Monza in der Migros

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. Juni 2022

Dieser Moment, wenn du das Einkaufswägeli von der Kette lässt und spürst, ihr zwei, das läuft. Heute erwische ich einen Klassiker, einen französischen Caddie, 130 Liter Korbvolumen, Kindersitz, hochglanzverzinkt. So sieht für mich Freiheit aus.

Mich juckts, gleich ordentlich Gummi zu geben. Aber erst mal ein Gefühl dafür bekommen in der überfüllten Früchteabteilung. Auch bei abrupten Richtungswechseln liegt der Franzose gut in der Spur. Seine Vorderräder eiern nicht rum wie Cassis in der Frage der Neutralität. Auch lenkt er sich angenehm leichtgängig. Sauber kurven wir an Tomatenbetatschern und körbchenbehängten Pfirsichbefühlern vorbei.

Jetzt kommen wir in die Gänge. Beim Einbiegen in die Konfitüren-Kaffee-Allee gehe ich mit ordentlich Schuss in die Kurve. Der sportliche Franzose dankts mit einem zufriedenen Schnurren. Ich beschleunige weiter, der Kindersitz bleibt auch bei drei Regalmetern pro Sekunde (Rm/s) klapperfrei.

Als wir durch die Bioabteilung rasen, fällt einem Kleinkind im Tragetuch vor der Brust seines Papas vor Schreck der Schnuller aus dem Mund. Papa zischt mir etwas Giftiges durch seinen Fairtradebart hinterher. «Freie Fahrt für freie Bürger:innen», entgegne ich. Bei fünf Rm/s werden einfach die neoliberalen Dämonen in mir wach, da hilft auch mein grosses Sozi-Herz nichts. Aber wenigstens habe ich gegendert.

Bei sechs Rm/s werden die Fahrgeräusche des bis anhin tadellosen Spassmobils doch etwas laut. Und was ist das? Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie mir im Gang nebenan ein Knirps frech zu grinst. Der will doch nicht etwa? «Kevin-Johannes», brüllt eine Frau, offenbar seine Erziehungsberechtigte. Aber da ist Kevin-Johannes schon mit dem vollbepackten Cola-Bomber seiner Mutter losgerast, 180 Liter Korbvolumen.

Na dann, schau zu und lerne, Kleiner. Ich beschleunige auf Höchsttempo. Dann hebe ich ab. In Supermannpose beuge ich mich über das Wägeli. So geht Aerodynamik, Kevin-Johannes, denke ich, während ich mit gefühlten 8 Rm/s an Beutelsuppen und Fertigsossen vorbeirase. Weit hinter mir höre ich ein lautes Rumms, als ein Berg Konservendosen zu Boden donnert. Dem Klang nach Eierravioli. Hat wohl der kleine Möchtegern-Poser die Kurve nicht gekriegt.

Drei Meter vor der Kasse steige ich auf die Bremsen, dass die Sohlen qualmen. Die Kassierin starrt entgeistert erst mich an, dann den leeren Einkaufswagen. «Auf die Schnelle habe ich nichts gefunden», sage ich.

Erst jetzt fällt mir ein, dass ich Quicksoup kaufen wollte.

Egal, komme ich halt morgen wieder.

Mit ein bisschen Training kriege ich die Strecke sowieso noch drei Sekunden schneller hin.  

Gähn, gähn, Gähn

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 1. März 2022

Diese Kolumne ist zum Gähnen – und das mit voller Absicht, und in guter obendrein. Aber der Reihe nach. «Papi, wieso gähnen wir eigentlich?», wollte der Kleine neulich wissen, als wir abends müde nach Hause zottelten, und gähnte dazu sein ungeniertes Schimpansengähnen. «Vielleicht gähnetisch bedingt? Keine Ahnung», gähnte ich herzhaft zurück, versprach aber, mich schlau zu machen, sprich zu googeln.

