Krebse erregen

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 3. Mai 2016

«Hast du auch gelesen, dass Sonnencrème Männer unfruchtbar machen kann? Das haben dänische Forscher herausgefunden.»
«Dann brauchst du halt keine Sonnencrème mehr.»
«So kriegst du aber Hautkrebs.»
«Gehst halt nicht mehr an die Sonne.»
«Ich will doch keinen Vitamin-D-Mangel. Damit ist nicht zu spassen.»
«Trinkst halt ein Bier. Da.»
«Hab gar nicht gewusst, dass es da Vitamin D drin hat.»
«Hat’s auch nicht. Tut trotzdem gut. Prost!»

«Prost! Wobei, war da nicht diese Geschichte mit dem Glyphosat im Bier?»
«Glypho-was?»
«Glyphosat. Ein Unkrautvernichtungsmittel. Wahrscheinlich krebserregend.»

«Na Prost, jetzt wollen diese Gesundheitsapostel uns auch noch das Bier vermiesen. Die Würste haben sie uns ja auch schon madiggemacht, weil die krebserregende Stoffe drin haben.»

«Und Pommes. Und Chips. Und zu stark gegrilltes Fleisch. Und Bitterschokolade. Kann alles Krebs erregen, sagen die Forscher.»

«Bitterschokolade?»

«Ja, vor allem Kakao aus Südamerika enthält oft viel Cadmium. Und im Reis aus China hat’s zu viel Arsen drin. Auch krebserregend. Eigentlich kannst du gar nichts mehr bedenkenlos essen.»

«Wobei, manchmal frage ich mich ja schon, woher die Forscher so genau wissen, was Krebse erregt. Ich meine, zeigen die den Krustentieren unanständige Bilder, und wenn denen die Schere schwillt, machen die Forscher ein Häkchen, oder was?»

«Wie bitte?»

«Apropos: Weisst du, wie man Crevetten anmacht? Nein? Mit Mayonnaise natürlich. Haha.»

«Hör auf, ich meine es ernst.»

«Was macht einen Hummer heiss? Kochendes Wasser. Und wie machst du eine Languste scharf? Mit Chilli-Sauce. Haha.»

«Ich finde diese ganzen Gifte in unserem Essen total schlimm. Und du machst nur doofe Witze.»

«Tut mir leid. Das sind die Weichmacher. Die greifen das Gehirn an.»

«Echt jetzt?»

«Echt.»

«Es ist doch krank, wie wir unsere Welt vergiftet haben: Feinstaub und Ozon in der Luft, Blei im Boden, Dioxin, Phtalate, PCB in den Fischen …»

«… und AfD und hoch dosierte SVP in der Politik. Wirklich schlimm.»

«Vielleicht wäre es besser, gar keine Kinder mehr auf diese kranke Welt zu stellen.»

«Da kann ich dir helfen. Hast du Sonnencrème? Ich reib dir gerne den Rücken ein.»

Offshore für Nichtschwimmer

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 12. April 2016

Steht Ihr Name auch drin? In den Panama-Papieren? Nicht? Dann herzlich willkommen im Klub der finanziellen Underachiever. Es ist ja gleich doppelt ungerecht: Die Reichen sind nicht nur unglaublich viel reicher als unsereins, sie wissen auch, wo sie ihre Millionen vor dem Fiskus verstecken können. Unser Geld muss für einen Hungerzins arbeiten, deren Geld kann es sich leisten, Urlaub in Mittelamerika zu machen.

Aber Rettung ist nah: Ich habe nämlich eine Briefkastenfirma gegründet–für Leute wie Sie und ich. Und weil Panama ziemlich weit weg ist, hat die Firma ihren Schlitz in Villars-sur-Glâne. Das ist die Gelegenheit, seine Fränkli so anzulegen, wie es die Reichen tun. Quasi Offshore für Nichtschwimmer, ein Steueroptimierungsvehikel für den soliden Kleinbetrüger, der ideale Platz, um sein hart erarbeitetes Schwarzgeld zu parkieren.

