Im ABC-Schützengraben

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 19. September 2018

Dem Militär laufen die jungen Männer scharenweise davon. Darum planen die kantonalen Militärdirektoren eine Grossoffensive an der Schulfront: Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sollen in Sicherheitspolitik unterrichtet werden, damit die Jungen nicht mehr zum Zivildienst überlaufen, sondern wieder Freude an Kampfstiefeln, Gewehrfett und Militärbiscuits bekommen. Darüber berichteten kürzlich die Medien. Gerüchten zufolge soll die Operation übrigens den Namen «Das Militär in die Schule tragen» tragen, kurz: MiScht.

Ich muss gestehen, ich finde die Idee bestechend.

Allerdings müsste sie konsequenter durchgezogen werden. Denn eine umfassende Militarisierung der Volksschule – künftig nur noch «Die Obligatorische» genannt – würde nicht nur die Rekrutierungssorgen der Armee beenden, sondern auch gleich ein paar der drängendsten Probleme der Schule auf einen Chlapf eliminieren.

Beispiel eins: Lehrermangel. Wenn ein zackiger Feldwebel in der Lage ist, 70 Rekruten herumzukommandieren, dann sollte auch eine durchschnittlich verhuschelte wAdS (weibliche Angehörige der Schule) in der Lage sein, 45 Primarschülern den Marsch zu blasen. Sie muss halt nur laut genug brüllen.

Zweites Beispiel: Die Integration von muslimischen Schülerinnen und Schülern. Die leidige Handschlagfrage ist mit der durchmilitarisierten Schule vom Tisch. Denn weicheierisches Zivilistengetue wie Händeschütteln wird abgeschafft, künftig wird stramm militärisch gegrüsst. Auch die umstrittene Burkafrage wird entschärft. Djamila darf mit der Burka zur Schule kommen, solange sie in den vorgeschriebenen Tarnfarben gehalten ist.

Skeptiker wenden jetzt vielleicht ein, damit bringe man auch künftigen Terroristen das militärische Handwerk schon in der Schule bei. Aber wir haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Wenn schon unsere Schweizer Handgranaten beim IS in Syrien landen, wäre es doch unverantwortlich, potenzielle Benutzer nicht im korrekten Umgang damit zu schulen. Sonst sprengen sich die aus Versehen noch selber in die Luft.

Jedes Fach bietet mehr als genug Anknüpfungspunkte, um die Wehrfähigkeit zu steigern: Tarnnetze häkeln im Handarbeitsunterricht, Lesen lernen im ABC-Schützengraben, die Lektionen von Morgarten für die moderne Terrorbekämpfung, das Berechnen von Geschossflugbahnen. Der Musikunterricht könnte mit dem Vermitteln von ein paar Soldatenliedern seinen Beitrag leisten. Und Gastvorträge von angolanischen Kindersoldaten würden eindrücklich zeigen, dass auch Kleine im Krieg schon Grosses leisten können, wenn sie nur wollen.

Noch Fragen? Hier werden keine Fragen gestellt! Wir sind doch nicht in der Schule, wir sind hier beim Militär!

Und jetzt: Wegtreten!

Bauernsterben

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 28. August 2018

Würde Jeremias Gotthelf heute leben, schriebe er nicht erbaulich-hintersinnige Bücher, sondern Thriller. Je blutiger, desto besser. Denn das wird gelesen. «Ueli der Schlächter», so was schriebe Gotthelf heute.

Die Story ist schnell erzählt: Direktzahlungsempfänger Ueli wäre kein tüchtiger Knecht, der sich mit Gottvertrauen zu Wohlstand und Glück uechewärchet, sondern ein perverser Psychokiller, ein wüeschter Uflat im Über­gwändli, der mit seiner stets akkurat gedengelten Sense eine blutige Schneise des Schreckens durch die Eggen und Chrachen des Emmentals schlüge. Gleich auf der ersten Seite säbelte er den Gring des Glunggenbuur sauber ab, und es flösse so viel Blut dabei, dass es dem Namen des Opfers zur Ehre gereichte. So ginge es weiter, auf 450 nervenaufreibend grausigen Seiten. S Elisi, Trinette, der Hagelhannes und der Baumwollherr – alle brutal hingemetzelt. Eine blutige Sichlete. Ein Bauernsterben, z Gottserbarm. Der Meister endete fein geschnetzelt im Bschüttiloch, und die Über­reste der Meisterfrau fände man apartig über den Kuhdraht glysmet wie eine blutige Sunntigszüpfe.