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Neuzuzüger

Birkenmeier wusste im Nachhinein selbst nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte. Die Sätze waren ihm einfach so rausgerutscht, am Freitagabend nach der Musikprobe am Stammtisch der «Eintracht». Sie sassen beim dritten, vierten Bier, als die Rede auf den Wolf kam. Roggo erzählte, er habe zwei Nächte zuvor einen Wolf heulen gehört, vom nahen Wald her, der Wildhüter habe auch Spuren im Schnee gefunden. Jungo klagte, die Bestie habe ihm letzte Saison auf der Alp drei Schafe gerissen, nicht etwa gefressen, nur zerfetzt habe er sie, worauf Kolly polterte, sein Gewehr sei geladen, der solle nur kommen, der Sauhund.

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Aufregen ist mein Yoga

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. Januar 2022

Mir geht es echt mies heute. Ich habe mich gar noch nicht richtig aufregen können. Der Kaffee schmeckt, die Kinder sind schon aus dem Haus, nur gute Musik im Radio. Zum Kotzen. Als wollte mir das Leben sagen: «Siehst du, heute hast du gar keinen Grund, dich aufzuregen.»

Als ob ich einen Grund bräuchte, um mich aufzuregen.

Das wäre ja noch schöner, wenn man plötzlich einen Grund bräuchte, um sich aufzuregen. Wahrscheinlich einen vom Bundesamt für Gesundheit abgesegneten und von den Krankenkassen anerkannten Grund. Weil sich aufregen ja angeblich schlecht für die Gesundheit sein soll. Was wissen denn diese Ingwergesichter schon? Andere gehen täglich joggen, ich rege mich eben auf. Nichts treibt den Puls so effektiv hoch, wie sich eine Stunde lang ordentlich aufregen. Richtig auspowern kann ich mich, wenn ich mich enerviere.

Mich aufregen ist mein Yoga. Je fünf Minuten den «Berserker» und den «Wüterich» machen und meine innere Mitte braucht einen Kompass, um sich selbst wieder zu finden. So effektiv ist mein Ärger-Yoga.  

Ob ich reizbar bin? Reizbar? Da regt mich ja schon die Frage auf. Reizbar, das tönt gleich so negativ, dann noch das Etikett Wutbürger draufkleben und Schublade zu. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Ich! bin! nicht! reizbar!

Ich bin sensibel, ich bin empfindlich – im positiven Sinne. Das Gegenteil von sich aufregen ist nämlich nicht Gelassenheit, sondern Teilnahmslosigkeit. Sich aufregen heisst mitfühlen, mitleiden, sich nicht abfinden mit kleinen Unzulänglichkeiten und den grossen Ungerechtigkeiten. Wir müssten uns alle wieder mehr aufregen, taminomoll. Gründe gibt es genug, und wenn wir mal grad keinen Grund haben, dann empören wir uns eben grundlos, um in Form zu sein, wenn es wirklich drauf ankommt.

Nur Tote sind tiefenentspannt. Nur, wem sowieso alles scheissegal ist, regt sich nie auf. Das habe ich übrigens als Motto auf meine Yogamatte gestickt.

Apropos scheissegal: Glauben Sie, wir hätten heute Klos mit Wasserspülung, wenn sich nicht ein kluger Kopf anno Tobak darüber aufgeregt hätte, seine Notdurft in einen Topf verrichten und den Inhalt am Morgen in die Gosse leeren zu müssen? Hätte Kolumbus Amerika entdeckt, wenn er sich nicht über den mühsamen Landweg nach Indien genervt hätte? Sich aufregen ist der Motor des Fortschritts. Ohne Verärgerung keine Veränderung. Aber steht Ärgern als Kompetenz im Lehrplan 21? Hä?

Es ist zum Haaröl seichen. Und mein Kaffee ist inzwischen auch kalt geworden, hueresiech. Aber wenigstens fühle ich mich inzwischen ein bisschen besser.

Danke fürs Zuhören.

