Kampfansage ans System

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 16. September 2015

Der Tag wird kommen, an dem ich meine Cumulus-Karte an eine Hagelrakete nagle und in der nächsten Gewitterwolke pulverisiere. Und mit ihr mein Kundenprofil mit Joghurtpräferenzen, Geflügelwurstaversionen und Gemüsevorlieben.

Aus der Supercard mache ich Konfetti, und wenn die Verkäuferin danach fragt, sage ich: «Supercard? Habe ich nicht. Aber ich trag drunter ein Superman-Kostüm. Möchten Sie das mal sehen?» Und wenn ich schon dabei bin, lege ich gleich noch die Self-Scanning-Kassen mit einer Horde Zebras lahm. Und ich werde mich frei fühlen.

Der Tag wird kommen, an dem ich meine gesammelten Volg-Märkli vom Helikopter aus über dem Engadin abwerfe und mich daran ergötze, wie sich Einheimische und Zürcher darum balgen. Und ich werde mich gut fühlen.

Der Tag wird kommen, an dem ich alle Member Cards, Vorteilsvoucher und Treuebons in ein loderndes Feuer werfen und singend darum herum tanzen werde: «Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Stephan Moser heiss.» Denn Treue hat nur eine verdient: meine Frau. Bei den Gipfeli aber, den Kugelschreibern, den Büchern und den Schuhen will ich fremdgehen, so oft und mit wem ich will. Ohne schlechtes Gewissen und egal, was es kostet. Und ich werde mich glücklich fühlen.

Der Tag wird kommen, an dem ich farbenblind werde für die orangen Aktionsschilder und taub für die Sonderangebotsdurchsagen aus dem Lautsprecher. Kracher-Angebote detonieren ungehört, heisse Preise lassen mich kalt, und statt für Rabatte interessiere ich mich nur noch für Rabatten. Und vor allem werde ich mich nicht mehr irremachen lassen von der nächsten Migros-Mania.

Dieser Tag wird kommen – und ich werde mich frei fühlen und gut und glücklich, weil nicht mehr die Marketingheinis der Grossverteiler darüber bestimmen, was in meinem Einkaufswägeli landet, sondern nur noch ich. (Okay, und meine Frau und meine Kinder.)

Der Tag wird kommen. Aber noch nicht heute. Denn da gibt es grad diese Super-Aktion. Wenn ich die mit meinem Geburtstagsrabatt von 15 Prozent und dem Fünffach-Punkte-Bon kumuliere und für mehr als 200 Franken einkaufe und dann noch einen Freund als Neukunden werbe, dann bekomme ich das fast gratis. Ich meine, ich bin doch nicht blöd.

Und ausserdem fehlen uns noch der Jet d’eau, das Spalentor und das Schloss Greyerz.

Aber nachher tu ichs. Garantiert.

Vollzeitmensch sucht Teilzeitstelle

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 8. September 2015

«Sie sind jetzt also einer dieser Teilzeitmänner», sagt der Personalverantwortliche, eine Spur Spott in seiner Stimme, Mitleid in den Augen. Das Vorstellungsgespräch dauert noch keine fünf Minuten, und ich weiss, es wird nicht gut enden.

«Ich bevorzuge den Begriff Vollzeitmensch», entgegne ich. «Teilzeitmann ist ein bescheuertes Etikett. Das klingt so, als sei ich nur ein halber Mann, weil ich 60 Prozent arbeite. Was natürlich Quatsch ist. Ich bin ich, egal, ob ich am Sitzungstisch sitze oder im Sandkasten. Ich will einfach Teilzeit arbeiten, damit ich Zeit für meine Familie habe.»

«Ich verstehe, Work-Life-Balance, das schreiben wir gross bei uns.»

«Ist ja auch ein Nomen», rutscht es mir heraus.

«Quality Time mit den Kleinen, das ist mir persönlich auch wichtig», fährt der Personaler leicht irritiert fort.