Es funktioniert ganz einfach. Nehmen Sie den Fünferbus Richtung Nuithonie und steigen Sie bei der Haltestelle Chênes aus. Jeweils mittwochs um 14 Uhr steht dort ein kleiner Junge, der auf den Namen Janosch hört. Wenn Sie das Losungswort nennen («Oh, wie schön ist Panama»), nimmt Janosch sie an der Hand und führt sie zu einem Briefkasten, auf dem mein Name steht. Und schon sind sie in Panama.

Falls Janosch grad Pinkelpause macht oder keine Lust hat, Ihnen den Weg zu zeigen, folgen Sie einfach den anderen Gestalten, die–den Panama-Hut tief ins Gesicht gezogen–betont unauffällig durchs Quartier streichen und den Briefkasten suchen. Ein kleiner Tipp: Er hat einen Tigerenten-Aufkleber drauf.

Den Kasten gefunden? Dann werfen Sie einfach Ihr Geld in einem Umschlag rein. Bitte achten Sie darauf, dass weder Name noch Adresse auf dem Couvert stehen. Schliesslich soll das Geld ja auf keinen Fall zu Ihnen zurückverfolgt werden können. Oder?

Übrigens: Das Steueramt hat keinen Schimmer, dass meine Briefkastenfirma existiert. Selbst wenn die Steuerfahnder diese Kolumne lesen, halten sie sie für einen Scherz. Nur Sie und ich wissen, dass es keiner ist. Die Wahrheit ist die beste Tarnung. Die glaubt nämlich niemand.

Achten Sie bitte darauf, dass nur Umschläge mit maximal 10 000 Franken durch den Schlitz passen. Grössere Summen müssen Sie im Paketfach deponieren–auf eigene Verantwortung. Ist das Geld im Kasten, können Sie mit dem Hochgefühl nach Hause gehen, jetzt auch im Offshore-Geschäft mitzumischen. Und Ihr Geld? Das ist bei mir absolut sicher versteckt. Das findet niemand: Nicht die Steuerfahnder, nicht die neugierigen Medien, nicht Ihre Frau.

Nicht mal Sie selber.

Oh, wie schön ist Panama.

Leben ist Sport genug

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 5. April 2016

«Vielleicht», sagt mein Freund und greift in die Chips-Schale, «vielleicht wäre es doch langsam an der Zeit, mit Sport anzufangen. So mit 40.»

«Wie wärs mit Joggen? Das machen jetzt alle», sage ich und schenke Wein nach.

«Auf keinen Fall. Total schlimm für die Gelenke. Und wenn du es regelmässig machst, wirst du süchtig nach den Endorphinen. Und irgendwann bist du eines dieser freudlosen Marathon-Männchen mit Streichholzbeinchen, die behaupten, 42 Kilometer zu seckeln sei ein Ausgleich zu ihrer 70-Stunden-Woche.»

«Dann halt Nordic Walking», schlage ich vor.

«Das ist doch nur für Frauen», sagt er und nimmt einen kräftigen Schluck Wein. «Wie Joggen; einfach so langsam, dass man dazu noch plaudern kann. Ein mobiles Kaffeekränzchen–mit Stöcken.»

«Velofahren?», probiere ich es und hole die Wasabi-Nüsschen, weil die Chips alle sind.

«Sich die Pässe hochquälen, eingenäht in einen neongelben Kunstdarm? Und sich von der Rentnergruppe demütigen lassen, die freundlich grüssend mit dem E-Bike vorüberzieht? Ganz habe ich meine Selbstachtung noch nicht verloren.»

«Ich hab früher in der Schule Fussball gespielt; so plauschmässig wär das vielleicht was für dich.»

«Kennst du die Suva-Statistik nicht? Grümpelturniere sind das Schlachtfeld des Ü40-Mannes, wo Selbstüberschätzung und mangelnde Fitness ins blutige Fiasko führen. Ich sag nur ‹FC Blutgrätsche› gegen die ‹Gerissenen Bänder›.»