Aha-Moment

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. Januar 2022

«Du, Schatz, ich muss dir was sagen.»
«Aha.»
«Was aha?»
«Was, was aha? Ich habe einfach aha gesagt.»

«Aha.»
«Was aha? Du hast «Du, Schatz» gesagt, und ich habe nur aha gesagt.»
«Aha, nur aha. Mehr fällt dir also nicht ein zu mir als aha?»
«Doch, mir fällt sogar ganz viel zu dir ein.»

«A-ha!!»
«Nichts a-ha!! Einfach aha habe ich gesagt, ganz ohne a-ha!! Du verdrehst einem auch jedes Wort im Mund.»
«Aha! Und was hast du denn mit deinem Aha gemeint?»
«Mein Gott, was soll ich denn mit Aha schon gemeint haben?»
«Das möchte ich eben von dir wissen! Vielleicht aaa-ha? Oder a-haa? Oder vielleicht sogar haha?»

«Haha?»
«Aha, haha also. Findest du das etwa witzig, wie es läuft mit uns beiden?»
«Nicht haha. Aha habe ich gesagt. Aha. Aha. Aha.»
«A-ha.»
«Was a-ha?»

«Merkst du eigentlich, dass du ständig aha-st?»
«Ich aha-e?»
«Du aha-st. Statt mir richtig zuzuhören, aha-st du nur.»
«Aha.»
«Sagt auch A.H.»
«Aha?»
«A.H. Armin Heuberger. Mein Therapeut.»
«A-ha…»

«Und einsilbig bist du obendrein. Sagt er auch.»
«A.H.! A.H.!! Rutsch mir doch den Buckel runter mit deinem A.H.»
«Mein aha? Das Problem hier ist doch wohl eher dein aha.»
«Aha? Wer reitet denn die ganze Zeit auf dem aha herum?»
«Diese Unterstellung verbiete ich mir! Das mit A.H. mache ich doch nur, weil du das mit dem aha angefangen hast.»
«Ich habe doch nichts mit deinem Therapeuten angefangen!»
«Ich meine dein aha, nicht mein A.H.»

«Aha.»
«Du aha-st schon wieder.»
«Jetzt fang nicht schon wieder diesem blöden aha an.»
«Du hast als erster aha-t.»
«Aber doch nur, weil du «mein Schatz, ich muss dir was sagen» gesagt hast. Da wollte ich dir mit meinem Aha signalisieren, dass ich ganz Ohr bin.»
«Aha?»
«Aha!»
«Aha…»

«Was wolltest du mir denn eigentlich sagen?»
«Das habe ich vor lauter aha jetzt glatt vergessen.»
«Aha.»

Lobet den Berliner

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 17. August 2021

Hat je schon eine Dichterin, ein Dichter besungen die Schönheit und Vollkommenheit des Berliners? Und damit meine ich nicht den schnoddrigen Menschenschlag aus der deutschen Hauptstadt, sondern diese aus der Höllenhitze der Fritteuse auferstandene paradiesische Verheissung himmlischer Glückseligkeit auf Erden, die sich für kleines Geld – oh süsse Versuchung – bei jedem rechtgläubigen Bäcker kaufen lässt. Und nur dort, ihr Jüngerinnen und Jünger des Hefegebäcks, sollt ihr euren Berliner erstehen. Denn was eingeschweisst in Plastik beim Grossverteiler im Regal steht, ist teuflisches Blendwerk. Nur tagesfrisch ist ein Berliner ein Apostel der Sinnesfreude, Amen und aus.

Allein der Puderzucker, der einem beim Herausziehen aus dem Papiersäckli an den Fingern kleben bleibt, aahh!, man wird ihn sich – sündige Vorfreude – ganz am Schluss, wenn das Gebäck schon verspeist ist, mit kindlicher Freude von den Fingern schlecken, gründlich und ungeniert. Dass sich der Freiherr von Knigge dabei formvollendet im Grab umdreht, schert mich einen feuchten Nussgipfel.

