibliothèque. Ganz egal, ob ein Buch drinsteht oder nicht.

Und nein, eine Stiftsbibliothek wird nicht vom Lehrling geführt.

Endlich Herbst

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. September 2019

Das Schönste am Herbst ist, dass der Sommer vorbei ist. Endlich. Dieser nervtötende Angeber, dieser flip-floppende Grosskotz, der es wie die Sonnenuhr macht: Er hält sogar seinen Schatten für das Mass aller Dinge. Der längste Tag, die kürzeste Nacht (aber tropisch!), Rekordtemperaturen – drunter macht es der Sommer nicht. Er ist eben der Trump unter den Jahreszeiten: Völlig verpeilt in seiner Selbstüberschätzung, spaltet er die Nation in jene, die ihn heiss lieben, und jene, die ihn am liebsten loswerden würden (#ImpeachSummer).

Den Herbst hingegen lob ich mir. Er ist wie die CVP: Wankelmütig (fröstelkalt am Morgen, am Nachmittag reichts noch fast einmal für die Badi), auf Ausgleich bedacht (Tagundnachtgleiche) und tendenziell auf dem absteigenden Ast. Im Gegensatz zum Sommer muss sich der Herbst nicht in Pose werfen, er ist kein Lautsprecher, kein Blender, kein greller Typ, nein, der Herbst hat die ganz grosse Farbstiftkiste von Caran d’Ache in die welken Hände gelegt bekommen. Keiner kann mehr Zwischentöne und Nuancen als er.

Und um einiges leiser als der Sommer ist er auch. Für das Dröhnen der Laubbläser kann er ja nichts. Ihren raschelnden Striptease vollführen die Bäume nicht für uns, sondern nur für sich selbst; deshalb erröten sie ja auch, wenn man ihnen beim Entblättern zuschaut. Bald schon stellt man die Heizung wieder an, mit schlechtem Gewissen, weil man immer noch mit Öl heizt (der nächste Sommer wird noch heisser werden). Und man schaut den Schwalben bei ihrer Flugakrobatik zu (#flugcharme) und fühlt sich selber leicht und beschwingt dabei, Sauser sei Dank.

Ja, die Natur fährt noch einmal das ganz grosse Buffet auf, aber aus der Überfülle tötelet uns die allgemeine und eigene Vergänglichkeit entgegen. Deshalb auch die Bénichon, diese kollektive Völlerei wieder jede Vernunft und Ernährungsempfehlung: sich noch einmal den Bauch vollschlagen, wer weiss, ob man nächstes Jahr noch mit am Tisch sitzt.

Alles vergeht, daran erinnert uns der Herbst. Und den Ga­raus gemacht hat er zum Glück auch den Sommerferien der Kinder, diesen siebeneinhalb Wochen, die zäh dahinflossen wie Asphalt in der glühenden Sommerhitze. Siebeneinhalb unendlich lange Wochen, bei denen am Schluss die Nerven mancher Eltern und Kinder so blank lagen wie die Flanken der einst vergletscherten Berge.

Nun sind die Kinder wieder aus dem Haus und reifen ihrer schulischen Vollendung entgegen. Dem Herbst sei Dank. Dafür verzeih ich ihm alles andere: den Nieselregen, die Nebeltage und den unvermeidlichen Wurm in den heissen Marroni.

Stilfragen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 29. Juni 2019

Gerade in diesen Backofentagen werde ich als Stilexperte häufig gefragt: «Nackte! Männerfüsse! in! Sandalen! Geht das!» Ohne Fragezeichen, aber mit fünf Ausrufezeichen, weil es eigentlich gar keine Frage ist, sondern ein bereits gefälltes ästhetisches Todesurteil, das ich lediglich noch unterzeichnen soll.

Doch den Gefallen tu ich nicht. Ich finde nämlich, nackte Männerfüsse in Sandalen, das geht durchaus. Ich habs ausprobiert. Und Jesus lief schliesslich auch nicht mit rahmengenähten Budapestern herum. Wer will also den ersten Bimsstein werfen?

Überhaupt finde ich, was bei Frauen ok ist, soll auch für Männer in Ordnung sein. So viel Gleichberechtigung muss sein. «Aber Socken in Sandalen?», werden Sie jetzt vielleicht fragen. Bitte, wers mag. Was übrigens auch geht: bleiche und haarige Krampfaderbeine, die unter zu kurzen Sommerröcken oder Shorts hervorschauen, wabblige Tantenarme und mehr oder weniger imposante Bauchansätze mit leichtem Sonnenbrand – und Falten an allen möglichen und unmöglichen Stellen, das geht sowieso.