«Quality Time ist eine faule Ausrede von Managern, die 60 Stunden und mehr pro Woche arbeiten und meinen, sie könnten das kompensieren, indem sie am Sonntag Frühstück für die Familie machen», erwidere ich. «Und dann sind sie sauer, wenn der Sohn lieber ausschläft als mit Papa Kaffee zu trinken.»

Der Personaler zupft an seiner Krawatte.

«Ich will einfach nicht als Grossvater mit meinen Enkeln nachholen müssen, was ich mit meinen eigenen Kindern verpasst habe. Und ausserdem ist es auch eine Frage der Partnerschaftlichkeit: Ist doch selbstverständlich, dass man sich in einer Beziehung die Arbeit teilt–die bezahlte und die unbezahlte. Oder nicht?»

Er schweigt.

«Wissen Sie, woran es liegt, dass 60 Prozent der Frauen Teilzeit arbeiten, aber nur gerade 16 Prozent der Männer, obwohl Frauen häufig besser ausgebildet sind? Nicht an den Strukturen. Sondern an den Männern. Die wollen es gar nicht anders. Denn Kinder und Haushalt, das kann ganz schön frustrierend und anstrengend sein. Der mühsamste Chef lässt sich leichter handlen als eine störrische Fünfjährige. Und ein Feierabendbier mit Kollegen ist auch angenehmer als das Gemotze der Kleinen über das Gemüse.»

«Ich finde es super, wie Sie neue Rollenmodelle …», stottert der Personaler.

«Kommen Sie mir nicht damit. Ich will keinen Orden als Vorzeige-Teilzeitmann und auch keinen Exoten-Bonus. Ich will einfach nur diesen Job. Weil ich gut bin. Und erst meine Soft Skills: Konflikte lösen, motivieren, zuhören, führen, Prioriäten setzen. Und ich backe himmlische Brownies. Hab ich alles als Vollzeitmensch gelernt. Noch Fragen?»

Die hatte der Personaler nicht. Den Job habe ich übrigens auch nicht bekommen. Aber es hat gut getan, das alles einmal rauszulassen.

57 Fragen, um Politiker aus dem Konzept zu bringen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 3. September 2015

Aus welchem Grund soll ich Sie wählen? Aus welchen drei Gründen sollte ich Sie besser nicht wählen? Wen wählen Sie? Würden Sie mich wählen? Wenn Sie keine Wahl hätten, wofür würden Sie sich entscheiden?

Bier oder Cüpli? Wieso antworten 90 Prozent der Befragten mit «Bier», obwohl sie lieber Rotwein mögen? Bratwurst oder Bratwurst? Was hat diese Frage mit Politik zu tun?

Ab wann ist ein Lohn unanständig hoch? Wie viel verdienen Sie? Geben Sie immer ausweichende Antworten? Sind Sie bestechlich? Wie gut muss ein Verwaltungsratsposten entlöhnt sein, damit Sie das Mandat annehmen? Geben Sie immer ausweichende Antworten?

Was wollten Sie als Kind werden? Bereuen Sie, stattdessen Politiker geworden zu sein? Was wollen Sie nach Ihrer Pension anstellen? Was stellen Sie an, damit Sie noch eine Pension erhalten?

Wo liegt Europa? Und die Schweiz? Und wo stehen Sie?

Wie würden Sie sich politisch verorten: oben oder unten?

Aus welchen Gründen würden Sie aus der Schweiz flüchten? Und wohin? Würden Sie Ihr Leben dafür riskieren?

Was war Ihr letzter Post auf Facebook? Wie viele Likes haben Sie dafür gekriegt? Haben Sie nichts Besseres zu tun?

Wie oft kommt das Wort Gott in der Nationalhymne vor? Möchten Sie etwas dazu sagen? Oder singen?

Wieso lieben Politiker eigentlich die Angstmache und die Schwarzmalerei? Wieso gibt es keine Partei, die uns Glück verspricht? Was ist Glück (und zitieren Sie nicht Paulo Coelho)?

