RS im Homeoffice

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 14. Januar 2021

Rekrutinnen! Rekruten! Hört Ihr mich? Wieso hört mich keiner? Aha, ich muss noch mein Mikrofon freischalten. Sodeli. Rekrutierte! Ich bin Leutnant Seiber. Ihr seid heute eingerückt zu einer ganz speziellen Winter-RS. Wegen dem BöVi müsst Ihr einen Teil Eurer militärischen Grundausbildung im Homeoffice absolvieren. In Zeiten wie diesen beginnt die Landesverteidigung in der heimischen Stube. Mon canapé est mon réduit, wie schon Guisan sagte. Und darum spreche ich auf Zoom zu Euch. Obwohl: Wieso das Zoom heisst, wenn ich Euch alle nur so klein sehe, das versteht auch nur der Ami.

Also, AdA, beginnen wir mit den militärischen Umgangsformen. Achtung, stiiill-gestanden! He, Hugentobler, nennen Sie das stillgestanden? Da steht ja ein besoffener Russe beim Cha-Cha-Cha stiller als sie. Mir doch egal, ob ihre Katze auf der Tastatur ihres Laptops sitzt. Wie heisst das Viech? Xoa? Komischer Name. Und: Ruhn! Stanisic, ruhen habe ich gesagt, was stehen sie noch so stocksteif rum! Stanisic!? Was, das Bild ist eingefroren? Ja, wird bei Ihnen das Internet noch vom Pöstler ausgetragen?

Hueresiechnomoll, was fällt Ihnen denn ein, Affentranger, einfach eine Zigi zu rauchen? Ich sehe Sie doch ganz deutlich, auch wenn Sie sich hinter der Zimmerpalme zu verstecken versuchen. Lausige Tarnung. Wie es richtig geht, lernen wir morgen im Online-Modul «Gedeckt, getarnt». Und jetzt Zigi aus.

F*CK ARMY.

Wer hat das in den Chat geschrieben? Wer war das? Ihre Katze ist über die Tastatur spaziert, Hugentobler? Die Xoa! Raus mit dem Mistvieh! Und alle anderen: Schnauze tief.

Hengartner? Wieso sitzen Sie plötzlich zu zweit vor dem Bildschirm? Ihr kleiner Bruder braucht den Computer für seine Uni-Vorlesung… Soziologie? Elender Zivilist.

Ist Ihnen das Beingümmeli ins Gehirn gerutscht, Affentranger? Weg mit der huere Zigi. Und 50 Liegestützen. Und zwar so, dass ich es sehen kann. Und das Mikro an, ich will Sie schwitzen hören.

DE LÜFTI ISCH EN FIGGER.

Wer war das schon wieder? Xoa!!!! Ich mach sie persönlich für ihr Mistvieh verantwortlich, Hugentobler.

Was es zum Zmittag gibt? Sie haben alle per Post eine Notration Büchsen bekommen. Der Küsche wird ihnen nachher die Handhabung des Spirituskochers Amherd V erklären.

DAS SCHMECKT JA MEIN KATZENFUTTER BESSER.

Klappe, Xoa!!!! Und jetzt Abtreten! Am Nachmittag gibt’s das erste Schiesstraining. Auf Hugentoblers Katze.

BöVi = Böses Virus, AdA = Angehörige der Armee, Lüfti = Leutnant, Küsche = Küchenchef

Festlich fluchen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. Dezember 2020

Stress, Familie, verordnete Fröhlichkeit – und obendrauf noch der Stimmungskiller Corona: Dicke Luft unterm Tannenbaum ist normal – und nicht immer sind die Kerzen schuld. Oder haben Sie sich noch nie geärgert an Weihnachten? Eben. Und angestauter Ärger muss raus, am besten mit einem herzhaften Fluch. Fluchen an Weihnachten? Unbedingt, aber bitte richtig. Mit ausgesuchten Weihnachtsflüchen verleihen Sie nämlich jedem ordinären Wutausbruch eine festliche Note. Ein Fondüschinuassösselisiechnomoll zum Beispiel entschärft jeden Konflikt am Familientisch. Ein donnerndes Hallelujabäseständer geht auch der älteren Generation locker über die erzürnten Lippen. Und das währschafte Chaschperbauzundmäuk! passt auch im Januar noch, wenn man sich eine Krone am Plastikkönig ausbeisst.

