Die Rechnung mit dem Tode machen – Ein Essay

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Klein bist du geworden. Beinahe möchte ich Mitleid mir dir haben, wo du doch einst so mächtig warst. Du brauchtest nur deine Sense zu schwingen, und wir Menschen fielen wie Halme unter deinem Streich. Doch dann entdeckten wir die Keime, die Bazillen, die Erreger. Und auf einmal warst du nicht mehr so mächtig, nicht mehr so furchtbar. Sich die Hände zu waschen genügte schon, um dir eins auszuwischen. Und erst das Penicillin – daran hast du bis heute zu schlucken. All die vielen Krankheiten, die früher einem Todesurteil gleich kamen: weggeimpft, weggespritzt, weggestrahlt, ausgerottet. Dein todbringendes Arsenal an Massenvernichtungswaffen ist geschrumpft – und mit ihm auch du.

Deine Sense ist schartig geworden, gegen unsere scharfen Skalpelle vermag sie bald nichts mehr. Nichts, dass sich nicht flicken liesse. Defekte Organe ersetzen wir einfach. Gene manipulieren wir nach Belieben. Mikroskopisch kleine Roboter werden bald schon durch unsere Körper rasen, immer zur Stelle, wenn Zellen repariert oder weggeschafft werden müssen. Und das Alter, deinen hässlichen Zwilling, den wir fast noch mehr fürchten als dich, haben wir durchschaut. Wir sind wahr-scheinlich schon kurz davor, unsere biologische Uhr abzustellen – oder gar zurückzudrehen. Für immer jung. Google arbeitet daran, also mach dich auf etwas gefasst.

Immer ein bisschen länger macht irgendwann auch ewig.

Deine Aussichten? Manche geben dir nicht mehr lange. Dein Todesurteil sei schon unterschrieben, sagen sie, die Vollstreckung nur noch eine Frage der Zeit. Die ewige Jugend ist in Griffweite. Dir käme höchstens noch die Rolle als Katastrophentod zu. Nur ein Autounfall, ein Tsunami oder ein Amokläufer würde uns noch dahinraffen. Und weißt du das? Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass die Lebensverlängerungsgurus und die Propheten des ewigen Lebens Recht haben könnten. Wir sind doch schon längst unterwegs zum ewigen Leben, zur ewigen Jugend. Oder etwa nicht? Wie viele Lebensjahre haben wir dir denn schon abgetrotzt in den letzten zwei, drei Jahrhunderten? Seit 1900 hat sich die Lebenserwartung in der Schweiz fast verdoppelt. Ich darf, rein statistisch, mit etwas mehr als 80 Jahren rechnen, gut möglich, dass ich 100 werde. In Swasiland beträgt die Lebens-erwartung dagegen gerade mal 32. Verglichen damit leben wir heute schon ewig. Und es hört nicht auf. Wir leben immer länger, und es gibt keine Obergrenze, keine biologisch definierte Schwelle, bei deren Erreichen wir tot umfallen. Immer ein bisschen länger macht irgendwann auch ewig. Dieser Mathematik hast du nichts entgegenzusetzen. Oder?

Eigentlich müsste ich mich darüber freuen, denn ich will nicht sterben. Nicht jetzt zumindest. Noch lange nicht. Aber ewig leben? Ein schrecklicher Gedanke.

Ein halbwegs erfülltes Leben

Die Gurus des ewigen Lebens schwärmen von den unendlichen Möglichkeiten, sich selber zu verwirklichen, die ein Leben ohne Tod uns bietet. Endlich könnten wir alle unsere Ziele verwirklichen, alles tun, wozu uns bisher die Zeit fehlte, allen Interessen nachgehen. Dutzende Berufe liessen sich erlernen und ausüben. Wieso nicht Pilot werden und nach zehn Jahren umsatteln auf die Biolandwirtschaft im Piemont, dann ein paar Jahre als Tauchlehrer auf Bali anhängen oder zwischendurch zehn Jahre an der Uni verbummeln und einfach nur lesen, diskutieren, nachdenken. Es eilt ja nicht mit dem Studium. Was sind schon ein paar Jährchen gegen die Ewigkeit?

