Endlich Herbst

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. September 2019

Das Schönste am Herbst ist, dass der Sommer vorbei ist. Endlich. Dieser nervtötende Angeber, dieser flip-floppende Grosskotz, der es wie die Sonnenuhr macht: Er hält sogar seinen Schatten für das Mass aller Dinge. Der längste Tag, die kürzeste Nacht (aber tropisch!), Rekordtemperaturen – drunter macht es der Sommer nicht. Er ist eben der Trump unter den Jahreszeiten: Völlig verpeilt in seiner Selbstüberschätzung, spaltet er die Nation in jene, die ihn heiss lieben, und jene, die ihn am liebsten loswerden würden (#ImpeachSummer).

Den Herbst hingegen lob ich mir. Er ist wie die CVP: Wankelmütig (fröstelkalt am Morgen, am Nachmittag reichts noch fast einmal für die Badi), auf Ausgleich bedacht (Tagundnachtgleiche) und tendenziell auf dem absteigenden Ast. Im Gegensatz zum Sommer muss sich der Herbst nicht in Pose werfen, er ist kein Lautsprecher, kein Blender, kein greller Typ, nein, der Herbst hat die ganz grosse Farbstiftkiste von Caran d’Ache in die welken Hände gelegt bekommen. Keiner kann mehr Zwischentöne und Nuancen als er.

Und um einiges leiser als der Sommer ist er auch. Für das Dröhnen der Laubbläser kann er ja nichts. Ihren raschelnden Striptease vollführen die Bäume nicht für uns, sondern nur für sich selbst; deshalb erröten sie ja auch, wenn man ihnen beim Entblättern zuschaut. Bald schon stellt man die Heizung wieder an, mit schlechtem Gewissen, weil man immer noch mit Öl heizt (der nächste Sommer wird noch heisser werden). Und man schaut den Schwalben bei ihrer Flugakrobatik zu (#flugcharme) und fühlt sich selber leicht und beschwingt dabei, Sauser sei Dank.

Ja, die Natur fährt noch einmal das ganz grosse Buffet auf, aber aus der Überfülle tötelet uns die allgemeine und eigene Vergänglichkeit entgegen. Deshalb auch die Bénichon, diese kollektive Völlerei wieder jede Vernunft und Ernährungsempfehlung: sich noch einmal den Bauch vollschlagen, wer weiss, ob man nächstes Jahr noch mit am Tisch sitzt.

Alles vergeht, daran erinnert uns der Herbst. Und den Ga­raus gemacht hat er zum Glück auch den Sommerferien der Kinder, diesen siebeneinhalb Wochen, die zäh dahinflossen wie Asphalt in der glühenden Sommerhitze. Siebeneinhalb unendlich lange Wochen, bei denen am Schluss die Nerven mancher Eltern und Kinder so blank lagen wie die Flanken der einst vergletscherten Berge.

Nun sind die Kinder wieder aus dem Haus und reifen ihrer schulischen Vollendung entgegen. Dem Herbst sei Dank. Dafür verzeih ich ihm alles andere: den Nieselregen, die Nebeltage und den unvermeidlichen Wurm in den heissen Marroni.

Stilfragen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 29. Juni 2019

Gerade in diesen Backofentagen werde ich als Stilexperte häufig gefragt: «Nackte! Männerfüsse! in! Sandalen! Geht das!» Ohne Fragezeichen, aber mit fünf Ausrufezeichen, weil es eigentlich gar keine Frage ist, sondern ein bereits gefälltes ästhetisches Todesurteil, das ich lediglich noch unterzeichnen soll.

Doch den Gefallen tu ich nicht. Ich finde nämlich, nackte Männerfüsse in Sandalen, das geht durchaus. Ich habs ausprobiert. Und Jesus lief schliesslich auch nicht mit rahmengenähten Budapestern herum. Wer will also den ersten Bimsstein werfen?