Gerade an Weihnachten kann es zwischendurch vonnöten sein, seinen Nächsten, denen man in Liebe und Verwandtschaft zugetan ist, klar und deutlich zu sagen, was man von ihnen hält. Die Klassiker Ochs, Esel, Schaf und Kamel gehen natürlich immer und entfalten vor der Weihnachtskrippe einen ganz besonderen saisonalen Charme. Spezifischer sind freilich Schimpfwörter wie Teighölzliaff, der übrigens gesteigert werden kann zum glasierten Teighölzliaff, ned ganz Bachne, was in etwa der Bettybossiguetzligomsle gleichkommt.

Für Warmduscher eignen sich Ausdrücke wie Beimstillenachtinderkircheflenner oder Dudreinüssefüraschenbrödelguckerdu, wobei beide Begriffe durchaus auch als Kompliment für besonders feinfühlige Männer gedacht sein können. Achten Sie auf den Tonfall. Statt dem ganzjährig verwendeten und überstrapaziertem Ar… empfiehlt sich ein tief empfundenes Anus-Chräbeli – ordinär und originell zugleich. Chreesgrind, fautsche Hagu-Zucker, Lametta-Lisi und Zimtstärnzicke passen in jeder Situation, während Du schlechter Herbergsvater früher unter Priesterseminaristen als kumpelhafte Beleidigung galt, heute jedoch praktisch ausgestorben ist.

Auch die Namen von Ikea-Produkten eignen sich an den Festtagen zum Fluchen. Blötsnö zum Beispiel – übrigens eine Lichterkette – passt hervorragend, um überstellige Kinder anzuschnauzen: Blötsnö, ihr Chreesgrinde!?, im Sinn von «Spinnt ihr eigentlich?».

Und jugendliche Möchtegern-Gangsterrapper können mit Sätzen wie «Häb din Christstolle, soscht hol ich min Bro Herodes, du Erschtgeborene» gleichzeitig den Macker und Bibelfestigkeit markieren.

In diese Sinne: Frohe Weihnachten – und Figugel (Flueche isch guet und git e gueti Luune).

Gleich, sofort, (sehr) bald

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 12. Dezember 2020

Wenn es ein Wort gibt, das ich nicht ausstehen kann, dann ist es: gleich – zumindest, wenn es aus dem Mund meiner Kinder kommt. Und wenn Sie erziehungsberechtigt sind, dann wissen Sie wahrscheinlich, wovon ich rede. «Kommst du endlich frühstücken, du musst zur Schule.» «Gleich.» «Erst die Hausaufgaben, dann Youtube.» «Gleich.» «Räumst du bitte dein Zimmer auf?» «Gleich.» «Löschst du das Licht? Zeit für ins Bett.» «Gleich.» Von morgens früh bis abends spät immer nur «gleich, gleich, gleich».

Das Problem dabei: Gleich bedeutet sofort, und das finde nicht nur ich, das findet auch mein Erziehungsratgeber, der Duden: «in relativ kurzer Zeit, sofort, [sehr] bald», heisst es dort. Blöd nur, dass meine Kinder das ganz anders sehen. Für sie ist «gleich» eine beliebig dehnbare Zeitspanne, die von wenigen Minuten über Stunden bis zu Tagen alles bedeuten kann, je nach Lust, Laune und Tagesform. Und manchmal heisst gleich auch – mir doch egal.

Ich weiss nicht, woher meine Kinder das haben. Von mir jedenfalls nicht. Wenn ich gleich sage, dann meine ich auch gleich. Ein Mann, ein Wort. Verlässlichkeit, das ist, was zäh… «Papi, hilfst du mir beim Laubsägeln?» «Gleich, ich muss nur noch diese Kolumne fertig schreiben, ja?» Das ist doch einfach eine Frage des Anstands und des Respekts, finde ich, dass man auch sofort kommt, wenn man gleich sagt. «Papi, ich habe mir in den Finger gesägt, kannst du mir ein Pflaster geben?» «Gleich, du siehst doch, dass ich am Arbeiten bin.» Vergessen Sie Erziehung, die Kinder machen einem sowieso alles nach. Darauf kommt es doch an… «Aber es blutet.» «Ich komm gleich, nur noch 30 Zeilen, dann bin ich fertig.» Dass man den Kindern auch vorlebt, was man von ihnen verlangt.