«Dann eben Aquafit, da zerrst du dir sicher nichts.»

«Das ist so was von 60 Plus. Mache ich nur, wenn mich der Arzt dazu zwingt. Und auch dann nur mit dem Kopf unter Wasser, bis ich das Bewusstsein verliere und sie mich aus dem Becken zerren und aus dem Kurs werfen müssen.»

«Golf?» – «Zu teuer.» – «Minigolf?» – «Zu billig. Kein Prestige.»–«Dann bleibt aber nicht viel übrig», sage ich.

«Eigentlich nur eines. Seinen körperlichen Zerfall nicht krampfhaft aufhalten zu wollen – sondern hinzunehmen.»

«Ihn vielleicht sogar zu beschleunigen?», schlage ich vor und fülle die Gläser nach. «Unbedingt», stimmt er zu. «Und ihn zelebrieren. Das Nichtstun als Protest gegen den allgegenwärtigen Fitness-Terror.»

«Der Faulenzer als heiliger Ketzer wider das ungesunde Dogma der permanenten Körper-Optimierung.»

«Mein Bauch gehört mir, nicht dem Fitnessstudio.»

«Leben ist Sport genug.»

«Und euren Grünkohl-Smoothie könnt ihr euch sonst wo hinstecken.»

«Das könnte man vielleicht sogar wettkampfmässig betreiben», kommt es mir spontan in den Sinn. «Dann müssen wir aber unbedingt härter trainieren», sagt mein Freund. «Hast du noch eine Flasche?»

Jugendsünde

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 8. März 2016

«Ich bin immer noch baff, dass du so was gemacht hast», sage ich und schaue meine Frau ungläubig an. «Ich war jung, und ich brauchte das Geld», sagt sie.

«Trotzdem», entgegne ich.

«Das haben doch viele gemacht. War eben ganz praktisch als Studentin, um abends noch was dazuzuverdienen.»

«Und wieso hast du mir nie etwas davon erzählt?»

«Waren ja nur drei Monate. Bis ich was Anständiges gefunden hatte.»

«Und wie viele hast du denn so gehabt, pro Abend?», frage ich beiläufig.

«Das interessiert dich jetzt natürlich wieder.»

«Ich frag ja nur.»

«Wir hatten im Team einen Wettbewerb am Laufen, wer am meisten Nummern schafft pro Schicht. Aber das kam natürlich ganz drauf an. Mit den Jungen ging es immer gleich zur Sache. Keine fünf Minuten, da war es auch schon durch.»

«So schnell?»

«Ja, aber mit den Alten dauerte es ewig. Die wollten immer reden, reden, reden.»

«Das macht die ganze Sache ja immerhin etwas menschlicher», sage ich.

«Ist aber schlecht fürs Geschäft. Darum hat sich die Chefin eingeschaltet, wenn es zu lange dauerte.»

«Die Chefin?»

«Die hat mitgehört. Und nach 15 Minuten hat sie dich sanft dazu gebracht, die Sache abzuklemmen.»

«Das ist ja abartig.»

«So läuft das Business.»

«Also ich hätte das nicht gekonnt, mit wildfremden Menschen. Da wäre ich viel zu gehemmt gewesen.»

«Das machte ja den Reiz aus. Gut, am Anfang brauchte das schon ein bisschen Überwindung, aber wenn ich heute als Lehrerin vor einer Klasse stehe, kommt mir zugute, was ich damals gelernt habe.»

«Und wie ging das denn so?»

«Streng nach Protokoll.»

«Da gibts ein Protokoll?»

«Klar, aber du musstest dich natürlich auch in dein Gegenüber einfühlen können. Die waren ja häufig nicht in Stimmung und sagten erst mal Nein. Aber du hast bald gemerkt, dass die eigentlich gar nicht Nein meinten.»

«Echt?»

«Dann hast du sie ein bisschen bearbeitet, ein bisschen gebohrt, und schon gings.»