Worüber haben Sie das letzte Mal geweint? Sagen Sie immer die Wahrheit–oder nur, wenn es nicht wehtut?

Gefallen Sie sich auf Ihrem Wahlplakat? Wie viele davon haben Sie drucken lassen? Ist ein Gesicht wichtiger als Inhalte? Wieso ist dann Ihr Slogan so nichtssagend?

Welches Argument können Sie nicht mehr hören? Ihr Lieblingsargument in politischen Debatten? Stört es Sie, dass die anderen das nicht mehr hören können?

Wer steht auf dem Listenplatz hinter Ihnen? Was kann sie oder er besser als Sie? Und wieso haben Sie dann denn besseren Listenplatz?

Wenn Sie am 18. Oktober nicht gewählt werden, wie oft treten Sie erneut an? Soll man Sie dafür bewundern oder bemitleiden? Wenn Sie nicht gewählt werden, kandidieren Sie dann für den Gemeinderat? Wieso ist Ihnen dieser Gedanke nicht selber gekommen?

Wie viel kostet ein Liter Milch? Wie viel kostet Ihr Auto? Wie viel kostet ein Ticket nach Bern? Wieso wollen Sie eigentlich nach Bern, gefällt es Ihnen hier nicht mehr?

Darf ich Ihnen noch eine letzte Frage stellen? Wieso sind Sie in der falschen Partei?

Puzzle-Albtraum

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 28. August 2015

Mit dem Puzzeln ist es wie mit dem Chipsessen – hat man erst einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Mir geht es jedenfalls so. Leider. Denn vor kurzem bekam unsere Tochter ein Puzzle geschenkt. Eines mit 1000 Teilen. 1000 Teile, das sind 100 Mal zwei Kinderhände mit allen Fingern in die Luft gestreckt. Also schlicht zu viel für eine Fünfjährige. Ganz zu schweigen vom Motiv: ein gezeichneter Weinberg mit Menschen in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit und der textilen Entblätterung.

Aber meine Tochter wollte es unbedingt zusammensetzen. Sie leerte die 1000 Teile auf den Esstisch und begann tapfer, die Randteile auszusortieren. Nach einer Viertelstunde hatte sie genug, nach drei Stunden hatten meine Frau und ich den Rand fertig. 48 mal 68 Zentimeter. Daneben 874 Puzzleteile auf einem ungeordneten Haufen.

«Wieso tun wir uns das an?», fragte ich meine Frau Stunden später. «Wir puzzeln nicht gerne, das Puzzle ist nicht mal schön. Und trotzdem verblöden wir unsere Zeit damit. Apropos, ist das nicht die Nase des Schweins im Weinfass?»

«Mit Puzzles ist es wie mit Chips», begann meine Frau und setzte das Teil ein.

«Nein, im Ernst jetzt. Und hast du die linke Po-Backe des Nackedeis gesehen?»

«Es ist ein innerer Zwang. Wir müssen zu Ende zu bringen, was wir begonnen haben.»

«So wie Gottéron. Haben die Saison zu Ende gespielt, obwohl es hoffnungslos war. Und frustrierend anzusehen.»

Wir puzzelten weiter.

«Dieser Traktor treibt mich noch in den Wahnsinn.»–«Und erst die beschwipste Blaskapelle.»

«Ich glaube, es geht vielen Menschen so. Die stecken irgendwo fest. Im falschen Job, der falschen Beziehung. Nichts passt zusammen. Aber alle wursteln weiter.»

«Weil sie schon so viel investiert haben. Wenn sie aufgeben, war alles umsonst.»

«Darum puzzeln wir auch weiter. Dabei wäre es viel befreiender, reinen Tisch zu machen. Zuzugeben, dass man nicht weiterkommt–und was anderes machen.»

«Ist das die Jogging-Hose?»

«Der pissende Hund.»

«Vielleicht ist das ganze Leben ein Puzzle. 1000 Erinnerungen, Momente, Erlebnisse. Man versucht, es zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen, aber man kriegts nicht auf die Reihe.»

