Den Trump zum Gärtner machen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 19. September 2016

Vierzig Quadratmeter, zwölf Frauen und ich – nein, das ist nicht eine versaute Kreuzung aus dem «Bachelor» und «Big Brother», sondern der Gemeinschaftsgarten in unserem Quartier. Natürlich kann das nicht gut gehen. Zwar stimmt die Chemie zwischen uns, aber Chemie stimmt für uns nicht, darum verzichten wir darauf. Auch auf Schneckenkörner.

Dumm nur, dass unser Gärtchen auf drei Seiten von einer Kuhweide umgeben ist. Jede Nacht kommt es zu einer unkontrollierten Masseneinwanderung von schmarotzenden Nacktschnecken, die sich übers Gemüse in unserem Paradiesgärtchen hermachen. Selbst Blocher, wäre er eine Indische Laufente, käme nicht nach mit Auffressen.

Ich habe mir schon ernsthaft überlegt, Donald Trump zum Gärtner unseres Gärtchens zu machen. Der würde nämlich als erste Amtshandlung gleich eine Mauer um den Garten hochziehen. «Und die Schnecken werden dafür bezahlen», würde er in die Kuhweide hinausposaunen. Und alle wären glücklich: Wir, weil wir die Schnecken los sind, und die Welt, weil sie Trump los ist.

Überhaupt ist so ein Gemeinschaftsgarten ja ein Laboratorium für eine bessere Welt:  Ich sag nur, gemeinsam statt einsam. Man teilt die Arbeit, die Freude und die Ernte (oder was die Schnecken davon übrig gelassen haben) und lernt: Teilen ist das neue Besitzen.

Obendrein ist das Gärtnern immer auch eine Lektion in Demut, Bescheidenheit und Geduld. Und eine Übung in Achtsamkeit. Wochenlang habe ich zum Beispiel ein Unkraut ausgerissen, das sich in allen Beeten ausbreitete. Bis ich mir die Mühe machte, das dickblättrige Kraut im Bestimmungsbuch nachzuschlagen und herausfand, dass es sich dabei um den Weissen Mauerpfeffer handelt – eine Pflanze, auf die der seltene Apollofalter scharf ist. Seither lasse ich das Kraut wachsen. So richtig buddhistisch – abgesehen vom Überbrühen der Schnecken mit kochendem Wasser, das ist eher so märtyrerhaft-frühchristlich.

Demut, Bescheidenheit, Achtsamkeit: Den grossmäuligen Trump statt zum Präsidenten um Gärtner machen – ich glaube, das wäre ein Therapieversuch wert. Schlimmstenfalls verwüstet er unsere 40 Quadratmeter, aber wenigstens nicht gleich die ganze Welt.

Das Schönste am Gärtner ist übrigens, zu erleben, wie jedem Ende ein Anfang innewohnt. Gerade im Herbst, wenn der Garten öde wird und der erste Seelenschmetter in einem hochkriecht, lässt es sich wunderbar vom Frühling träumen, während man die Knollen der Krokusse und der Winterlinge setzt.

Wenn nur die Wühlmäuse nicht wären. Mister Trump, wir brauen Sie hier!

Erlöse uns von den Bösen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 30. August 2016

Herr, das Schwingfest war sehr gross, und am Schluss legte einer einen anderen ins Sägemehl, und der Sieger trug den Muni auf den Schultern nach Hause, so stark ist der.

Aber nun lass es gut sein. Erlöse uns von den Bösen – zumindest für die nächsten drei Jahre. Wische uns das Sägemehl aus dem Gesicht, damit wir wieder den Balken im Auge der Welt sehen und nicht nur unseren Nabel.

Hab Nachsicht mit uns, wenn wir zwischendurch Masse mit Bedeutsamkeit verwechseln und Muskelkraft mit Männlichkeit. Oder glauben, Identität sei so einfach gestrickt wie ein Edelweisshemd.

Mit journalistischer Hartnäckigkeit haben wir uns über die Naht der Schwingerhose gebeugt. Nun gib uns die Kraft, wieder auf Distanz zu gehen zu den Dingen. Weil man dann so manches klarer sieht.

Aber erstick nicht das ganze Schwingfeuer in uns, sondern gib uns die Grösse, fürs Eidgenössische Frauen- und Meitlischwingfest gleich viel Begeisterung an den Tag zu legen wie für Estavayer. Und vergib uns unsere Schuld, wenn wir nicht wissen, wann und wo die Schwingerinnen antreten oder wie die amtierende Schwingerkönigin heisst.