Denn hey, Leute, es ist Sommer. Grillzeit. Also raus mit dem Fleisch, auch wenn es kein Edelstück ist oder eher ein Käseplätzli statt ein Hohrückensteak. Das Leben ist nun mal kein Instagram-Profil mit eingebautem Filter. Hier gibt es eben noch echte Menschen mit echten Körpern, und der öffentliche Raum ist kein Laufsteg, den man nur mit Modelmassen betreten darf.

Aber wenn Sie schon um meine Stilkritik fragen, bitte. Was meiner Ansicht nach in dieser Saison gar nicht geht: Dass eine Freiburger Partei nur mit Männermodels wirbt – das ist nicht retro-chic, das ist einfach untragbar. Stillos ist, wie ihre Mutterpartei in ihrem extraplatten Extrablatt die Klimapolitik mit fadenscheinigen Argumenten und gegen den Strich jeder Logik zu einer Ausländerfrage zurechtschnurpfen will. Schlechte Handwerk ist es sowieso: Das Wahlkampfmäntelchen ist so durchsichtig gestrickt, dass man durch es hindurch die Angst seiner Macher sehen kann, dass ihnen diese Masche diesen Herbst keiner abkauft.

Ganz generell finde ich: Zwar lassen sich Ignoranz und Hass gut kombinieren, aber sie machen hässlich. Und Bretter vor dem Kopf sehen nie gut aus, auch wenn man dieses Accessoire mit Stolz spazieren führt.

Aber nackte Männerfüsse in Sandalen, das geht. Wer den Anblick schwieliger Männerfüsse in klobigen Sandalen trotzdem als persönliche Zumutung ansieht, der soll halt, Herrgott noch mal, seinen Mitmenschen nicht auf die Füsse schauen, sondern in die Augen.

Dort hat es zwar auch Hornhaut. Dafür wirklich nur in Ausnahmefällen Hühneraugen.

Raumschiff Erde

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 25. Juni 2019

Der Mond fasziniert mich. Die Mondlandung sowieso. Das 50-Jahr-Jubiläum von Neil Armstrongs kleinem Schritt ist für einen Süchtigen wie mich wie 24 Stunden Happy Hour. Sprich, ich gebe mir die Kante: Ich schau mir jeden Dok-Film an, den die unendlichen Weiten des Fernsehens hergeben, liebäugele damit, auch noch den dritten und vierten Bildband zum Apollo-Programm zu kaufen, und zwischendurch gehe ich mit meinem Telesköpchen auf dem Mond spazieren. Und mein Konsum von Raketen-Glaces (die wurde im mondverrückten Sommer 1969 gestartet) ist so astronomisch hoch, dass meine Frau meint, auf dem Mond wiege man zwar vielleicht nur einen Sechstel seiner irdischen Leibesfülle, aber es sei jetzt trotzdem genug.

Aber ich kann nicht anders. Die Vorstellung, dass 1969 drei Männer mit einer Bombe unter dem Füdli und einer Schweizer Uhr am Handgelenk zum Mond gelangten und sicher wieder zurück, auf einer mit Stift und Papier berechneten Flugbahn, ist und bleibt für mich einer der ganz grossen Momente der Menschheitsgeschichte.

Das Mondfieber ist wieder da. Amis, Chinesen, Russen, alle wollen wieder auf den Mond – und dieses Mal wollen sie bleiben. Lunare Iglus und Mond-Salat, der auf Astronauten-Dung heranwächst, sollen die Besiedlung des unwirtlichen Erdtrabanten ermöglichen. Viele sehen den Mond dabei nur als Sprungbrett auf dem Weg zum Mars. Die Kolonisation ferner Himmelskörper werde nötig, wenn die Erde dereinst nicht mehr genug Nahrungsmittel für die Menschheit hergebe, hörte ich neulich eine junge Schweizer Ingenieurin in einem Dok-Film sagen.

Der Mars als Plan B, wenn es auf der Erde schiefläuft? Das finde ich ziemlichen Quatsch. Denn wer könnte sich ein Ticket fürs Rettungsraumschiff leisten? Reiche Männer: Jeff Bezos von Amazon, Marc Zuckerberg von Facebook, in der Holzklasse vielleicht noch Christoph Blocher. Selbst wenn die das auf dem Mars mit der Fortpflanzung hinbekämen, wäre das kein guter Neuanfang für die Menschheit.

Im gleichen Dok-Film sagte ein Raumfahrtexperte: Anstatt von Raumschiffen zu träumen, die uns von der Erde wegbringen, müssten wir uns bewusst werden, dass wir längst in einem Raumschiff sitzen. Wir sind acht Milliarden Astronauten, mit 107 000  Kilometern pro Stunde rasen wir durchs nachtschwarze All und drehen uns um die Sonne, bis diese sich in fünf Millionen Jahren zum Roten Riesen aufbläht und grillt, was von uns übrig geblieben ist.