Überhaupt finde ich, was bei Frauen ok ist, soll auch für Männer in Ordnung sein. So viel Gleichberechtigung muss sein. «Aber Socken in Sandalen?», werden Sie jetzt vielleicht fragen. Bitte, wers mag. Was übrigens auch geht: bleiche und haarige Krampfaderbeine, die unter zu kurzen Sommerröcken oder Shorts hervorschauen, wabblige Tantenarme und mehr oder weniger imposante Bauchansätze mit leichtem Sonnenbrand – und Falten an allen möglichen und unmöglichen Stellen, das geht sowieso.

Denn hey, Leute, es ist Sommer. Grillzeit. Also raus mit dem Fleisch, auch wenn es kein Edelstück ist oder eher ein Käseplätzli statt ein Hohrückensteak. Das Leben ist nun mal kein Instagram-Profil mit eingebautem Filter. Hier gibt es eben noch echte Menschen mit echten Körpern, und der öffentliche Raum ist kein Laufsteg, den man nur mit Modelmassen betreten darf.

Aber wenn Sie schon um meine Stilkritik fragen, bitte. Was meiner Ansicht nach in dieser Saison gar nicht geht: Dass eine Freiburger Partei nur mit Männermodels wirbt – das ist nicht retro-chic, das ist einfach untragbar. Stillos ist, wie ihre Mutterpartei in ihrem extraplatten Extrablatt die Klimapolitik mit fadenscheinigen Argumenten und gegen den Strich jeder Logik zu einer Ausländerfrage zurechtschnurpfen will. Schlechte Handwerk ist es sowieso: Das Wahlkampfmäntelchen ist so durchsichtig gestrickt, dass man durch es hindurch die Angst seiner Macher sehen kann, dass ihnen diese Masche diesen Herbst keiner abkauft.

Ganz generell finde ich: Zwar lassen sich Ignoranz und Hass gut kombinieren, aber sie machen hässlich. Und Bretter vor dem Kopf sehen nie gut aus, auch wenn man dieses Accessoire mit Stolz spazieren führt.

Aber nackte Männerfüsse in Sandalen, das geht. Wer den Anblick schwieliger Männerfüsse in klobigen Sandalen trotzdem als persönliche Zumutung ansieht, der soll halt, Herrgott noch mal, seinen Mitmenschen nicht auf die Füsse schauen, sondern in die Augen.

Dort hat es zwar auch Hornhaut. Dafür wirklich nur in Ausnahmefällen Hühneraugen.

Raumschiff Erde

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 25. Juni 2019

Der Mond fasziniert mich. Die Mondlandung sowieso. Das 50-Jahr-Jubiläum von Neil Armstrongs kleinem Schritt ist für einen Süchtigen wie mich wie 24 Stunden Happy Hour. Sprich, ich gebe mir die Kante: Ich schau mir jeden Dok-Film an, den die unendlichen Weiten des Fernsehens hergeben, liebäugele damit, auch noch den dritten und vierten Bildband zum Apollo-Programm zu kaufen, und zwischendurch gehe ich mit meinem Telesköpchen auf dem Mond spazieren. Und mein Konsum von Raketen-Glaces (die wurde im mondverrückten Sommer 1969 gestartet) ist so astronomisch hoch, dass meine Frau meint, auf dem Mond wiege man zwar vielleicht nur einen Sechstel seiner irdischen Leibesfülle, aber es sei jetzt trotzdem genug.

Aber ich kann nicht anders. Die Vorstellung, dass 1969 drei Männer mit einer Bombe unter dem Füdli und einer Schweizer Uhr am Handgelenk zum Mond gelangten und sicher wieder zurück, auf einer mit Stift und Papier berechneten Flugbahn, ist und bleibt für mich einer der ganz grossen Momente der Menschheitsgeschichte.