«Eigentlich ist Puzzeln ganz schön deprimierend, wenn man darüber nachdenkt.»

«Wir sollten es fertig machen, bevor es uns fertigmacht.»

Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Unsere Tochter fegte mit ihrem Plüschpanda das Puzzle vom Tisch. Statt Schimpfis gabs erleichterte Gesichter. Endlich Tabula rasa. Zur Feier des Tages öffneten wir eine Familienpackung Chips. Eine Tausender-Tüte. Und wissen Sie was? Wir waren im Nu fertig damit.

1.-August-Ansprache

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 24. Juli 2015

Liebe Dörflingerinnen, liebe Dörflinger, wir haben uns heute hier, und auch überall sonst zwischen Bodensee und Lémanstrand, zwischen Rheinfall und Lago Maggiore, und auch im Ausland haben wir uns versammelt … weil die Schweiz Geburtstag hat. Ob auf der Torte der eidgenössischen Demokratie 724 oder erst 167 Kerzen brennen, das mögen die Gelehrten unter sich ausblasen … ausmachen. Was zählt, ist der Gedanke: L’idée suisse. Und darum Happy Birthday, Schweiz.

Dankbar wollen wir sein für das, was unsere Vorväter uns erstritten. Und unsere Vormütterinnen, möchte ich hinzufügen. Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden–und einen der tiefsten Steuersätze im Bezirk. Das Alte wollen wir treu bewahren, aber auch das Neue wagen. Damit sind wir gut gefahren, daran wollen wir nicht rütteln.

Denn wie unsere Ahnen vor uns, so müssen auch wir grosse Herausforderungen meistern. Ich erinnere Sie nur an einige davon: Terrorismus, starker Franken, die lang ersehnte Umfahrungsstrasse für unser geliebtes Dorf.

Was hat uns der erste August dazu zu sagen? Tell mag ein Mythos sein, seine Botschaft ist umso lebendiger. Ich sage nur: Hätten wir mehr Winkelriede, die den ihren heldenmutig eine Gasse bahnen würden–dann, ja dann, müsste unser FC Dörflingen nicht um den Ligaerhalt zittern. Nehmen wir uns das zu Herzen: Fragen wir uns lieber nicht, was Dörflingen noch für uns tun kann, sondern was wir für Dörflingen tun können.

Stolz dürfen wir ruhig sein auf Dörflingen und die Schweiz. Manch grosse Nation beneidet uns um Roger Federer–und um den Klosomaten Made in Dörflingen. Und «Des einen Neid, ist des anderen Stolz», wusste schon Albert Anker, der grosse Dichter und Denker.

Stolz, aber nicht hartherzig, wollen wir sein. Vielmehr dankbar und froh, weil wir hier zu Hause sind und sein dürfen. Denn wo man zu Hause ist, da ist Heimat. Und Heimat ist ein Geschenk und eine Verpflichtung, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nur wer verwurzelt ist, ist auch stark genug, mit offenen Armen fremde Menschen zu empfangen.

So wie wir letztes Jahr im Rahmen der Fusion die Kafflinger in unserer Gemeinde aufgenommen haben, wollen wir auch anderen Heimatlosen und Vertriebenen zum Hort der Menschlichkeit werden. Sofern sie sich integrieren. Und nicht zu viele sind. Und wenn der Kanton im Gegenzug endlich die Gelder für die Umfahrungsstrasse spricht. Denn wenn das Fuder überladen ist, läuft das Fass über, und der Karren bleibt im Dreck stecken.

Doch genug der Worte. Alles hat ein Ende, auch diese Rede. Nur die Wurst hat zwei, und die gilts jetzt beim Schopf zu packen. Liebe Dörflingerinnen, liebe Dörflinger, der Grill ist eröffnet.

Die Mondlandung? (K)ein Schleck!

