Hell oder dunkel?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 10. März 2023

– Kaufst du auf dem Heimweg noch ein Brot? Merci (Herz-Emoji, Brot-Emoji)

– Klar (Küsschen-Smiley) Hell oder dunkel?

– Egal. Worauf du grad Lust hast (Zwinker-Smiley, Lippenleck-Smiley)

– Körnerbaguette

– (Daumen hoch)

– Und wenn sie kein Körnerbaguette mehr haben? (Besorgtes Smiley)

– Dann halt ohne Körner (Trost-Smiley)

– Aber schon (Brezel-Emoji). Oder?

– ?

– Sorry, meinte (Baguette-Emoji), nicht (Brezel-Emoji)

– Ganz wie du magst. (Croissant-Emoji, Ironie-Smiley)

– Hell oder dunkel?

– (Nichts-Böses-Sehen-Affe) Nimm einfach, was es noch hat. Ist ja schon kurz vor Ladenschluss.

– Ein Pfünderli?

– (Daumen hoch)

– Oder lieber ein Kilo? Dann können sich die Kinder morgen noch Brötli machen für den Schwimmkurs (Delfin-Emoji, Krebs-Emoji)

– Gute Idee.

– Oder doch lieber ein Pfünderli und einen Krustenkranz? Der ist noch besser für Sandwiches. (Nachdenkliches-Gesicht-Smiley)

– Krustenkranz ist auch gut.

– Hell oder dunkel?

– Was hat es denn noch? (Sanduhr-Emoji)

– Weiss nicht, bin noch nicht im Laden. (Albernes Smiley) Aber Kartoffelbrot hat es immer bis zuletzt. Das kauft nie jemand. (Unwohl-Smiley, Grün-im-Gesicht-Smiley, Kotz-Smiley)

– Dann halt Kartoffelbrot. (Enttäuschtes-Gesicht-Smiley)

– Aber Baguette wäre dir schon lieber?

– Wenn es noch hat…

– Hell oder dunkel?

– Hauptsache gebacken. (Wutrotes-Gesicht-Smiley)

– Aufbackbrötchen hat es sonst auch immer.

– Von mir aus. (Grummel-Smiley)

– Hell oder dunkel?

– Egal! St. Galler Brot, Tessinerli, Maisbrot, Fladenbrot, Pumpernickel. Weiss wie Schnee, schwarz wie die Nacht – Hauptsache Brot, Hauptsache gebacken, Hauptsache Gluten! (Ärger-Smiley, Schädeldecke-explodiert-Smiley, Fluch-Smiley)

– Oder Knäckebrot.

– Von mir aus auch Knäckebrot!!!!

– Mit Leinsamen oder Sesam?

– Mit kandierten Speckwürfeli. (Sarkasmus-Smiley)

– Neue Sorte? Habe ich noch nie gesehen.

– War ein Witz.

– Apropos. Kennst du den: Was macht ein Brot auf einem AC-/DC-Konzert?

– ?

– Abroggen… (Tränenlach-Smiley, Laut-herauslach-Smiley, noch so ein Grinse-Smiley)

– (Lach-Smiley)

– (Bestürztes Smiley)

– ?

– Jetzt hat grad die Migros zugemacht.

– (Nichts-Böses-Sagen-Affe, Hand-an-die-Stirn-Emoji, Bomben-Emoji)

– (Bestürztes Emoji, mit-grossen-Augen-bittendes-Emoji, den Tränen-nah-Emoji)

– (Sorry-Smiley, Schulterzuck-Smiley, Herz-Emoji) Egal… Dann bestelle ich uns halt Pizza.

– Super. Hab dich lieb. (Herz-Augen-Smiley, Drei-Herzen-Smiley, Herz-mit-Schleife-Emoji, Pizza-Emoji, Pizza-Emoji, Pizza-Emoji, Lippenleck-Emoji) Bestellst du mir noch ein Bier dazu?

– Hell oder dunkel?