Kein schönes Luegen. Und über allem wehte der tötelige Bysluft der Angst und Misstrauens. Die Polizei, natürlich, dumm wie Bohnenstroh. Sogar s Vreneli, das brave Meitschi, glaubte bis zum Schluss, wenn es Ueli nur genug chüderlen täte, gäbe der ihm dann schon ein Müntschi auf sein Büschelimüli. Aber dem Ueli stünde der Sinn mehr nach filetieren statt flattieren, und schon hübe er seine Sense, um auch am Vreneli sein mörderisches Tagwerch zu vollbringen.

Showdown im Maisfeld: Vreneli glaubte, sein letztes Stündli habe geschlagen, aber dann gelänge es ihm in letzter Sekunde, dem Ueli ans Läbige zu gehen. Mit dem Mais­häcksler. Sense. Noch mit ein paar bsunderbar schönen berndeutschen Begriffen garnieren und tiefenpsychologisch grundieren mit der verpeilten Frömmigkeit Uelis (für jede Leiche hat er den passenden Bibelvers). Und fertig wäre der Bestseller.

Wenn Sie das reichlich über­- trieben oder abgeschmackt finden, dann schmökern Sie mal in einer Buchhandlung oder einer Bibliothek in der Auslage. Verglichen damit ist der Sense-Killer eine Gutenachtgeschichte. Alleine in der Dorfbibliothek meines Vertrauens stapeln sich die übel zugerichteten Leichen meterhoch in den Regalen. Und das Zeug wird gelesen. Wieso zum Henker tun sich die Leute das an? Ist die Tagesschau nicht gruselig genug? Ich mein: Wers blutig mag, soll Metzger lernen. Oder Blutspenden gehen.

Andererseits, «Ueli der Schlächter» würde ich vielleicht auch lesen. Oder noch besser: Ich würde auf die Verfilmung warten. Mike Müller wäre sicher ein Mords-Ueli.

Tandemfahren in Kosovo

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 13. Juli 2018

Hatschi! Ich bin allergisch auf Lachmöwen. Kein Witz. Total schlimm. Hatschi! Strandspaziergänge sind eine einzige Qual. Wenn ich meine Nüstern blähe, um die würzige Seeluft zu inhalieren, und dabei aus Versehen eine Lachmöwe einatme, dann ist meine Nase gleich total zu. Pflopf! Ich krieg keine Luft mehr, laufe blau an und flattere hilflos mit meinen Armen. Zu allem Übel zerkratzen mir die Viecher mit ihren Krallen noch das ganze Gesicht, während ich panisch nach Luft schnappe. Da hilft jeweils nur das beherzte Zugreifen meiner Frau. Auch für die Möwen kein angenehmer Moment. Ich hab alles gegen Lachmöwen probiert: Sprays, Tabletten, Kügelchen. Auch die aus Blei. Aber ich treffe die Scheissviecher einfach nicht. Ferien am Meer fallen deshalb für mich ins Wasser.

Darum überlegen sich meine Frau und ich jetzt, dieses Jahr durch den Kosovo zu fahren. Mit dem Tandem. Fast wie in der Schweiz, dort unten: tolle Berge, die Menschen reden Schweizerdeutsch, und als Doppel-Radler erobert man die Herzen der Einheimischen sicher im Sturm.

Wenn Sie hingegen schon beim Wort Aktivferien ins Schwitzen kommen, dann wäre vielleicht Passiv-Tauchen etwas für Sie: Einfach auf die Malediven jetten und zuwarten, bis der Meeresspiegel höher steigt als die Nackenstütze des Liegestuhls. Ab 2030 übrigens voraussichtlich auch in den Niederlanden buchbar.