«Das wäre nichts für mich gewesen.»

«Hast du eine Ahnung. Deine Stimme klingt sexy. Das ist schon die halbe Miete. Wir hatten mal eine St. Gallerin. Die lispelte auch noch. Die blieb keine zwei Wochen. Mit der wollte keiner.»

«Und dir, ging dir das Ganze nie gegen den Strich?»

«Im Lebenslauf würde ich das jetzt nicht unbedingt aufführen, aber was hätte ich denn tun sollen? Zum Kellnern fehlte mir einfach das Talent.»

«Schon. Aber Telefonmarketing? Das ist nun wirklich das Allerletzte.»

Spannend

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 3. März 2016

Gutmensch ist das Unwort des Jahres. Sicher eine begründete Wahl, aber ich hab ein ganz anderes Wort auf der Latte: spannend. Das breitet sich aus wie der Kotzkäfer im Kinderlager nach einem verdorbenen Schoggimousse. Früher war höchstens der Dienstagabend-Krimi spannend – zumindest manchmal. Heute ist plötzlich alles spannend: die Gespräche, das Essen, sogar der Sex. Dabei ist «spannend» ein Feigling und ein falsches Luder. Denn meistens meinen wir etwas ganz anderes, wenn wir das Wort in den Mund nehmen.

Da ist man zum Beispiel aus Versehen in einer Vorführung zeitgenössischer Experimentalmusik gelandet, auf der Bühne traktiert ein Mann ein verstimmtes Klavier mit einem Elektroschocker, während in einer Endlosschlaufe das Röhren brünstiger Hirsche im Fünf-Achtel-Takt ertönt. In der Pause fragt man die Sitznachbarin aus purer Höflichkeit, wie es ihr denn so gefalle. Sie schaut einen entgeistert an und meint dann: «Spannend, nicht wahr?» Man selber ist sich nicht zu blöde, zu antworten: «Ja, ganz interessant. Mal was anderes.» Und dann geht man gemeinsam zur Bar, kippt ein Cüpli hinter die Binde und hofft, dass die Hirsche im zweiten Teil ihre Lust befriedigt haben.

Was man wirklich hätte sagen wollen ist: «Nennen Sie mich einen Banausen, aber ich finde es unerträglich.» Und die Sitznachbarin hätte geantwortet: «Ich mag Mozart lieber, der konnte wenigstens noch Melodien schreiben.» Aber man getraut sich nicht, ehrlich zu sein, weil man sich keine Blösse geben will. Der andere könnte ja was von moderner Musik verstehen. Oder mit dem Klavier-Schänder verheiratet sein.

Neulich fragte mich ein Kollege, was ich denn vom drohenden Brexit halte. Und wissen Sie, was ich blitzschnell geantwortet habe? «Das wird auf jeden Fall spannend.» Aus purer Verlegenheit, weil mir partout kein gescheiter Exkurs zur institutionellen Weiterentwicklung der EU im 21. Jahrhundert einfallen wollte.

Oder wie oft hat Ihr Chef einen Ihrer Vorschläge schon quittiert mit «spannend, interessant»? Und was ist dann daraus geworden? Nichts. Eben.

«Spannend» ist ein Unwort, das wir aus reiner Verlegenheit benutzen und hinter dem wir alles Mögliche verstecken: Unsere Ignoranz, unsere Abneigung, unser Desinteresse. Wir halten es für höflich, «spannend» zu sagen, statt Quatsch. Aber dadurch verliert das Wort jeden Wert – und darum verbanne ich es ab sofort aus meinem Sprachgebrauch. Wenn mir was nicht gefällt, sage ich das. Wenn ich was nicht verstehe, stehe ich zu meiner Unwissenheit. Und wenn ich zu etwas keine Meinung hab, schweig ich halt.

Mal sehen, wohin das führt.

Ich glaube, das wird ziemlich spannend.