Und führe uns nicht in Versuchung, eine Homestory über den Muni zu machen.
Amen.

Doppelgold für Sturzenegger

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 16. August 2016

Es passierte auf den letzten Metern. Sturzenegger lag wie erwartet unangefochten in Führung. Noch ein paar Hüpfer und der Olympiasieg war ihm sicher. Und dann dieser verfluchte Schnürsenkel. «Mach doch einen Doppelknoten, Gopfertellisiech», hatte ihm sein Trainer schon tausendmal gesagt. Aber Sturzenegger war abergläubisch. Doppelknoten brachten Unglück. Und stets hatte sein Knoten gehalten. Aber ausgerechnet heute löste sich der Schnürsenkel.

Sturzenegger rutschte aus dem Schuh und verlor das Gleichgewicht. Bevor er mit seinem Gesicht hart auf der Bahn aufschlug, zog sein Sportlerleben im Zeitraffer an ihm vorbei: Die bescheidenen Anfänge in der Jugi Hinterhüpfikon. Der Dorfmüller, der ihn mit dem nötigen Sportgerät versorgte. Der Kampf um Anerkennung für seine Sportart, die von vielen als Kinderkram belächelt wurde. Das erniedrigende Klinkenputzen bei möglichen Sponsoren (zum Glück hatte ihm der Müller die Treue gehalten).

Aber dann, vor einem Jahr, endlich der lang ersehnte Ritterschlag: Das Olympische Komitee hatte Sackhüpfen zur olympischen Sportart erklärt–auch dank Sturzeneggers Überzeugungsarbeit als Präsident der International Sack Race Federation. Jetzt würde sie niemand mehr ungestraft als Sackflöhe verunglimpfen. «Wenn Schiessen olympisch ist, dann muss es Sackhüpfen auch werden», hatte er immer gesagt. Die Schützen brauchten ja nur ein Auge zuzukneifen und den Finger krumm zu machen. Sackhüpfen aber, das war Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit–zudem brauchte es mentale Stärke, um in einen Sack zu schlüpfen und Bewegungen zu vollführen, die sich einem Laienpublikum nicht gerade als graziös erschlossen.

So war Sturzenegger mit dem Ziel an die Olympiade gereist, Geschichte zu schreiben. Er wollte als erster Olympiasieger im Sackhüpfen in die Annalen eingehen und danach zurücktreten. Die Knie.

Aber nun lag er am Boden. Im Mund schmeckte er Blut. Durch tränenverschleierte Augen musste er zusehen, wie seine Konkurrenten an ihm vorüberzogen. Baggins, Beutelschneider, Sacchelini, Sackov. Sturzenegger beendete das Rennen nicht. Teilnahmslos liess er sich von seinem Trainer zum Arzt bringen, der die klaffende Platzwunde auf seiner Stirn mit 13 Stichen nähte. Zugedröhnt sass er auf dem Stuhl, als der Zahnarzt seine zwei ausgeschlagenen Schaufelzähne ersetzte.

Als Sturzenegger im Olympiadorf traurig sein zerschundenes Gesicht im Spiegel studierte, musste er plötzlich grinsen und dann lauthals herauslachen. Der Zahnarzt hatte ihm zwei blitzende Goldzähne eingesetzt. Sturzenegger würde trotz allem olympisches Gold nach Hause bringen. Doppel-Gold sogar.

Yippie Ja Ja Yippie Yippieh Yeah!

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 18. Juli 2016

Teichfolie. Manchmal träume ich von Teichfolie, der teuren Kautschukteichfolie aus dem Baumarkt. 200 Quadratmeter habe ich mir gekauft. Wenn schon, denn schon. Und dann stelle ich mir vor, wie ich im Garten stehe. Einen Plan habe ich nicht. Pläne sind für Memmen. Ich habe einen Traum und einen Spaten aus gehärtetem Stahl. Natürlich würde der Aushub mit einem Kleinbagger schneller gehen, aber dafür hätte ich erst eine Zufahrt betonieren müssen. Ein Kinderspiel, rein technisch gesehen. Aber das Rosenbeet meiner Frau wäre draufgegangen. Fand sie nicht so toll.

Also stosse ich den Spaten in die Erde.