Das klingt verlockend, zugegeben. Alles anpacken zu können, ohne befürchten zu müssen, dass du mir nicht genügend Zeit dafür lässt. Aber andererseits werde ich das Gefühl nicht los, dass meine Fantasie, meine Interessen und meine Energie gerade mal für ein halbwegs erfülltes Leben ausrei-chen. Aber für die Ewigkeit? Selbst wenn ich wollte, ich habe nicht das Zeug zum Mathematiker oder Neurobiologen, zum Skirennfahrer oder Stand-up-Komödiant– und zum Tauchen auf Bali fehlt mir die Lust. Ich kann nicht sehr viel mehr als das, was ich bereits tue – und auch darin bin ich nicht der Beste. Mir stehen nur eine beschränkte Anzahl Pfunde zur Verfügung, mit denen ich wuchern kann. Und sie werfen nicht mehr Zins ab, je länger ich lebe. Wieso soll ich dann eine Ewigkeit lang weiterwursteln? Etwa um auf Facebook jeden Tag die immer gleiche Statusmeldung zu posten: Ich langweile mich zu Tode!

Ich langweile mich zu Tode!

Dann nehme ich doch lieber mit dir vorlieb. Du machst die Zeit, die mir bleibt, kostbar. Ich weiss, dass ich in meinem Leben vielleicht nur einmal die Musse und die Inspiration habe, ein Buch zu schreiben. Wenn überhaupt. Und vermutlich kann ich es mir nur einmal leisten, mit meiner Frau durch den Grand Canyon zu wandern oder in der Antarktis Pinguine zu beobachten. Aber das Wissen um die Einmaligkeit dieser Dinge macht sie umso wertvoller – und das Wissen um die Begrenztheit meiner Zeit bringt mich dazu, diese Wünsche und Ziele vielleicht tatsächlich einmal zu verwirklichen. Du zwingst mich, Prioritäten zu setzen, mich zu konzentrieren. In der Ewigkeit hingegen verzettele ich mich, da bin ich mir sicher; schon einen freien Nachmittag verplempere ich ja all zu oft. Wieso heute besorgen, was ich noch auf eine unbegrenzte Anzahl Morgen verschieben kann? Du verleihst den Dingen Dringlichkeit und damit auch eine Eindringlichkeit, die Ewigkeit hingegen setzt an deren Stelle die Beliebigkeit und die Gleichgültigkeit.

Die lebenslange Liebe

Das gilt auch für die Liebe. Uns treu zu bleiben, bis dass der Tod uns scheidet, das haben sich meine Frau und ich vor dem Traualtar geschworen. Ich hoffe tatsächlich darauf, dass erst du uns trennst. Die Statistik schilt mich einen naiven Romantiker, ich weiss; immerhin geht jede zweite Ehe in die Brüche. Aber dass es möglich ist, ein Leben lang glücklich zu sein miteinander, das haben unsere Eltern uns vorgemacht. Und die lebenslange Liebe, wenn sie denn gelingt, scheint mir erstrebens-wert: Sie setzt der Kurzatmigkeit des Alltags – Termine, Termine, Termine – und der Episodenhaf-tigkeit unseres Daseins – Jobs, Projekte, Pläne – einen grossen Bogen entgegen. Sie ist konstant, aber nicht gleichförmig: Auf die stürmisch-unbeschwerte Verliebtheit der ersten Monate folgt die erste Wohnung, das Zusammenleben will gelernt und genossen werden. Schneller als man meint, ist es vorbei mit der Zweisamkeit; die anstrengende Zeit als junge Familie beginnt, in der man sich häufiger als Krippen-Personal vorkommt denn als Liebespaar. Sind die Kinder ausgeflogen, gibt es wieder Zeit für neue Zweisamkeit und für die Zuwendung zur Welt.

Mit etwas Glück, mit Rücksicht, Geduld und Aufmerksamkeit entsteht dabei über die Jahre zwischen zwei Liebenden nicht nur eine zärtliche, vertrauensvolle Gefährtenschaft, sondern die geteilte Zeit wird zu einem gemeinsamen Schatz aus Erinnerungen, Glück und Leid. Beides ist Stütze und Trost, wenn am Lebensabend die Gebrechen kommen und die Schmerzen – wenn man keine Pläne mehr macht ohne dich. Zumindest hoffe ich, dass es so ist.

Die Ewigkeit ist verdammt viel länger als die 40 oder 50 Jahre, die heute einem Paar bleiben. Die lassen sich gemeinsam meistern.

Und wenn es dich nicht mehr gibt? Gelänge die lebenslange Liebe noch? Wohl kaum. Nicht nur, weil die Ewigkeit verdammt viel länger ist als die 40 oder 50 Jahre, die heute einem Paar bleiben. Die lassen sich gemeinsam meistern. Aber 100, 200 Jahre? Zudem: Die verstreichende Zeit, das Älter-werden, der Tod formen die Liebe. An ihnen reift und wächst sie. Sind wir hingegen alterslos, dann macht die Liebe keine Entwicklung durch – ausser, dass uns unser Partner langweilig wird auf Dauer.