Riz Casimir forever

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. März 2023

Jetzt ist es offiziell, und es tut mir weh in meiner wilden Bünzliseele: Riz Casimir ist eines der schlechtesten Gerichte der Welt. Auf einer Rangliste des Foodguides «Tasteatlas» ist es auf Platz 18 der weltweit miesesten Speisen gelandet. Das muss ich erst mal verdauen. Denn ich liebe Riz Casimir, vorbehaltlos.

«Riis Kasimir» wird in der Schweiz schon seit 70 Jahren gegessen. Natürlich hat es längst seinen Glanz eingebüsst, den es 1952 noch hatte, als Ueli Prager in seinen Mövenpick-Restaurants erstmals dieses Curry-Rahmsauce-Gericht servierte. Der kulinarische Horizont der Schweiz war damals eng, Flugreisen für die meisten unbezahlbar, selbst Pizza war noch ein Fremdwort. Da war Riz Casimir ein Gericht, das einen Hauch Exotik und Weltläufigkeit auf die helvetischen Teller zauberte und doch niemanden verstörte mit zu viel Fremdartigkeit (dem vielen Rahm sei Dank).

Heute wird es gerade deswegen verspottet. Natürlich hat dieses gelb gefärbte Züri-Gschnätzlete nichts, aber auch gar nichts mit der authentischen indischen Küche zu tun, von der es nur den Namen Kaschmir stibitzte, aber sicher nicht die Schärfe. Und eine frisch gepflückte Ananas direkt ab Strauch mag so köstlich sein, dass man nachher nie mehr Dosenananas anrührt. Aber ich war halt noch nie in Ghana oder Thailand oder wo die Ananas sonst noch wachsen. Und punkto Ökobilanz ist es doch sicher besser, wenn die Ananas in kleinen Dosen zu mir kommt als ich in kurzen Hosen zur Ananas.

Mir gehts beim Riz Casimir ja auch gar nicht ums Fernweh. Eher um die Nostalgie. Mich erinnert das Gericht an unzählige Lager, in denen dampfende Schüsseln mit der gelben Köstlichkeit aufgetragen wurden, oder den übrig gebliebenen zuckrigen Pfirsichsaft, den ich als Kind aus der Büchse schlürfen durfte. Diese Süsse des Gerichts ist sein Geheimnis. Schon als Säuglinge wissen wir – süss ist gut. Das ist wohl auch der Grund, warum meine Kinder zufrieden den Riz-Casimir-Teller leer machen und fragen: «Hats noch gebratene Bananen?»

Ja, die Bananen. Sie sind das Wichtigste überhaupt. Liebevoll in Butter gebraten, was heisst da in Butter, in viel Butter, in ganz viel Butter mit Sorgfalt gebraten, bis der Fruchtzucker zu Karamell wird und sich der Schlauchapfel zu einem zuckrig-süssen Fast-schon-Kompott zersetzt – heilige Betty Bossi, mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Munde zusammen.

Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte: Egal, auf welchem Platz der Weltrangliste der schlechtesten Gerichte Riz Casimir stehen mag – ich hab Hunger. Und ich weiss auch schon, was es gibt.

Bild: pioneer111/istockphoto

Hitzköpfe im Kühlschrank

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Januar 2023

Nichts als Hitzköpfe in meinem Kühlschrank. Neulich öffne ich den Kühlschrank und was sehe ich? Die Olma-Bratwurst macht den Schinken zur Sau, bloss weil der sich nicht zu schade ist, mit dem Senf ins Brötchen zu steigen. Dabei ist dieser eingebildete Schüblig doch einfach frustriert, weil er selbst nie was Scharfes abkriegt, das verklemmte Würstchen.

Der Cervelat hält sich für was Besseres, dabei ist er höchstens ein C-Promi. Ungefragt gibt er überall seinen Senf dazu. Am liebsten philosophiert dieser Richard David Precht der Charcuterie darüber, dass alles ein Ende habe, nur die Wurst deren zwei, und fühlt sich dabei so wichtig, dass ihm fast die Pelle platzt. Von wegen Darm mit Charme.

