Ausgetickt

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 2. April 2019

Sonntagmorgen. Die Back­ofenuhr zeigt 09:00, obwohl im Radio schon die 10-Uhr-Nachrichten laufen. «Ich mach das», sage ich. Zweimal im Jahr nicht ein Knecht der Zeit zu sein, sondern ihr Herr, gibt mir ein gutes Gefühl.

«Soll ich die Anleitung raussuchen?», fragt meine Frau. «Wozu?», entgegne ich. «Ich habe eine naturwissenschaftliche Matura und ein abgeschlossenes Studium.» «Als Historiker», sagt sie. Höre ich da einen ironischen Unterton? «Wenn sich jemand mit Zeit auskennt, dann wohl ein Historiker», entgegne ich leicht verunsichert. «Und übrigens funktioniert das bei allen Geräten gleich: Die Uhrtaste drücken und das Stellrad nach rechts drehen.» Blöd nur, dass unser Backofen keine Uhrtaste hat. Und kein Stellrad. Blitzschnell gehe ich meine Möglichkeiten durch. Entweder bitte ich meine Frau, doch die Anleitung herauszusuchen. Oder ich tue, was ein Mann in solchen Situationen eben tut.

Aufs Geratewohl drücke ich ein paar Tasten. So ein Back­ofen ist schliesslich kein AKW. Wird ja nicht gleich Sirenenalarm geben. Plötzlich piept das Gerät fies drauflos. «Du hast den Timer erwischt», sagt meine Frau. 09:05. «Habs gleich.» 09:10. Noch immer fummle ich am Ofen rum. «Du weisst schon, wieso Moses 40  Tage durch die Wüste irrte?», fragt meine Frau. «Weil er nicht nach dem Weg gefragt hat», presse ich gestresst zwischen den Zähnen hervor. Feministische Witze helfen selten weiter, aber jetzt schon gar nicht. Dann schnappt die Ofentür ein und ein höllisches Dröhnen hebt an. Die automatische Selbstreinigung bei 300  Grad. Ich Unglückseliger habe die Tore zur Hölle geöffnet.

Schweiss steht mir auf der Stirne. Ich komme mir vor wie ein Bombenentschärfer. Den roten oder den grünen Draht durchschneiden? Im Film kneift der Experte jeweils die Augen zu und den richtigen Draht durch. In letzter Sekunde: 00:01.

Der Backofen zeigt aber noch immer 9:20 statt 10:20. Und es gibt keine Drähte, die ich durchschneiden könnte. Also explodiere ich. Aaahh, entfährt ein infernalischer Schrei meiner geschundenen Männerseele, und ich versuche mit blossen Händen das Display kleinzuschlagen. Ich bin zwar ein teilzeitarbeitender, kinderbetreuender, haushaltmachender Vollzeitmensch. Aber ganz gefeit gegen den Teufelskreis toxischer Männlichkeit aus Selbstüberschätzung und Gewalt bin auch ich nicht. Wenigstens nicht bei bockigen Backofenuhren. Als ich wieder zu mir komme, zeigt die Uhr 10:22. Bin ich wirklich eine Stunde lang ausgetickt?

Dann sehe ich, wie meine Frau die Anleitung zurück in den Schrank legt. «Du weisst ja jetzt, wo du sie findest», sagt sie zärtlich. «Fürs nächste Mal.»



Scherzinsuffizienz

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 6. März 2019

«Herr Doktor, ich habs mit dem Scherzen.»

«Scherzrasen? Scherzklopfen? Scherzflimmern?»

«Nein, mir fallen keine guten Pointen mehr ein.»

«Kein Grund zur Sorge, das ist in Ihrem Alter ganz normal.»

«Ganz normal?»

«Scherzkreislaufprobleme. Ich verschreib Ihnen ein paar Scherztropfen, die bringen Ihren Scherz wieder in Schwung.»

«Aber mein Scherz hat von einem Moment auf den anderen einfach ausgesetzt. Total beängstigend.»

«Akutes Scherzversagen? Damit ist allerdings nicht zu spassen.»

«Sie meinen?»

«Scherzinfarkt. Schlimmstenfalls. Dann ist fertig lustig.»

«Fertig lustig ist doch jetzt schon.»

«Waren Sie als Kind denn lustig?»