«Und das Laubsägeli ist auch kaputt.» «Gleich, ich komme gleich.» Wie sollen sie es denn sonst lernen, wenn nicht vom Vorbild, das man ihnen gibt? «Gleich gibt’s Essen, alle Hände waschen und an den Tisch…» «Gleich!» Wo war ich? Genau, Vorbild sein. Das vernachlässigen viele Eltern und wundern sich dann… «Essen! Es sind schon alle am Tisch, ausser du.» «Glei-eich! Ich habe doch gesagt, ich komme gleich.» … und wundern sich dann… «Die Kinder haben auch gleich gesagt, sitzen aber schon am Tisch.» «Das lässt sich doch nicht vergleichen.» … und wundern sich dann, wenn die Kinder die gleichen… «Essen!» «GLEICH! In relativ kurzer Zeit, sofort, (sehr) bald – nur noch diesen einen Satz.»

Und wundern sich dann, wenn die Kinder die gleichen Saumödeli an den Tag legen wie man selber.

Ist das Christkind geimpft?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 30. Oktober 2020

Schon bald steht Weihnachten vor der Tür – aber ob heuer das Festergebnis positiv ausfällt? Weihnachten mit Corona, das wird einfach schwierig.

Darf man zum Beispiel noch im erweiterten Familienkreis lauthals unter dem Tannenbaum singen? Und welche Lieder? «Jingle Bells» ist auf jeden Fall tabu: Sechs «Tsch»-Laute in jedem Refrain, das ist für die Aerosole wie zweimal Weihnachten. Und «Alle Jahre wieder …» tönt heuer weniger nach froher Verheissung als nach einer epidemiologischen Drohung. Vielleicht wäre «O Aero-Sole mio» ganz passend?

Übrigens, gilt eine Maskenpflicht fürs Blockflöteln? Und wenn ja, an welchem Ende des Speuzknebels?

Wie viel Desinfektionsmittel muss ich in die Bouillon des Fondue Chinoise kippen, damit allfällige Viren an den Gabeln zuverlässig abgetötet werden? Hat der pensionierte Koch ein Rezept dafür? Sind Rollschinkli noch sicher? Weiss ja kein Schwein, ob sich die Viecher ans «Saustall Distancing» halten. Und Mailänderli? Wütete dort die Seuche nicht besonders schlimm?

Was, wenn der Adventskalender heuer zum Quarantänekalender wird, weil man vom Glühweinsaufen an der Vereinsweihnacht mehr als nur ein paar Promille nach Hause bringt? «Nur noch zehn Türchen, liebe Kinder, dann dürfen wir wieder vor die Tür.»

Stimmt es, dass Rottannen mehr Viren aus der Stubenluft filtern als Blautannen? Muss man die Grosseltern trotzdem einmal pro Stunde zum Lüften vor die Tür stellen? Ist das Christkind eigentlich geimpft? Und sind die drei Weisen aus dem Morgenland klug genug, sich an die Quarantänepflicht für Einreisende zu halten? Nicht, dass wegen ein paar Covidioten das Krippenspiel zum Grippespiel wird.

Was macht es eigentlich mit den Seelen unserer Kinder, wenn der Samichlaus (Risikogruppe!) zu Hause bleibt, der Päcklipöstler aber trotz Pandemie arbeitet? «DHL-Kurier, du liebe Maa, darf ich au es Gschänkli ha?»

Ist es okay, sich heuer bei Tante Hedi mit einer herzlichen Umarmung zu bedanken für all die selbst gestrickten Kratzfoltersocken in lebensfrohem Beige, die man seit seinem fünften Lebensjahr zuverlässig immer zwei Nummern zu gross geschenkt kriegt?

Muss man Freude heucheln über den selbstbemalten Seifenspender des Göttimeitli, der zwar seuchenprophylaktisch überzeugt, ästhetisch aber eher nicht?