Das Naturjoghurt hingegen ist eine Dramaqueen mit null Selbstvertrauen. Will sich immer gleich ins Verderben stürzen, bloss weil es das Verfallsdatum überschritten hat. Natürlich hilft es seinem Ego nicht, dass es vom Schoggipudding mit Sahnehäubchen als Magerquark geschmäht wird. Gar nicht gentil, das Chantilly. Der Doppelrahm mobbt die Crème fraîche, die Vorzugsbutter disst die Margarine («Von dir haben alle die Nase gestrichen voll»), der Gruyère macht den Cottage cheese fertig («So ne Hafechääs»), und wenn man nicht rechtzeitig dazwischen geht, sind am Schluss alle sauer. Derweil schwitzt der milde Emmentaler aus allen Löchern, weil er es allen recht machen will und gerade deshalb von niemandem gemocht wird.

Vom Gemüse will ich gar nicht erst reden. Der Rotkohl wird nicht grün mit dem Weisskohl, der sieht gleich rot, wenn ich den Grünkohl bevorzuge, was wiederum den Federkohl grün vor Neid macht. Der Kopfsalat ist auch so ein Lauch. Glaubt stets, sein letztes Stündchen habe geschlagen, weil er die Radiesli von unten anschaut. Dabei ist das keine Metapher, sondern einfach meine Art, die Gemüseschublade einzuräumen: unten Salat, oben Radiesli. Aber das schnallt er nicht. Kommt wahrscheinlich davon, wenn man das Herz im Kopf hat. Dann ist die Logik am Arsch.

Immer alles gleich persönlich nehmen, das können sie, meine Lebensmittel. Das Lagerbier zischt und schäumt, wenn ich an seiner Stelle zum Amberbier greife. Von wegen «kühles Blondes». Leck mich doch, tönt es derweil dumpf aus dem Tiefkühlfach. Das ist die einsame Raketenglace vom letzten Sommer. Und ich weiss nicht so recht, ob das als süsse Aufforderung gemeint ist oder doch als Beleidigung.

Entnervt schliesse ich den Kühlschrank. Im Keller hats noch eine Dose Ravioli. Die heissen zwar Maultaschen, halten aber den Mund und sind einfach nur froh, wenn sie endlich aus der Dose ausbüxen können.

(Bild: Alfred Heiler/Pixelio)

Weihnachtswunder

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 23. Dezember 2022

Wunder halten sich nicht an Daten.

Darum geschehen Weihnachtswunder meist auch nicht an Heiligabend; die trunkene Fonduechinoisesösseliseligkeit macht taub für Wunder, die meist auf leisen Sohlen um die Ecke huschen.

Viel eher passieren Wunder zum Beispiel an einem neblig-kalten 21. Januar, wenn man – eine Woche nach dem offiziellen Entsorgungstermin, mit entsprechend schlechtem Gewissen, die Mütze tief ins Gesicht gezogen und im Schutz der Dämmerung – seinen schon arg abgenadelten Christbaumkadaver mit klammen Fingern und ein paar Flüchen («Fondüschinuassösselisiechnomoll») zur Gemeindeentsorgungsstelle schleppt und dort auf einen seelenverwandten Menschen mit einem noch viel erbärmlicheren Festtagsbesen und einem ähnlich schlechten Gewissen trifft, man mit einem Lachen und einem flapsigen Spruch versucht, die Peinlichkeit des Ertapptwerdens zu überspielen, man darüber ins Gespräch kommt, in ein langes und gutes Gespräch, das man zu Hause bei Gifferstee (er schmeckt mit jeder Tasse wunderbarer) fortsetzt und dann aus der Komplizenschaft über das gemeinsame Übertreten des kommunalen Abfallreglements eine Liebe heranwächst, die auch noch Jahre später so frisch duftet und herrlich glänzt wie ein gerade eben gefälltes Rottannli im Lamettakleid.

Das ist dann ein Weihnachtswunder, auch – oder sogar erst recht – wenn es sich erst am 21. Januar zuträgt. Oder sich schon am 19. ereignet.

