Heiliges Bimbam

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 5. Oktober

Ich bin keine zwölf Himmel-und-Hölle-Felder entfernt von einer Kirche aufgewachsen. Wahrscheinlich bedeutet deshalb Glockengeläut für mich Heimat. Das heilige Bimbam gehört zum Sound meiner Kindheit, und den vergisst man nicht so leicht. Deshalb berührt es mich auch jedes Mal, wenn am Samstagabend im Schweizer Radio die Kirchenglocken erklingen, um den Sonntag einzuläuten.

Jedes Mal stelle ich mir dann den Tontechniker vor, der das Glockengeläut aufnimmt. Für mich heisst er Heinz. Seit Jahrzehnten schon, da bin ich mir sicher, reist Heinz kreuz und quer durchs Land, in verschlafene Städtchen und entlegene Bergtäler, um das Glockengeläut einzufangen. Es gleicht einem Ritual, wie er sein Mikrofon platziert und den Aufnahmeknopf rechtzeitig drückt, um ja nicht den ersten Glockenschlag zu verpassen, das zaghafte Anschlagen des Klöppels gegen die Messingglocke. Er liebt diese Momente, wenn sich die Glocken einschwingen wie Zirkusartisten an ihrem Trapez, wenn sich das helle Bimmeln der kleinen Glöckchen mit dem dunklen Schlag der grossen Glocke zu einem unvergleichlichen Geläut verbindet.

Heinz hat ein Ohr entwickelt für die feinen Unterschiede, kein Glockenstuhl birgt dieselbe Klangwelt; ja, der Tontechniker würde noch nach 30 Jahren jede Kirche, die er einmal besucht hat, an ihrem Geläut erkennen. In «Wetten, dass …» hätte er damit gewinnen können. Aber der grosse Auftritt liegt ihm nicht, den überlässt er den Glocken. Er ist ein stiller Mensch. Gewissenhaft. Aber nicht fromm. Er besucht nie einen der Gottesdienste, zu denen die Glocken rufen. Aber das Geläut ist ihm heilig.

Er ist getauft, gewiss, gehört einer Konfession an. Aber darüber reden mag er nicht. Glocken kennten keine Konfession, sagt er bisweilen, sie klängen nur gut oder schlecht. Das habe er im Gehör. Schon manch ein Pfarreirat hat aufgrund seiner Expertise den Klöppel auswechseln lassen und damit dem Geläut zu mehr Wohlklang verholfen. Was ihm durch den Kopf gehe, wenn er eine Aufnahme mache, wurde er schon gefragt. Nichts Besonderes, hat er entgegnet. Nur Schall und Klang.

Jedes Wochenende ist Heinz unterwegs, nach der Aufnahme kehrt er meist in der Dorfbeiz am Kirchplatz ein. Manchmal kommt es vor, dass der Wirt ihn fragt, was ihn in dieser Jahreszeit in diese gottverlassene Gegend verschlagen habe. Dann holt Heinz sein Aufnahmegerät hervor und spielt das Geläut ab, das er soeben aufgenommen hat. Für einen Moment verstummen die Gespräche in der Gaststube, dann stellt der Wirt ihm seinen Kaffee hin und sagt: «Jä so, Sie sind das mit den Glocken.» Und der Kaffee gehe dann übrigens aufs Haus.

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