Auch der Schweizer Bergtourismus stellt sich auf den Klimawandel ein – und auf die zahlungskräftige arabische Kundschaft. Findige Bergbahnen motten ihre Schneekanonen ein und investieren dafür in Beschneidungsanlagen. Ganz nach dem Motto: «Rauf auf den Gipfel, weg mit dem Zipfel.» Schliesslich lassen arabische Touristen ja gerne was liegen in den Ferien. Das Package gibt es auch für die jüdischen Gäste, dann ist das Fondue einfach koscher statt halal. Ob allerdings das Schilthorn in Schnitthorn umbenannt wird, steht noch auf Messers Schneide.

Wer Bock auf Abenteuerferien hat, aber kein grosses Budget, für den ist die Türkei die heisse Destination in diesem Sommer. Einfach vor dem Abflug ein paar kritische Tweets über den türkischen Präsidenten absetzen, und schon kann man sich das Rückflugticket sparen, da man gleich am Is­tanbuler Flughafen auf unbestimmte Zeit ins Hotel Erdogan eincheckt. Rundumbetreut mit Vollpension bei Fladenbrot und Wasser.

Auch Exit («Die Schweiz ­sehen und sterben») will diese Saison mit ausgefeilten Angeboten den Sterbetourismus ­beleben. Alles natürlich Last-Minute. Buchstäblich. Besonders fies finde ich das Package «Strandwanderung für Möwenallergiker». Hatschi!

Auf Facebook

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 19. Juni 2018

Einer hat immer Geburtstag. Auf Facebook. Zwei heiraten immer. Auf Facebook. Eine hat immer grad ein Kind bekommen. Oder eine Katze. Oder süsse Katzenkinder. Auf Facebook. Und sicher ist es immer grad bei einem kompliziert. Auf Facebook.

Immer erlebt einer einen tollen Urlaub. Auf Facebook. Oder eine hat grad die Zeit ihres Lebens. Auf Facebook. Und einer teilt bestimmt seine #magic moments mit seinen #kids im #europapark. Auf Facebook. Und wer ein langweiliges Leben hat, der teilt eben Katzenvideos. Immer hat es Katzenvideos. Auf Facebook. Von Katzen, die aussehen wie Hitler. Von Katzen, die Angst haben vor Gurken. Von Hitler-Katzen in Star-Wars-Kostümen, die Angst haben vor Gurken, die aussehen wie Laserschwerter. Wenn Sie es mir nicht glauben, gucken Sie nach. Auf Facebook.

Zwischendurch postet eine, sie mache jetzt mal Facebookpause; sie sage das nur, damit ihre Facebookfreunde nicht besorgt nachfragten, wieso sie nichts mehr poste. Auf Facebook. Und dann fragen besorgte Facebookfreunde gleich, warum sie seit zwei Minuten nichts mehr gepostet habe (besorgtes Smiley), worauf sie antwortet, sie wolle sich einfach mal auf die wichtigen Dinge konzentrieren (Zwinkersmiley), und eine Stunde später postet sie ein Foto einer Gemüsewähe, die sie selbst gebacken hat. 32  Daumen hoch, fünf Herzen, drei erstaunte Smileys.

Immer sind alle auf Facebook. Und wenn wir mal nicht auf Facebook sind, reden wir drüber, was wir gesehen haben. Auf Facebook. Hast du’s auch gesehen? Ein Foto von einer Kassette und einem Bleistift mit dem Kommentar «Teile das nur, wenn du noch weisst, wie die beiden Sachen zusammengehören». Und natürlich wissen wir das alle noch. Sind ja alle über 40. Auf Facebook.

Immer kocht einer ein Fondue. Auf Facebook. Immer trinkt einer irgendwo ein Weissbier. Auf Facebook. Immer steht einer barfuss an irgendeinem Strand. Oder auf einem Viertausender (selten barfuss). Und immer, immer, immer teilt eine ein buddhistisches Zitat, das auch nicht wahrer wird, nur weil es mit einem abgesofteten Sonnenuntergang hinterlegt ist. Einer warnt bestimmt immer: «Hilfe, mein Konto wurde gehackt.» Und man denkt, schön wär’s, dann wäre wenigstens mal Leben in deinen Posts. Auch wenn’s nur ein Virus ist.

