{"id":342,"date":"2015-04-22T13:06:09","date_gmt":"2015-04-22T12:06:09","guid":{"rendered":"http:\/\/poetomat.ch\/Wordpress\/?p=342"},"modified":"2015-04-22T13:19:08","modified_gmt":"2015-04-22T12:19:08","slug":"die-rechnung-mit-dem-tode-machen-ein-essay","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/poetomat.ch\/Wordpress\/die-rechnung-mit-dem-tode-machen-ein-essay\/","title":{"rendered":"Die Rechnung mit dem Tode machen \u2013 Ein Essay"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/poetomat.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Essay-Die-Rechnung-mit-dem-Tode-machen.pdf\">Hier gibts den Essay als PDF<\/a><\/p>\n<p>Klein bist du geworden. Beinahe m\u00f6chte ich Mitleid mir dir haben, wo du doch einst so m\u00e4chtig warst. Du brauchtest nur deine Sense zu schwingen, und wir Menschen fielen wie Halme unter deinem Streich. Doch dann entdeckten wir die Keime, die Bazillen, die Erreger. Und auf einmal warst du nicht mehr so m\u00e4chtig, nicht mehr so furchtbar. Sich die H\u00e4nde zu waschen gen\u00fcgte schon, um dir eins auszuwischen. Und erst das Penicillin \u2013 daran hast du bis heute zu schlucken. All die vielen Krankheiten, die fr\u00fcher einem Todesurteil gleich kamen: weggeimpft, weggespritzt, weggestrahlt, ausgerottet. Dein todbringendes Arsenal an Massenvernichtungswaffen ist geschrumpft \u2013 und mit ihm auch du. <!--more--><\/p>\n<p>Deine Sense ist schartig geworden, gegen unsere scharfen Skalpelle vermag sie bald nichts mehr. Nichts, dass sich nicht flicken liesse. Defekte Organe ersetzen wir einfach. Gene manipulieren wir nach Belieben. Mikroskopisch kleine Roboter werden bald schon durch unsere K\u00f6rper rasen, immer zur Stelle, wenn Zellen repariert oder weggeschafft werden m\u00fcssen. Und das Alter, deinen h\u00e4sslichen Zwilling, den wir fast noch mehr f\u00fcrchten als dich, haben wir durchschaut. Wir sind wahr-scheinlich schon kurz davor, unsere biologische Uhr abzustellen \u2013 oder gar zur\u00fcckzudrehen. F\u00fcr immer jung. Google arbeitet daran, also mach dich auf etwas gefasst. <\/p>\n<blockquote><p>Immer ein bisschen l\u00e4nger macht irgendwann auch ewig.<\/p><\/blockquote>\n<p>Deine Aussichten? Manche geben dir nicht mehr lange. Dein Todesurteil sei schon unterschrieben, sagen sie, die Vollstreckung nur noch eine Frage der Zeit. Die ewige Jugend ist in Griffweite. Dir k\u00e4me h\u00f6chstens noch die Rolle als Katastrophentod zu. Nur ein Autounfall, ein Tsunami oder ein Amokl\u00e4ufer w\u00fcrde uns noch dahinraffen. Und wei\u00dft du das? Mich beschleicht das ungute Gef\u00fchl, dass die Lebensverl\u00e4ngerungsgurus und die Propheten des ewigen Lebens Recht haben k\u00f6nnten. Wir sind doch schon l\u00e4ngst unterwegs zum ewigen Leben, zur ewigen Jugend. Oder etwa nicht? Wie viele Lebensjahre haben wir dir denn schon abgetrotzt in den letzten zwei, drei Jahrhunderten? Seit 1900 hat sich die Lebenserwartung in der Schweiz fast verdoppelt. Ich darf, rein statistisch, mit etwas mehr als 80 Jahren rechnen, gut m\u00f6glich, dass ich 100 werde. In Swasiland betr\u00e4gt die Lebens-erwartung dagegen gerade mal 32. Verglichen damit leben wir heute schon ewig. Und es h\u00f6rt nicht auf. Wir leben immer l\u00e4nger, und es gibt keine Obergrenze, keine biologisch definierte Schwelle, bei deren Erreichen wir tot umfallen. Immer ein bisschen l\u00e4nger macht irgendwann auch ewig. Dieser Mathematik hast du nichts entgegenzusetzen. Oder?