Der Asket und der Milliardär

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 24. Januar 2017

«Grüss Gott, Bruder Klaus. Wohin des Weges?» – «Nach Herrliberg.» – «Und was willst du dort?» – «Die SVP will im August meinen 600. Geburtstag feiern. Unten im Ranft.» – «Schön.» – «Nichts ist schön. Die verstehen mich kreuzfalsch. Darum will ich sie tüchtig ins Gebet nehmen.» – «Aber du bist doch ganz auf deren Linie mit deinem ‹Machet den Zun nit zu wit!›» – «Schöner Satz. Könnte von mir sein.» – «Wie bitte?»

«Den hat mir der Luzerner Gerichtsschreiber Hans Salat in den Mund gelegt. 50 Jahre nach meinem Tod, in einer antireformatorischen Kampfschrift – um Stimmung zu machen gegen das reformierte Genf, das die Nähe zur Eidgenossenschaft suchte. Dabei war ich nie für Abschottung. Zum Frieden habe ich den Eidgenossen geraten, als sie sich in den Haaren lagen. Und Frieden haben sie gemacht, in Stans 1481: neue Verträge unterschrieben und Freiburg und Solothurn in ihren Bund aufgenommen.»

«Dann haben wir den ganzen neutralitätspolitischen Salat wegen – Salat?» – «Genau. Dabei wäre ‹Machet den Zun nit zu wit!› eine schöne Metapher. Zu meiner Zeit gab es die Allmende, die von allen genutzt wurde. Aber dann begannen die Leute, Teile davon einzuzäunen und für sich alleine in Anspruch zu nehmen. ‹Machet den Zun nit zu wit›, das würde dann heissen, übertreibt es nicht mit eurem Streben nach Macht und Reichtum, tragt Sorge, dass niemand zu kurz kommt.»

«Und das willst du in Herrliberg sagen?» – «Es ist doch eine verkehrte Welt, wenn ein Milliardär einen Asketen vor seinen politischen Karren spannen will. Aber in diesem Fall sitzt der Ochs auf dem Bock.»

«Was hast du da für einen Stein?» – «Hast du in der Schule nicht aufgepasst? Das ist mein Kissen.» – «Was hast du damit vor?» – «Kissenschlacht. Um meiner Botschaft Nachdruck zu verleihen.» – «Ein ziemliches Totschlagargument.» – «War ja auch nur ein Scherz. Ich probier’s lieber mit Speck, Alpkäse und Brot.» – «Wie bitte?» – «Glaub mir, mit Hunger kenn ich mich aus. Man erlebt die abgefahrensten Visionen. Aber es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Mystik und Mist. Wie sich der Herr in Herrliberg als Erlöser gebärdet – der muss auf einem ganz schlechten Hungertrip sein.»

«Was schreibst du da eigentlich die ganze Zeit?» – «Ich mach eine Kolumne. Über dich, Bruder Klaus.» – «Zeig mal her. Du bist also auch nicht besser. Du benutzt mich, um deinen Miteidgenossen eins auszuwischen.» – «Aber, das ist doch ganz in deinem Sinn?» – «Weiss Gott, woher ihr alle zu wissen glaubt, was in meinem Sinn ist. So vieles habt ihr schon versucht mir in die Schuhe zu schieben und dabei überseht ihr alle das Wesentliche: Ich bin barfuss unterwegs.»

Inspiration für diese Kolumne fand ich übrigens im anregenden «Bruder-Klausen-Blog» von kath.ch, insbesondere im Beitrag von Roland Gröbli zum Zaun, den es nicht zu weit zu machen gelte.

Auch empfehlenswert ist Pirmin Meiers Biografie «Ich Bruder Klaus von Flüe».

Schönes neues Heim

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 21. Januar 2017

Meine Zahnbürste betrügt mich. Sie bürstet nicht nur meine Zähne, sondern auch den Staubsaugroboter. Und zwar gleichzeitig – übers Internet. Mit mehr als 27 000 Vibrationen pro Minute, was den alten Sack so auf Touren bringt, dass sein Motor regelmässig Feuer fängt.

Lange habe ich nichts davon gemerkt, denn meine Bürste ist smart: Display, Bluetooth, automatische Software­updates. Aufgeflogen ist die Ménage à trois nur, weil die Bürste auch den Kühlschrank anmachte. Aber der ist von Natur aus frigid – und petzte. «Die Bürste ist ein Flittchen», simste er auf meinen interaktiven Badezimmerspiegel.