Nie sieht man auf Facebook Menschen, die ihr Face in ein gutes Book stecken. Vergeblich scrollt man, um einen zu finden, der die AGB von Facebook laut vorliest. Punkt für Punkt. Und auf dem Sterbebett wird niemand sagen: Hätte ich doch nur mehr Zeit auf Facebook verbracht.

Vielleicht sollte ich das mal notieren?

Und teilen. Auf Facebook.

Entspannen bis zum Umfallen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Juni 2018

«Lassen Sie mal Ihre Seele baumeln, Herr Moser.» Das schrieb mir neulich ein Reiseveranstalter in einer Werbemail. Baumeler Reisen, wahrscheinlich. Und ich dachte, nein, ich möchte das nicht, meine Seele baumeln lassen. Allein schon aus ästhetischen Gründen. So wie ich meine Seele kenne, hat die nämlich gar keine Bikinifigur (zu viel Soulfood), und wenn die dann so schlaff herunterhängt beim Baumeln, wäh, dann kommt bestimmt einer und will mir ein Lifting verkaufen. Für Leib und Seele.

Und überhaupt, wie soll das gehen, die Seele baumeln lassen? Knüpfe ich sie an einen Baum? Und was, wenn meine Seele beim Baumeln eine andere Seele kennenlernt, eine Seelenverwandte? Und merkt, dass es viel mehr Spass macht, mit der herumzuhängen als mit mir? Dann lässt sie mich hängen. Keine schöne Vorstellung, denn ohne Soul kriege ich den Blues. Nein, ich will meine Seele nicht baumeln lassen. Und ich will auch meine Batterien nicht aufladen. Das ist ja auch so ein Satz, den seelenlose Marketingfritzen erfunden haben, die ihr Hirn ein bisschen zu lang haben baumeln lassen. «Schalten Sie ab und laden Sie Ihre Batterien auf – mit dem Energy-Weekend, für nur 850  Franken!» Ich bin doch kein Smartphone, das man an den Tropf hängen kann, und nachher gehe ich wieder ab wie ein Duracell-Häschen. Es läuft und läuft und läuft. Das hätte unser neoliberaler Turbokapitalismus ja gerne, dass wir alle unermüdliche Duracell-Häschen wären. Und wenns dann doch mal nicht mehr reicht mit der Kraft, einfach mal ein Wochenende lang die Seele baumeln lassen. Und die Batterien aufladen. Für teures Geld.

Aber wissen Sie was? Mein Akku ist ein altes Modell. Mit Memory-Effekt. Der wird nicht mehr ganz voll. Irgendwann reichts nur noch fürs Nichtstun. Aber nichts tun, das geht gar nicht. Nichtstun ist schlecht. Wer rastet, der rostet. Nur Loser haben Zeit. Entspannen hingegen, Entspannen ist super. Weil sich damit prima Geld ­machen lässt. Und wer entspannt ist, lässt sich nachher auch besser wieder einspannen ins Hamsterrad, das sich so schnell dreht, bis sich mancher die Seele aus dem Leib kotzt. Oder das mit dem Baumeln­lassen auf sich selbst bezieht. Die arme Seele.

Aber wir entspannen uns bis zum Umfallen. Meditation, ­Floating, Auszeit im Kloster, Tiefenatmung, Neunfinger- Kakaobutter-Massage auf dem heissen Stein – wir entspannen uns von Pontius zu Pilates. Und was kommt dabei heraus? «Tut mir leid, Schatz, ich kann mich nicht zu dir ins Gras legen und den Wolken zuschauen, ich bin schon spät dran fürs Yoga, und du weisst doch, wie dringend ich mich entspannen muss.»

Verrückt, oder? Ich jedenfalls, ich mach jetzt einfach mal nichts. Das mit den Rostflecken auf meiner Seele – das sehe ich ganz entspannt.

Pjöngjang 2030

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. Mai 2018

«Ist ja irre. Sie sehen aus wie dieser Diktator. Aus Nordkorea. Wie heisst er noch gleich?»

«Kim Jong-un.»

«Genau. Wirklich verblüffend. Aber egal, was können wir von der Fifa für Sie tun?»

«Ich will die Fussball-WM 2030 nach Nordkorea holen.»

«Haha, der war gut. Versteckte Kamera, oder?»