Eine Million Spatenstiche wird es brauchen, bis der Teich steht: Sumpfzone, Flachwasserzone, Tiefwasserzone. Schon nach den ersten paar Schaufeln Erde spüre ich meinen Rücken. Aber das ist gut so. Ohne Leid keine Liebe. Habe ich im Baumarktmagazin gelesen. Sage ich auch meiner Frau, als sie mich fragt, ob es ein Kübel mit Seerosen nicht auch täte. Zwischendurch gönn ich mir ein frisches Bier aus der Kühlbox. Proste meinem Nachbarn zu, der sich mit einem Bausatz für ein Tomatentreibhaus abmüht. Jeder fängt mal klein an. Manche bringen es nie weiter.

Nach drei Wochen ist das Loch fertig. 200 Schubkarren Sand sind festgeklopft, das habe ich meine Kinder machen lassen. Sollen ruhig lernen, was arbeiten heisst. Beim Transport durchs Rosenbeet sind die «Marie Antoinette» und die «Romanze» umgeknickt. Kann vorkommen. «Tut mir Leid, Liebes», sage ich. Sie sagt nichts.

Bevor ich die Dickblättrige Wasserpest, den Froschbiss und die Wassernuss in den Teich gebe, konstruiere ich noch kurzerhand einen Badesteg. Bis tief in die Nacht hinein heult die Kreissäge im Licht der Bauscheinwerfer. Die Wasserpflanzen stehen unterdessen in der Badewanne. Meine Frau sagt, sie dusche so lange beim Nachbarn.

Nach fünf Nächten sind die Teakholzplanken fachmännisch verlegt, der Teichfilter, die Wasserfallpumpe und die Gartendusche angeschlossen. Und dann der grosse Moment: Der Teich wird geflutet. Stolz schaue ich zu, wie das Wasser steigt – und wie die Freude meiner Frau und der Kinder langsam in Sorge und dann in Panik umkippt. Vielleicht hätte ich den Hang doch besser mit Zugankern sichern sollen? Der ganze Teich – eine Million Spatenstiche – geht bachab, und eine braune Schlammflut wälzt sich durch den Rosengarten meiner Frau und begräbt das Tomatentreibhaus des Nachbarn unter sich. Zum Glück tragen die Kinder Schwimmflügeli.

Gescheitert, aber grandios gescheitert.

Baue ich halt einen Terrassengarten. Mit integriertem Reisfeld. Es gibt immer was zu tun.

Yippie Ja Ja Yippie Yippieh Yeah!

Schweinkram

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 15. Juli 2016

Ich lese die Hefte heimlich. Fasziniert und angeekelt. Und zwar auf dem Klo meiner Eltern. Denn dort liegen die Edelpornos rum: «Landlust» und «Landliebe». Ja, ganz recht, was am Kiosk als Lifestyle-Magazin geführt wird, gehört eigentlich in die Schmuddelecke. Denn die Heftli sind nichts anderes als Pornografie.

Stimulationshilfen für abgelöschte Bürofachkräfte, die sich an kunstvoll inszenierten Bildstrecken über echt authentische Holzkuhschnitzer aufgeilen. Hochglanz-Dekorier-Vorlagen für jene, die gefilzte Samichläuse auf dem Fensterbrett und andere Perversionen mit Stil verwechseln und jeden Monat einen neuen Türkranz flechten. Das ultimative Handbuch für Selbstbesorger, pardon, Selbstversorger, die beim Betrachten von mit Zimt bestreuten Fotzelschnitten in Wallung kommen.

Heisse Lektüre für promiske Konfitüre-Kocherinnen und frigide Back-Fetischisten. Das «50 Shades of Grey» für seitensprungwillige Vegetarier, die insgeheim davon träumen, Schweine zu züchten und diese, wenn sie nach einem glücklichen Landleben ihr Traumgewicht erreicht haben, mit einem selbst gestrickten Schal lustvoll zu strangulieren, um sie dann über dem eigenhändig geküferten Eichenbottich ausbluten zu lassen und den Speck, den Schinken und die Würste in den Rauchkamin des Bauernhauses zu hängen, das für drei Millionen sanft renoviert worden ist. Papierenes Viagra für wohlstandsübersättigte Agglobewohner, die Kargheit mit Glück verwechseln.

Und über allem weht der Geist der Grossmutter, dieser Lifestyle-Domina, die noch wusste, wie es geht – und wozu Melkfett gut ist. (Und nein, ich will gar nicht wissen, aus welchem Grund meine Eltern die Zeitschrift kaufen.)