Das Mondfieber ist wieder da. Amis, Chinesen, Russen, alle wollen wieder auf den Mond – und dieses Mal wollen sie bleiben. Lunare Iglus und Mond-Salat, der auf Astronauten-Dung heranwächst, sollen die Besiedlung des unwirtlichen Erdtrabanten ermöglichen. Viele sehen den Mond dabei nur als Sprungbrett auf dem Weg zum Mars. Die Kolonisation ferner Himmelskörper werde nötig, wenn die Erde dereinst nicht mehr genug Nahrungsmittel für die Menschheit hergebe, hörte ich neulich eine junge Schweizer Ingenieurin in einem Dok-Film sagen.

Der Mars als Plan B, wenn es auf der Erde schiefläuft? Das finde ich ziemlichen Quatsch. Denn wer könnte sich ein Ticket fürs Rettungsraumschiff leisten? Reiche Männer: Jeff Bezos von Amazon, Marc Zuckerberg von Facebook, in der Holzklasse vielleicht noch Christoph Blocher. Selbst wenn die das auf dem Mars mit der Fortpflanzung hinbekämen, wäre das kein guter Neuanfang für die Menschheit.

Im gleichen Dok-Film sagte ein Raumfahrtexperte: Anstatt von Raumschiffen zu träumen, die uns von der Erde wegbringen, müssten wir uns bewusst werden, dass wir längst in einem Raumschiff sitzen. Wir sind acht Milliarden Astronauten, mit 107 000  Kilometern pro Stunde rasen wir durchs nachtschwarze All und drehen uns um die Sonne, bis diese sich in fünf Millionen Jahren zum Roten Riesen aufbläht und grillt, was von uns übrig geblieben ist.

Den Kurs können wir nicht ändern. Aber wir sollten uns verdammt nochmal endlich um die lebenserhaltenden Systeme an Bord kümmern. Da leuchten nämlich längst alle Alarmlämpchen fiebrig rot.

Tour de Suisse

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. Juni 2019

Als es nach Flamatt den Stutz hinauf ging, fluchte Platten. Die dritte Etappe war noch keine zwei Minuten alt und er hasste sie schon. Schon als 15-Jähriger war er bei den Bergrennen des VC Hefenhofen stets das Schlusslicht gewesen. Es lag nicht an der Kraft. Am Hang stand er einfach auf dem Schlauch. Mental.

Er hatte sich trotzdem zu einer Karriere als Velorennfahrer überreden lassen. Das schien ihm allemal besser als das KV. Und er hatte ja durchaus seine Glanzmomente gehabt. Auf Kopfsteinpflaster. Doch seine jugendliche Leichtigkeit hatte er längst verloren, weshalb er auch deutlich weniger verdiente als die Kollegen seines drittklassigen Teams. Und im Hotel bekam er das Zimmer über dem Dampfabzug der Küche. Schweiss und Schmerzen am Tag, Pommes-Gestank in der Nacht.

Dazu die Demütigung, immer nur die in Polyester gepackten Hinterteile seiner Konkurrenten zu sehen. Wie gerne hätte er ihnen allen in den Arsch getreten. Aber so nahe kam er gar nicht an sie ran, nur den Dreck, den bekam er ab, wenn sie durch die Pfützen sausten. Bei der letzten Etappe hatte ihn sogar der Besenwagen überholt – und es nicht einmal gemerkt.

Da vorne kam ein Dorf. Schulkinder säumten die Strasse. Abkommandierte Statisten der geheuchelten Begeisterung. Er sah nicht, wie ein Bub im Überschwang sein Fähnchen hoch in die Luft schleuderte. Aber er spürte, wie sich der Holzstab in die Speichen klemmte und das Vorderrad blockierte. Schwerelos flog er durch die Luft – einmal Armstrong sein, wenn auch der falsche – und knallte dann auf den Asphalt.

Als er wieder zu sich kam, beugte sich eine Frau über ihn. Sie hatte keine Velorenn-Figur. Mollig war sie, aber kräftig genug, um ihn von der Strasse aufzuheben wie ein kleines Kind, das vom Trotti gefallen war. Sie bettete ihn auf die Wiese und blieb beim ihm, als der Notarzt kam. Das wärs dann gewesen mit der Tour, sagte der und zeigte auf den Unterschenkelknochen, der aus der offenen Wunde hinausragte. Und mit dem Rennsport wohl auch.