Den Kurs können wir nicht ändern. Aber wir sollten uns verdammt nochmal endlich um die lebenserhaltenden Systeme an Bord kümmern. Da leuchten nämlich längst alle Alarmlämpchen fiebrig rot.

Tour de Suisse

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. Juni 2019

Als es nach Flamatt den Stutz hinauf ging, fluchte Platten. Die dritte Etappe war noch keine zwei Minuten alt und er hasste sie schon. Schon als 15-Jähriger war er bei den Bergrennen des VC Hefenhofen stets das Schlusslicht gewesen. Es lag nicht an der Kraft. Am Hang stand er einfach auf dem Schlauch. Mental.

Er hatte sich trotzdem zu einer Karriere als Velorennfahrer überreden lassen. Das schien ihm allemal besser als das KV. Und er hatte ja durchaus seine Glanzmomente gehabt. Auf Kopfsteinpflaster. Doch seine jugendliche Leichtigkeit hatte er längst verloren, weshalb er auch deutlich weniger verdiente als die Kollegen seines drittklassigen Teams. Und im Hotel bekam er das Zimmer über dem Dampfabzug der Küche. Schweiss und Schmerzen am Tag, Pommes-Gestank in der Nacht.

Dazu die Demütigung, immer nur die in Polyester gepackten Hinterteile seiner Konkurrenten zu sehen. Wie gerne hätte er ihnen allen in den Arsch getreten. Aber so nahe kam er gar nicht an sie ran, nur den Dreck, den bekam er ab, wenn sie durch die Pfützen sausten. Bei der letzten Etappe hatte ihn sogar der Besenwagen überholt – und es nicht einmal gemerkt.

Da vorne kam ein Dorf. Schulkinder säumten die Strasse. Abkommandierte Statisten der geheuchelten Begeisterung. Er sah nicht, wie ein Bub im Überschwang sein Fähnchen hoch in die Luft schleuderte. Aber er spürte, wie sich der Holzstab in die Speichen klemmte und das Vorderrad blockierte. Schwerelos flog er durch die Luft – einmal Armstrong sein, wenn auch der falsche – und knallte dann auf den Asphalt.

Als er wieder zu sich kam, beugte sich eine Frau über ihn. Sie hatte keine Velorenn-Figur. Mollig war sie, aber kräftig genug, um ihn von der Strasse aufzuheben wie ein kleines Kind, das vom Trotti gefallen war. Sie bettete ihn auf die Wiese und blieb beim ihm, als der Notarzt kam. Das wärs dann gewesen mit der Tour, sagte der und zeigte auf den Unterschenkelknochen, der aus der offenen Wunde hinausragte. Und mit dem Rennsport wohl auch.

Was er jetzt denn mache, fragte ihn die Frau mitleidig. Eigentlich würde er einfach gerne bei ihr bleiben, sagte Platten, aber er könne Pommes nicht ausstehen, das sage er lieber gleich. Sie auch nicht, sagte sie und lächelte. Wo er eigentlich sei, fragte er. In Wünnewil, sagte sie. Seis drum, sagte er, mit ihr könne er auch in Wünnewil glücklich werden. Und das wurden sie dann auch.

Aber so schön ist die Tour de Suisse leider nur in dieser Kolumne. In Wirklichkeit ist sie wie schlechter Sex: enttäuschend schnell vorbei. Und dass man dabei ein Werbehütchen der Vaudoise aufhat, macht die Sache definitiv auch nicht besser.

Der Mond ist voll

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 4. Juni 2019

«Der Mond ist saufen gegangen, seht ihr ihn am Tresen hangen, sternhagelvoll und breit …» Schonungslos nüchtern hat der deutsche Dichter Matthias Claudius – ansonsten eher von romantischen Anwandlungen durchwabert – in seinem 1779 veröffentlichten «Abendlied» das wahre Wesen des Mondes als eines schwer alkoholkranken Himmelskörpers besungen. Bekannt geworden ist Claudius’ «Abendlied» übrigens erst in einer von seinem Lektor erarbeiteten entschärften Fassung («Der Mond ist aufgegangen»). Aber seine Beobachtung stimmt: Der Mond macht uns nicht süchtig, er ist es selber. Die amerikanische Flagge jedenfalls, die Neill Armstrong und Buzz Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond aufpflanzten, war nicht die erste Fahne, die dort oben wehte.

Der Mond, das ist eine klassische himmeltraurige Trinkerkarriere. Immer wieder nimmt er sich aufs Neue vor, trocken zu bleiben. Was ihm auch gelingt – aber nur einen Tag lang. Wie ein neuer Mond fühlt er sich dann jeweils. Aber dann überkommt ihn erneut das Verlangen und er kippt sich was hinter die zarte Sichel. Nicht viel. Nur was, um sich ein bisschen glänzender zu fühlen. Und weils so guttut, gleich noch ein zweites Gläschen. So füllt er sich die Himmelslampe, und nach vierzehn Tagen ist der Mond voll bis unter die Kraterkante.