Danach putzte ich die Zähne drei Tage lang analog, was die Zahnbürste so erzürnte, dass sie sich ins Food-Management-System meiner Wohnung einklinkte und 50 Becher Kokosnussjoghurt bestellte, die kurz darauf von der Transportdrohne der lokalen Molkerei angeliefert wurden – sauber eingewiesen vom Navi im smarten Vogelfutterhäuschen.

Wenn es etwas gibt, das ich hasse, dann ist es Kokosnuss­joghurt. Was meine Zahnbürste natürlich weiss. Denn mein vernetztes Smarthome kennt mich besser, als ich mich selbst. Sensoren auf Schritt und Tritt. Und der Mixer ist mein Therapeut.

Sauer beförderte ich die Joghurts in den Mülleimer. Aber keine halbe Stunde später flog die Drohne Nachschub herbei. So ging das drei Tage lang. Bis ich realisierte, dass mein Abfallkübel alles scannt, was er schluckt – und automatisch nachbestellt. Und das liess er sich nicht ausreden. Auch mit dem Vorschlaghammer nicht. Dafür erhielt ich nun täglich eine Meldung von der Molkerei auf meine Smartwatch gebeamt: «Kunden, die unser leckeres Kokosnussjoghurt mögen, haben auch Spass am Ingwer-Grüntee-Lassi.» Böark!

Überhaupt ist so ein Smarthome irgendwie unheimlich. Meine Kaffeemaschine brüht mir den perfekten Espresso auf, bevor ich überhaupt merke, dass ich Lust darauf habe. Aber nach der dritten Tasse spuckt sie nur noch lauwarmen Kamillentee aus, weil sie zusammen mit der Waage, dem Klo und den Laufschuhen meine biomedizinischen Daten analysiert und nach Rücksprache mit meiner Krankenkasse beschliesst, das Kamillentee besser für mich wäre. Richtig Angst macht mir der Toaster. Der spricht seit einigen Tagen mit russischem Akzent und befiehlt mir, meine Kreditkarte in den Schlitz zu stecken und den Pin-Code ins Abflussrohr zu flüstern.

Also wandte ich mich an Lisa. Lisa ist die virtuelle Assistentin in meiner Smartflat. Sie hat alle Fäden in der Hand – drahtlos. «Lisa, wieso komme ich mit meiner Hightech-Wohnung nicht klar?» Darauf sie: «Ein smartes Heim ist eben nur so gut, wie der dümmste Prozessor in seinem Netzwerk.»

Ich glaube, damit hat sie mich gemeint.

Der Duden ist Dadaist

Wie tönt eigentlich die deutsche Rechtschreibung? Es gibt nur einen Weg,
um das herauszufinden – den Duden laut vorzulesen, Seite für Seite,
Wort für Wort, von A bis Z. Gaga? Nein, Dada.

Heilige Nacht

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 20. Dezember 2016

Niemand sah den Stern; die Stadt strahlte zu hell. Kein König aus dem Morgenland machte sich auf den Weg; zu sehr waren sie damit beschäftigt, ihr Volk zu knechten. Vergebens stiegen die Engel auf die Felder hinab; sie fanden keine Hirten, die ihre frohe Botschaft hören wollten.

Aber das Kind kam auf die Welt. Seine Eltern hatten es erwartet, voller Hoffen und Bangen. Nun lag es in ihren Armen, nackt, in ein Tuch gehüllt.

Nicht der Erlöser, nicht der Retter der Welt.

Ein Mensch.

Und sie sahen den Stern. Und sie hörten die Engel. Und sie brauchten keine Könige.

In dieser heiligen Nacht.

Nichts schenken

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 9. Dezember 2016

«Ich möchte meiner Frau gerne nichts zu Weihnachten schenken. Können Sie mir da etwas Schönes empfehlen?» Einen kurzen Moment schaut mich die Verkäuferin entgeistert dann, dann schleicht sich ein verschwörerisches Lächeln in ihr Gesicht. «Ah, Sie meinen ein Negligé. Ein Hauch von Nichts. Macht nicht nur beim ersten Auspacken Freude», sagt sie und zwinkert mir zu. «Nein, nein», wehre ich verlegen ab. «Sie verstehen mich falsch. Meine Frau hat sich ausdrücklich nichts gewünscht.»