<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste ich mich dar\u00fcber freuen, denn ich will nicht sterben. Nicht jetzt zumindest. Noch lange nicht. Aber ewig leben? Ein schrecklicher Gedanke.<\/p>\n<p><strong>Ein halbwegs erf\u00fclltes Leben<\/strong><\/p>\n<p>Die Gurus des ewigen Lebens schw\u00e4rmen von den unendlichen M\u00f6glichkeiten, sich selber zu verwirklichen, die ein Leben ohne Tod uns bietet. Endlich k\u00f6nnten wir alle unsere Ziele verwirklichen, alles tun, wozu uns bisher die Zeit fehlte, allen Interessen nachgehen. Dutzende Berufe liessen sich erlernen und aus\u00fcben. Wieso nicht Pilot werden und nach zehn Jahren umsatteln auf die Biolandwirtschaft im Piemont, dann ein paar Jahre als Tauchlehrer auf Bali anh\u00e4ngen oder zwischendurch zehn Jahre an der Uni verbummeln und einfach nur lesen, diskutieren, nachdenken. Es eilt ja nicht mit dem Studium. Was sind schon ein paar J\u00e4hrchen gegen die Ewigkeit? <\/p>\n<p>Das klingt verlockend, zugegeben. Alles anpacken zu k\u00f6nnen, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, dass du mir nicht gen\u00fcgend Zeit daf\u00fcr l\u00e4sst. Aber andererseits werde ich das Gef\u00fchl nicht los, dass meine Fantasie, meine Interessen und meine Energie gerade mal f\u00fcr ein halbwegs erf\u00fclltes Leben ausrei-chen. Aber f\u00fcr die Ewigkeit? Selbst wenn ich wollte, ich habe nicht das Zeug zum Mathematiker oder Neurobiologen, zum Skirennfahrer oder Stand-up-Kom\u00f6diant\u2013 und zum Tauchen auf Bali fehlt mir die Lust. Ich kann nicht sehr viel mehr als das, was ich bereits tue \u2013 und auch darin bin ich nicht der Beste. Mir stehen nur eine beschr\u00e4nkte Anzahl Pfunde zur Verf\u00fcgung, mit denen ich wuchern kann. Und sie werfen nicht mehr Zins ab, je l\u00e4nger ich lebe. Wieso soll ich dann eine Ewigkeit lang weiterwursteln? Etwa um auf Facebook jeden Tag die immer gleiche Statusmeldung zu posten: Ich langweile mich zu Tode!<\/p>\n<blockquote><p>Ich langweile mich zu Tode!<\/p><\/blockquote>\n<p>Dann nehme ich doch lieber mit dir vorlieb. Du machst die Zeit, die mir bleibt, kostbar. Ich weiss, dass ich in meinem Leben vielleicht nur einmal die Musse und die Inspiration habe, ein Buch zu schreiben. Wenn \u00fcberhaupt. Und vermutlich kann ich es mir nur einmal leisten, mit meiner Frau durch den Grand Canyon zu wandern oder in der Antarktis Pinguine zu beobachten. Aber das Wissen um die Einmaligkeit dieser Dinge macht sie umso wertvoller \u2013 und das Wissen um die Begrenztheit meiner Zeit bringt mich dazu, diese W\u00fcnsche und Ziele vielleicht tats\u00e4chlich einmal zu verwirklichen. Du zwingst mich, Priorit\u00e4ten zu setzen, mich zu konzentrieren. In der Ewigkeit hingegen verzettele ich mich, da bin ich mir sicher; schon einen freien Nachmittag verplempere ich ja all zu oft. Wieso heute besorgen, was ich noch auf eine unbegrenzte Anzahl Morgen verschieben kann? Du verleihst den Dingen Dringlichkeit und damit auch eine Eindringlichkeit, die Ewigkeit hingegen setzt an deren Stelle die Beliebigkeit und die Gleichg\u00fcltigkeit. <\/p>\n<p><strong>Die lebenslange Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die Liebe. Uns treu zu bleiben, bis dass der Tod uns scheidet, das haben sich meine Frau und ich vor dem Traualtar geschworen. Ich hoffe tats\u00e4chlich darauf, dass erst du uns trennst. Die Statistik schilt mich einen naiven Romantiker, ich weiss; immerhin geht jede zweite Ehe in die Br\u00fcche. Aber dass es m\u00f6glich ist, ein Leben lang gl\u00fccklich zu sein miteinander, das haben unsere Eltern uns vorgemacht. Und die lebenslange Liebe, wenn sie