«Eher nicht.»

«Dann könnte es auch ein angeborener Scherzfehler sein. Gibt es ähnliche Fälle in Ihrer Familie?»

«Nein, die sind alle witzig.»

«Das ist komisch.»

«Was ist daran denn lustig?»

«Vielleicht brauchen Sie einen Scherzschrittmacher.»

«Eine Operation am offenen Scherzen?»

«Wenn es ganz schlimm steht, sogar eine Scherztransplantation.»

«Sie scherzen wohl.»

«Keine Angst, ich bin erfahrener Scherzchirurg. Voraussetzung ist natürlich, dass wir einen Spenderscherz finden, der zu Ihrem Humor passt. Mal schauen, Peach Weber wäre bereit zu spenden.»

«Peach Weber? Gägsgüsi, aber das ist doch nicht mein Niveau.»

«Nicht Ihr Niveau? Der Turnhallenboden von Wünnewil hat mehr Niveau als Sie. Und der hat Löcher drin. Ganz ehrlich, Ihr Scherz macht es nicht mehr lange. Völlig überstrapaziert und ausgelaugt. Ich diagnostiziere fortgeschrittene Scherzinsuffizienz. Wahrscheinlich bringen Sie nicht einmal mehr diese Kolumne in Würde zu Ende. So schwach ist Ihr Scherz.»

«Aber das stimmt doch gar nicht.»

«Jetzt halten Sie mal Ihre Scherzklappe. Sie haben ja schon alle Herzscherze durch. Oder fällt Ihnen noch einer ein, Sie Scherzpatient?»

«Das wollt ich grad sagen.»

«Eben.»

«Und eine Pointe mit Lachgas hätte ich noch.»

«Ein lahmer Scherz.»

«Sag ich doch die ganze Zeit, dass das mein Problem ist.»

«Wissen Sie was, vielleicht sollten sie sich die Kugel geben.»

«Mich umbringen?»

«Nicht Selbstmord, Sie Scherzkeks, Globuli.»

«Homöopathie? Aber das ist doch ein Witz.»

«Sehen Sie, jetzt klappt es mit den Pointen ja schon wieder besser.»

Nur eine tote Birke

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 27. Februar 2019

Allergikerinfo: Dieser Text enthält eine übermässige Konzentration des Wortes Birke.

Birkenholz. Ich liebe Birkenholz. Sie nicht auch? Ich bin keine Konifere auf dem Gebiet, aber die Birke ist ja die Buche unter den Fichten, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dieser seidige Glanz. Die feine Maserung. Ich schlafe in einem Bett aus Birkenholz, selbst gezimmert – und jeder Splitter, den ich mir eingefangen habe, war es wert.

Mein Nachttischchen ist aus Birkenholz, der Kleiderschrank sowieso. Dieser seidige Glanz. Dieses Spiel von Hell und Dunkel. Zur Entspannung zersäge ich Birkensperrholz mit meiner Laubsäge in immer kleinere Teile. Jetzt lass ich mir ein Parkett verlegen aus Birkenholz. Total unpraktisch, viel zu weich. Spätestens nach zwei Jahren sei das durch, sagte mein Parkettmann ungläubig, als ich ihn danach fragte. Aber genau deshalb will ich ja Birkenholzparkett. Und zwar nicht nur in der Stube, nein, auch im Gang, in der Küche, im Keller, im Bad, auf der Terrasse. Sogar auf der Zufahrtsstrasse lasse ich Birkenparkett verlegen. Und das Birkentäfer an den Wänden muss zuschauen, wenn ich das Birkenholzparkett mit Nagelschuhen trete. Denn in meinem Haus herrscht Birkenstockverbot.

Wenn ich könnte, ich ässe Birkenholz zum Frühstück. Zum Znüni. Zum Zmittag. Und Birkenrinde zum Znacht. Und selbstverständlich lodert in meinem Cheminée von Oktober bis September ein Feuer, das niemals ausgeht. Und was verbrenne ich dort? Genau. Birkenholz. Ster um Ster.

Denn nur eine tote Birke ist eine gute Birke.