«Sie hat ja recht», sagt die Verkäuferin, «der ganze Geschenkerummel ist ja wirklich übertrieben.» Ich nicke. «Aber über eine Kleinigkeit freut sich Ihre Frau bestimmt», versucht sie es und streckt mir ein Parfümflakon aus vergoldetem Kristallglas unter die Nase. «Wie wäre es damit?» Ich schiele aufs Preisschild. «Für eine Kleinigkeit ist das aber ziemlich teuer.» «Am Fest der Liebe schaut man doch nicht auf den Preis», sagt sie.

«Das ist es», sage ich. «Liebe. Aber nicht diese McKinsey-Liebe, die exakt Buch darüber führt, was sie investiert und was sie zurückbekommt. Sondern eine Liebe, die sich verschwenderisch verschenkt, als gäbe es kein Morgen. Und Zeit könnte ich schenken. Haben Sie Zeit?» Nein, sagt die Verkäuferin, im Advent habe sie eigentlich nie Zeit, und schaut auf die Kunden, die ungeduldig hinter mir warten. «Schade», entgegne ich. «Zeit sollte man sich für den anderen nehmen, gerade wenn man selbst am wenigsten davon hat. Zärtlichkeit wäre auch gut, nicht nur am Freitag­abend, sondern in kleinen alltäglichen Gesten. Haben Sie da etwas, vielleicht in Kaschmirqualität?» Die Verkäuferin schüttelt den Kopf.

Ich komme in Fahrt: «Starke Schultern könnte ich ihr schenken, weiche Knie, helfende Hände, offene Ohren und umarmende Arme, wenn sie die Nase voll hat – und ein Walzer tanzendes Herz, wenn ihres überquillt vor Freude. Und was sie von meinen Körperteilen halt sonst noch so gebrauchen kann.»

Die Verkäuferin schaut sich nach dem Filialleiter um.

«Respektvolle Widerworte und unerschütterliche Zustimmung. Unpassende Bemerkungen im passenden Moment. Schweigen, wenn Reden nicht hilft. Sand ins Getriebe der Alltagsmaschinerie und Öl in die Scharniere der ungenutzten Möglichkeiten, damit ihr Quietschen einen nicht mehr erschreckt. Feuerwerke der Freude und Lust, wenn der Alltagsfrust wie ein übellauniges Nashorn auf der Seele hockt. Und Liebe natürlich. Ganz viel davon.»

«Das ist aber ganz schön viel», sagt die Verkäuferin. «Sie haben recht», sage ich, «zu viel für Weihnachten. Aber verteilt aufs Jahr?» «Schon», sagt sie, «aber das alles kann man ja gar nicht kaufen.» «Kaufen nicht, aber schenken.»

Politische Merksätze (morgens und abends zu verinnerlichen)

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 25. November 2016

1. Wenn es dir schlecht geht, liegt das nicht an denjenigen, denen es noch schlechter geht als dir.

2. Dir ginge es gut, ginge es den anderen besser. (frei nach Mani Matter)

3. Elite ist nichts Schlechtes. Oder wieso bewunderst du Roger Federer, vertraust dein Auto nur dem Garagisten an und nicht dem Lehrling und bestehst darauf, vom Chefarzt persönlich operiert zu werden?

4. Diejenigen, die am lautesten gegen die «Elite» wettern, gehören oft selber dazu. Was aber nicht heisst, dass Selbstkritik zu ihren Stärken gehört.

5. Das Volk ist ein Märchen. Wer vorgibt, die Interessen des Volkes zu vertreten, ist doch nur Partei. Mit eigenen Interessen.