Natürlich ist es möglich, sich mehrmals zu verlieben und mehrere glückliche Partnerschaften zu leben. Zumindest in einem befristeten Leben. Und ohne den Alterstod im Nacken würden wir sicher am Anfang viele Liebesbeziehungen leben: alle zehn, zwanzig oder dreissig Jahre ein neuer Partner, eine neue Partnerin – passend zu unserem für den nächsten Abschnitt gewählten Lebensentwurf. Aber wie viele Beziehungen hintereinander lassen sich leben, wie oft lässt sich der Schmerz des Liebesaus’, des Verlassenwerdens wegstecken? Wie oft gelingt der Neuanfang? Der Flirt würde auf Dauer nur noch langweilig, die Verliebtheit nur noch ein Abklatsch ihrer selbst, das ewig neue Zusammensein wäre ermüdend und Sex nur noch mechanisch. Und die Liebe selbst wäre uns irgendwann einfach nur noch gleichgültig. Denke ich zumindest.

Sicher ist: Wer ewig leben will, muss auf Kinder verzichten. Denn wenn niemand mehr abtritt, bleibt kein Platz für Nachkommende. Die ohnehin schon arg strapazierte Welt würde sonst unter der Überbevölkerung kollabieren. Ein egoistischeres Begehren als die Alterslosigkeit gibt es nicht – weil ich ewig leben will, lasse ich anderen Menschen, neuen Generationen, neuen Ideen keinen Platz und keine Chance. Wer die Alterslosigkeit will, vergibt damit auf Dauer neben der Liebe auch etwas weiteres, das zentral ist fürs Menschsein: Familie. Sie ist neben der Liebesbeziehung die zweite grundlegende Form von Gemeinschaft, die dem Menschen Halt und Zugehörigkeit und Sinn gibt, weil sie den Einzelnen in einen grösseren Zusammenhang setzt, in die dynastische Perspektive. Gewiss, Familie kann nerven, Kinder sind anstrengend, unordentlich, unlogisch und sie kosten Geld – und man wird sie ein Leben lang nicht los. Aber gerade darin liegt das Besondere der oft schwierigen Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern – dass sie ein Leben lang trägt. Was aber hält mich, wenn ich alterslos bin, aber allein?

Auf dem Olymp

Die schlimmste Konsequenz deiner Abschaffung, Schlafes Bruder, aber wäre, dass unweigerlich eine Zweiklassengesellschaft entstehen würde. Das weißt du besser als jeder andere. Du bist käuflich. Schon jetzt lebt länger, wer Geld hat, um sich Therapien, Medikamente und Operationen leisten zu können. Das ewige Leben wäre teuer, ein Privileg für die Wohlhabenden, ein Statussymbol. Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Welt, die es sich nicht leisten kann oder will, keinen Menschen verhungern zu lassen, allen die ewige Jugend garantieren würde. Der Graben zwischen Arm und Reich würde zur unüberwindbaren Kluft zwischen den Ewig-Jungen und den Sterblichen. Die Festung Europa würde zum Olymp; den Göttern gleich sässen wir da und schauten hinab auf die Mas-sen der Kurzlebigen. Was empfänden wir für sie? Wahrscheinlich fürchteten wir sie gleich doppelt: als Bedrohung unseres Wohlstandes und als Gefahr für unser ewiges Leben auf Erden. Entsprechend würden wir sie behandeln – rücksichtslos, brutal, mit aller Härte. Bestenfalls wären sie uns egal. Ihr Schicksal liesse uns auf jeden Fall kalt: Was geht mich einer an, dessen Urenkel ich noch überleben werde?

Was geht mich einer an, dessen Urenkel ich noch überleben werde?

Die Sterblichkeit ist allen Menschen eigen, darauf beruhen Mitgefühl, Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe. Nur wer mit anderen mitleiden kann, kann Mitleid empfinden. Als potenziell Unsterbliche verlieren wir diese zentrale menschliche Eigenschaft. Götter kennen kein Mitleid, sie ken-nen höchstens Gnade. Wer ewig lebt, hört auf Mensch zu sein.