Denn wie gesagt: Wunder halten sich nicht an Daten. Wunder geschehen unerwartet.

Wer allerdings nur auf Wunder wartet, darf keine Wunder erwarten. Wunder gibt es zwar immer wieder, wie schon die Schlagersängerin Katja Ebstein wusste, aber nur, wenn wir sie geschehen lassen. Oft reicht es schon, wenn wir dem Wunder «leise wie einem Vogel die Hand hinhalten», wie die Dichterin Hilde Domin geschrieben hat.

Wunder halten sich nicht an Daten, Wunder halten sich an Taten. Man kann auf Wunder hoffen, man kann sie aber auch einfach schaffen.

Ich glaube, wir würden uns alle wundern, wie wunderbar leicht es wäre, Wunder zu wirken, wenn wir es nur täten. Egal ob an Weihnachten oder einem der anderen 363 Tage, die uns dafür zur Verfügung stehen.

Wie uns die Weihnachtsgeschichte zeigt, reicht es für den Anfang ja schon, Mensch zu werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wundervolle Weihnachten.
Und einen wundervollen 21. Januar.
Und viel Spass beim Entsorgen Ihres Christbaums.

Team Frederick

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 11. Oktober 2022

Kennen Sie Frederick? Die Feldmaus aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni? Im Herbst sammelt Fredericks Familie Vorräte für den Winter. Nur Frederick sitzt untätig herum. Er sammle Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für die kalten, grauen und langen Wintertage, entgegnet Frederick auf die Frage, warum er nicht mit anpacke. Dann ist der Winter da, kalt und lang. Die Vorräte schwinden, der Frühling ist noch lange nicht in Sicht. Zum Glück können die Mäuse jetzt von Fredericks Vorräten zehren. Er erzählt von den Sonnenstrahlen, und den Mäusen wird ganz warm ums Herz. Seine Schilderung der Farbenpracht macht den Winter weniger trist, und mit seinem Gedicht gibt er der Mäuseschar Hoffnung.

Klingt kitschig? Klingt ziemlich aktuell, finde ich. Denn so, wie es aussieht, könnte der nächste Winter auch bei uns kalt, grau und lang werden, weil Strom und Gas fehlen – und die steigenden Preisen vielen ans Lebendige gehen. Zu zweit duschen, wie das unsere Energieministerin vorgeschlagen hat, ist übrigens keine Lösung. Irgendein Körperteil klebt dabei immer am nasskalten Duschvorhang. Und ständig denkt man an Sommaruga und Putin – und zu viert wird es in einer mittelständischen Duschkabine definitiv zu eng.

Es könnte ungemütlich werden. Wüste Diskussionen wird es darüber geben, ob die Skilifte dringender Strom brauchen oder die Stadttheater: Schwarzsee oder Schwanensee? Spätestens wenn wir im Advent durch die dunklen Innenstädte huschen auf der Suche nach dem letzten bisschen hübsch verpackten Strom für die Playstation des Göttibubs, sinkt die Stimmung unter den Gefrierpunkt. Und der auf 19 Grad heruntertemperierte Glühwein macht es auch nicht besser. Ein Politiker vom rechten Rand hat verklausuliert bereits mit einer Art Saubannerzug vors Bundeshaus gedroht. Natürlich liesse sich über ihn spotten, er gehe beim Stromsparen als leuchtendes Vorbild voran: nicht die hellste Birne – und auch die zwischendurch ausgeknipst.

Aber Hohn, Spott und Hass werden uns nicht über den Winter bringen.

Vielmehr brauchen wir Frederick. Wärme, Fantasie, Mitgefühl und Solidarität. Kluger Rat, Empathievorrat. Und weil es leider kein Bundesamt für die poetische Landesversorgung gibt, ist Eigenverantwortung gefragt. Füllen wir unsere Stauseen mit Liebe und die Pflichtlager mit Grosszügigkeit, damit wir heil durch den Winter kommen. Und genug Fantasie für mindestens 14 Tage sollte jede und jeder im Keller haben.