Darf man Smarties schälen und dem Grosi als Echinaforce-Tabletten unterjubeln?

Schwierig, schwierig. Richtig übel wird’s aber erst am 6. Januar: König zu werden war für mich bisher immer das Grösste. Heuer habe ich aber absolut keine Lust auf die Corona.

Meine Depp-Ich-Etage

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 7. Oktober

Ich stelle mir mein Gehirn gerne als Verwaltungsrat meiner kleinen Ich-AG vor. Egal ob neuer Job oder das Zmittag in der Familienkantine – er entscheidet einfach alles. Im Gegensatz zu den meisten Firmen-Verwaltungsräten ist mein Organ weiblich dominiert. Die Erfahrung etwa ist schon seit 43 Jahren dabei und jeden Tag ein bisschen reicher. Dass sie es bisher trotzdem nicht geschafft hat, die Naivität wegzuekeln, freut mich. Denn wer zwischendurch die rosa Brille anzieht, verschliesst nicht die Augen vor der Wirklichkeit, sondern führt sich vor Augen, wie die Wirklichkeit auch sein könnte. Diesen Satz brachte neulich die Hoffnung in einer Powerpoint-Präsentation. Oder war es die Vorstellungskraft? Oder die Kreativität? Diese Damen reden nämlich auch immer ein gewichtiges Wörtchen mit.

Immer sehr sächlich sind meine Compliance-Verantwortlichen: das Gewissen, das Mitgefühl, das Verantwortungsbewusstsein. Analytisch unterwegs ist die Intelligenz. Blöd nur, dass sie in den Sitzungen immer zwischen der Dummheit und der Ignoranz sitzt. Wenn in einer hitzigen Debatte ein Votum aus dieser Ecke kommt, weiss man nie genau: Ist das jetzt klug, auch wenns dumm tönt? Oder wäre Ignorieren das Klügste? Obs ein Seich ist, verrät einem leider häufig erst die Erfahrung im nächsten Morgenbriefing. Darum heisst es wohl auch Depp-Ich-Etage.

Natürlich habe ich auch ein paar Quotenmänner. Allen voran den Verstand, der auf dem Papier zwar als Vorstand firmiert, aber bei eigentlich allen wichtigen Entscheidungen grad auf der Toilette ist oder Kaffee holen. Und dann gibts noch den Zweifel. Ein ekliger Kerl. Da hat der Verwaltungsrat grad ein tolles Projekt beschlossen, der Tatendrang ist schon halb zur Tür hinaus, um operativ zu werden, da räuspert sich der Zweifel: «Schön und gut. Aber ob das wirklich klappen kann?» Der Naivität, die sich schon am Apéro-Buffet bedient hat, fallen vor Schreck die Chips zu Boden – die Zweifel sind gesät.

Als Nächstes kippt die Angst um. «Ich fürchte, der Zweifel hat recht.» Und dann fängt auch noch die Verzweiflung zu heulen an. «Schlafen wir erst mal drüber», vertagt die Vernunft die Sitzung. Und das tun dann auch alle. Ausser dem Zweifel. Der bleibt die ganze Nacht wach und zeichnet immer düstere Szenarien aufs Flipchart. Dafür ist er am nächsten Morgen so müde, dass er einnickt, als die Zuversicht den Plan erneut auf die Traktandenliste setzt. «Wer ist dafür, dem Zweifel das Vertrauen zu entziehen?», fragt die Zuversicht. Alle Hände gehen hoch. Der Verstand hat zwar noch einige Einwände, holt aber erst mal Kaffee für alle. Ob es gut kommt? «Wir werden sehen», sagt die Erfahrung – und hat damit natürlich wie immer recht.

Heiliges Bimbam

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Oktober

Ich bin keine zwölf Himmel-und-Hölle-Felder entfernt von einer Kirche aufgewachsen. Wahrscheinlich bedeutet deshalb Glockengeläut für mich Heimat. Das heilige Bimbam gehört zum Sound meiner Kindheit, und den vergisst man nicht so leicht. Deshalb berührt es mich auch jedes Mal, wenn am Samstagabend im Schweizer Radio die Kirchenglocken erklingen, um den Sonntag einzuläuten.