Was er jetzt denn mache, fragte ihn die Frau mitleidig. Eigentlich würde er einfach gerne bei ihr bleiben, sagte Platten, aber er könne Pommes nicht ausstehen, das sage er lieber gleich. Sie auch nicht, sagte sie und lächelte. Wo er eigentlich sei, fragte er. In Wünnewil, sagte sie. Seis drum, sagte er, mit ihr könne er auch in Wünnewil glücklich werden. Und das wurden sie dann auch.

Aber so schön ist die Tour de Suisse leider nur in dieser Kolumne. In Wirklichkeit ist sie wie schlechter Sex: enttäuschend schnell vorbei. Und dass man dabei ein Werbehütchen der Vaudoise aufhat, macht die Sache definitiv auch nicht besser.

Der Mond ist voll

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 4. Juni 2019

«Der Mond ist saufen gegangen, seht ihr ihn am Tresen hangen, sternhagelvoll und breit …» Schonungslos nüchtern hat der deutsche Dichter Matthias Claudius – ansonsten eher von romantischen Anwandlungen durchwabert – in seinem 1779 veröffentlichten «Abendlied» das wahre Wesen des Mondes als eines schwer alkoholkranken Himmelskörpers besungen. Bekannt geworden ist Claudius’ «Abendlied» übrigens erst in einer von seinem Lektor erarbeiteten entschärften Fassung («Der Mond ist aufgegangen»). Aber seine Beobachtung stimmt: Der Mond macht uns nicht süchtig, er ist es selber. Die amerikanische Flagge jedenfalls, die Neill Armstrong und Buzz Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond aufpflanzten, war nicht die erste Fahne, die dort oben wehte.

Der Mond, das ist eine klassische himmeltraurige Trinkerkarriere. Immer wieder nimmt er sich aufs Neue vor, trocken zu bleiben. Was ihm auch gelingt – aber nur einen Tag lang. Wie ein neuer Mond fühlt er sich dann jeweils. Aber dann überkommt ihn erneut das Verlangen und er kippt sich was hinter die zarte Sichel. Nicht viel. Nur was, um sich ein bisschen glänzender zu fühlen. Und weils so guttut, gleich noch ein zweites Gläschen. So füllt er sich die Himmelslampe, und nach vierzehn Tagen ist der Mond voll bis unter die Kraterkante.

Eine Nacht lang sonnt er sich im Rausch. Umso brutaler dann der Kater. 14 Tage ausnüchtern. Therapiesitzung bei den Anonymen All-Koholikern, wo der Mond sich und den anderen weiszumachen versucht, er habe kein Problem mit dem Trinken, er sei ja nur phasenweise voll. Was den Meteoren völlig schnuppe ist, und Neptun, wie immer blau, nimmt ihn eh nicht für voll.

Wieso der Mond säuft? Ich vermute mal, weil er gerne ein anderer wäre, als er ist. Kein treuer Trabant, sondern ein heisser Ferrari, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der Mond fühlt sich zu mehr berufen als Ebbe und Flut. Seine dunkle Seite ausleben, das möchte er: das Kalb rauslassen. Mit den Jupitermonden durch die Milchstrasse ziehen und White Russians schlürfen. Oder einen Kometen mit seiner Anziehungskraft für immer aus der Bahn werfen. Und einmal nur, einmal nur aufgehen über der Venus.

Hochfliegende Träume hat der liebe Mond, aber die Schwerkraft zieht ihn gnadenlos runter. Die Erde hält ihn an der kurzen Leine. Das macht ihn schwermütig, und gegen Schwermut hilft nur Wermut. Oder wie Matthias Claudius im zweiten Teil der ersten Strophe seines «Abendlieds» (der Originalfassung) dichtet: «Das All steht schwarz und schweiget, nur aus dem Glase steiget ein kleines bisschen Fröhlichkeit.»

