CVP-Flower-Power

CVP-Flowerpower
«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 21. Mai 2015

Mehr als vier Jahrzehnte nach Woodstock ist die Hippiebewegung definitiv in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Also in der CVP. Bis vor Kurzem wusste ich das auch nicht, aber dann flatterte mir der Wahlkampfprospekt einer CVP-Nationalrätin ins Haus: Vorne drauf ihr strahlendes Gesicht über einem Sonnenblumenfeld, innen ein paar nette Worte und ein Briefchen mit fünf Sonnenblumensamen. Die Sonnenblume, so erklärt die Politikerin, symbolisiere ihr Engagement für «unsere Werte». Und man solle sie im Herbst doch bitte wieder nach Bern schicken. Was genau sie mit «unsere Werte» meint, verrät sie nicht. Wahrscheinlich freie Nächstenliebe, Frieden für den Mittelstand und konsensorientierte Selbstverwirklichung. Oder was immer man sich unter christlich-demokratischer Flower-Power vorstellen muss.

Ein Allergiker, wer Sonnenblumen nicht mag. Aber ob sie als Symbol fürs politische Engagement taugen? Immerhin streckt die Sonnenblume ihr Köpfchen immer nach der Sonne, ist also eigentlich ein Wendehals – und welcher Politiker will das schon sein?

Vor allem aber hoffe ich, dass das Beispiel nicht Schule macht. Sonst fühlt sich die SP genötigt, rote Rosen zu verteilen – aus fairer und genderneutraler Produktion. Die Jusos rollen Unkrautsamenbomben, um die Golfrasen der oberen Zehntausend zu ver(un-)zieren. Die FDP lässt Samenbriefchen in Form von Banksafes produzieren, darauf der Slogan «Wir kämpfen für ein starkes (Samen-)Bankgeheimnis». Denn, hey, die Liberalen können auch ironisch, wenn ihre Werbeagentur meint, damit sei ein Blumentopf zu gewinnen.

Die BDP setzt auf Stiefmütterchen und die CSP versucht ihr Glück mit Vergissmeinnicht. Rote und weisse Geranien verteilen die Mannen und Frauen der SVP, bis ihnen ein neunmalkluger Kolumnist unter die Nase reibt, Geranien seien im Fall gar keine einheimischen Blumen, sondern Migranten aus Südafrika. Worauf die SVP zurückschiesst, sie habe nichts gegen Ausländer, wenn diese nur gut integriert seien. Und die Grünen? Denen wird es zu bunt, dass plötzlich alle auf Natur machen und sie verteilen Immergrün-Setzlinge mit dem Slogan «Nur wir waren schon immer grün!».

Der Wahlkampf als Gartenschau und Anbauschlacht. Lieber nicht. Darum, liebe Politikerinnen und Politiker, behaltet eure Blumensamen, eure Partei-Kugelschreiber, eure Hustenbonbons und die Bierdeckel mit eurem Konterfei. Und überzeugt uns dafür lieber mit euren Ideen für die Schweiz von morgen.

Übrigens: Die Saat der CVP ist bei mir nicht aufgegangen. Statt im Blumentopf landeten die Sonnenblumensamen nämlich auf meinem Salat. Es hat gut geschmeckt.

Herzlichen Dank, Frau Nationalrätin.