Was, wenn alles gut wird?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. April 2017

Was, wenn das Glück an dir klebt wie Pech und wohin du dich auch verrennst, es kommt mit? Was, wenn heute alles glatt geht, auch die harzigen Sachen? Was, wenn deine Ängste unbegründet sind? Und deine Hoffnungen berechtigt? Was, wenn heute keine Rechnung im Briefkasten liegt, sondern die Zusage für den Job, mit der du nicht gerechnet hast? Was, wenn die anderen mehr in dir sehen als du selbst – und das mit Recht? Was, wenn du heute im Bus neben dem Menschen zu sitzen kommst, von dem du schon gar nicht mehr geglaubt hast, dass es ihn gibt?

Was, wenn alles gut wird? Weiterlesen

 

Savon d’Alep – Was geht mich Syrien an?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. April 2017

Mein Duschmittel kann mehr Latein als ich. Lesen Sie mal die Inhaltsstoffe durch. So viel Vergil, nur damit wir nicht stinken. Und am Schluss geht die ganze klassische Chose den Bach runter. Wahnsinn. Dubiose Chemikalien, viel Plastikmüll: Vor kurzem sagte ich deshalb meinem Duschgel Adieu und kaufte mir stattdessen eine Duschseife. «Aber bitte ohne Palmöl», sagte ich in der Apotheke, denn «Sodium Palmate pfui est», wie der Lateiner zu sagen pflegt. Die Verkäuferin reichte mir einen unansehnlichen ockerfarbenen Mocken mit arabischen Schriftzeichen drauf. 78 Prozent Olivenöl, 12 Prozent Lorbeeröl, Natronlauge. Simpler geht Seife nicht.

Erst zu Hause las ich, was auf der Packung stand: «Savon d’Alep. Fabriqué en Syrie». Und auf einmal war der Krieg ganz nah. Hautnah. Weiterlesen

Übrigens, dieser Text erscheint auch im Blog von «aufbruch», der unabhängigen Zeitschrift für Religion und Gesellschaft.

Ikeanisch

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 12. April 2017

Zügeln konfrontiert einen immer wieder mit den fundamentalen Fragen des Lebens. Zum Beispiel: Wie viele Inbusschlüssel von Ikea braucht der Mensch? In meinem Fall sind es 23, ich habe beim Kistenpacken nachgezählt. Viele der Pressspanmöbel, die ich damit einst zusammengeschraubt habe, sind längst entsorgt, zu Fleischbällchen verarbeitet und im Ikea-Restaurant an übellaunige Kinder verfüttert worden, die während der Einkaufstour der Eltern im Kinderparadies bis auf den Grund des Bällebads getaucht sind und jetzt die Haare voller fremder Popel haben. Das Geheimnis liegt übrigens in der Sosse. Weiterlesen

Auf zur Hasenjagd

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 6. April 2017

Schenken Sie Ihren Kindern Spielzeug zu Ostern? Auch nicht? Da bin ich beruhigt. Denn neulich flatterte ein seltsamer Prospekt ins Haus. «Wir Manor-Hasen wissen, was Kinder wünschen», stand vorne drauf, und drinnen dann seitenweise Spielzeug. Das irritierte mich gewaltig, weil ich, naiv wie ich bin, immer dachte, Kinder wünschen sich zu Ostern den Schoggihasen-Zuckerschock und den Adrenalinkick beim Eiersuchen in der Tiefgarage. Und im übrigen reichen Weihnachten und Geburtstag doch eigentlich völlig aus, um so ein durchschnittliches 15-Quadratmeter-Kinderzimmer bis zum Schuleintritt mit Spielsachen zuzumüllen.

Aber Spielzeug zu Ostern? Ich machte mich schlau und musste merken: Das ist der neue Trend. Seit einigen Jahren machen das alle. Sagen die Warenhäuser. Damit die, die es noch nicht machen, ein schlechtes Gewissen bekommen und auch mitmachen. So läuft der Hase. Voll die krumme Tour. Als hätten wir Eltern nicht schon genug damit zu tun, unsere Kinder vor den fiesen Anschlägen des Konsumterrors zu schützen: vor den debil grinsenden Kackehäufchen mit Saugfuss an der Coop-Kasse und den verlogen-treuherzig dreinschauenden Hasenbabys in der Migros.

Ostern ist das neue Weihnachten und die Spielzeugindustrie macht tüchtig Kasse. Aber worum ging es bei Ostern nochmals? Irgendwas mit Tod und Auferstehung. Star-Wars-Lego kamen jedenfalls nicht vor. Wenn schon, müsste man an Ostern alle weggelegten Spielsachen aus dem Keller holen und zu neuem Leben erwecken. Von wegen Auferstehung. Aber das ist natürlich Blasphemie, eine Versündigung wider das erste Gebot des Kapitalismus «Du musst immer neue Dinge kaufen – auch wenn du schon alles hast».

Ich weiss nicht, wie es bei Ihnen ist, aber mir geht diese ganze Osterschenkerei gehörig auf die Ostereier. Jedenfalls werde ich das System mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dazu kaufe ich mir die «Nerf Accustrike Alphahawk» aus dem Osterspielzeugkatalog. Bis am 8. April gibts die übrigens mit 30 Prozent Rabatt, aber das nur nebenbei. Falls Sie keine Kinder haben: Die Nerf Accustrike Alphahawk ist eines dieser Plastik-Schiesseisen mit Serienfeuerfunktion, die von der amerikanischen Waffenlobby entwickelt wurden, um schon Fünfjährige auf den Geschmack am Töten zu bringen. Aber in lebensfrohem Orange.