denn gelingt, scheint mir erstrebens-wert: Sie setzt der Kurzatmigkeit des Alltags \u2013 Termine, Termine, Termine \u2013 und der Episodenhaf-tigkeit unseres Daseins \u2013 Jobs, Projekte, Pl\u00e4ne \u2013 einen grossen Bogen entgegen. Sie ist konstant, aber nicht gleichf\u00f6rmig: Auf die st\u00fcrmisch-unbeschwerte Verliebtheit der ersten Monate folgt die erste Wohnung, das Zusammenleben will gelernt und genossen werden. Schneller als man meint, ist es vorbei mit der Zweisamkeit; die anstrengende Zeit als junge Familie beginnt, in der man sich h\u00e4ufiger als Krippen-Personal vorkommt denn als Liebespaar. Sind die Kinder ausgeflogen, gibt es wieder Zeit f\u00fcr neue Zweisamkeit und f\u00fcr die Zuwendung zur Welt.<\/p>\n<p>Mit etwas Gl\u00fcck, mit R\u00fccksicht, Geduld und Aufmerksamkeit entsteht dabei \u00fcber die Jahre zwischen zwei Liebenden nicht nur eine z\u00e4rtliche, vertrauensvolle Gef\u00e4hrtenschaft, sondern die geteilte Zeit wird zu einem gemeinsamen Schatz aus Erinnerungen, Gl\u00fcck und Leid. Beides ist St\u00fctze und Trost, wenn am Lebensabend die Gebrechen kommen und die Schmerzen \u2013 wenn man keine Pl\u00e4ne mehr macht ohne dich. Zumindest hoffe ich, dass es so ist.<\/p>\n<blockquote><p>Die Ewigkeit ist verdammt viel l\u00e4nger als die 40 oder 50 Jahre, die heute einem Paar bleiben. Die lassen sich gemeinsam meistern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und wenn es dich nicht mehr gibt? Gel\u00e4nge die lebenslange Liebe noch? Wohl kaum. Nicht nur, weil die Ewigkeit verdammt viel l\u00e4nger ist als die 40 oder 50 Jahre, die heute einem Paar bleiben. Die lassen sich gemeinsam meistern. Aber 100, 200 Jahre? Zudem: Die verstreichende Zeit, das \u00c4lter-werden, der Tod formen die Liebe. An ihnen reift und w\u00e4chst sie. Sind wir hingegen alterslos, dann macht die Liebe keine Entwicklung durch \u2013 ausser, dass uns unser Partner langweilig wird auf Dauer.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich, sich mehrmals zu verlieben und mehrere gl\u00fcckliche Partnerschaften zu leben. Zumindest in einem befristeten Leben. Und ohne den Alterstod im Nacken w\u00fcrden wir sicher am Anfang viele Liebesbeziehungen leben: alle zehn, zwanzig oder dreissig Jahre ein neuer Partner, eine neue Partnerin \u2013 passend zu unserem f\u00fcr den n\u00e4chsten Abschnitt gew\u00e4hlten Lebensentwurf. Aber wie viele Beziehungen hintereinander lassen sich leben, wie oft l\u00e4sst sich der Schmerz des Liebesaus\u2019, des Verlassenwerdens wegstecken? Wie oft gelingt der Neuanfang? Der Flirt w\u00fcrde auf Dauer nur noch langweilig, die Verliebtheit nur noch ein Abklatsch ihrer selbst, das ewig neue Zusammensein w\u00e4re erm\u00fcdend und Sex nur noch mechanisch. Und die Liebe selbst w\u00e4re uns irgendwann einfach nur noch gleichg\u00fcltig. Denke ich zumindest.<\/p>\n<p>Sicher ist: Wer ewig leben will, muss auf Kinder verzichten. Denn wenn niemand mehr abtritt, bleibt kein Platz f\u00fcr Nachkommende. Die ohnehin schon arg strapazierte Welt w\u00fcrde sonst unter der \u00dcberbev\u00f6lkerung kollabieren. Ein egoistischeres Begehren als die Alterslosigkeit gibt es nicht \u2013 weil ich ewig leben will, lasse ich anderen Menschen, neuen Generationen, neuen Ideen keinen Platz und keine Chance. Wer die Alterslosigkeit will, vergibt damit auf Dauer neben der Liebe auch etwas weiteres, das zentral ist f\u00fcrs Menschsein: Familie. Sie ist neben der Liebesbeziehung die zweite grundlegende Form von Gemeinschaft, die dem Menschen Halt und Zugeh\u00f6rigkeit und Sinn gibt, weil sie den Einzelnen in einen gr\u00f6sseren Zusammenhang setzt, in die dynastische Perspektive. Gewiss, Familie kann nerven, Kinder sind anstrengend, unordentlich, unlogisch und sie kosten Geld \u2013 und man wird sie ein Leben lang nicht los. Aber gerade darin liegt das Besondere der oft schwierigen Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern \u2013 dass sie ein Leben lang tr\u00e4gt. Was aber h\u00e4lt mich, wenn ich alterslos bin, aber allein?