Wie das bei Pornos so ist, sie machen Appetit, aber nicht satt. Und vor allem sind sie eine Lüge. Denn das Landleben ist nicht so. Das weiss ich aus eigener Anschauung, ich bin nämlich auf dem Land aufgewachsen. Im Luzernischen, wo es mehr Schweine gibt als Menschen. Aber nie sah man die Schweine fröhlich grunzend draussen herumtollen, weil sie nämlich in fensterlosen Ställen gehalten wurden. Der Frauenverein strickte nicht aus Lust, sondern aus missionarischem Eifer – und zwar Wollkäppli für die armen Afrikanerbabys. Neben der Käserei stand das Gemeinschaftskühlhaus, wo die nachlässig eingetüteten Kirschen aus dem Nachbarfach über die Schweinsplätzli sauten. Und Bauern renovierten ihre Ställe nicht sanft, sondern mit Benzinkanister und Streichholz. Und ständig, ständig, ständig stank es nach Gülle.

So ist das Landleben. So richtig Hardcore. Ich glaube, die Zeit ist reif für ein neues Magazin: «Landfrust – die schlimmen Seiten des Landlebens».

Also ich würde es kaufen.

FC Europa

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 17. Juni 2016

«Bereits 59 Minuten hat Europa gespielt. Wie sieht es aus?» – «Europa schwächelt. In der ersten Halbzeit hat es besseren Fussball gezeigt. Etwas technokratisch zwar. Aber erfolgreich. Kamen ja auch ständig frische Spieler dazu. Aber jetzt, wo an allen Fronten Druck gemacht wird, zeigt sich, dass Europa schlecht aufgestellt ist.»

«Die Osteuropäer versuchen es mit Mauern.» – «Genau, der Österreicher, der Ungare, der Kroate und der Pole decken die Südostflanke.» – «Kann Europa so gewinnen?» – «Kaum. Jetzt muss einfach der Italiener mit dem ganzen Ansturm fertig werden. Der hat langsam die Schnauze voll.» – «Übrigens, wo ist eigentlich der griechische Abwehrspieler?» – «Verletzt. Die anderen hielten ihn für zu faul, darum nahmen sie ihn hart ran. Und jetzt kann er sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten.» – «Und was macht der Deutsche im Sturm?» – «Der behauptet, sie schaffen das.»

«Wo bleibt denn da das Zusammenspiel?» – «Ich kann keines erkennen.» –« Und Taktik?» – «Auch nicht.» – «Aber der Trainer muss doch eine Methode haben?» – «Es gibt 28 Trainer und 28 Methoden. Die haben alles schon probiert: Neoliberalismus, Populismus …» – «Und wieso funktioniert’s nicht?» – «Fussball ist ein Mannschaftssport. Mit lauter Egoisten auf dem Feld gewinnst du keinen Blumentopf. Und die Fans stehen nicht hinter dem Team, das gar keines ist.» – «Woran liegt das?» – «Wer ständig über die Köpfe der Fans hinwegflankt, kann nicht deren Herz treffen.»

«Ich sehe da grad was. Ist das nicht der Brite? Was macht der Brite da am Spielfeldrand?» – «Der fragt die Fankurve, ob er weiterhin mitspielen soll.» – «Aber das ist doch Wahnsinn, wenn mitten im Spiel ein Spieler vom Feld geht. Dann bricht doch der ganze Spielaufbau zusammen.» – «Welcher Spielaufbau? Ich kann keinen erkennen.» – «Ja aber, trotzdem.» – «Es hat ja genügend Kandidaten auf der Ersatzbank, die mitspielen möchten. Der Türke wärmt sich schon auf.» – «Der hält sich aber nicht an die Regeln. Ein übler Foulspieler.» – «Aber er ist stark in der Verteidigung. Wenn der will, kommt keiner durch.»

«Apropos: Was sind das für Männer, die über die Flanke aufs Spielfeld eindringen? Die nehmen den Ukrainer in die Zange. Die dürfen das nicht, die haben ja gar keine erkennbaren Trikots an.» – «Der Russe dementiert, dass es seine Hooligans sind.» – «Wer ist es dann?» – «Natürlich russische Hooligans. Hybrider Fussball nennt sich das.» – «Und wieso macht die europäische Abwehr nichts?» – «Die muss anderswo mauern. Und der Russe liefert das Gas, um die Spielerkabinen zu heizen. Und seine Hooligans haben atomare Knüppel.» – «Europa hat also Schiss? Und wie soll das weitergehen?» –« Ich würd sagen, wenn Europa bis zum Schlusspfiff durchhält, dann hat es schon gewonnen.»