Aber noch ist es nicht so weit, noch ist der Schaumgeborene unberührt; himmlisch, wie sich der wolkenweiche Körper einem schon beim ersten Bissen ergibt; doch – frohlocket, Freunde des gepflegten Fett- und Zuckerkonsums – das Herz, das fruchtig-süsse Konfitürenherz, es versteckt sich keck. Erst beim nächsten grossen Biss – und grosse Bissen müssen es sein, Knabbern kann man an Salzstängeli, Berliner aber wollen mit grossen Bissen verschlungen werden – offenbart sich das wahre Wesen des Berliners. Puderzucker, Hefeteig, Konfitüre – gepriesen seien diese drei.

Dieses Gefühl, wenn sich die süsse Fülle in den Mund ergiesst, himmlisch!, schnell links und rechts über die Mundwinkel lecken, damit nichts verlorengeht. Diese Sünde ist jede Kalorie wert. Käme ich je in die missliche Lage, eine Henkersmahlzeit wählen zu müssen, ein Berliner müsste es sein – für mich und für den Henker. Denn wer Berliner isst, will niemanden mehr hängen, sondern nur noch wohlig-verfressen abhängen.

Das einzige Problem beim Berliner ist seine Endlichkeit. Viel zu schnell ist er weg. Aber halt, da sind ja noch die Finger. Habe ich die Finger schon erwähnt? Die letzte Süsse mit spitzen Lippen von den Kuppen saugen. Und da, ist da nicht noch ein Spürchen Puderzucker auf der Tischplatte, ein letztes bisschen Engelsstaub? Sorgfältig mit feuchten Fingern auftupfen – ein letztes Erahnen des Wunders, das einem gerade gnädig zuteilgeworden ist.

Einfach göttlich.

Und, bevor Sie fragen: Ja, Berliner haben immer Saison.

Eins zu Müll

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. Juni 2021

Erst eine Minute gespielt hier in der Hugo-Ball-Strasse und gleich die erste Überraschung dieser Partie. Aus der Tiefe des Raumes lanciert Aebischer das Spiel. Ausgerechnet Aebischer aus der 15, mit dem keiner mehr gerechnet hat. Mit seinen 77 Jahren eine Legende. Den Krückstock in der Linken, den Abfallsack in der stark arthritischen Rechten, dribbelt, äh, trippelt Aebischer in Pantoffeln los Richtung Abfallcontainer. Aber was ist das? Mit schmerzverzerrtem Gesicht bleibt er stehen. Die Hüfte? Die Knie? Der Rücken? Keiner hatte mehr Verletzungspausen als Aebischer, sein Transfer ins Altersheim ist beschlossene Sache. Ist sein letztes Comeback so kurz wie Akanjis Haare? Nein, Aebischer spielt weiter.

Doch da, wie aus dem Nichts taucht Hugentobler aus der 23 auf, ein Pfosten von Mann, ein regelrechter Vollpfosten. Er rempelt Aebischer von hinten an und stürmt Richtung Container. Foul! Und was klirrt da in Hugentoblers Sack? Glasflaschen im Gebührensack?! Rote Karte! Platzverweis! Schläft der Schiri eigentlich?

Aebischer taumelt. Fällt er? Nein, Albisetti aus der 32 eilt herbei und stützt ihn. Faire Geste, doch Albisetti ist brandgefährlich. Denn auch sie ist im Sackbesitz und stöckelt jetzt mit hohen Hacken Richtung Container. Sieht sie Müller nicht? Müller aus der 29! Er wäre frei, solo, Single, mutterseelenallein steht er da, schon seit Jahren, und bietet sich an. Doch Albisetti spielt ihn einfach nicht an. Verpasste Chancen noch und nöcher. Müller bleibt auch heute nur Handspiel im eigenen Schlafraum.