<\/p>\n<p><strong>Auf dem Olymp<\/strong><\/p>\n<p>Die schlimmste Konsequenz deiner Abschaffung, Schlafes Bruder, aber w\u00e4re, dass unweigerlich eine Zweiklassengesellschaft entstehen w\u00fcrde. Das wei\u00dft du besser als jeder andere. Du bist k\u00e4uflich. Schon jetzt lebt l\u00e4nger, wer Geld hat, um sich Therapien, Medikamente und Operationen leisten zu k\u00f6nnen. Das ewige Leben w\u00e4re teuer, ein Privileg f\u00fcr die Wohlhabenden, ein Statussymbol. Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Welt, die es sich nicht leisten kann oder will, keinen Menschen verhungern zu lassen, allen die ewige Jugend garantieren w\u00fcrde. Der Graben zwischen Arm und Reich w\u00fcrde zur un\u00fcberwindbaren Kluft zwischen den Ewig-Jungen und den Sterblichen. Die Festung Europa w\u00fcrde zum Olymp; den G\u00f6ttern gleich s\u00e4ssen wir da und schauten hinab auf die Mas-sen der Kurzlebigen. Was empf\u00e4nden wir f\u00fcr sie? Wahrscheinlich f\u00fcrchteten wir sie gleich doppelt: als Bedrohung unseres Wohlstandes und als Gefahr f\u00fcr unser ewiges Leben auf Erden. Entsprechend w\u00fcrden wir sie behandeln \u2013 r\u00fccksichtslos, brutal, mit aller H\u00e4rte. Bestenfalls w\u00e4ren sie uns egal. Ihr Schicksal liesse uns auf jeden Fall kalt: Was geht mich einer an, dessen Urenkel ich noch \u00fcberleben werde? <\/p>\n<blockquote><p> Was geht mich einer an, dessen Urenkel ich noch \u00fcberleben werde?<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sterblichkeit ist allen Menschen eigen, darauf beruhen Mitgef\u00fchl, Mitmenschlichkeit, N\u00e4chstenliebe. Nur wer mit anderen mitleiden kann, kann Mitleid empfinden. Als potenziell Unsterbliche verlieren wir diese zentrale menschliche Eigenschaft. G\u00f6tter kennen kein Mitleid, sie ken-nen h\u00f6chstens Gnade. Wer ewig lebt, h\u00f6rt auf Mensch zu sein. <\/p>\n<p>Nicht zu vergessen: All die Machtmenschen, die selbstherrlichen Verbandspr\u00e4sidenten, die ein-gebildeten Topmanager, die r\u00fccksichtslosen Alleinherrscher \u2013 wir m\u00fcssten sie nicht nur ein paar Jahre oder Jahrzehnte ertragen, sie w\u00fcrden ewig auf ihren Chefsesseln und Thronen sitzen bleiben und alles daf\u00fcr tun, um ihre Macht nicht abgeben zu m\u00fcssen. F\u00fcr unersetzlich halten sie sich ja jetzt schon. Keine Frage, dass sie auch die Unsterblichkeit f\u00fcr sich beanspruchen w\u00fcrden. Da lob ich mir deine radikaldemokratische Ader. Wo gesunder Menschenverstand, die Demokratie oder die Weltgemeinschaft versagen, ist auf dich Verlass. Du holst jeden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter vom hohen Ross \u2013 und zwar f\u00fcr immer. <\/p>\n<p><strong>Der kosmische Massstab<\/strong><\/p>\n<p>Ja, auch ich sehne mich zwischendurch nach Ewigkeit. Dann halte ich in klaren N\u00e4chten Ausschau nach dem Andromeda-Nebel. Viel mehr als ein blasser Fleck ist von Auge nicht zu erkennen. Es ist die Galaxie, die der unseren am n\u00e4chsten liegt. 