Nicht zu vergessen: All die Machtmenschen, die selbstherrlichen Verbandspräsidenten, die ein-gebildeten Topmanager, die rücksichtslosen Alleinherrscher – wir müssten sie nicht nur ein paar Jahre oder Jahrzehnte ertragen, sie würden ewig auf ihren Chefsesseln und Thronen sitzen bleiben und alles dafür tun, um ihre Macht nicht abgeben zu müssen. Für unersetzlich halten sie sich ja jetzt schon. Keine Frage, dass sie auch die Unsterblichkeit für sich beanspruchen würden. Da lob ich mir deine radikaldemokratische Ader. Wo gesunder Menschenverstand, die Demokratie oder die Weltgemeinschaft versagen, ist auf dich Verlass. Du holst jeden früher oder später vom hohen Ross – und zwar für immer.

Der kosmische Massstab

Ja, auch ich sehne mich zwischendurch nach Ewigkeit. Dann halte ich in klaren Nächten Ausschau nach dem Andromeda-Nebel. Viel mehr als ein blasser Fleck ist von Auge nicht zu erkennen. Es ist die Galaxie, die der unseren am nächsten liegt. 2,4 Millionen Lichtjahre ist sie von uns entfernt. Das schreibt sich leicht, aber der Massstab überfordert mich – ein weiterer Beleg dafür, dass wir nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Als das Licht, das heute auf meine Netzhaut fällt, sich von dort auf die Reise machte, gab es auf der Erde noch gar keine Menschen. Und dann denke ich: Wie vermessen, sich ein ewiges Leben zu wünschen. All die grossen Geister vor mir und die vielen Namenlosen – alle hast du geholt, und ausgerechnet ich soll dir von der Schippe springen? Es will mir nicht in den Kopf, womit ich das verdient hätte, oder besser gesagt: wieso ich dazu verdammt werden sollte.

Dann bleib ich lieber, was ich bin: ein Fliegenschiss im Kosmos. Das ist nicht deprimierend, im Gegenteil. Es nimmt dir den Schrecken. Du magst vielleicht bei mir das letzte Wort haben, aber gegen das Leben als ganzes vermagst du nichts. Du mühst dich vergebens ab. Millionen, Milliarden von Menschen waren vor mir da, ebenso viele werden nach mir kommen – und nach oben schauen zum Andromeda-Nebel und sich getröstet fühlen angesichts ihrer Bedeutungslosigkeit.

In der Zwickmühle

Das Menschsein hat einen hohen Preis, das bist du. Aber im Gegenzug bekommen wir viel zurück: Liebe, Familie, Gemeinschaft, Sinn, kostbare Zeit – eben alles, was uns als Menschen ausmacht. Wer dich aus dieser Gleichung hinausdividiert, dem geht das Leben nicht mehr auf.

Das tönt jetzt schon fast wie eine Liebeserklärung an dich. Aber lass dir das bloss nicht zu Kopfe steigen. Wir werden dich weiter bedrängen, dir noch mehr Jahre abtrotzen. Von Anbeginn an hast du uns definiert: Der Mensch ist das Tier, das um seine Sterblichkeit weiss. Doch dann kehrten wir den Spiess um und definierten dich neu: Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt ein Mensch als tot, wenn er nicht mehr atmete und sein Herz nicht mehr schlug. Dann kam die Reanimationsme-dizin – und auf einmal liessen sich Totgeglaubte ins Leben zurückholen. Du bist der Punkt, an dem die aktuelle Medizin nichts mehr retten kann. Du bist eine Grenze, die wir ziehen. Und wir schieben diese Grenze immer weiter hinaus. Wir können nicht anders: Wir wollen nicht sterben, nicht jetzt, noch lange nicht. Darum nehmen wir so bereitwillig die immer wirksameren lebensrettenden Apparate der Mediziner an, die immer neuen Wunder der Gentechnik und die lebensspendenden Pillen.

Ich bin da keine Ausnahme.

Trotzdem hoffe ich, dass du uns erhalten bleibst. Das ist die Zwickmühle, in der ich stecke: Nicht sterben zu wollen, aber zu wissen, dass ich ein Leben ohne dich nicht möchte. Darum hoffe ich, dass ich dich akzeptieren kann, wenn es einmal so weit ist – nicht als Spielverderber, sondern als Mitspieler, ohne den es nur Verlierer gibt.

Auch wenn es mir schwer fällt: Ich rechne mit dir.

Dieser Essay erschien 2014 im Sammelband «Schlafes Bruder, wann stirbst du endlich?», der die 20 besten Beiträge des Essay-Wettbewerbes der Zeitung «Der Bund» enthält.