Bauchnäbel und Bademäntel

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 18. Mai 2019

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii und ging auch nie durch San Francisco in zerrissnen Jeans. Ich sass übrigens auch noch nie im weissen Bademantel an einem durchsichtigen Flügel. Aber trotzdem singt mir Udo Jürgens aus dem Herzen. Ich war noch nirgends. Was kein Problem wäre, wenn nicht immer alle anderen erzählen würden, wo sie schon alles gewesen sind.

Kennen Sie das? Da sitzt man in einer gemütlichen Runde zusammen und schon gehts los mit den Reiseerzählungen: Australien («Dieses Jahr mal die Westküste. Eindrücklich!»), Neuseeland («Immer wieder schön.»), Thailand («Das Essen, toll, und die Leute, alle so nett.»), mit dem Camper durch die USA («Diese Weite!»), Galapagos («Noch nicht so überlaufen»), Safari in Kenia («Die Löwen waren enttäuschend.»). Und alle schwärmen eifrig mit, weil alle schon überall waren, und wo sie noch nicht waren, gehen sie nächstes Jahr garantiert hin. Auf die Malediven zum Beispiel («So lange es sie noch gibt.»). Nur ich sag dann nichts, weil Kaninchenfüttern im Reka-Dorf halt nicht so ­sexy ist wie Whale-Watching in Island.

Manchmal schiebe ich dann meine Kinder vor. Mit denen seien lange Reisen halt mühsam, sage ich und fühle mich schlecht dabei, weil ich meine Kinder gleich behandle wie die SVP die Ausländer: immer schuld an allem – obwohl sie gar nichts dafür können.

Denn es liegt ja an mir. Und ich frag mich dann schon: Mach ich was falsch? Verpass ich etwas, wenn ich nicht zwei Mal im Jahr um die halbe Welt jette? Reisen erweitert den Horizont, heisst es ja so schön. Aber ich habe da ehrlich gesagt meine Zweifel. Denn der Bauchnabel fliegt ja mit, als Mittelpunkt der Welt, als Kompass und Gradmesser für alles Fremde. Was dann dazu führt, dass man die Ignoranz zur Abwechslung mal zwei Wochen vor exotischer Kulisse spazieren führt: «Die haben so wenig und sind trotzdem alle total zufrieden.»

Und überhaupt: Wären die gesammelten Flugmeilen ein Gradmesser für die Weltoffenheit, dann würden wir ja nicht Zäune hochziehen, wenn die Welt zu uns kommt.

Aber vielleicht tue ich all den Weitgereisten ja Unrecht. Vielleicht bin ich ja auch nur ein selbstgerechtes Astloch mit engem Horizont, dem der eigene Nabel schon Attraktion und Abenteuer genug ist. Vielleicht täte mir eine Fernreise mal so richtig gut, um meinen Blick zu weiten. Was Knalliges: Walross-Reiten in Alaska oder Islamisten-Streicheln in Kabul zum Beispiel.

Oder vielleicht kaufe ich mir einfach einen weissen Bademantel. Dann ist fertig Nabelschau und der Blick frei für die Welt um mich herum.

Auch Mittelmass macht Spass

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 26. April 2019

«Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter», las ich neulich auf einem Zuckerbeutel. Krass, dachte ich. Man weiss ja, dass zu viel Zucker einen frühen Tod bedeutet, aber dass es gleich so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Erst beim zweiten Hinschauen merkte ich: Das ist gar kein Warnhinweis vom Bundesamt für Gesundheit. Sondern eine Lebensweisheit. Oder eher eine Lebensdummheit.