2,4 Millionen Lichtjahre ist sie von uns entfernt. Das schreibt sich leicht, aber der Massstab \u00fcberfordert mich \u2013 ein weiterer Beleg daf\u00fcr, dass wir nicht f\u00fcr die Ewigkeit gemacht sind. Als das Licht, das heute auf meine Netzhaut f\u00e4llt, sich von dort auf die Reise machte, gab es auf der Erde noch gar keine Menschen. Und dann denke ich: Wie vermessen, sich ein ewiges Leben zu w\u00fcnschen. All die grossen Geister vor mir und die vielen Namenlosen \u2013 alle hast du geholt, und ausgerechnet ich soll dir von der Schippe springen? Es will mir nicht in den Kopf, womit ich das verdient h\u00e4tte, oder besser gesagt: wieso ich dazu verdammt werden sollte.<\/p>\n<p>Dann bleib ich lieber, was ich bin: ein Fliegenschiss im Kosmos. Das ist nicht deprimierend, im Gegenteil. Es nimmt dir den Schrecken. Du magst vielleicht bei mir das letzte Wort haben, aber gegen das Leben als ganzes vermagst du nichts. Du m\u00fchst dich vergebens ab. Millionen, Milliarden von Menschen waren vor mir da, ebenso viele werden nach mir kommen \u2013 und nach oben schauen zum Andromeda-Nebel und sich getr\u00f6stet f\u00fchlen angesichts ihrer Bedeutungslosigkeit.<\/p>\n<p><strong>In der Zwickm\u00fchle<\/strong><\/p>\n<p>Das Menschsein hat einen hohen Preis, das bist du. Aber im Gegenzug bekommen wir viel zur\u00fcck: Liebe, Familie, Gemeinschaft, Sinn, kostbare Zeit \u2013 eben alles, was uns als Menschen ausmacht. Wer dich aus dieser Gleichung hinausdividiert, dem geht das Leben nicht mehr auf. <\/p>\n<p>Das t\u00f6nt jetzt schon fast wie eine Liebeserkl\u00e4rung an dich. Aber lass dir das bloss nicht zu Kopfe steigen. Wir werden dich weiter bedr\u00e4ngen, dir noch mehr Jahre abtrotzen. Von Anbeginn an hast du uns definiert: Der Mensch ist das Tier, das um seine Sterblichkeit weiss. Doch dann kehrten wir den Spiess um und definierten dich neu: Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt ein Mensch als tot, wenn er nicht mehr atmete und sein Herz nicht mehr schlug. Dann kam die Reanimationsme-dizin \u2013 und auf einmal liessen sich Totgeglaubte ins Leben zur\u00fcckholen. Du bist der Punkt, an dem die aktuelle Medizin nichts mehr retten kann. Du bist eine Grenze, die wir ziehen. Und wir schieben diese Grenze immer weiter hinaus. Wir k\u00f6nnen nicht anders: Wir wollen nicht sterben, nicht jetzt, noch lange nicht. Darum nehmen wir so bereitwillig die immer wirksameren lebensrettenden Apparate der Mediziner an, die immer neuen Wunder der Gentechnik und die lebensspendenden Pillen. <\/p>\n<p>Ich bin da keine Ausnahme. <\/p>\n<p>Trotzdem hoffe ich, dass du uns erhalten bleibst. Das ist die Zwickm\u00fchle, in der ich stecke: Nicht sterben zu wollen, aber zu wissen, dass ich ein Leben ohne dich nicht m\u00f6chte. Darum hoffe ich, dass ich dich akzeptieren kann, wenn es einmal so weit ist \u2013 nicht als Spielverderber, sondern als Mitspieler, ohne den es nur Verlierer gibt.<\/p>\n<p>Auch wenn es mir schwer f\u00e4llt: Ich rechne mit dir.<\/p>\n<p><em>Dieser Essay erschien 2014 im Sammelband \u00abSchlafes Bruder, wann stirbst du endlich?\u00bb, der die 20 besten Beitr\u00e4ge des Essay-Wettbewerbes der Zeitung \u00abDer Bund\u00bb enth\u00e4lt.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier gibts den Essay als PDF Klein bist du geworden. Beinahe m\u00f6chte ich Mitleid mir dir haben, wo du doch einst so m\u00e4chtig warst. Du brauchtest nur deine Sense zu schwingen, und wir Menschen fielen wie Halme unter deinem Streich. Doch dann entdeckten wir die Keime, die Bazillen, die Erreger. 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