Mondlandung
«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 16. Juli 2015

Der Adler ist gelandet. Im Meer der Stille. Wie gerne hätte ich diesen 21. Juli 1969 miterlebt. Aber meine Eltern waren damals noch in keine gemeinsame Umlaufbahn eingetreten (von einem Andockmanöver ganz zu schweigen), und ich erblickte das Licht der Welt erst Jahre nachdem die Amis das Apollo-Programm eingestellt hatten. Aber die Mondlandung fasziniert mich trotzdem.

Allein die Vorstellung, wie sich drei Männer in einem Monstrum aus Stahl, vollgepumpt mit Kerosin, ins All schiessen lassen, in 385 000 Kilometer Entfernung auf dem Mond spazieren gehen und danach wieder heil zur Erde zurückkehren, jagt mir immer wieder aufs Neue kalte Schauder über den Rücken. Abenteuer, Heldentum, Triumph der Technik – alles steckt drin in dieser Reise ins Ungewisse. «Solar Impulse» erscheint im Vergleich dazu als Altersheimausflug. Zumal das damalige High-Tech-Equipment heute steinzeitlich anmutet. Jedes billige Smartphone hat ein Mehrfaches an Rechenleistung der Computer von Apollo 11. Und was bringen wir damit zustande? Selfies.

Eindrücklich ist auch die politische Ankündigung, die John F. Kennedy 1961 machte: «Ich glaube, dass dieses Land sich dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen.» Und acht Jahre später stand Armstrong auf dem Mond. Das ist doch mal eine Ansage. Natürlich, der Kalte Krieg hat da schon ein bisschen geholfen. Aber täte uns eine Portion dieses amerikanischen «think big» nicht auch gut? Alain Berset würde verkünden: «Ich glaube, dass sich dieses Land dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende des Jahrzehnts die AHV und die IV dauerhaft saniert zu haben – und im Übrigen sollten wir Fussballweltmeister werden.» Das wäre doch mal was, statt Reförmchen, Kompromisse und Ausscheiden im Achtelfinal.

Was uns die Mondlandung gebracht hat? Nein, nicht die Teflonpfanne, die gab es schon vorher. Aber die Raketenglace. Und wer hat’s erfunden? Die St. Galler. Die Rohrschacher Glacefabrik Frisco nutzte das Mondfieber und brachte 1969 dieses zweistufige Wassereis am Stiel auf den Markt: Ananas. Orange. Und obendrauf ein Hitzeschutzschild aus Schokolade. Süsse Sechzigerjahre. Und es gibt sie auch heute noch.

Ich jedenfalls werde am nächsten Dienstag auf meinem Balkon sitzen, zur schmalen Mondsichel hochblicken, genüsslich eine Raketenglace schlecken und ein paar Minuten über die Mondlandung nachsinnen: ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit, ein Schleck für mich.

Postkartengrüsse aus dem Büro

Postkarte
«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 14. Juli 2015

Mit Postkarten verhält es sich ja wie mit der Liebe: Wenn nichts zurückkommt, gibt selbst der hartnäckigste Verehrer irgendwann auf. Deshalb bekomme ich immer weniger der bunten Feriengrüsse. Dabei liebe ich Postkarten: Mal was anderes im Briefkasten als nur Rechnungen – und persönlicher als Ferienföteli auf Facebook.

Aber eben: Die netten Menschen, die mir schreiben, kriegen fast ausnahmslos einen Korb von mir. Denn ich bin ein ausgesprochener Ferienpostkartenschreibmuffel. Denn wenn ich schon mal Urlaub habe, will ich den ganzen Tag durch fremde Städte streifen, bis mir der Kopf brummt vor lauter Kirchen und Kunstwerken. Oder exotische und furchtbar leckere Dinge kosten, von denen ich bisher nicht einmal den Namen gekannt habe. Oder–realistischerweise–halt den ganzen Tag mit den Kleinen im Planschbecken sitzen und Glace schlecken. Aber sicher nicht Postkarten schreiben.