Jedes Mal stelle ich mir dann den Tontechniker vor, der das Glockengeläut aufnimmt. Für mich heisst er Heinz. Seit Jahrzehnten schon, da bin ich mir sicher, reist Heinz kreuz und quer durchs Land, in verschlafene Städtchen und entlegene Bergtäler, um das Glockengeläut einzufangen. Es gleicht einem Ritual, wie er sein Mikrofon platziert und den Aufnahmeknopf rechtzeitig drückt, um ja nicht den ersten Glockenschlag zu verpassen, das zaghafte Anschlagen des Klöppels gegen die Messingglocke. Er liebt diese Momente, wenn sich die Glocken einschwingen wie Zirkusartisten an ihrem Trapez, wenn sich das helle Bimmeln der kleinen Glöckchen mit dem dunklen Schlag der grossen Glocke zu einem unvergleichlichen Geläut verbindet.

Heinz hat ein Ohr entwickelt für die feinen Unterschiede, kein Glockenstuhl birgt dieselbe Klangwelt; ja, der Tontechniker würde noch nach 30 Jahren jede Kirche, die er einmal besucht hat, an ihrem Geläut erkennen. In «Wetten, dass …» hätte er damit gewinnen können. Aber der grosse Auftritt liegt ihm nicht, den überlässt er den Glocken. Er ist ein stiller Mensch. Gewissenhaft. Aber nicht fromm. Er besucht nie einen der Gottesdienste, zu denen die Glocken rufen. Aber das Geläut ist ihm heilig.

Er ist getauft, gewiss, gehört einer Konfession an. Aber darüber reden mag er nicht. Glocken kennten keine Konfession, sagt er bisweilen, sie klängen nur gut oder schlecht. Das habe er im Gehör. Schon manch ein Pfarreirat hat aufgrund seiner Expertise den Klöppel auswechseln lassen und damit dem Geläut zu mehr Wohlklang verholfen. Was ihm durch den Kopf gehe, wenn er eine Aufnahme mache, wurde er schon gefragt. Nichts Besonderes, hat er entgegnet. Nur Schall und Klang.

Jedes Wochenende ist Heinz unterwegs, nach der Aufnahme kehrt er meist in der Dorfbeiz am Kirchplatz ein. Manchmal kommt es vor, dass der Wirt ihn fragt, was ihn in dieser Jahreszeit in diese gottverlassene Gegend verschlagen habe. Dann holt Heinz sein Aufnahmegerät hervor und spielt das Geläut ab, das er soeben aufgenommen hat. Für einen Moment verstummen die Gespräche in der Gaststube, dann stellt der Wirt ihm seinen Kaffee hin und sagt: «Jä so, Sie sind das mit den Glocken.» Und der Kaffee gehe dann übrigens aufs Haus.

Mein Philosofa

Beitrag im «Nebelspalter»

Mein Canapé ist tiefgründiger als ich, aber nicht, weil es durchgesessen wäre, nein: es ist ein Philosofa. Was wohl daher rührt, dass es den ganzen Tag nur rumsteht, mit dem Rücken zur Wand. Da kommt man natürlich schnell ins Grübeln über existenzielle Fragen wie: Bin ich wirklich ein Sofa? Und wenn ja, für wie viele?

Ich habe es Immanuel getauft, auch wenn es aus Fichte ist. Der Bezug hat diesen speziellen Rot-Ton, man sagt ihm, glaub ich, «Rousseau». Dazu Knöpfe aus Lessing. Wenn man sich draufschlegelt, machen die Federn leise «Nietzsche». Es ist recht bequem, aber manchmal geht es mir echt auf den Hegel mit seiner Philosofiererei.

«Ich denke, also bin ich. Oder denke ich nur, dass ich bin und bin gar nicht, was ich denke? Nicht auszudenken», sagt es zum Beispiel. «Ich denke, du bist, weil du gemacht worden bist», sage ich. «Das bist du auch.» «Aber anders. Gezeugt, nicht gezimmert.» «Genagelt wurde bei beiden.» «Jetzt hör aber auf, Immanuel. Das ist unterste Schublade.»