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich nur eines tun: meine Liebsten in den Arm nehmen und nicht mehr loslassen. Nun ist es ja sicher nicht falsch, täglich seine Liebsten zu herzen. Aber eine tagesfüllende Beschäftigung ist das nicht. Und das meinen die Glücksgurus und die Freizeit- und Konsumindustrie auch nicht, wenn sie uns diesen Satz um die Ohren hauen. Ihnen geht’s um was ganz anderes: Fun bis zum Exzess. Downhill am Mount Everest. Tauchkurs auf Bali. Bungee Jumping im Hölloch. Ganz intensiv leben, mit jeder Faser des Körpers; gierig das Mark des Lebens aufsaugen, um nicht auf dem Sterbebett zu merken, dass man gar nicht gelebt hat. Und natürlich alles als Instant-Erlebnis buchbar.

Wahnsinnig anstrengend. Und total egoistisch: Noch einmal Eisbären in der Arktis sehen, bevor es beides nicht mehr gibt. Auf Teufel komm raus Spass haben und nach mir die Sintflut. Vor allem aber geht mir dieser unselige Optimierungswahn auf den Keks: Jeder Moment muss magisch sein. Jeder Tag perfekt. Darunter geht’s nicht. Dabei macht doch auch Mittelmass Spass. Und lauwarm leben ist auch kein Verbrechen.

Je länger ich über den Spruch nachdachte – kurzer Einschub für die jüngeren ­Leser: Nachdenken ist wie ­Googeln, nur krasser, weil man es selber machen muss und meistens nicht innert Sekunden auf 27 245 876 Resultate kommt, sondern auch nach Stunden auf gar keines –, als ich also über den Spruch nachdachte (okay, ich googelte), stiess ich auf einen weiteren Satz: «Lebe jeden Tag so, als wäre es dein erster.» Sich die Neugierde und das Staunen eines Kindes bewahren. Jeden Morgen aufs Neue erstaunt und beglückt merken, dass man nicht alleine im Bett liegt. Schön. Aber auch nicht sehr praktikabel. Denn seien wir ehrlich. Es braucht doch im Leben auch Routine, Vertrautheit, Gewissheit, Verlässlichkeiten. Sie sind der Boden, auf dem das Glück erst spriesst. Oder nicht?

Und übrigens muss man zuerst Zeit säen, bevor man den Tag pflücken kann. Ich weiss zwar nicht genau, was ich damit meine. Tönt aber gut – und würde sich als Spruch gut machen auf einem Zuckerbeutel.

Haustiere

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 20. April 2019

«Papi, ich möchte sooo gerne ein Pferd», sagt die Grosse. «Viel zu teuer», sage ich. «Und ein Meerschweinchen?», fragt sie treuherzig. Raffiniertes Kind, denke ich. Aber so leicht lasse ich mich nicht um den Finger wickeln. «Ein Meerschweinchen allein ist einsam, da brauchst du mindestens zwei.» – «Juhui, wir kriegen zwei Meerschweinchen», jauchzt der Kleine. «Das kostet dann aber wieder fast so viel wie ein Pferd», sage ich. «Und dann kommt noch das Futter dazu.» Manchmal bin ich selber erstaunt, wie schamlos ich lüge, seit ich Kinder habe. «Dann doch lieber gleich ein Pferd», entscheidet die Grosse. «Ich schlachte auch mein Sparschwein dafür.»

Mist, das Geldargument zieht nicht. Zeit für die Moral. «Pferde sind ganz schlecht fürs Klima», doziere ich. «Habe ich neulich gelesen. Ein Pferd ist genauso schlimm wie 21 500 Kilometer Autofahren. Einmal um die halbe Welt.» – «Mit dem Pferd um die halbe Welt?» Die Grosse kriegt glänzende Augen. «Wir haben ja gar kein Auto», wirft der Kleine ein, «dann könnten wir doch stattdessen ein Pferd haben?» – «Wir bräuchten aber vier davon», gebe ich zu bedenken, «und dann noch eins fürs Gepäck.» Die Augen der Grossen glänzen noch mehr. «Dann wären wir bei über 100’000 Kilometer Autofahren», rechne ich vor, «dann könnten wir auch gleich fliegen.»