Datumsgläubigkeit

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 27. Februar 2016

Viele glauben heutzutage nicht mehr an den lieben Gott, sie glauben an das Ablaufdatum. Das gibt ihnen Halt und Sicherheit in Zeiten wie unseren, wo alle anderen Gewissheiten flöten gegangen zu sein scheinen. «Ich will die Kühlkette achten und ehren und kein Lebensmittel verzehren, das seine von der Industrie bewusst viel zu kurz bemessene Haltbarkeit überschritten hat», so lautet ihr Credo. Und ihr Abfalleimer nimmt mehr Kalorien zu sich als sie selber.

Nichts gegen das Haltbarkeitsdatum. Das kann ja durchaus ein brauchbarer Anhaltspunkt sein, wenn man beim Aufräumen im hintersten Winkel des Vorratsschrankes eine Büchse Herzkirschen entdeckt und entscheiden muss: Noch auf den Tisch damit oder gleich ab ins Museum?

Nun hat ein Erfinder einen sogenannten Foodsniffer auf den Markt gebracht. Eine elektronische Schnüffelnase, die anhand der Ausdünstungen von Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten erkennt, ob das Stück totes Tier noch tot ist oder schon wieder zu leben beginnt. Quasi ein Gadget für Datums-Agnostiker, die zwar nicht glauben, dass ein Verfallsdatum sakrosankt ist, aber trotzdem nicht genug Vertrauen in Gott und ihre Darmflora haben, um die abgelaufenen Muscheln einfach so zu essen.

Schon toll, was der Mensch so alles erfindet. Oder? Aber auch irgendwie total überflüssig. Denn der Mensch wird ja serienmässig mit einem Foodsniffer ausgeliefert–und der funktioniert bei allen Lebensmitteln. Zum Beispiel beim Joghurt.

Wenn ich mir etwa Ende Februar das Apfelstrudel-Joghurt aus dem Kühlschrank klaube, das ich im November gekauft habe, scanne ich erst mit meinen zwei optischen Hochleistungssensoren erst einmal das Datum. Sie wissen schon, zur Entscheidungsfindung «Magen oder Museum?». Mein Prozessor ist so programmiert, dass er weiss: zwei Monate übers Datum, das heisst noch gar nichts.

Also weiter. Nach dem Öffnen sind wieder die optischen Sensoren gefragt. In Sekundenschnelle checken sie, ob es schimmelt, gärt oder von Tierchen wimmelt. Dann analysiert der ausgeprägte Geruchssensor die eingesaugten Duftmoleküle: Mischt sich unter den Apfel-Zimt-Duft eine leichte Fäulnisnote? Danach fahre ich meinen eingebauten Probeentnahmefinger aus, tunke ihn ins Joghurt und führe ihn zum Mund, wo gleich die Geschmacksknospen das komplexe Geschmackserlebnis aufschlüsseln und alsbald die beruhigende Botschaft ans Grosshirn senden: «Schmeckt süss, nicht sauer. Rein damit!»

Das alles dauert keine zehn Sekunden und braucht keine Batterien.

Und falls ich mal doch unsicher bin, reiche ich das Joghurt einfach meiner Frau weiter. Die hat die bessere Nase.

Und den stärkeren Magen.

Schlangenfrass

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 24. Februar 2016

Es gibt Schlangen, die sind nach einer Mahlzeit drei Jahre lang pappsatt. Das habe ich im Bus gelernt. Denn Busse sind heute ja auch Fernseher. In einer Endlosschlaufe flimmern dort News von vorgestern, das Wetter von morgen und Werbespots über die aufgehängten Bildschirme. Dazwischen gibt es kleine Wissenshäppchen und Zitate von Einstein und Gandhi. Und ich schau hin. Ich kann nicht anders als starren. Wahrscheinlich ein Urmenschenreflex. Wenn sich was bewegt im Gebüsch, guckt man hin. Es könnte ja ein Mammut aus dem Unterholz brechen oder ein Säbelzahntiger.