Wenn ich nämlich etwas ha-ha-ha-ha-hatschi!, Tschuldigung. Wenn ich etwas hasse, dann sind es Bi-Bi-Bi-Bi-hatschi, Birkenpollen! Nur schon beim Gedanken, dass es bald wieder losgeht, läuft meine Nase. Grundsätzlich habe ich ja nichts gegen Birken, schöne Bäume. Wenn nur der Pollenflug nicht wäre. Muss es denn unbedingt Windbestäubung sein? Es ist doch nicht ehrenrührig, sich von Bienen bedienen und von Hummeln befummeln zu lassen. Oder ist sich die Birke zu fein für Blümchensex?

Ich habe die Nase voll. Aber so was von.

Hatschi! Schon wieder eine Packung Taschentücher durch. Aber vielleicht ist das ja die Lösung. Eine Papiertaschentuch-Fabrik gründen, die im grossen Stil Papiertaschentücher herstellt aus 100 Prozent frisch gefälltem Birkenholz aus garantiert nachhaltigem Raubbau. Und dann einfach wegschnäuzen, die Drecksbotanik. Baum um Baum. Befreit aufschnaufen, wenn die letzte Birke gefällt ist. Und das Abschiedstränchen wegputzen mit einem Taschentuch aus Birkenfasern.

Dann kümmere ich mich um die Gräser; noch so Kollegen, die keine Insekten ranlassen, diese Mimosen. Vielleicht kann man die ja wegrauchen?

Hatschi!

Würzige Heimat

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 12. Januar 2019

Dank der SVP wissen wir endlich, was Heimat ist. Nämlich: «Das, was wir vermissen, wenn wir auswärts sind. Den Schweizer Dialekt, die Musik, das frische Trinkwasser, knuspriges Brot, den Cervelat, ja sogar das Aromat.» Das sei Heimat. So steht es im brandneuen Parteiprogramm der SVP. Gut, ein paar Unschärfen hat die Heimat­definition der selbst ernannten Volkspartei zwar schon. So gibt es etwa meines Wissens keinen Schweizer Dialekt, sondern ein paar Hundert Dialekte. Gluten-Opfer denken bei knusprigem Brot ganz spontan wohl eher an Hölle als an Heimat. Und was ist mit Vegetariern, die keine Cervelats essen? Sind das heimatlose Gesellen?

Vor allem aber fehlt in der Aufzählung ganz entschieden das DüDaDo des Postautos, gopfertammisiechnomoll. Das ist für mich Heimat. Und dass einem das Postauto noch in den hintersten Chrachen bringt, das ist für mich auch Heimat. Unbedingt nachbessern, liebe Frauen und Mannen von der SVP, sonst wähle ich Euch im Herbst noch weniger als sonst schon.

Aromat als Metapher für Heimat hingegen finde ich grossartig. Denn wer hats erfunden? Ein Schweizer, das stimmt. Aber wem gehörts? Dem multinationalen Konsumgüterkonzern Uni­lever (hör ich da Ausverkauf der Heimat? Und braucht die Schweiz eigentlich einen Sitz im Unilever-Sicherheitsrat, oder nicht?).

Und was steckt denn drin, in der würzigen Heimat, waseliwas? Bodenständige Zwiebeln und allergene Selleriesamen, dazu Nelken (Zuwanderer aus Sansibar), Curcuma (wächst die eigentlich auf hiesigem Mist?), Lorbeer (übers Mittelmeer gekommen) und eine binationale Mariage von Palm- und Sonnenblumenöl (quasi Ehe für Öle, also, Ehe für alle, äh, ist ja auch egal, Haupt­sache, es flutscht).

Als Völker verbindendes Element darf natürlich der Geschmacksverstärker Glutamat nicht fehlen; das macht das Essen auch beim Chinesen so lecker. Und, jetzt ganz stark sein, liebe Verteidiger des christlichen Abendlandes: Ich glaube fast, Aromat ist sogar halal.

Kurz: Das würzige Streupulver ist ein bunter Mix aus Hiesigem und nicht ganz so Hiesigem – Multikulti im Gewürzdöschen, sozusagen. Das also ist für die SVP Heimat. Hätte nicht gedacht, dass ihr das schmeckt. Ich streu mir davon aber gerne etwas auf mein knuspriges Cervelatbrot, dazu ein Glas frisches Trinkwasser und etwas Lüpfiges von Müslüm. Sie wissen schon, das ist dieser Musiker mit dem Schweizer Dialekt.