«Wieso muss eigentlich immer ich herhalten, wenn ihr schmutziges Zeugs redet?», reklamiert die unterste Schublade der Kommode eingeschnappt. «Weil es so kommod ist», säuselt der Luftbefeuchter, sonst nicht gerade bekannt für trockenen Humor. «Aber das ist ungerecht», beharrt die Schublade. «Tja, ähm, also…», sage ich. «Mehr fällt dir dazu nicht ein?», ätzt der Nachttisch, der eigentlich ganz süss wäre, hätte er nur ein t weniger. «Sogar dein Canapé ist tiefgründiger als du.»

«Das wäre ein schöner erster Satz für eine Kolumne», sage ich. «Da, er klaut schon wieder», ruft die billige Eames-Chair-Kopie, «darf er das überhaupt?» «Legal, illegal, Scheissegal», plärrt der anthrazitfarbene Stereoanlagen-Turm dazwischen, den alle nur den schwarzen Block nennen.

Da kommt meine Frau ins Zimmer und kuschelt sich zu mir aufs Sofa. «Liebes Mobiliar», sagt sie, «könntet ihr mal eure Klappe halten? Ich möchte jetzt nämlich ein bisschen ungestörte Zweisamkeit.»

«Und ich habe gedacht, ich sei deine einzig wahre Liege», sagt das Sofa und macht einen sauren Wittgenstein. «Ich steh gar nicht auf dich », sage ich. «Aber ich bin besessen von dir», gesteht das Sofa. «Klappe, Immanuel», sagt meine Frau.

Das einzige, was man dann noch hört, ist ein leises «Nietzsche-Nietzsche-Nietzsche».

Wer Möbelwitze mag, dem gefällt vielleicht auch die Kolumne «Total vermöbelt». (Ein paar Wortspiele kommen in beiden Texten vor.)

Postkartengrüsse aus dem Corona-Sommer

Übrigens in den «Freiburger Nachrichten» vom 16. Juli 2020

Hej, ihr Lieben, Schweden im Sommer ist super. Von wegen kühle Skandinavier, die sind überraschend heissblütig, fiebrig fast schon. Und erst die Lebensfreude – einfach ansteckend. Und das Beste: Wenn wir zurückkommen, können wir uns noch zehn Tage zu Hause erholen. Skål! Billy & Ivar

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Lieber Ruedi, heute waren wir zum ersten Mal auf dem Jungfraujoch. Grandios. Wie schön die Schweiz eigentlich ist, merkt man eben erst, wenn all die Ausländer mal nicht da sind. Aber nächstes Jahr dann wieder Phuket, gäll? Das chinesische Essen ist einfach schon megafein. Und so ein bitzeli Exotik erweitert ja auch den Horizont. Heimatliche Grüsse aus der schönen Schweiz! Sonja, Vreni, Peter

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Mann, Alter. 1 geile Party in Tsüri mit voll sozialem Tischdancing = 10 Tage Pyjamaparty dihäim. Krass krank. Dabei kommt Corona doch von Fledermaus. Kann ich ja nicht wissen, dass du es auch im «Flamingo» kriegst. Sonst wär’s doch Vogelgrippe?! Scheissviecher! Häb dich Sorg, Bro!

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Ciao Thomas, von wegen «Venedig sehen und sterben». Auch am dritten Tag in der Lagunenstadt spür ich höchstens ein Kratzen im Hals. Die Medien übertreiben eben alles. Auch der Karneval ist solala: Alle tragen dieselben langweiligen Masken. Kein Vergleich mit unserem Morgestraich. Basil

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Liebes Mami, die RS ist voll öde. Immer nur Gewehr-Figg. Mit Schutzmaske. Der erste in unserer Kompanie hat trotzdem schon Corona. Wenn ich heil hier rauskomme, mache ich Zivildienst. Was Nützliches, anderen helfen; auch für Drecksarbeit im Altersheim wäre ich mir nicht zu schade. Übrigens: Ich habe dir gestern die Schmutzwäsche nach Hause geschickt. Wo bleibt mein Fresspäckli? Du bist die Beste, Raffi.

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Sehr geehrter Herr Blocher. Wie gewünscht überweisen wir Ihnen rückwirkend Ihr Ruhegehalt in Höhe von 2,7  Millionen Franken. Einen unbeschwerten Sommer wünscht Ihnen Ihre Bundeskanzlei.