Die Bildschirme haben eine hypnotische Wirkung: Neben dem Bus könnte eine Herde von rosa Elefanten vorbeitrampeln, ich bekäme es erst am nächsten Tag mit – als Schlagzeile im Bus-TV. Und diese Bildschirme sind überall: im Bus, am Bahnhof, in der Post, in der Migros.

Und ich guck hin. Es müssen nicht einmal Bildschirme sein. Ständig bin ich auf Empfang. Ich kann an keinem Plakat vorbeigehen, ohne es zumindest aus den Augenwinkeln zu scannen. Werbeaufdrucke auf vorbeifahrenden Lastwagen, Sprüche auf T-Shirts, die Kioskaushänge – ich lese alles. Sogar das Kleingedruckte auf der Kakaopackung – in allen Sprachen. Ich kann kein Italienisch, aber «Versare del latte freddo o caldo in una tazza, aggiungere 2 o 3 cucchiaini da caffé colmi di Banago, mescolare bene et gustare» kann ich auswendig. Verrückt, oder? Und wozu?

Wahrscheinlich ist es die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Also guckt man hin und liest. Dabei ist es nie ein Mammut oder ein Säbelzahntiger, sondern meist einfach nur Informationsmüll, der laut um Aufmerksamkeit schreit.

Ich nehme nie Zucker in den Kaffee, aber den Zuckerbeutel studiere ich bis auf den letzten Buchstaben. Aus Prinzip. Einfach, weil etwas draufsteht. Übrigens: Haben Sie gewusst, dass 89 Prozent der Leute glauben, was auf Zuckerbeuteln steht? Das haben schwedische Forscher herausgefunden. Habe ich irgendwo gelesen. Oder nehmen 89 Prozent der schwedischen Forscher Zucker in den Kaffee? Ich weiss es nicht mehr. Und genau das ist das Problem. Zwar rauscht nonstop eine riesige Informationsflut durch meine Hirnwindungen, aber nichts davon bleibt hängen; schlimmer noch, ich habe das Gefühl, alles, was mal abgespeichert war, wird mit fortgespült. Früher konnte ich Schillers «Glocke» auswendig. Heute ist nur noch die SMS-Version da: «Loch in Erde, Bronze drin, Glocke fertig, bim bim bim.»

Manchmal wünschte ich mir echt, ich wäre eine Schlange. Dann verschlänge ich ein gutes Buch und würde es drei Jahre lang verdauen. Und das Gelesene nie mehr vergessen.

Aus Ländern raus

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 16. Februar 2016

«Papi, was sind eigentlich Ausländer?»

«Die sind aus Ländern. Also, die lebten in Ländern. Als Inländer. Und dann gingen sie aus Ländern raus. Und jetzt leben sie als Ausländer in Ländern, wo viele Inländer sagen: Ausländer raus.»

«Sind das dann Raus-Länder?»

«Das hätten viele gerne.»

«Gibt es denn auch Rein-Länder?»

«Ja, aber nur im Ausland.»

«Papi, woraus besteht eigentlich die Welt?»

«Aus Land. Aus Meer. Aus Ländern.»

«Mehr Ausländern?»

«Nein, mehr aus Meer als aus Ländern.»

«Papi, fliehen wir im Sommer auch wieder ans Meer?»

«Wir fliehen doch nicht. Wir fahren ans Meer, um dem Alltag zu entfliehen.»

«Und die Ausländer?»

«Die fliehen übers Meer, um einen Alltag zu finden.»

«Und wenn ganz viele kommen, werden wir dann zum Eng-Land?»

«Kommt drauf an, wie weitherzig wir sind.»

«Papi, was ist ein Ländler?»

«Volksmusik.»

«Und eine Polka? Und ein Schottisch?»

«Auch.»

«Die tönen aber eher wie Ausländler.»

«Die wurden eingebürgert. Ohne sie wäre es nur halb so lüpfig.»

«Papi, was ist eigentlich das Volk?»

«Das, was Recht hat. Ich meine, das was Rechte hat. Also Menschen mit Rechten in Ländern.»