Aber in diesem Jahr wird das anders. Allen, denen ich ferienpostalisch bisher die kalte Schulter gezeigt habe, erhalten dieses Jahr eine Postkarte von mir. Freilich nicht aus den Ferien, sondern aus dem Büro.

Ja, ganz recht, aus dem Büro. Probieren Sie es ruhig selber aus. Fotografieren Sie zum Beispiel Ihren Arbeitsplatz oder die Aussicht aus dem Bürofenster–je trostloser, desto besser. Machen Sie ein Foto von den menschenleeren Gängen im Betrieb (sind ja alle weg), oder lichten Sie Ihr Bürohochhaus von aussen ab (dann können Sie nachher mit Kugelschreiber Ihr Bürofenster ankreuzen und draufschreiben: «Hier arbeite ich!»).

Dann lassen Sie Postkarten mit Ihrem Sujet herstellen. Im Internet finden Sie Dutzende Anbieter, die das schnell und günstig erledigen. Und dann kanns losgehen.

Schreiben Sie ein paar nette Zeilen auf die Karte. Besonders originell müssen die nicht sein, das sind Postkarten ja selten. Wie wär’s zum Beispiel mit: «Bei 35 Grad im unklimatisierten Büro zu sitzen, erspart einem den Gang in die Sauna. Und man erhält erst noch Lohn dafür. Und weil der Chef in den Ferien ist, kann ich früher Feierabend machen und niemand meckert. Liebe Grüsse.» Oder machen Sie eine Bemerkung übers Kantinenessen, das kommt auch immer gut an.

Dann schicken Sie die Karten an Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen. Wenn Sie deren Ferienadresse kennen, umso besser. Die werden Augen machen, wenn sie im Hotel Ihre Postkarte aus dem Büro bekommen.

Danach können Sie guten Gewissens in die Ferien verreisen und müssen keinen Gedanken mehr ans Postkartenschreiben verschwenden. Ganz bestimmt werden Sie viele Reaktionen bekommen, vielleicht sogar Postkartengrüsse aus dem Büro.

Der Weg ist nicht das Ziel

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 8. Juli 2015

Usain Bolt läuft 100 Meter in 9,58 Sekunden. Abraham Kipyatich schafft es in 50:28 Minuten von Murten nach Freiburg. Ich brauche eine halbe Stunde für 300 Meter. Und das auch nur an guten Tagen.

Wer kleine Kinder hat, weiss, wovon ich rede. Selbst der vertrauteste Weg, den man täglich geht, birgt jedes Mal neue Wunder, Abenteuer und Mutproben. Und die Expedition ins Ungewisse fängt direkt vor der Haustüre an. Hoffentlich ist der Nachbarsjunge nicht auf dem Spielplatz. Sonst bleiben wir hängen, bevor wir richtig los sind. Niemand da. Uff. Dafür knattert ein Helikopter über unsere Köpfe hinweg. Und wir können erst weiter, wenn der Rega-Heli auf dem Spitaldach gelandet ist.

Dann fängt die Ältere an, die festgetretenen Kaugummis auf dem Trottoir zu zählen. Sie kommt bis 14, bevor sie stolpert – erst übers Zählen und dann über die eigenen Füsse. Zurück auf Feld 1. Pflaster aufs blutende Knie. Tränen trocknen. Wieder zur Haustüre raus. Der Spielplatz ist immer noch leer. Dafür beginnt der Kleine zu quengeln und will getragen werden. Mit gut Zureden meinerseits und viel Geschrei seinerseits kommen wir bis zur ersten Hecke. Einmal Versteckis. So viel Zeit muss sein. Nach dem dritten Mal dann der Blick auf die Uhr. «Können wir weiter?» Nach dem sechsten Mal brechen wir auf.