«Fliegen ist aber noch viel schlimmer als Autofahren, oder?», sagt der Kleine. «Schön, dass du das auch so siehst», sage ich, «dann sind wir uns ja einig, dass auch Vögel keine Option sind.» – «Nicht mal ganz kleine?», fragt der Kleine. «Auch keine Kurzwellensittiche.» – «Aber wenigstens Goldfische?» – «Silberfischchen, meinetwegen», lenke ich ein, «die sind so putzig.» – «Aber die kann man nicht mal streicheln», reklamiert die Grosse. «Wenn du schnell genug bist schon», entgegne ich.

«Wieso dürfen wir eigentlich kein Haustier, aber du hast einen Dino im Keller?», fragt der Kleine unvermittelt. «Einen Dinosaurier?» – «Ja», sagt der Kleine, «wir heizen doch mit Fossilien. Und Fossilien sind Saurier.» – «Erdöl meinst du? Ein fossiler Brennstoff, aber da sind keine Saurier drin, sondern Plankton und andere Meerestierchen, die zur Zeit der Dinos lebten», erkläre ich. «Aber du hast schon recht, eigentlich ein saublödes Haustier.»

«Dann schmeissen wir das Planktosaurier-Dingsbums raus und holen dafür zwei Meerschweinchen», sagt der Kleine. Und dagegen lässt sich nun wirklich nichts Vernünftiges einwenden. Ausser dass das Putzen des Käfigs wohl an meiner Frau und mir hängen bleibt. Aber das ist ja höchstens schlecht fürs Familienklima.

Ausgetickt

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 2. April 2019

Sonntagmorgen. Die Back­ofenuhr zeigt 09:00, obwohl im Radio schon die 10-Uhr-Nachrichten laufen. «Ich mach das», sage ich. Zweimal im Jahr nicht ein Knecht der Zeit zu sein, sondern ihr Herr, gibt mir ein gutes Gefühl.

«Soll ich die Anleitung raussuchen?», fragt meine Frau. «Wozu?», entgegne ich. «Ich habe eine naturwissenschaftliche Matura und ein abgeschlossenes Studium.» «Als Historiker», sagt sie. Höre ich da einen ironischen Unterton? «Wenn sich jemand mit Zeit auskennt, dann wohl ein Historiker», entgegne ich leicht verunsichert. «Und übrigens funktioniert das bei allen Geräten gleich: Die Uhrtaste drücken und das Stellrad nach rechts drehen.» Blöd nur, dass unser Backofen keine Uhrtaste hat. Und kein Stellrad. Blitzschnell gehe ich meine Möglichkeiten durch. Entweder bitte ich meine Frau, doch die Anleitung herauszusuchen. Oder ich tue, was ein Mann in solchen Situationen eben tut.

Aufs Geratewohl drücke ich ein paar Tasten. So ein Back­ofen ist schliesslich kein AKW. Wird ja nicht gleich Sirenenalarm geben. Plötzlich piept das Gerät fies drauflos. «Du hast den Timer erwischt», sagt meine Frau. 09:05. «Habs gleich.» 09:10. Noch immer fummle ich am Ofen rum. «Du weisst schon, wieso Moses 40  Tage durch die Wüste irrte?», fragt meine Frau. «Weil er nicht nach dem Weg gefragt hat», presse ich gestresst zwischen den Zähnen hervor. Feministische Witze helfen selten weiter, aber jetzt schon gar nicht. Dann schnappt die Ofentür ein und ein höllisches Dröhnen hebt an. Die automatische Selbstreinigung bei 300  Grad. Ich Unglückseliger habe die Tore zur Hölle geöffnet.

Schweiss steht mir auf der Stirne. Ich komme mir vor wie ein Bombenentschärfer. Den roten oder den grünen Draht durchschneiden? Im Film kneift der Experte jeweils die Augen zu und den richtigen Draht durch. In letzter Sekunde: 00:01.