Ein Blümchen für die Ewigkeit

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 14. Juni 2016

Isländer sind rar. Was daran liegt, dass auch Isländerinnen rar sind. Deshalb hat ganz Island in einem einzigen Telefonbuch Platz, das nicht grösser ist als das des Kantons Freiburg. Noch rarer als Isländer sind nur Fans der isländischen Nationalelf, vor allem in der Schweiz. Und darum sind die Nordmänner meine Mannschaft an der Euro.

Ich bin nämlich aus Prinzip für die Aussenseiter. Die können einen nicht enttäuschen, sondern nur positiv überraschen. Und die Isländer sind die perfekten Underdogs: Sie haben sich in den letzten Jahren auf der Weltrangliste vom hoffnungslosen Platz 112 auf Platz 32 hochgekickt, und jetzt sind sie zum ersten Mal in einem Panini-Album drin. Also ich trau den so ziemlich alles zu.

Jedenfalls werde ich mir alle Spiele der Isländer anschauen, draussen auf meinem Balkon, den meine Kinder mit selbst gemalten isländischen Flaggen dekoriert haben (die sieht übrigens gleich aus wie die norwegische, einfach mit vertauschten Farben). Und wenn im Stadion der «Lofsöngur» erklingt, die isländische Nationalhymne, dann erhebe ich mich und singe inbrünstig mit. Ab Blatt. So dass der Fasnachts-Wikingerhelm auf meinem Kopf wackelt. Auch wenn der Text noch klebriger ist als der religiöse Sirup des Schweizerpsalms. Aber dafür kommt diese schöne Zeile vor: «ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen». Und immerhin gibt es keine brennenden Herzen wie bei Gustavs EM-Song.

Und dann werde ich den Atem anhalten vor Schreck, wenn Hannes Halldorsson die Angriffe auf sein Tor pariert, und ich werde mitfiebern, wenn Ragnar Sigurdsson den Ball zu Johann Gudmundsson schiesst und dieser den Ball an den Gegnern vorbeidribbelt, rüber zu Theodor Elmar Bjarnason. Und wenn dann Kolbeinn Sigthorsson–da steckt das Siegtor ja schon im Namen!–den Ball im gegnerischen Tor versenkt, wird mein einsamer Torjubel von den Nachbarhäusern widerhallen. Gut, der Auftakt gegen Portugal am Dienstag ist natürlich happig. Als würde der FC Richemond gegen Barcelona antreten, so fühlt sich das an. Gut möglich, dass die elf -sons am Schluss der Partie als zitternde Blümchen mit ewigen Tränen vom Spielfeld gehen. Aber insgeheim hoffe ich ja, dass die wilden Isländer die Portugiesen vom Platz fegen. Und dann, das schwöre ich bei meiner Wikingerseele, schwinge ich mich auf mein Velo und mache einen Klingel-Corso durchs Quartier – vorbei an meinen entgeisterten portugiesischen Nachbarn.

Nur etwas lasse ich sein: Das isländische Essen schenke ich mir. Bei aller Sympathie, schwarz geräucherter Schafskopf, fermentierter Hai oder in Molke eingelegte Hammelhoden – das muss nicht sein.

Fussballversteher

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 11. Juni

«Meine Frau und Fussball, also bei aller Liebe, die checkt den Puck einfach nicht. Weisst du, wie oft ich ihr schon die Jenseitsregel erklärt habe?»
«Wem sagst du das. Meine Frau fragt auch bei jedem Zehnmeter, was denn daran nun faul sei.»
«Das ist gar nichts. Wenn ich nach dem ersten Drittel pinkeln gehe, meint sie immer, das Spiel sei schon fertig. Dabei müsste sie doch langsam wissen, dass so ein Match über drei oder vier Sätze geht. Je nach Wind.»

«Dafür weiss meine alles über die Freundinnen, Frauen und Frisuren der Spieler. Ex und aktuell. Hat sie aus diesen Heftli beim Coiffeur.»