Da vorne passiert was! Die Rumo aus der 51 beginnt zu mauern. Altpapierbündel um Altpapierbündel stellt sie raus. Klassische Sensler-Taktik. Mach um üsers Ländli i de Not as Wändli. Wird Aebischer eine Lücke finden? Hat er überhaupt noch den Hauch einer Chance?

Denn vorne wuchtet Hugentobler bereits den Deckel auf, gleich tütet der ein. Aber da, was macht Aebischer? Er fixiert den Container. Der will doch nicht? Das kann er unmöglich… Das sind mindestens 25 Meter! Doch Aebischer holt aus, der Sack fliegt, beim heiligen Sepp, das ist die Chiquita unter den Bananenflanken. Wird Aebischer, der Rentner-Ronaldo, der Bandscheiben-Beckham, der Messi des Mülls, das Spiel noch wenden? Nein!! Der Sack eiert zu hoch rein – doch was ist das? Unglaublich! Aebischer trifft mit voller Wucht den Pfosten, den Vollpfosten – und Hugentobler köpfelt ein, ohne zu wissen, wie ihm geschieht.

Tooooor!! Eins zu Müll für Aebischer! Magische Momente wie dieser machen die gebührenpflichtige Abfallentsorgung zu dem, was sie ist. Und damit zurück in die Müllverbrennungsanlage.

Reichtumsbetroffene

Es scheint undenkbar, dass es so etwas in einem Land wie der Schweiz überhaupt gibt. Und doch ist es traurige Realität: Auch bei uns leben immer mehr Reichtumsbetroffene, also Menschen, die oberhalb der Anständigkeitsgrenze ein Leben in Reichtum fristen müssen; versteckt in umzäunten Anwesen, die sie nur in Limousinen mit dunklen Scheiben verlassen. In ihrer Not sehen sie oft keinen anderen Ausweg, als Bilder von Albert Anker zu sammeln, eine Villa mit siebzehn Badezimmern und Seeanstoss zu kaufen oder sich schlimmstenfalls sogar als DJ zu prostituieren und auch nach 14 Uhr im Morgenmantel zu posieren.

Es sind Schicksale, die verstören. Und ein grelles Licht werfen auf ein Problem, das noch zu oft totgeschwiegen wird. Dabei sind die Zahlen erschreckend: Schätzungsweise 810’000 Millionäre leben in der Schweiz und 135 besonders stark reichtumsbetroffene Milliardäre. Die Dunkelzimmer dürfte hoch sein. Denn viele Reichtumsbetroffene schämen sich dafür, reich zu sein. Aus Scham verbergen sie ihren wahren Reichtum vor der Steuerbehörde. Da offenbaren sich einmal mehr schonungslos die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres Systems, das zwar Geld hat, um Detektive auf Sozialhilfeempfänger anzusetzen, den wirklich hilfsbedürftigen Reichtumsbetroffenen aber nicht bei der korrekten Besteuerung unter die Arme greift.

Besonders belastend ist für viele Reichtumsbetroffene, dass sie sich selbst die Schuld an ihrem Reichtum zuschreiben, was es zusätzlich erschwert, aus der Negativspirale von Steueroptimierung, Aktiengewinnen und Selbsthass herauszufinden. Dabei ist in der Regel nicht das eigene Unvermögen Grund für ein Abgleiten in den Reichtum, sondern die Eltern. Denn das ist das Schlimme: Reichtum vererbt sich. Viele Kinder werden in Reichtum hineingeboren und schaffen es trotz exzessivem Konsum, ausschweifendem Lebenswandel und gezielten Fehlinvestitionen nicht, sich aus dieser Reichtumsfalle zu befreien. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: Erben heisst verderben.

Neben dem schockierenden Kinderreichtum (der paradoxerweise bei weniger kinderreichen Familien ausgeprägter ist), ist auch Altersreichtum weit verbreitet, während alleinerziehende Frauen zum Glück kaum je reichtumsbetroffen sind.