Auf den nächsten zehn Metern: ein Rotmilan, der Mann mit dem elektrischen Rollstuhl, ein undefinierbares Stück Gummi, das kaputte Velo. Alles wird bestaunt, kommentiert, befingert. «Kommt jetzt, bitte.» Wir schaffen es bis zur Absperrkette. Die Ältere balanciert rüber. Der Jüngere setzt sich drauf und schaukelt. Natürlich fällt er runter. Eine Runde aussetzen. In den Arm nehmen. Trösten. «Gehen wir weiter?» Der tote Junikäfer vor dem nächsten Hauseingang führt zu einem ausführlichen philosophischen Gespräch über das Leben und den Tod und zur Frage, ob es auch Oktoberkäfer gibt.

Da fällt der Älteren plötzlich ein, dass sie die festgetretenen Kaugummis gar nicht fertig gezählt hat. Und sie will sofort zurück. Aber für einmal habe ich den härteren Kopf.

Ziemlich ausgepowert biegen wir endlich auf die Zielgerade ein. Aber die hat es in sich. Denn vor dem Einkaufszentrum spritzt, sprudelt und gurgelt ein riesiger Springbrunnen. Daran gibt es bei dieser Hitze kein Vorbeikommen. Also dreimal kreischend durchs kühle Nass gerannt. Wir haben sowieso schon einen neuen Negativrekord aufgestellt.

Kinder öffnen einem die Augen für die wichtigen Dinge? Kommen Sie mir jetzt nicht damit. Ich habe genug gesehen, danke. Und der Rückweg steht uns ja noch bevor. Der Weg ist das Ziel? Ich wollte nur rasch einkaufen gehen. Und zwar Quick Soup.

Weniger ist mehr

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 25. Juni 2015

Manchmal bin ich schlimmer als meine Kinder. In der Migros sind die Seehund-Glacestängel Aktion, dazu gibt’s gratis eine Kühltasche – und mein Gehirn kennt nur einen Gedanken: «Will das haben!» Zu Hause koche ich dann erst einmal notfallmässig Rahmspinat, um Platz im Gefrierfach zu schaffen. Und meine Frau räumt mit mitleidigem Blick die Kühltasche zu den 13 anderen, die wir schon haben.

Spontaneität sei doch eine schöne Charaktereigenschaft, versuche ich mich halbherzig zu verteidigen. Aber ich weiss natürlich, dass das nur eine faule Ausrede ist: Ich bin der hirnlosen «Kaufitis» erlegen. Einmal mehr.

Aber seit Kurzem bin ich davon geheilt. Das Zauberwort heisst Suffizienz–Genügsamkeit. Effizienz ist das eine: Sparlampen, Minergiehäuser, Autos mit geringem Spritverbrauch. Aber um die ökologische Wende hinzubekommen, braucht es auch die Suffizienz: mit weniger Quadratmeter auskommen, das Auto mit anderen teilen, Dinge reparieren statt wegwerfen. Und wissen Sie was? Genügsamkeit macht glücklich. Probieren Sie es aus. Dann stehen Sie vor den 50 Paprika-Pouletflügeli im Sonderangebot, schauen die Grillschürze an, die es obendrauf gibt und fragen sich: Brauche ich das wirklich? Mit gutem Gewissen können Sie verneinen. Und Sie werden sich gut fühlen. Denn Sie haben gerade den Planeten gerettet. Und ihr Portemonnaie geschont.

Das Beste daran: Es funktioniert nicht nur beim Einkaufen. Damit werden Sie auch die Zeugen Jehovas los, die an Ihrer Türe klingeln. Rufen Sie ihnen einfach entgegen: «Ich glaube an die Suffizienz.» Wenn die Bekehrungsvertreter Sie dann entgeistert anschauen, fügen Sie erklärend hinzu: «Auf sie kann ich gut verzichten.» Und weg sind sie.

Suffizienz befreit. Weg mit all dem unnötigen Zeugs. Blatter, Blocher, Rhabarber-Rivella, ein iPad fürs Gästeklo? Danke, ich kann gut ohne.

Der Nachbar hat einen gigantischen Swimmingpool? Seien Sie nicht neidisch. Gönnen Sie sich ein Schwimmbad-Abo, das bringt auch Abkühlung. Und so ein geteilter Fusspilz verbindet auch gleich ungemein. Suffizienz statt Statussymbole.