«Die würden besser mal Fachliteratur lesen. Auch aus Respekt uns gegenüber. Slapshot zum Beispiel. Oder Cavallo. Dann wüssten sie auch endlich, wieso die Jury beim Fussball eine Trillerpfeife hat und keinen Buzzer wie bei DSDS.»

«Die Jury hat doch gar nichts zu sagen. Was zählt, ist einzig das Publikumsvoting.»

«Scheiss-Publikumsvoting. Switzerland Zero Points. Darum kommt die Schweiz nie weiter. Weil sich die Osteuropäer gegenseitig die Stimmen zuschanzen. Da hast du als blockfreies Land natürlich die Arschkarte gezogen.»

«Dabei sind wir spielerisch top. Hast du neulich Shakiris Rückhand gesehen? Am 18. Loch? Ein Träumchen.»

«Und erst der Backside Triple Cork, den Sommer im Sturm drauf hat. Dabei ist der doch Abfahrtsspezialist.»

«Weisst du, was ich an dir schätze? Dass man mit dir ungeniert fachsimpeln kann. So ein Fussballgespräch macht einfach mehr Spass, wenn das Gegenüber was vom Spiel versteht. Mit meiner Frau ist das immer total einseitig. Kindergartenmässig. Du erklärst alles dreimal–und sie versteht trotzdem nichts.»

«Dafür sind Freunde doch da.»

«Aber wieso unseren Frauen das Verständnis für Fussball völlig abgeht, verstehe ich trotzdem nicht. An uns kann es ja nicht liegen.»

«Meine wollte allen Ernstes wissen, ob es im Fussball noch andere Gangarten gibt ausser Trippeln.»

«Scharren, stampfen, tämpelen, täubelen und schwälbelen–ist doch sonnenklar.»

«Habe ich ihr auch gesagt. Lieber eine Schwalbe auf dem Platz, als ein Ball im Netz. Hat sie nicht verstanden.»

«Frauen halt.»

«Aber weisst du, was das Beste ist? Neulich wollte meine Frau wissen, wieso bei der aktuellen Weltmeisterschaft eigentlich nur Europäer mitspielen.»

«Stimmt doch gar nicht, wir sind ja auch dabei. Und die Türken. Und die Russen.»

«Hab ich ihr auch gesagt. Und schliesslich können wir ja auch nichts dafür, dass die Südamerikaner so schlecht Fussball spielen.»

Interreligiöse Toiletten

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 21. Mai 2016

Es gibt Frauen. Es gibt Männer. Und es gibt Menschen. Menschen, die als Frau zur Welt gekommen sind, sich aber als Mann fühlen. Und Menschen, die eine Frau sein möchten, auch wenn sie einen Männerkörper haben. Und Menschen, die nicht so recht wissen, was von beidem sie gerade sind. Die Geschlechterfrage kann ganz schön kompliziert sein.

Die Amerikaner müssen es natürlich noch unnötig komplizieren. Der US-Staat North Carolina hat kürzlich ein Klo-Gesetz erlassen, das Transsexuelle dazu zwingt, nur jene öffentlichen Toiletten zu benutzen, die dem Geschlecht entsprechen, das in ihrer Geburtsurkunde eingetragen ist. Zu Recht gab es deswegen einen veritablen Fäkal-Orkan.

Dabei liesse sich die Sache doch ganz entspannt angehen: mit Unisex-Toiletten. Die funktionieren ja im Zug und im Flugzeug bereits wunderbar. Dann könnte man auch gleich die Pissoirs rausreissen, denn mal ehrlich: Wer auf Zielübungen steht, der sollte zur Feuerwehr. So ein Strahlrohr hats übrigens auch nie mit der Prostata.

Und wieso nicht gleich auch interreligiöse Toiletten schaffen? Ob schwuler Muslim, Hetero-Christin, transexueller Buddhist oder asexueller Helene-Fischer-Fan–wer muss, der darf. Und mit einem Schlag wären alle Diskriminierungen wegen Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung und schlechtem Musikgeschmack weggespült.

Denn wenn wir friedlich zusammenleben wollen, müssen wir nicht die Unterschiede betonen, sondern das Verbindende suchen. Und was ist der kleinste gemeinsame Nenner? Dass alle mal müssen. Das interreligiöse Klo wäre der ideale Ort, um Vorurteile aller Art zu überwinden. Denn wo alle die Hosen runterlassen, kommt der Mensch zum Vorschein. Und der ist immer nackt. Was auch metaphorisch gemeint ist.