6. Wut ist das eine, Verantwortung etwas anderes.

7. Werde Mutbürgerin.

8. Habe keine Angst. Aber fürchte dich vor denen, die die Ängste ernst nehmen, die sie selber geschürt haben.

9. Lass dich von niemandem als «Gutmenschen» verhöhnen. Sei einer.

10. Lügen haben flinke Beine, die Wahrheit geht an Krücken. Nimm dir Zeit – und lies Zeitung.

11. Man muss nicht immer alles sagen können dürfen. Das wird man wohl noch sagen dürfen.

12. Steuersenkungen sind keine politische Vision, sondern eine fixe Idee. Mit fatalen Folgen.

13. Wenn wir wollten, wir könnten. Zum Glück gibt es den Anstand. Der hält uns zurück.

14. Misstraue Merksätzen. Auch diesem.

Üpsilon

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 24. November 2016

Das Ypsilon ist der Rätoromane unter den Buchstaben. Beide kommen sehr, sehr selten vor. Manchmal begegnet man tagelang keinem. Im Gegensatz zum Rätoromanen geniesst das Y aber keinen Sympathiebonus und hat auch keine Lobby. Es fristet ein trostloses Leben; eingeklemmt zwischen dem X – das zwar in deutschen Texten noch seltener vorkommt als das Y, sich diesem aber trotzdem überlegen fühlt und es als «Krüppel-X» mobbt, weil es selber zwei X-Beine hat, das Y aber nur einbeinig umherstelzt, wenn auch kerzengerade – und dem Z, das immer das letzte Wort haben muss.

An zweitletzter Stelle im Alphabet steht das Y auf verlorenem Posten. Von den über 1200 Seiten des Dudens gehört gerade mal eine Seite Wörtern, die mit Y beginnen. Es sind zweifellos schöne Wörter dabei: Yogalehrer Yusuf lädt Yvonne aus Yverdon mit Yorkshireterrier Yggdrasil auf seine Yacht Yankee. Es gibt Yak mit Yamswurzeln und Ysop und ein Yo-Yo-Filmchen auf Youtube. Yippie! Aber dann ist auch schon fast Schluss.

Das wirklich Tragische am Ypsilon aber ist, dass es eigentlich gänzlich überflüssig ist. Eine Erfindung der Griechen, auf die wir getrost verzichten könnten, genauso wie auf den Retsina. Denn das Ypsilon liesse sich problemlos durch ein I, ein J oder ein Ü ersetzen. Der Jeti würde dann Parti auf Sült machen. Und Ypsilon schriebe sich Üpsilon. Wobei, wenn man es nicht mehr bräuchte, müsste man ja auch kein Wort mehr dafür haben.

Gebraucht, ja vielleicht sogar geliebt wird das y eigentlich nur von den Mathematikern, und zwar gleichermassen wie das x – und das ist eine tröstliche Konstante im Leben dieser oft gering geschätzten Variablen.

Und da sind ja auch noch die Sensler. Auch sie kommen selten vor, eingeklemmt zwischen Bernern und Welschen – und vielleicht pflegen sie deshalb ein geradezu obsessives Verhältnis zum Ygregg. Als müsste zwischen Schwarzsee und Sensegraben das Unrecht, das die deutsche Sprache dem Ypsilon antut, wiedergutgemacht werden, werfen die Senslerseienden (oder wie lautet die genderneutrale Formulierung schon wieder?) mit dem Ypsilon nur so um sich; ihre Sprache ist mit Üpsilönern getränkt, als hätte sie zu viel Retsina gesoffen. Wùy u ay – überall ist das Y drin, gerne auch gleich zweimal hintereinander. Ja, die Sensler haben auch keine Mühe, gleich vier Y in ein Wort zu packen, das ist für sie gar nicht «dyfyssyyl»*.

Ich vermute mal, das ist genetisch bedingt. Wegen diesem, wie heisst es gleich noch mal? Ah ja, ich habs: Y-Chromosom.

Ich krieg die Tage

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 19. November 2016

Heute (19. November) ist der Welt-Toiletten-Tag. Kein Scheiss. Den gibt es seit 2001. Und er soll uns dreilagig-verwöhnte Wasserspüler und Popo-Föhner daran erinnern, dass es fast der Hälfte der Menschen dreckig geht, weil sie keine anständigen Klos haben. Und wenn Sie das jetzt stinkig macht und Ihnen eine Laus über die Leber kriecht – keine Sorge, morgen Sonntag ist zum Glück der Deutsche Lebertag, da können Sie das checken lassen. Damit Sie fit sind fürs Komagucken am Montag, dem Welttag des Fernsehens. Am Dienstag heisst es dann «Blockflöten raus» für den Tag der Hausmusik. Und so geht es immer weiter. Tag für Tag. Voll der Stress. Da bleibt gar keine Zeit mehr zum Tagträumen und für Tagediebereien.