Eine Nacht lang sonnt er sich im Rausch. Umso brutaler dann der Kater. 14 Tage ausnüchtern. Therapiesitzung bei den Anonymen All-Koholikern, wo der Mond sich und den anderen weiszumachen versucht, er habe kein Problem mit dem Trinken, er sei ja nur phasenweise voll. Was den Meteoren völlig schnuppe ist, und Neptun, wie immer blau, nimmt ihn eh nicht für voll.

Wieso der Mond säuft? Ich vermute mal, weil er gerne ein anderer wäre, als er ist. Kein treuer Trabant, sondern ein heisser Ferrari, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der Mond fühlt sich zu mehr berufen als Ebbe und Flut. Seine dunkle Seite ausleben, das möchte er: das Kalb rauslassen. Mit den Jupitermonden durch die Milchstrasse ziehen und White Russians schlürfen. Oder einen Kometen mit seiner Anziehungskraft für immer aus der Bahn werfen. Und einmal nur, einmal nur aufgehen über der Venus.

Hochfliegende Träume hat der liebe Mond, aber die Schwerkraft zieht ihn gnadenlos runter. Die Erde hält ihn an der kurzen Leine. Das macht ihn schwermütig, und gegen Schwermut hilft nur Wermut. Oder wie Matthias Claudius im zweiten Teil der ersten Strophe seines «Abendlieds» (der Originalfassung) dichtet: «Das All steht schwarz und schweiget, nur aus dem Glase steiget ein kleines bisschen Fröhlichkeit.»

Bauchnäbel und Bademäntel

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. Mai 2019

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii und ging auch nie durch San Francisco in zerrissnen Jeans. Ich sass übrigens auch noch nie im weissen Bademantel an einem durchsichtigen Flügel. Aber trotzdem singt mir Udo Jürgens aus dem Herzen. Ich war noch nirgends. Was kein Problem wäre, wenn nicht immer alle anderen erzählen würden, wo sie schon alles gewesen sind.

Kennen Sie das? Da sitzt man in einer gemütlichen Runde zusammen und schon gehts los mit den Reiseerzählungen: Australien («Dieses Jahr mal die Westküste. Eindrücklich!»), Neuseeland («Immer wieder schön.»), Thailand («Das Essen, toll, und die Leute, alle so nett.»), mit dem Camper durch die USA («Diese Weite!»), Galapagos («Noch nicht so überlaufen»), Safari in Kenia («Die Löwen waren enttäuschend.»). Und alle schwärmen eifrig mit, weil alle schon überall waren, und wo sie noch nicht waren, gehen sie nächstes Jahr garantiert hin. Auf die Malediven zum Beispiel («So lange es sie noch gibt.»). Nur ich sag dann nichts, weil Kaninchenfüttern im Reka-Dorf halt nicht so ­sexy ist wie Whale-Watching in Island.

Manchmal schiebe ich dann meine Kinder vor. Mit denen seien lange Reisen halt mühsam, sage ich und fühle mich schlecht dabei, weil ich meine Kinder gleich behandle wie die SVP die Ausländer: immer schuld an allem – obwohl sie gar nichts dafür können.

Denn es liegt ja an mir. Und ich frag mich dann schon: Mach ich was falsch? Verpass ich etwas, wenn ich nicht zwei Mal im Jahr um die halbe Welt jette? Reisen erweitert den Horizont, heisst es ja so schön. Aber ich habe da ehrlich gesagt meine Zweifel. Denn der Bauchnabel fliegt ja mit, als Mittelpunkt der Welt, als Kompass und Gradmesser für alles Fremde. Was dann dazu führt, dass man die Ignoranz zur Abwechslung mal zwei Wochen vor exotischer Kulisse spazieren führt: «Die haben so wenig und sind trotzdem alle total zufrieden.»

Und überhaupt: Wären die gesammelten Flugmeilen ein Gradmesser für die Weltoffenheit, dann würden wir ja nicht Zäune hochziehen, wenn die Welt zu uns kommt.

Aber vielleicht tue ich all den Weitgereisten ja Unrecht. Vielleicht bin ich ja auch nur ein selbstgerechtes Astloch mit engem Horizont, dem der eigene Nabel schon Attraktion und Abenteuer genug ist. Vielleicht täte mir eine Fernreise mal so richtig gut, um meinen Blick zu weiten. Was Knalliges: Walross-Reiten in Alaska oder Islamisten-Streicheln in Kabul zum Beispiel.

Oder vielleicht kaufe ich mir einfach einen weissen Bademantel. Dann ist fertig Nabelschau und der Blick frei für die Welt um mich herum.