«Muss ich meinen roten Knopf rausholen, damit Sie mir glauben?»

«Sie sind es wirklich? Nichts für ungut, aber eine WM in Nordkorea? Das ist keine Bombenidee, hahaha, fürchte ich.»

«Wieso? Sie ist von mir.»

«Jetzt nicht gleich beleidigt sein, Herr Kim. Lieber kühles Köpfchen statt rotes Knöpfchen. Sehen Sie, wir von der Fifa haben hohe ethische Standards an die Gastgeber der WM, und Ihr Land hat da, wie soll ich es sagen, ein paar demokratische Defizite.»

«Die hat die Fifa auch. Und Katar. Und Russland.»

«Putin ist doch ein lupenreiner Demokrat.»

«Platz 135 auf dem Demokratieindex.»

«So schlecht ist das doch gar nicht.»

«Stimmt. Katar schneidet noch schlechter ab. Platz 136.»

«Und was ist mit Nordkorea?»

«Tabellenletzter. Platz 167. Nur konsequent, dass nach den anderen beiden autoritären Regimes auch ich mal darf.»

«Nana, Herr Kim. Wir wollen jetzt nicht faule Äpfel mit faulen … Ich meine, zwischen Russland und Nordkorea, da liegen schon noch Welten. Bei Ihnen gibt es doch zum Beispiel keine freien Medien.»

«Gibt es die in Russland?»

«Ähm, das müsste ich jetzt im Bewerbungsdossier 2018 nachschlagen. Aber in Nordkorea, da werden politische Dissidenten einfach in Lager weggesperrt.»

«Das macht Putin auch.»

«Aber Sie, Herr Kim, Sie sind wirklich ein schlimmer Finger. Haben Sie nicht Ihren Halbbruder im Ausland vergiften lassen? Ich meine, so etwas würde Russland doch nie … Gut, das war jetzt ein schlechtes Beispiel. Aber Ihr Regime ist einfach menschenverachtend. Sie haben Zehntausende Ihrer Bürger als Zwangsarbeiter ins Ausland verschachert.»

«Auch auf die WM-Baustellen in Russland und Katar, um genau zu sein. Wir haben also schon das nötige Know-how, wie man Stadien baut.»

«Aber sehen Sie, Herr Kim. Fussball, das sind Emotionen. Und bei Nordkorea geht die Stimmung einfach gleich in den Luftschutzkeller.»

«Vielleicht hebt ja das Ihre Stimmung?»

«Tja, wenn Sie da noch zwei, drei Nullen hinten dransetzen, dann ist das ein ziemlich bestechendes Argument. Wissen Sie, für mich war von Anfang an klar: Eine Fussball-WM in Nordkorea, das ist eine tolle Idee. Die Kraft des Sports zur Völkerverständigung, Fussball als Friedensstifter. Wunderbar. Sie werden auf jeden Fall von uns hören.»

Einfach einmal

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 2. Mai 2018

Vielleicht sollten wir uns einfach einmal trauen mutig zu sein. Einfach mal das Rückgrat haben zu sagen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Und dann einfach mal raus damit. Nicht aufs Maul hocken, wie sonst immer. Sondern einfach einmal Klartext twittern. Dem anderen ins Gesicht schauen und sagen, was man schon immer sagen wollte. Was sich aufgestaut hat über die Jahre.

Ungeschönt. Unverblümt. Einfach mal raus damit. Die ungeschminkte Wahrheit, whamm, mitten ins Gesicht. Scheiss auf die Konsequenzen. Ungefiltert einfach mal Herzklappe auf und Hirnschleuse hoch und rauslassen, was raus muss. Davon träumen wir doch alle. Oder? Der Chefin, dem Mann, den Kindern, den Nachbarn einfach mal reinen Wein einschenken.

Der eigenen Mutter, nach all den Jahren. Dem Schwieger­vater. Vor allem dem Schwiegervater. Der hätte das verdient. Und all die andern auch. Wie gerne würden wir die Gesichter sehen, wenn wir einfach einmal – der Schock und die Verblüffung. Es wäre eine wahre Freude.