Man stelle sich die Szene vor: Da sitzt im mittleren Kabäuschen ein Muslim. Leicht geniert flüstert er nach rechts: «Bruder, hast du mal Klopapier? Bei mir ist alle.»

«Ich bin kein Bruder, sondern eine Schwester, auch wenn ich Herrenschuhe trage», tönt eine sonore Bassstimme zurück. «Kannst du dafür mal links fragen, ob jemand einen Tampon hat?»

Worauf aus dem dritten Kabäuschen ein Tampon geflogen kommt mit dem Kommentar: «Ich hab zwar die Tage, fühl mich heute aber eher als Mann. Und teilen ist gut fürs Karma.» Und draussen wartet der Atheist sehnsüchtig auf Erlösung. Es wäre ein heilsamer Schock für alle. Und uns würden die Augen dafür aufgehen, dass wir trotz Unterschieden alle Menschen sind – die mal müssen. Die Welt wäre eine bessere mit solchen Klos.

Nur eine Regel gälte übrigens auf der interreligiösen Toilette: Alle, ausnahmslos alle, waschen sich die Hände.

10 Gründe, warum ich Listen hasse

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 14. Mai 2016
1. Listen machen uns glauben, das Chaos der Welt liesse sich bändigen, wenn wir es sortieren und mit Aufzählungszeichen versehen. Was natürlich Quatsch ist. Das Leben ist keine Powerpoint-Präsentation, sondern «ein Märchen, erzählt von einem Dummkopf, voller Klang und Wut, das nichts bedeutet». Mit Listen ist dem nicht beizukommen. Höchstens mit List und Schalk und Liebe. Das wusste schon Shakespeare – der übrigens auf der Liste meiner Lieblingsengländer ganz oben steht. Das aber nur so nebenbei.

2. Listen erwecken den Eindruck, der Verfasser habe sich beim Schreiben wahnsinnig viel Gedanken gemacht. Hat er nicht. Wer Listen schreibt, ist zu faul, um einen zusammenhängenden Text zu schreiben. Oder zu blöd. Oder beides.

3. Jede Liste ist ein Imperativ: Diese 10 Bücher musst du gelesen haben! 1000 Dinge, die man getan haben muss, bevor man stirbt! Du musst noch Brot kaufen! Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, was ich zu tun habe, schon gar nicht von Listenschreibern. Wieso? Siehe Punkt 2.

4. Die ersten drei Punkte einer Liste sind meist lustig und interessant. Manchmal kriegt man sogar ein Shakespeare-Zitat serviert, das man noch nicht gekannt hat. Aber spätestens bei Punkt 4 kommt der erste Durchhänger. Weil der Listenmacher zu blöd ist, um das Niveau zu halten. Oder zu faul. Oder beides.

5. Punkt 5 ist auch nicht besser als Punkt 4. Aber weil halt zwischen Punkt 4 und Punkt 6 auch ein Punkt 5 hingehört, steht hier eben einfach irgendetwas. So stupide sind Listen.

6. Listen bieten nicht alles Wichtige auf einen Blick, sie verstellen uns vielmehr die Sicht auf das, was wirklich wichtig ist – nämlich alles andere.

7. To-do-Listen sind wie die Hydra: Kaum hat man eine Aufgabe erledigt, schwupps, stehen auch schon wieder zwei neue drauf. Wie hat das Herkules schon wieder hingekriegt? Muss ich nachlesen. Also schreib ich’s auf meine To-do-Liste. Arrggg.

8. Wunschlisten funktionieren umgekehrt: Je mehr man draufschreibt, umso weniger davon kriegt man. Arrggg.

9. Listen haben fast immer zehn, hundert oder tausend Punkte. Als gäbe es immer nur eine runde Zahl wichtige Dinge zu sagen. Total plemplem. Ich persönlich fände eine Liste mit nur einem Punkt toll. Denn dann wäre es keine Liste mehr. Sondern ein gutes Argument.

10. Obwohl Listen Humbug sind, lieben die Leute sie. Und lesen jede Liste bis zu Ende. So wie Sie gerade. Trotz dem unvermeidlichen Durchhänger bei Punkt 4. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass am Schluss noch eine tolle Pointe kommt. Aber da kommt nichts. Nie. Und trotzdem fallen die Leute immer wieder auf Listen rein. Es ist deprimierend.