Jeder Tag ist ein «Tag» – ein Tag des Gedenkens, des Sensibilisierens, des Mahnens, der Vorsorge und der Aufklärung. Und man kann sich schon fragen, ob das was bringt. Freiburg zum Beispiel hat einen Tag der Zweisprachigkeit – und 364 Tage Mühe damit.

Gibt es eigentlich einen Welttag des Tages, der kein spezieller Tag ist? Den müsste man glatt erfinden. Könnte ich ja eigentlich. Denn das ist das Tolle an diesen Tagen: Man muss nicht der Papst oder die UNO sein, um sie auszurufen. Die haben das zwar auch schon gemacht, aber jeder kann es. Probieren Sie es aus: Erklären Sie zum Beispiel einen beliebigen Tag zum Tag der unbefleckten Empfängnis, pardon, zum Tag des ungeleckten Empfangs – und ehren Sie damit die selbstklebende Briefmarke.

Es gibt einen Hundetag und einen Katzentag. Mir fehlt der Katertag – idealerweise am 24. April, einen Tag nach dem Tag des Deutschen Bieres. Bis zum Lebertag ist man dann ja wieder ausgenüchtert.

Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Denn schon jetzt gibt es nichts, das es nicht gibt: Wer auf Sümpfe steht, freut sich auf den Internationalen Tag der Feuchtgebiete, wer auf Strümpfe abfährt, begeht den Nylon Stocking Day. Und den Tag der verlorenen Socke gibt es auch. Ehrlich. Den Coming Out Day haben wir schon, schön und gut, aber bräuchte es in der heutigen Zeit mit ihrem Flüchtlingselend nicht auch einen Come In Day?

Wenn Ihnen ein Tag zu lang erscheint für Ihr Anliegen, dann probieren Sie es mit einer Stunde. «Die internationale Stunde der Wahrheit», ins Leben gerufen von der Donald-Trump-Stiftung für wahre Lügen. Oder wieso nicht noch kürzer? Wie wäre es mit der «Internationalen Schrecksekunde, in der man meint, neben dem falschen Partner aufzuwachen, aber dann ist es nur der Hund, der sich neben einem ins Bett gelegt hat»?

Aber nicht übertreiben: Das letzte Stündlein möchte ich jedenfalls lieber nicht im Kalender festlegen.

Kasperli for President

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 11. November 2016

So ein Trump als Präsident ist ja auch ein riesiges Erziehungsproblem. Wie soll ich meinen Kindern jetzt beibringen, dass Lügen schlecht ist? Lügen haben kurze Beine, hiess es früher, aber heute tragen sie einen direkt ins Weisse Haus.

Was mühen wir uns als teilzeitarbeitende Eltern damit ab, unseren Kleinen Gleichberechtigung vorzuleben? Sexismus siegt, und Machos regieren. Eigentlich können wir uns Erziehung sowieso sparen, denn offenbar muss man heute nicht über die moralische Stufe eines Dreijährigen hinauskommen, um zum mächtigsten Mann der Welt zu werden. Jähzorn, Trotz, Egoismus – das gilt jetzt als authentisch.

Stehe ich da nicht auf verlorenem Posten, wenn ich meinen Kindern sage, dass die Dinge kompliziert sind – und klare Meinungen häufig das Ergebnis von mangelndem Nachdenken?

Und Trump ist ja leider nicht der einzige politische Gruselclown da draussen. Putin, Erdogan, Assad: Sie führen uns tagtäglich vor, dass es okay ist, den anderen etwas gewaltsam wegzunehmen – die Krim, die Freiheit, das Leben. Solange man stark genug ist, braucht man keine Konsequenzen zu fürchten. Höchstens ein bisschen «Schimpfis». Das ist ihre Botschaft.

Soll ich also die Auseinandersetzungen im Spielzimmer nicht mehr zu schlichten versuchen, sondern einfach eskalieren lassen? Als Vorbereitung fürs echte Leben? Nicht mehr das Liebsein predigen, wenn sich mit Hass Wahlen gewinnen lassen? Meinen Kindern nicht mehr Mut machen, wenn Wut doch so viel besser funktioniert?