Wie also können wir Reichtumsbetroffenen helfen? Natürlich braucht es eine Erbschaftssteuer, die diesen Namen verdient, und eine Steuer auf Finanztransaktionen. Vor allem aber verdienen Reichtumsbetroffene unser Verständnis und unser Mitgefühl. Auch wenn sie manchmal etwas streng nach Kröten riechen.

Das letzte Loch

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 23. März 2021

Liebe Trauergemeinde, wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Dr. med. dent. Karl Samuel Häcki-Grob, oder wie ihn Freunde und Neider gleichermassen zu nennen pflegten: Kari S. Wer hat ihn nicht gekannt? Sind wir nicht alle durchs Martyrium seiner dentalhygienischen Behandlung gegangen? Und wie viele von uns haben mit kieferorthopädisch nicht immer eindeutig indizierten Zahnstellungskorrekturen nicht nur unseren Kindern, sondern zuallererst ihm ein Lächeln ins Gesicht gezaubert?

Aber Kari S. war nicht nur Zahnheilkundler, sondern auch ein unverzichtbarer Eckzahn des sozialen Lebens in unserem Dorf. Seine Ehrenämter waren so zahlreich wie die gefürchteten Kreuzchen im Schulzahnbüchlein, mit denen er die fehlerhaften Zähne markierte wie der Förster die morschen Bäume im Wald. 20 Jahre lang sass er in unserem Gemeindeparlament. Dabei gehörte er nie zu denen, die das Maul weit aufrissen, das überliess er andern. Aber wenn seine Ratskollegen nach einer mehrstündigen Debatte auf dem Zahnfleisch gingen, konnte er noch hartnäckig nachbohren, um zur Wurzel des Problems vorzudringen. Das ging vielen auf die Nerven. Aber keiner verstand es so meisterlich wie Kari S., Brücken zu bauen und gegensätzliche Interessen mit der Spange des Konsenses zu amalgamieren. Trotz aller Kronen ein Demokrat durch und durch.

Immer wieder haben sich in Karis Leben auch Abgründe aufgetan. Dass er sich im Sommer 77 jeweils in der Schulpause mit grossformatigen Fotografien kariöser Zähne vor den Dorfkiosk stellte, um so die Seuche der Schlecksucht der Schuljugend auszurotten, verzieh ihm nicht nur die Kioskfrau Frau Süss zeitlebens nicht, sondern führte auch zur schmachvollen Abwahl Karis aus dem Parlament, kaum waren die vergraulten Kinder ins stimmfähige Alter gekommen.

Das schmerzte ihn, denn gerade die Jugend lag ihm am Herzen. Unvergessen seine Angebote für den Ferienpass: «Ungezähnte Briefmarken – Raritäten aus der philatelistischen Praxis» oder «Giftpilze am Geschmack erkennen». Ja, einen trockenen Humor hatte Kari S. Legendär, wie er als Golfclub-Präsident den neuen 18-Loch-Rasen mit den Worten einweihte, so viele Löcher auf einmal habe er in seiner ganzen Karriere noch nie gesehen.

Dass er nun in Ausübung seines liebsten Hobbys, des Bergsteigens, am Dent du Midi in den Tod stürzte, zeigt uns, dass unser aller Leben an einem zahnseidenen Faden hängt. Ja, auch für uns wird es einmal heissen: «Der Nächste bitte.»

Lieber Kari S., nun hast du dein letztes Loch gefüllt. Wir werden die Lücke, die du hinterlässt, schmerzlich vermissen.

Ärmel hoch im Bundeshaus

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 20. Januar 2021

«Aua!»

«Psst, Ueli, nicht so laut, wir wollten uns doch im Stillen impfen lassen.»

«Aber die Frau hat mich gepiekst. Mit einer Spritze.»

«Stell dir einfach vor, es wäre eine Finanzspritze, dann tut es gleich nicht mehr so weh.»

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