Tönt blöd? Tönt nicht verkehrt, finde ich. Ich jedenfalls bin im Team Frederick.

Jetzt muss ich aber los. Sonne tanken. Und Blätterfarbenpracht.

Monza in der Migros

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. Juni 2022

Dieser Moment, wenn du das Einkaufswägeli von der Kette lässt und spürst, ihr zwei, das läuft. Heute erwische ich einen Klassiker, einen französischen Caddie, 130 Liter Korbvolumen, Kindersitz, hochglanzverzinkt. So sieht für mich Freiheit aus.

Mich juckts, gleich ordentlich Gummi zu geben. Aber erst mal ein Gefühl dafür bekommen in der überfüllten Früchteabteilung. Auch bei abrupten Richtungswechseln liegt der Franzose gut in der Spur. Seine Vorderräder eiern nicht rum wie Cassis in der Frage der Neutralität. Auch lenkt er sich angenehm leichtgängig. Sauber kurven wir an Tomatenbetatschern und körbchenbehängten Pfirsichbefühlern vorbei.

Jetzt kommen wir in die Gänge. Beim Einbiegen in die Konfitüren-Kaffee-Allee gehe ich mit ordentlich Schuss in die Kurve. Der sportliche Franzose dankts mit einem zufriedenen Schnurren. Ich beschleunige weiter, der Kindersitz bleibt auch bei drei Regalmetern pro Sekunde (Rm/s) klapperfrei.

Als wir durch die Bioabteilung rasen, fällt einem Kleinkind im Tragetuch vor der Brust seines Papas vor Schreck der Schnuller aus dem Mund. Papa zischt mir etwas Giftiges durch seinen Fairtradebart hinterher. «Freie Fahrt für freie Bürger:innen», entgegne ich. Bei fünf Rm/s werden einfach die neoliberalen Dämonen in mir wach, da hilft auch mein grosses Sozi-Herz nichts. Aber wenigstens habe ich gegendert.

Bei sechs Rm/s werden die Fahrgeräusche des bis anhin tadellosen Spassmobils doch etwas laut. Und was ist das? Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie mir im Gang nebenan ein Knirps frech zu grinst. Der will doch nicht etwa? «Kevin-Johannes», brüllt eine Frau, offenbar seine Erziehungsberechtigte. Aber da ist Kevin-Johannes schon mit dem vollbepackten Cola-Bomber seiner Mutter losgerast, 180 Liter Korbvolumen.

Na dann, schau zu und lerne, Kleiner. Ich beschleunige auf Höchsttempo. Dann hebe ich ab. In Supermannpose beuge ich mich über das Wägeli. So geht Aerodynamik, Kevin-Johannes, denke ich, während ich mit gefühlten 8 Rm/s an Beutelsuppen und Fertigsossen vorbeirase. Weit hinter mir höre ich ein lautes Rumms, als ein Berg Konservendosen zu Boden donnert. Dem Klang nach Eierravioli. Hat wohl der kleine Möchtegern-Poser die Kurve nicht gekriegt.

Drei Meter vor der Kasse steige ich auf die Bremsen, dass die Sohlen qualmen. Die Kassierin starrt entgeistert erst mich an, dann den leeren Einkaufswagen. «Auf die Schnelle habe ich nichts gefunden», sage ich.

Erst jetzt fällt mir ein, dass ich Quicksoup kaufen wollte.

Egal, komme ich halt morgen wieder.

Mit ein bisschen Training kriege ich die Strecke sowieso noch drei Sekunden schneller hin.  

Gähn, gähn, Gähn

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. März 2022

Diese Kolumne ist zum Gähnen – und das mit voller Absicht, und in guter obendrein. Aber der Reihe nach. «Papi, wieso gähnen wir eigentlich?», wollte der Kleine neulich wissen, als wir abends müde nach Hause zottelten, und gähnte dazu sein ungeniertes Schimpansengähnen. «Vielleicht gähnetisch bedingt? Keine Ahnung», gähnte ich herzhaft zurück, versprach aber, mich schlau zu machen, sprich zu googeln.