Damit lege ich mich dann auf die Lauer. Und wenn so ein Manor-Hase angehoppelt kommt, dann pfeffere ich dem ein Magazin hinter die Löffel.

Und auch wenn Ostern ist: Der steht dann nicht wieder auf von den Toten.

Das Liebesleben der Züge

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 28. März 2017

«Papi, wo schlafen eigentlich nachts die Züge?», fragt mein Sohn, eingekuschelt in die Decke, und schnäuzt sich seine Schnuddernase. «Im Gleisbett», antworte ich, schnell wie ein TGV, denn ich weiss: Kinder sind wie Donald Trump, die simple Wahrheit erscheint ihnen oft unglaubwürdig; je alternativer die Fakten, desto besser. «Und wenn sie nicht einschlafen können, dann zählen sie Schwellen. Tschägeräng, tschägeräng, tschägeräng», fahre ich fort.

«Jede Nacht liegen sie wach und zählen Schwellen und träumen von Anschlusszügen. Denn eins musst du wissen, alle Züge sind einsam. Ewige Singles, auch wenn sie Flirt heissen. Darum fürchten die Züge auch die Nacht. Tagsüber haben sie den Taktfahrplan, das vertreibt die düsteren Gedanken. Aber nachts sind da nur die Einsamkeit – und die Schwellen. Tschägerang, tschägeräng, tschägeräng. Darum heisst es übrigens auch Schwellenangst.» Weiterlesen

Karo

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 8. März 2017

Ich stehe mit meinem Zebra an der Migros-Kasse. Ich habe es am Abend zuvor in der Tombola des Samaritervereins gewonnen. Fragen Sie mich nicht nach Details. Zu viele Bloody Marys an der «Amputier-Bar». Totaler Filmriss. Aber irgendwie hat Freddy, der Samariterpräsident, sich im Darknet ein Zebra-Ei besorgt und es dann mit der Heizdecke seiner Frau ausgebrütet. Aber dann passten die Streifen nicht zu den Tapeten, und deshalb musste Karo weg. Karo, was für ein bescheuerter Name für ein Zebra, denke ich, und lege tonnenweise Grünzeug aufs Band. Karo hat Hunger. Mit abgelöschtem Blick zieht die Kassiererin die Ware durch. Piep-piep-piep. Dann zückt sie ihren Handscanner und zielt aus der Hüfte auf Karo. Piep.

«Das macht 9465 Franken 55. Haben Sie die Cumulus?» Weiterlesen

Neue Nachbarn

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 21. Februar 2017

Lauter neue Nachbarn in unserm Haus. Unter uns lebt neuerdings die Angst; unangenehm, wie sie sich von hinten anschleicht, wenn ich in der Waschküche vor der Maschine knie, mich anstupst, dass ich mir vor Schreck den Kopf stosse, und dann sagt: «Ihre Türe ist nicht abgeschlossen, hab’s kontrolliert. Also ich an ihrer Stelle, man weiss ja nie, was alles für Gesindel durchs Haus schleicht heutzutage.» Der Hass aus dem Erdgeschoss ist auch nicht besser. Seine Tür ist immer einen Spalt breit offen, und er zischt einem seine Beleidigungen entgegen, kaum hat man das Haus betreten, und seinen fauligen Atem riecht man noch, wenn man schon die Treppe hoch ist. Weiterlesen

Polit-Fasnacht

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 7. Februar 2017

«Als was gehst du eigentlich an die Fasnacht?» – «Ich wollte mich als Trump verkleiden. Aber die orangene Schminke ist schon ausverkauft.» – «Dann geh halt als Obama.» – «Spinnst du? Als Weisser das Gesicht schwarz anmalen – das ist Blackfacing, voll rassistisch.» – «Und Trump ist etwa nicht rassistisch?»
«Wie wär’s dann mit Melania Trump?» – «Als Mann in Frauenkleidern? Ich weiss nicht so recht.» – «Du meinst, damit verletze ich die Gefühle von Frauen im Allgemeinen und von Transvestiten und Präsidentengattinnen im Speziellen?» – «Nein, aber das ästhetische Empfinden. Bei deinen Beinen.» Polit-Fasnacht weiterlesen

Der Asket und der Milliardär

«Übrigens» in den Freiburger Nachrichten vom 24. Januar 2017

«Grüss Gott, Bruder Klaus. Wohin des Weges?» – «Nach Herrliberg.» – «Und was willst du dort?» – «Die SVP will im August meinen 600. Geburtstag feiern. Unten im Ranft.» – «Schön.» – «Nichts ist schön. Die verstehen mich kreuzfalsch. Darum will ich sie tüchtig ins Gebet nehmen.» – «Aber du bist doch ganz auf deren Linie mit deinem ‹Machet den Zun nit zu wit!›» – «Schöner Satz. Könnte von mir sein.» – «Wie bitte?» Weiterlesen

Inspiration für diese Kolumne fand ich übrigens im anregenden «Bruder-Klausen-Blog» von kath.ch, insbesondere im Beitrag von Roland Gröbli zum Zaun, den es nicht zu weit zu machen gelte.

Auch empfehlenswert ist Pirmin Meiers Biografie «Ich Bruder Klaus von Flüe».