Aber wir tun es nicht. Aus Angst. Aus Scham. Weil es sich nicht gehört. Lieber beissen wir uns die Zunge ab, als das, was uns auf der Zunge liegt und auf dem Herzen, einfach mal auszuspucken. Rauszurotzen. Wir schlucken es runter. Aber das tut uns nicht gut. Das Unge­sagte verschlägt uns die Sprache. Von innen her frisst es uns auf. Gallensteine kriegen wir davon und Herzinfarkte und schon früh diesen verkniffenen Ausdruck um den Mund herum, wie die Zalando-Kundinnen, die jeden Samstag ihre Lebenszeit in der Schlange am Postschalter verrinnen sehen, weil schon wieder nichts von den Kleidern gepasst hat.

Es ist zum Schreien. Es ist nicht schön. Und gesund ist es auch nicht.

Doch heute ist ein guter Tag, um das zu ändern. Fassen Sie sich ein Herz. Takten Sie den Schrittmacher ein bisschen höher. Suchen Sie sich einen Mitmenschen aus, einen, der schon lange verdient hat, dass Sie ihm mal sagen, was Sache ist. Stellen Sie sich breitbeinig vor ihm auf, und dann sagen Sie einfach mal, aber fadengerade, dass er sich noch Jahre später daran erinnert, sagen Sie dem einfach mal, was Sie wirklich von ihm halten: «Du, ich finde dich total toll und ­übrigens hab ich dich wahnsinnig lieb.» Und dann, bevor ihr Gegenüber fliehen kann, einfach mal umarmen. Und feste drücken. Ruhig auch ein paar Sekunden länger, als das allgemeine sittliche Empfinden als zulässig erachtet.

Dann werden Sie merken: Das ist ja gar nicht so schwer. Und gar nicht so peinlich. Und vor allem tut es wahnsinnig gut. Ihnen und der Welt. Probieren Sie es aus.

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Arena

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. April 2018

Lassen Sie mich. Jetzt lassen Sie mich doch. Ich habe Sie vorher auch. Jetzt lassen Sie mich bitte. Lassen Sie mich doch bitte endlich auch. Ausreden. Nichts als Ausreden. Wer hat denn? Wer hat denn damals? Wer? Wer denn? Wir von der. Wir von der. Immer haben wir von der. Aber Sie. Sie. Und alle anderen. Wie immer. Unter den Teppich. Auf den Tisch. Einfach mal ins Auge. Das Blaue vom Himmel. Dem Volk. Unter den Nägeln. Brennts. Brandgefährlich. Brandstifter? Selber Brandstifter. Biedermänner wie Sie. So ist es doch. Habe meinen Dürrenmatt. Noch ganz frisch. Was sagen Sie denn jetzt dazu?

Die Zahlen? Bitte. Schauen wir doch mal. Ganz nüchtern. Die Zahlen. Sind doch eindeutig. Alleine letztes. Das schleckt keine Geiss. Sie haben andere Zahlen? Ich möchte mal wissen, woher Sie Ihre. Gut. Lassen wir die Zahlen mal beiseite. Es ist doch einfach so. Und das ist kein Einzelfall. Nur ein Beispiel. Jetzt lassen Sie mich doch. Nur ein Beispiel. Ich könnte noch dutzende. Aber das würde. Ich meine, es ist doch einfach so. Oder etwa nicht? Und was, bitteschön, ist denn mit den? Im Prinzip. Schön und gut. Aber. Aber. Aber. Da zeigen sich eben. Wieder. Die Grenzen. Die Grenzen wieder. Nicht einfach. Aber nicht einfach jeden. Ich bin kein. Aber. Das muss einfach einmal.

Alleine schon kulturell. Schlecken Ziegen. Ich meine, das wird kein Schleck. Und da müssen sich die in Bern. Also, alle ausser uns. Müssen sich die schon einmal. An der Nase. Denn das Volk. Also das Volk. Das Volk ist ja nicht. Und wenn das Volk. Dann nur. Weil Sie. Wie oft haben Sie denn schon? So kann es doch. Viel zu lange. Endlich wieder. Auch wenn das nicht allen.