In diesem Sinn: DüDaDo.

Migrationsmissverständnis

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 29. Dezember 2018

«Schon eindrücklich, diese Migrationsströme. Millionen sind Jahr für Jahr unterwegs. Auf fixen Routen. Tausende von Kilometern legen die zurück. Übers offene Meer, durch die Wüste, unwirtliche Gebirge. Stell dir mal die Strapazen vor. Die sind total entkräftet, wenn sie ankommen. Wenn sie überhaupt ankommen.»

«Jetzt übertreib mal nicht.»

«Doch. Viele schaffen es gar nicht. Das weiss man. Die bleiben auf der Strecke. Und trotzdem ziehen sie immer wieder aus Neue los.»

«Sollten halt gar nicht erst weggehen. Meine Meinung. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.»

«Die können nicht anders. Die müssen einfach weg. Das ist genetisch bedingt. Die haben sonst keine Lebensgrundlage.»

«Migration ist genetisch bedingt? Was ist das denn für ein Quatsch?»

«Natürlich, die würden verhungern, wenn die nicht wegziehen würden. Das sind Hungerflüchtlinge.»

«Hungerflüchtlinge? Das glaubst du doch selber nicht. Weisst du, was das Problem ist? Es werden immer mehr. Und wenn sie mal da sind, bleiben sie auch. So siehts doch aus.»

«Nein, die gehen wieder zurück. Sobald sie in ihrer Heimat wieder überleben können.»

«Nein, die bleiben.»

«Nein, die gehen zurück. Du hast aber auch wirklich gar keine Ahnung. Hast du in der Biologie nicht aufgepasst?»

«Jetzt hör aber auf. Natürlich habe ich eine Ahnung. Und eine Meinung. Weisst du, was mich stört? Vielen Einheimischen gehts auch schlecht, aber das ist bei euch Gutmenschen ja kein Thema.»

«Jetzt übertreibst aber du. Natürlich haben es die Einheimischen auch hart. Grad im Winter. Darum helfe ich denen auch. Braucht ja nicht viel. Ein bisschen was zum Knabbern. Was die für eine Freude dran haben, das sage ich dir.»

«Wie bitte?»

«Gut, die machen schon auch Dreck. Aber dafür ist es für die Kinder total schön, wenn sie zuschauen können. Ein richtiges Spektakel, wenn die zur Fütterung auf die Terrasse kommen. Da hat es ja immer auch ein paar ganz Freche drunter. Die zanken sich richtig um ihre Nahrung. So ein Spass.»

«Sag mal, bei dir piept es wohl? Erst machst du einen auf Gutmensch und dann redest du so abschätzig daher.»

«Was heisst abschätzig? Hast du noch nie den Spatzen zugeschaut, wenn die sich am Vogelhäuschen gestritten haben?»

«Wieso redest du jetzt plötzlich von Vögeln?»

«Ich rede doch schon die ganze Zeit von Vögeln. Zugvögeln. Was hast du denn gedacht?»


Weihnachten

Den Santa einen adipösen alten Mann sein lassen. Stolz ertragen, wie sich die Grosse mit der Blockflöte durch «Jingle Bells» hyperventiliert, während der Kleine dazu den Triangel schlägt mit einem heiligen Ernst, als hinge das Heil der Welt davon ab, was es auch tut, in diesem einen Moment. Das ist für mich Weihnachten. Und noch vieles mehr. Nachzulesen in meinem Blogbeitrag für den «Aufbruch».

Fröhliche Weihnachten!

Die Gipfeli der Macht

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 4. Dezember 2018

«Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, wir berichten aktuell und live vor Ort für Sie aus der Wandelhalle. Gleich geht’s los mit der Bundesratswahl. Neben mir ist jetzt zuerst aber noch Ruedi Rüdisühli. Herr Rüdisühli, Sie backen die Gipfeli für die Bundeshaus-Cafeteria …»

«Seit 35 Jahren, immer gleich, immer gut. Immer gleich gut.»

«Die Gipfel der Macht, sozusagen.»

«Ja, ich gipfle immer in der Nacht. Sonst gäbe es am Morgen ja keine Gipfeli.»