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Neuzuzüger

Birkenmeier wusste im Nachhinein selbst nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte. Die Sätze waren ihm einfach so rausgerutscht, am Freitagabend nach der Musikprobe am Stammtisch der «Eintracht». Sie sassen beim dritten, vierten Bier, als die Rede auf den Wolf kam. Roggo erzählte, er habe zwei Nächte zuvor einen Wolf heulen gehört, vom nahen Wald her, der Wildhüter habe auch Spuren im Schnee gefunden. Jungo klagte, die Bestie habe ihm letzte Saison auf der Alp drei Schafe gerissen, nicht etwa gefressen, nur zerfetzt habe er sie, worauf Kolly polterte, sein Gewehr sei geladen, der solle nur kommen, der Sauhund.

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Aufregen ist mein Yoga

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. Januar 2022

Mir geht es echt mies heute. Ich habe mich gar noch nicht richtig aufregen können. Der Kaffee schmeckt, die Kinder sind schon aus dem Haus, nur gute Musik im Radio. Zum Kotzen. Als wollte mir das Leben sagen: «Siehst du, heute hast du gar keinen Grund, dich aufzuregen.»

Als ob ich einen Grund bräuchte, um mich aufzuregen.

Das wäre ja noch schöner, wenn man plötzlich einen Grund bräuchte, um sich aufzuregen. Wahrscheinlich einen vom Bundesamt für Gesundheit abgesegneten und von den Krankenkassen anerkannten Grund. Weil sich aufregen ja angeblich schlecht für die Gesundheit sein soll. Was wissen denn diese Ingwergesichter schon? Andere gehen täglich joggen, ich rege mich eben auf. Nichts treibt den Puls so effektiv hoch, wie sich eine Stunde lang ordentlich aufregen. Richtig auspowern kann ich mich, wenn ich mich enerviere.

Mich aufregen ist mein Yoga. Je fünf Minuten den «Berserker» und den «Wüterich» machen und meine innere Mitte braucht einen Kompass, um sich selbst wieder zu finden. So effektiv ist mein Ärger-Yoga.  

Ob ich reizbar bin? Reizbar? Da regt mich ja schon die Frage auf. Reizbar, das tönt gleich so negativ, dann noch das Etikett Wutbürger draufkleben und Schublade zu. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Ich! bin! nicht! reizbar!

Ich bin sensibel, ich bin empfindlich – im positiven Sinne. Das Gegenteil von sich aufregen ist nämlich nicht Gelassenheit, sondern Teilnahmslosigkeit. Sich aufregen heisst mitfühlen, mitleiden, sich nicht abfinden mit kleinen Unzulänglichkeiten und den grossen Ungerechtigkeiten. Wir müssten uns alle wieder mehr aufregen, taminomoll. Gründe gibt es genug, und wenn wir mal grad keinen Grund haben, dann empören wir uns eben grundlos, um in Form zu sein, wenn es wirklich drauf ankommt.

Nur Tote sind tiefenentspannt. Nur, wem sowieso alles scheissegal ist, regt sich nie auf. Das habe ich übrigens als Motto auf meine Yogamatte gestickt.

Apropos scheissegal: Glauben Sie, wir hätten heute Klos mit Wasserspülung, wenn sich nicht ein kluger Kopf anno Tobak darüber aufgeregt hätte, seine Notdurft in einen Topf verrichten und den Inhalt am Morgen in die Gosse leeren zu müssen? Hätte Kolumbus Amerika entdeckt, wenn er sich nicht über den mühsamen Landweg nach Indien genervt hätte? Sich aufregen ist der Motor des Fortschritts. Ohne Verärgerung keine Veränderung. Aber steht Ärgern als Kompetenz im Lehrplan 21? Hä?

Es ist zum Haaröl seichen. Und mein Kaffee ist inzwischen auch kalt geworden, hueresiech. Aber wenigstens fühle ich mich inzwischen ein bisschen besser.

Danke fürs Zuhören.