Und darum frage ich Sie. Jetzt. Ganz offen. Frage ich Sie jetzt. Ich will von ihnen jetzt. Eine Antwort. Können Sie sich. Sparen. Sparen. Das Gebot der Stunde. Fünf vor zwölf. Wenn nicht. Dann guet Nacht am Sächsi. Nicht ewig melken. Das schleckt doch. Solange die Geiss noch heiss. Den Gürtel. Je enger, desto. Oder gleich ganz. Sonst stehen wir mit abgesägten. Und ein Hosenlupf ohne Trumpf im Ärmel? Da können Sie noch lange.

Die Bauern? Wieso denn die Bauern? Wir reden hier nicht von. Typisch. Wenn Ihnen die, dann gleich mit den. Dabei. Was wäre die Schweiz ohne? Übrigens, habe ich schon gesagt? Ich hab’ schon gesagt? Ich sag’s gerne noch einmal. Bis auch Sie. Und wenn nicht. Wird halt das Volk. Schallend. Darauf können Sie.

Darum lehnen. Wir von der. An der Urne. Ein wuchtiges. Damit die in Bern. Schliesslich geht es. Um mehr, als nur. Sondern auch. Und deswegen. Damit das mal. Ganz klar. Gesagt ist.

Stars und Sternchen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. März 2018

Haben Sies auch gesehen, neulich Abend? Ganz grosses Kino. Ein Wahnsinnsaufgebot an Stars und Sternchen, die meisten hatte ich bis dahin noch gar nie gesehen. Ein himmlisches Spektakel. Wo das lief? Auf Sky TV. Nein, nicht dem Bezahlfernsehen. Gratisgucking. Openair. Mit diesem atemberaubenden halbkugelförmigen Bildschirm in Ultra-HD-Qualität. Man musste sich nur warm anziehen – und warten, bis der Wind die Wolken weggezappt hatte. Und dann zurücklehnen und staunen.

Sie sagen jetzt vielleicht, naja, so ein Sternenhimmel, das ist ja ganz nett, aber vom Unterhaltungswert her eher Dia-Abend bei Onkel Heinz als Netflix: voll gähn. Wenn Sie so denken, legen Sie die Fernsehbedienung weg und gehen Sie raus. Sie irren sich nämlich. Ich jedenfalls könnte nächtelang einfach durchgucken, vom ersten Aufscheinen des Abendsterns in der Dämmerung bis zum Abspann in den frühen Morgenstunden. Denn der Sternenhimmel explodiert ja regelrecht vor Geschichten, hinter jedem Sternbild steckt ein Mythos, eine Legende, Stoff genug für eine ganze Serie. Und es hat für jeden Geschmack etwas dabei: Helden und Monster für Fans von Hollywood-Blockbustern und Geschichten von Gier, Niedertracht und Machthunger für Freunde der psychologisch raffinierten Kammerspiele. Und Sex. Da ist zum Beispiel Orion, der notorische Himmelsschürzenjäger, der den sieben Plejaden nachstellt, um mit ihnen schändliche Dinge anzustellen. Ein ewiges #metoo.

Einen Oscar verdient haben natürlich auch die Spezialeffekte. Sterne sind ja nichts anderes als Sonnen, die fortlaufend Wasserstoff verbrennen, sich also selbst verzehren, um strahlend hell zu leuchten. So schön kann also ein Burnout sein. Und wenn man erst einmal versucht, sich die kosmischen Dimensionen vorzustellen, dann merkt man ganz schnell, was man ist: ein unbedeutender Fliegenschiss im Kosmos.

Apropos Schiss. Man sieht nachts auch die Internationale Raumstation vorüberschweben, die ISS, auf ihrer Bahn um die Erde. Ein helles Pünktchen, das sich von West nach Ost bewegt. Erst kürzlich habe ich gelesen, was die Astronautinnen und Astronauten an Bord mit dem machen, was ihr Verdauungstrakt in die Schwerelosigkeit entlässt. Sie entsorgen ihre Fäkalien nämlich einfach ins Weltall. Dort kreisen die schockgefrorenen Häufchen so lange um die Erde, bis sie in die Erdatmosphäre eintreten und verglühen – als Sternschnuppen.

Aus Scheisse wird Schönheit. Himmelskino vom Feinsten.

In diesem Sinne: zappendustere Nächte und einen klaren Himmel wünsch ich Ihnen.