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Kurzarbeit. Kohle knapp. Kurzurlaub Konolfingen. Kacke, Kacke, Kacke. Kurt.

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Lieber Alain, dass deine Sommerferien baden gehen, weil grad die zweite Welle auf uns zurollt, ist natürlich blöd. So mit Abstand betrachtet, hätten wir die Sache mit den Masken vielleicht doch früher aufgleisen sollen. Aber die Lage ändert sich eben ständig, alles ist im Fluss. Auch ich. Entspannte Grüsse aus der Aare, dein Daniel Koch.

Wir Glutgläubigen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 9. Juni 2020

Beim Grillieren komme ich ins Grübeln. Ja, auch über die Frage, ob unser Fleischkonsum vertretbar ist. Was er, um es kurz zu machen, nicht ist. Wir alle wissen, dass weniger Fleisch besser wäre, und greifen dann doch zum toten Tier im Aktionsangebot, denn wie schon der Evangelist Matthäus wusste: «Das Fleisch ist billig und der Geist ist schwach.»

Aber keine Angst, ich will nicht unnötig Wurstfett ins Feuer der Klimadiskussion giessen. Mich treibt eher die Frage um, ob wir als Glutbürger geboren werden oder wann und wieso wir in die Fänge der Grillitarier geraten, wie die Migros die Sekte der Glutgläubigen treffend betitelt, die allabendlich Brandopfer darbringen auf ihren Feuerschalen und Weber-Grills, um die Götter des Feierabends versöhnlich zu stimmen, getreu ihrem Credo: «Möge die Marinade immer mit uns sein.»

Dass vor allem Männer Feuer und Flamme fürs Bräteln sind, lässt sich küchenpsychologisch so deuten, dass bei diesem archaischen Akt die patriarchale Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Mann zähmt die wilde Kraft des Feuers – die Frau macht die Salate. Dass es deutlich weniger Mut und Männlichkeit verlangt, den Gasgrill anzuwerfen, als mit lautem Uga-Uga das Lagerfeuer aus der Höhle des Urmenschenstamms von nebenan zu klauen, darüber tröstet ein kühles Bierchen prima hinweg.

Oder geht die Faszination fürs Grillieren tiefer? Rührt sie vielleicht gar an die Grundfragen unserer Existenz? Neulich sagte die deutsche Putz-Philosophin (ja, das gibts) Nicole C. Karafyllis in einem Interview, unsere Abneigung gegen Staub rühre daher, dass er uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnere – Staub zu Staub. Wenn dem so wäre, wieso ist dann das Grillieren Volkssport Nr.  1? Es heisst doch auch «Asche zu Asche»? Und lässt man die Wurst zu lange auf dem Grill, kommt das ja auch einer Feuerbestattung gleich.

Oder legen wir gerne Fleisch aufs Feuer, gerade weil uns das Grillieren daran erinnert, dass wir – egal ob grosses Tier oder kleines Würstchen – am Ende in einer Urne Platz haben? Ein Memento mori, mit dem wir uns gleichzeitig unserer Lebendigkeit versichern. Denn wer die Grillzange in der Hand hat, hat den Löffel noch nicht abgegeben. Und was da auf dem Grill verkohlt, sind nicht wir, sondern das Kotelett. Noch mal Schwein gehabt.

Zugegeben, eine ziemlich steile These. Auf die allerdings lange vor mir bereits der Volksmund gekommen ist – und Volksmund tut Wahrheit kund: «Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.» Besser hätte ich das auch nicht auf den Punkt garen können.

In diesem Sinne: Möge die Marinade mit Ihnen sein.

Verschwörungspraktiker

Beitrag im «Nebelspalter» vom Juni 2020

Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien. Die hat sowieso alle die Regierung in die Welt gesetzt. Als Ablenkungsmanöver. Ich meine, Chemtrails? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Regierung mit Flugzeugen über den Wolken Chemikalien versprühen lässt, um uns zu willenlosen Zombies zu machen? Hallo? Homöopathie am Himmel? Das funktioniert noch weniger als mit Kügeli. Das kann sich nur so ein Globulisierungsfuzzi ausgedacht haben, den der Nachrichtendienst direkt ab der Rudolf-Steiner-Schule engagiert hat.