Natütterlig nöd. Denn, tri-tra-trallala, tri-tra-trallala, wenn die Welt zum Tollhaus wird und ein Clown Präsident, dann muss eben ein unerschrockener Anarcho-Gutmensch mit Zipfelkappe und Zürischnurre zur neuen moralischen Leitfigur werden. Als Korrektiv zum Schmierenstück Welttheater, das diese Politgrüsel aufführen, spiele ich meinen Kindern nun die alten Kasperli-Platten ab. Zugegeben, Kasperli ist zwar auch ein Grossmaul und notorischer Sprücheklopfer, steht unter Rassismusverdacht, und mit der Frauenvertretung bekundet er ähnlich viel Mühe wie die bürgerliche Allianz in Freiburg – aber im Herzen ist Kasperli ein grundanständiger Kerl, der zuverlässig das Böse bodigt, egal ob den Zwätschge-Räuber, die Hexe Hutzelrock oder den Oberteufel Hörnlimaa. Mit Witz, Mitgefühl und unverwüstlichem Optimismus.

Ich glaube, er wird auch mit Trump fertig. Potz Holzöpfel und Zipfelchappe!

Und darum: Kasperli for President.

Schlechte(s) Karma

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 4. Oktober 2016
Man macht ja entwürdigende Sachen, um bei der Krankenkasse Geld zu sparen. Zum Beispiel das Telmed-Modell. Bevor man zum Arzt geht, ruft man die medizinische Hotline an und lässt sich beraten. Das funktioniert prima. Solange man gesund ist. Im Krankheitsfall aber macht man sich zum Affen. «Mailen Sie uns doch bitte ein Foto Ihres Halses», beschied mir die nette Dame, als ich mich einmal wegen starken Halsschmerzen meldete. «Von aussen?», fragte ich (zugegeben, ich bin an Telefon manchmal etwas begriffsstutzig). «Von innen», antwortete sie. «Mit dem Handy geht das ganz gut.»

Es nützte nichts, dass ich ihr erklärte, meine Kinder litten an einer ärztlich bestätigten bakteriellen Angina und müssten Antibiotika schlucken, und ziemlich sicher sei es bei mir dasselbe. Also stellte ich mich vor den Spiegel, drückte mit einem Löffel die Zunge herunter und zielte mit dem Handy in meinen entzündeten Schlund. Das Ergebnis ähnelte einem Bild von Rothko: ein rot-oranger Farbklecks. Hübsch anzusehen, aber für eine medizinische Ferndiagnose untauglich, beschied mir die Dame kurz darauf am Telefon und schickte mich zum Arzt. Wo ich meine Antibiotika bekam.

Seitdem graut mir vor dem Moment, wo ich ein ernsthaftes medizinisches Problem habe. Bestimmt würde die Telmed-Frau mir dann eine PDF-Anleitung für einfache chirurgische Eingriffe nach Hause schicken (Sterilisieren Sie ein scharfes Küchenmesser in der Mikrowelle).

Aber zum Glück bietet meine Krankenkasse jetzt ein neues tolles Sparmodell an: die
Schrittentschädigung. Für jeden Tag, an dem ich 10 000 Schritte gehe, erhalte ich sage und schreibe 40 Rappen Prämienrabatt. Entwürdigend, ich weiss. Aber diesmal wollte ich der Krankenkasse ein Schnippchen schlagen. Nachdem ich die Datenschutzerklärung geflissentlich ignoriert hatte, hängte ich den Schrittzähler nämlich unserer Nachbarhündin ans Bein: Karma, eine Labradordame. Lebhaft, ständig draussen unterwegs, und obendrein vegan. Ihre Besitzerin lebte früher nämlich in einem indischen Ashram. Daher auch der Name.

Das ging eine Weile ganz gut. Bis meine Krankenkasse anrief: Der Vertrauensarzt wolle sich mit mir über das medizinische Wunder meiner Schwangerschaft unterhalten. Und ausserdem liege in der Apotheke eine Packung Flohpulver für mich bereit. Karma, diese Hippie-Bitch, hatte auf ihren ausgedehnten Spaziergängen nicht nur Krabbeltiere eingefangen, sondern sich auch begatten lassen.

Vor Schreck verschluckte ichmein iPhone. Das Blöde ist, ich habe keine Mikrowelle. Aber vielleicht werden diesmal wenigstens die Bilder etwas.