Scheidung? Der Alte tut’s doch eigentlich noch ein paar Jährchen. Vielleicht lässt sich das eine oder andere ja reparieren. Das ist gelebte Suffizienz. Burka oder Bikini? Weniger ist mehr. Suffizienz kann ja so schön sein.

Und ihr Chef wird Sie lieben, wenn Sie beim nächsten Lohngespräch sagen, Ihr Gehalt reiche Ihnen eigentlich ganz gut zum Leben. Und wenn Sie mutig sind, fügen Sie noch hinzu: «Und übrigens, Chef, ohne dich ginge es im Grunde genommen auch.»

Wenn Sie dann Ihren Job los sind, haben Sie wenigstens schon Übung darin, mit wenig über die Runden zu kommen. Suffizienz sei Dank.

Alles Starbucks, oder was?

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 19. Juni 2015

Hab nur ich das Gefühl, oder erleben wir gerade, wie alles rasant verstarbuckst wird? Verstarbuckisierung? Sie wissen schon: Alles zu gross, ziemlich teuer und eigentlich völlig überflüssig. Aber dennoch hip, so dass alle meinen, mitmachen zu müssen.

Das ist ja nicht nur beim Kaffee so, also beim Java Chip Frappuccino Blended Beverage im Anderthalb-Liter-Pappbecher. Auch bei den Fernsehgeräten. Deren Bildschirmdiagonale übertrifft ja inzwischen bei weitem den IQ des durchschnittlichen Fernsehguckers. Und die Riesen kosten locker das Doppelte dessen, was so eine Coffee-House-Mitarbeiterin im Monat verdient. Und dennoch wollen alle einen haben. Dabei sind die Dinger so flach, dass die Kinder aus der Kartonverpackung nicht mal ein anständiges Spielhaus basteln können.

Und erst die Autos: Monstertrucks in der Quartierstrasse. Mittelstandspanzer vor der Migros. (Wenn die wenigstens in Kartonschachteln geliefert würden.) Viel zu gross, pervers teuer und total überflüssig. Ein kleines Auto täte es ja auch.

Total verstarbuckst alles. Von den Smartphones ganz zu schweigen. Die sind ja mittlerweile so riesig, dass sie nicht mehr in die Hosentasche passen. Dafür geben sie ein prima Brett vor dem Kopf ab.

Und alles immer «to go». Der Kaffee. Die News. Die neusten Facebook-Posts der Freunde. Alles immer «to go». Weil wir immer unterwegs sind. Auch im Arbeitsleben: Man hat ja keinen Beruf mehr, man macht Projekte. Ein Pult? So was von vorgestern. Heute reichen ein Laptop, ein Sofa im Coffee House und ein Triple Espresso Coke, bitte. Dann wirds auch was mit der Quartalsperformance.

Und auf der Visitenkarte steht irgendwas Aufgeblähtes auf Englisch, bei dem unsere Grosseltern nur Bahnhof verstehen. Und was dabei rauskommt? Alles viel zu gross, zu teuer und völlig überflüssig. Es kochen alle nur mit Wasser. Aber im Schaumschlagen sind wir Weltmeister. Verstarbuckst, durch und durch.

Wenn das so weitergeht, wird künftig ein nett lächelnder Bestattungsstudentenjobber unsere Asche in einen XXL-Pappbecher abfüllen, mit Filzstift den Vornamen des Verstorbenen drauf schreiben und auf dem Becher die Bestattungsmodalitäten ankreuzen: Entkatholisiert, mit einem Shot Buddhismus und Esoterik-Krokant obendrauf.

Die Trauergemeinde fläzt sich derweil in den Sofas der Funeral Lounge. Dann wird die Papp-Urne über den Tresen gereicht und auf dem Weg zum nächsten Termin können die Angehörigen die Asche entsorgen. On the go, was sonst.