Aber es funktioniert. Alle reden über Chemtrails, aber niemand spricht darüber, wie die Regierung wirklich Macht über unsere Gehirne erlangt: die Abstimmungscouverts! Ist Ihnen beim Zukleben, wenn Sie mit der Zunge über die Lecklasche fahren (die heisst wirklich so!), noch nie aufgefallen, dass der Leim irgendwie seltsam schmeckt? Gälled Sie, ist doch so? Da sind hochaktive psychedelische Sustanzen drin, die gehen direkt ins Hirn – darum heisst es ja auch direkte Demokratie. Neben dem Waschküchenschlüssel die zweitbeste Erfindung, um uns Schweizer zu kontrollieren. Was einmal mehr beweist, dass oben in Bern keine Verschwörungstheoretiker am Werk sind, sondern Verschwörungspraktiker, die ihr Handwerk verstehen. Eidgenössisch diplomierte Verunsicherungsagenten, Lügenschreiner mit Berufsmatura und dual gebildete Faktenspengler (die kennen sich aus mit Dichtung).

Sie glauben mir nicht? Wieso geht es denn in der Schweiz mit dem E-Voting nicht voran, he? Weil man die Computermaus zum Abstimmen nicht abschlecken muss, deshalb!

«G-g-g-g-g-orona»

Und jetzt Corona. Natürlich hat das Virus nichts mit G5 zu tun, ausser man ist ein stotternder St. Galler: «G-g-g-g-g-orona». Unfug ist auch die Theorie, das Virus sei aus einem chinesischen Hochsicherheitslabor entwichen. Es stammt nämlich eindeutig aus einer illegalen Hundemetzgerei aus dem Appenzell-Innerrhodischen. Die Beweislage ist erbrechend. Ich sag nur Gulasch, aber nicht ungarisch, sondern un-gar. Und vom Appenzell aus hat das Virus seinen Siecheszug um die Welt angetreten. Das kommt davon, wenn man auch Entwicklungsländer ans Glasfasernetz anschliesst. Meine Meinung.

Die grosse Frage ist natürlich: Wieso hat Berset nicht schon vor Jahren die Hundemetzg eigenhändig ausgehoben? Hat der Ungesundheitsminister gar ein Interesse daran, dass Corona viral geht? Nimmt er Schmiergeld von der Klopapiermafia? Eine Hand desinfiziert die andere? Da lüpft es mir glatt den Aluhut. Ganz koscher ist der Berset auf jeden Fall nicht. Oder ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass seine polierte Glatze keine Kugel ist, sondern eine Scheibe? Achten Sie auf den Schattenwurf, oder den fehlenden Schattenwurf, je nach dem. Wenn man erst einmal gewillt ist, die Wahrheit zu sehen, fällt es einem plötzlich wie Schuppen von den Echsenmenschenaugen.

Ein Volk von Verschwörungstheoretikern

Oder steckt etwas noch Grösseres hinter der Pandemie? Sind es am Ende gar die Verschwörungstheoretiker selber, die das Virus in Umlauf gebracht haben? Um uns alle zu Verschwörungstheoretikern zu machen? Welch perfide Genialität! Angst, Unsicherheit, eine tödliche, aber unsichtbare Gefahr – der ideale Nährboden, auf dem Verschwörungstheorien wild wuchern.

Und erst der Slogan «Bleiben Sie zuhause». Reinste Heimtücke im Gewand der Verantwortung und Rücksicht. Seit Wochen sind wir zuhause eingesperrt, wir haben schon mit den Wänden zu reden begonnen – und irgendwann haben die Wände geantwortet. Das ist, was die Verschwörungstheoretiker mit der Pandemie wollen: Dass wir alle so bekloppt werden wie sie. Denn wenn bekloppt das neue normal ist, dann sind sie keine Verschwörungstheoretiker mehr, sondern weitsichtige Leader, die das alles immer schon vorausgesehen haben.

Begeistert werden wir ihre Namen auf die Wahlzettel schreiben und glücklich das Couvert abschlecken und uns kein bisschen wundern über den seltsamen Geschmack in unserem Mund.