«Und Menschen aus Ländern?»

«Die haben auch Rechte. Menschenrechte. Aber nur, wenn es dem Volk Recht ist. Sagen die rechten Inländer. Dabei kommt Völkerrecht vor Volkswillen. Zumindest im Duden. Aber was erzähl ich da eigentlich? Du machst mich noch ganz konfus mit deiner Fragerei. Sag doch mal, was habt ihr denn heute in der Schule gemacht?»

«Ein Länderspiel.»

«Ein Länderspiel?»

«Ja, Völkerball.»

«Und wie war’s?»

«Wir haben uns durchgesetzt. Aber jetzt bin ich geschafft.»

Durchs Wurmloch

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 27. Januar 2016

Es gibt Parallel-Universen da draussen. Exotische Welten voller Wunder, unbekannter Lebensformen und fremder Bräuche. Und man muss nicht durch ein intergalaktisches Wurmloch schlüpfen, um sie zu erforschen. Ein Besuch in einem halbwegs gut sortierten Bahnhofskiosk reicht. Dort liegen die Schlüssel zu fernen Galaxien im Zeitschriftenregal. Zum Beispiel «Petri Heil», die Schweizer Fischerei-Fachzeitschrift.

Mit Angeln habe ich nichts am Fischerhut. Aber zwischendurch ein «Petri Heil» möchte ich nicht mehr missen. Angebissen habe ich auf der Melchsee-Frutt, im Sommer 2013. Wir wollten spazieren, Sonne, Berge – und bekamen Regen, Regen, Regen. Es goss wie aus Fischerkübeln. Was blieb uns da anderes übrig, als zu lesen. Und überall lag das Fischer-Heftli auf. Denn die Frutt ist ein Paradies für Petrijünger. Jahr für Jahr werden Tausende von Forellen, Saiblingen und Elritzen in die Höhe gekarrt und in die drei Bergseen entlassen, damit Fischer sie rausziehen und wieder ins Tal bringen können.

Item. Ich begann zu blättern – und blieb hängen. Denn mir tat sich eine neue Welt auf. Nicht nur lernte ich, dass die kanadische Seeforelle den schönen Namen Naymacush trägt und Kenner von der Bachforelle liebevoll als Fario sprechen. Mir blieb auch der Mund offen stehen wie einem Karpfen angesichts der Angelausrüstung. Von wegen Rute, Haken, Wurm. Da gab es Wobbler, Winkelpicker, Pilker und Popper und ein Gerät mit dem wunderschönen Namen Pfuris Tiefseeunterwasserhund-Schleikgarnitur – ein Gedicht.

Am meisten gefesselt hat mich allerdings eine dramatische Geschichte, wie sie nur die Natur erzählen (und «Petri Heil» berichten) kann: Duri Caviezels Kampf gegen die superkapitale Bachforelle vom Inn. Vor Jahren schon hatte Duri aus Ramosch den Riesenfisch erspäht. Aber keiner wollte ihm glauben. Für Duri wurde die Fario zur Obsession. Tennisballgrosse Köder begann er zu knüpfen. Denn ein normaler Köder würde «Moby Dick» – bilde ich mir das ein, oder nannte er sie wirklich so? – nicht aus dem Versteck locken. Seine Kollegen lachten ihn aus. Aber Duri («Ich muss dich kriegen, Moby Dick!») verzagte nicht. Und endlich biss die Fario an. In einem epischen Kampf zog Duri den Fisch an Land. 95 Zentimeter lang, 12,5 Kilogramm schwer – die grösste je mit Rute und Rolle gefangene Bachforelle in der Schweiz.

Das fand ich grosses Kino. Und seither, wenn mir meine Existenz zwischendurch fad und wässrig vorkommt, kaufe ich ein «Petri Heil» und stelle mir vor, wie ich mit Pfuris Tiefseeunterwasserhund-Schleikgarnitur auf Jagd nach Monster-Hechten gehe.

Und alles kommt wieder ins Lot.