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Letzte Fragen

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 30. Oktober 2018

Über das Sterben spricht man nicht gerne. Aber wir alle sind dem Tod eine Antwort schuldig. Früher oder später. Sind Sie bereit für ein paar letzte Fragen?

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Augen auf bei der Berufswahl

Neulich auf einer Berufsmesse. Zuhinterst in der Halle haben auch die islamistischen Terroristen ihr Info-Camp aufgebaut, gleich neben dem Stand für Lehrstellen im Telefonmarketing. Schön thematisch geordnet, die Schau. Dann fällt mein Blick auf ein Plakat: «Mach was mit Menschen – werde Selbstmordattentäter». Ungläubig bleibe ich stehen. «Ungläubiger, was guckst du?», spricht mich ein bärtiger Mann hinter dem Koran-Tisch an. «Schalom», sage ich, «was beim Hipster-Barte des Propheten macht ihr denn auf einer Berufsmesse?» «Uns stirbt der Nachwuchs weg», sagt der Bärtige. «Dieser Job kann einen aber auch wirklich kaputt machen, wenn man sich voll reinhängt», sage ich voller Verständnis.

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Diese Kolumen wird Ihr Leben verändern

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 25. September 2018

Wenn Sie zum Beispiel, neugierig gemacht durch den Titel, diese Kolumne unbedingt noch lesen wollen, obwohl Ihr Bus schon das Ziel erreicht hat, und dann steigen Sie aus, die Nase noch immer in der Zeitung, und knallen ungebremst in jemanden an der Bushaltestelle, und das ist Ihr alter Schulschatz, neun obligatorische Schuljahre lang ihre grosse, einzige, wahre Liebe – schon in der 2. Klasse haben Sie sich auf der Schulreise versprochen, später zu heiraten –, aber das Leben ist halt kein Ponyschlecken, pubertäre Verwirrungen, die Eltern dagegen, Sie weggezogen, kurz: Sie kamen nicht zusammen, dafür sind Sie beide in unglücklichen Beziehungen gelandet, die Enttäuschung nagt an Ihnen wie der Zahn der Zeit an Ihrem Äusserem, aber jetzt, zack, ist alles wieder da, und sie beschliessen, nicht ins Büro zu fahren, sondern zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, bestellen dann aber einen Prosecco, was heisst da ein Prosecco, zwei ganze Flaschen leeren Sie zusammen (das Handy haben Sie längst auf lautlos gestellt, damit der Chef nicht mehr stört), ziemlich verladen landen Sie später im Hotel, wo Sie – nie hätten Sie geträumt, so etwas Orgiastisches noch erleben zu dürfen – die zwei süssesten Zwillinge der Welt zeugen, die Sie gemeinsam mit Ihrem Schulschatz aufziehen werden als glücklichste Familie weitum – dann, ja dann wird diese Kolumne Ihr Leben wahrhaftig verändert haben. Und Sie brauchen mir nicht mal dafür zu danken, das ist alles im Abo-Preis der FN inbegriffen.

Oder wenn Sie sich zum Beispiel beim Frühstück noch einen zweiten Kaffee eingiessen, um diese Kolumne zu lesen, und deshalb nicht, wie sonst üblich, exakt um 7.47 Uhr vor die Haustüre treten, was Ihr grosses Glück ist, denn genau um 7.47 schiesst der Lieferwagen von Claydermann Umzüge in überhöhtem Tempo um die Ecke, der Chef höchstpersönlich am Steuer, spät dran, weil er unbedingt noch diese Kolumne lesen wollte (die Schlusspointe fand er übrigens enttäuschend), er schleudert, der Konzertflügel auf der offenen Ladefläche kommt ins Rutschen und schlägt im hohen Bogen und in einer der Zwölftonmusik würdigen Kakafonie genau dort auf dem Trottoir auf, wo Sie geständen hätten, wäre nicht diese Kolumne gewesen. Gern geschehen.

Höchstwahrscheinlich wird diese Kolumne Ihr Leben aber nur dahingehend verändern, dass ich Ihnen mit der Lektüre vier Minuten Lebenszeit gestohlen habe. Aber vielleicht haben Sie sich ja ein wenig amüsiert dabei. Und viel mehr kann man sich vernünftigerweise fürs Leben auch nicht erhoffen von einer einfachen Zeitungskolumne.