Der Backofen zeigt aber noch immer 9:20 statt 10:20. Und es gibt keine Drähte, die ich durchschneiden könnte. Also explodiere ich. Aaahh, entfährt ein infernalischer Schrei meiner geschundenen Männerseele, und ich versuche mit blossen Händen das Display kleinzuschlagen. Ich bin zwar ein teilzeitarbeitender, kinderbetreuender, haushaltmachender Vollzeitmensch. Aber ganz gefeit gegen den Teufelskreis toxischer Männlichkeit aus Selbstüberschätzung und Gewalt bin auch ich nicht. Wenigstens nicht bei bockigen Backofenuhren. Als ich wieder zu mir komme, zeigt die Uhr 10:22. Bin ich wirklich eine Stunde lang ausgetickt?

Dann sehe ich, wie meine Frau die Anleitung zurück in den Schrank legt. «Du weisst ja jetzt, wo du sie findest», sagt sie zärtlich. «Fürs nächste Mal.»



Scherzinsuffizienz

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 6. März 2019

«Herr Doktor, ich habs mit dem Scherzen.»

«Scherzrasen? Scherzklopfen? Scherzflimmern?»

«Nein, mir fallen keine guten Pointen mehr ein.»

«Kein Grund zur Sorge, das ist in Ihrem Alter ganz normal.»

«Ganz normal?»

«Scherzkreislaufprobleme. Ich verschreib Ihnen ein paar Scherztropfen, die bringen Ihren Scherz wieder in Schwung.»

«Aber mein Scherz hat von einem Moment auf den anderen einfach ausgesetzt. Total beängstigend.»

«Akutes Scherzversagen? Damit ist allerdings nicht zu spassen.»

«Sie meinen?»

«Scherzinfarkt. Schlimmstenfalls. Dann ist fertig lustig.»

«Fertig lustig ist doch jetzt schon.»

«Waren Sie als Kind denn lustig?»

«Eher nicht.»

«Dann könnte es auch ein angeborener Scherzfehler sein. Gibt es ähnliche Fälle in Ihrer Familie?»

«Nein, die sind alle witzig.»

«Das ist komisch.»

«Was ist daran denn lustig?»

«Vielleicht brauchen Sie einen Scherzschrittmacher.»

«Eine Operation am offenen Scherzen?»

«Wenn es ganz schlimm steht, sogar eine Scherztransplantation.»

«Sie scherzen wohl.»

«Keine Angst, ich bin erfahrener Scherzchirurg. Voraussetzung ist natürlich, dass wir einen Spenderscherz finden, der zu Ihrem Humor passt. Mal schauen, Peach Weber wäre bereit zu spenden.»

«Peach Weber? Gägsgüsi, aber das ist doch nicht mein Niveau.»

«Nicht Ihr Niveau? Der Turnhallenboden von Wünnewil hat mehr Niveau als Sie. Und der hat Löcher drin. Ganz ehrlich, Ihr Scherz macht es nicht mehr lange. Völlig überstrapaziert und ausgelaugt. Ich diagnostiziere fortgeschrittene Scherzinsuffizienz. Wahrscheinlich bringen Sie nicht einmal mehr diese Kolumne in Würde zu Ende. So schwach ist Ihr Scherz.»

«Aber das stimmt doch gar nicht.»

«Jetzt halten Sie mal Ihre Scherzklappe. Sie haben ja schon alle Herzscherze durch. Oder fällt Ihnen noch einer ein, Sie Scherzpatient?»

«Das wollt ich grad sagen.»

«Eben.»

«Und eine Pointe mit Lachgas hätte ich noch.»

«Ein lahmer Scherz.»

«Sag ich doch die ganze Zeit, dass das mein Problem ist.»

«Wissen Sie was, vielleicht sollten sie sich die Kugel geben.»

«Mich umbringen?»

«Nicht Selbstmord, Sie Scherzkeks, Globuli.»

«Homöopathie? Aber das ist doch ein Witz.»

«Sehen Sie, jetzt klappt es mit den Pointen ja schon wieder besser.»