Reality-Brille selber basteln

Virtual-Reality-Brillen kennen wir alle. Die lassen sich auch ganz einfach selber basteln – mit Wellkarton und Smartphone.

Viel dringender allerdings bräuchten wir Reality-Brillen. Finde ich. Die lassen sich auch ganz einfach selber basteln – mit Wellkarton und Smartphone.

So gehts:
1. Vorlage auf Wellkarton übertragen, ausschneiden, Gummibänder anbringen.
2. Brille anziehen.
3. Ganz wichtig ist die korrekte Montage des Smartphones. Das gehört in die linke Gesässtasche. Oder die Handtasche. Am besten ausgeschaltet.
4. Und jetzt: Genau hinschauen. Scharf nachdenken. Dann klappts auch mit der Realität.

       

Habe Schaf – suche Seckel

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 14. Juni 2017

Kleinanzeigen sind grosses Kino. Drama, Action, Gefühle – alles drin in zwei, drei Zeilen. Vor einiger Zeit stand zum Beispiel in der «Friburgera» folgende Annonce. Ungelogen. «Suche eine ältere Gans und Kabishobel.» Ein Satz – und schon krieg ich Gänsehaut. Hitchcock hätte das nicht besser hingekriegt. Was geht da ab? Sucht ein perverser Psychokiller sein neustes Opfer – per Kleinanzeige? Und welche Gans ist doof genug, sich darauf zu melden? Oder versucht sich da jemand in der Herstellung von Gänsecarpaccio? Weiterlesen

Ro-Ro-Roboter

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. Mai 2017

Dipl. Ing. Baeriswyl tupft sich mit einer dünnen Papierserviette den Kaffee von der Hose. Kantinenroboter «iFröilein» hat den Milchkaffee so schnell an den Tisch gefahren, dass die Hälfte davon übergeschwappt ist. Zum dritten Mal schon diese Woche. Ein Projekt der Erstsemestrigen; denen muss ich nochmals die physikalischen Grundlagen der Beschleunigung erklären, denkt Baeriswyl – und am Silikon-Po müssen sie auch noch arbeiten. Das Kneifgefühl stimmt noch nicht. Weiterlesen

Das grosse Krabbeln

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 16. Mai 2017

Meine Frau schaut mir mit zärtlichem Blick tief in die Augen – und ich spür ein Krabbeln im Bauch. «Ich spür ein Krabbeln im Bauch», informiere ich meine Frau. «Das heisst Kribbeln», korrigiert sie mich. Sie ist Deutschlehrerin. «Es fühlt sich aber eher wie ein Krabbeln an», beharre ich. «Ich glaube, die Mehlwürmer waren nicht ganz durch.» «Hast du sie denn nicht gekaut?», fragt meine Frau ungläubig. Weiterlesen

Was, wenn alles gut wird?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 24. April 2017

Was, wenn das Glück an dir klebt wie Pech und wohin du dich auch verrennst, es kommt mit? Was, wenn heute alles glatt geht, auch die harzigen Sachen? Was, wenn deine Ängste unbegründet sind? Und deine Hoffnungen berechtigt? Was, wenn heute keine Rechnung im Briefkasten liegt, sondern die Zusage für den Job, mit der du nicht gerechnet hast? Was, wenn die anderen mehr in dir sehen als du selbst – und das mit Recht? Was, wenn du heute im Bus neben dem Menschen zu sitzen kommst, von dem du schon gar nicht mehr geglaubt hast, dass es ihn gibt?

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Savon d’Alep – Was geht mich Syrien an?

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 21. April 2017

Mein Duschmittel kann mehr Latein als ich. Lesen Sie mal die Inhaltsstoffe durch. So viel Vergil, nur damit wir nicht stinken. Und am Schluss geht die ganze klassische Chose den Bach runter. Wahnsinn. Dubiose Chemikalien, viel Plastikmüll: Vor kurzem sagte ich deshalb meinem Duschgel Adieu und kaufte mir stattdessen eine Duschseife. «Aber bitte ohne Palmöl», sagte ich in der Apotheke, denn «Sodium Palmate pfui est», wie der Lateiner zu sagen pflegt. Die Verkäuferin reichte mir einen unansehnlichen ockerfarbenen Mocken mit arabischen Schriftzeichen drauf. 78 Prozent Olivenöl, 12 Prozent Lorbeeröl, Natronlauge. Simpler geht Seife nicht.

Erst zu Hause las ich, was auf der Packung stand: «Savon d’Alep. Fabriqué en Syrie». Und auf einmal war der Krieg ganz nah. Hautnah. Weiterlesen

Übrigens, dieser Text erscheint auch im Blog von «aufbruch», der unabhängigen Zeitschrift für Religion und Gesellschaft.

Ikeanisch

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 12. April 2017

Zügeln konfrontiert einen immer wieder mit den fundamentalen Fragen des Lebens. Zum Beispiel: Wie viele Inbusschlüssel von Ikea braucht der Mensch? In meinem Fall sind es 23, ich habe beim Kistenpacken nachgezählt. Viele der Pressspanmöbel, die ich damit einst zusammengeschraubt habe, sind längst entsorgt, zu Fleischbällchen verarbeitet und im Ikea-Restaurant an übellaunige Kinder verfüttert worden, die während der Einkaufstour der Eltern im Kinderparadies bis auf den Grund des Bällebads getaucht sind und jetzt die Haare voller fremder Popel haben. Das Geheimnis liegt übrigens in der Sosse. Weiterlesen

Auf zur Hasenjagd

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 6. April 2017

Schenken Sie Ihren Kindern Spielzeug zu Ostern? Auch nicht? Da bin ich beruhigt. Denn neulich flatterte ein seltsamer Prospekt ins Haus. «Wir Manor-Hasen wissen, was Kinder wünschen», stand vorne drauf, und drinnen dann seitenweise Spielzeug. Das irritierte mich gewaltig, weil ich, naiv wie ich bin, immer dachte, Kinder wünschen sich zu Ostern den Schoggihasen-Zuckerschock und den Adrenalinkick beim Eiersuchen in der Tiefgarage. Und im übrigen reichen Weihnachten und Geburtstag doch eigentlich völlig aus, um so ein durchschnittliches 15-Quadratmeter-Kinderzimmer bis zum Schuleintritt mit Spielsachen zuzumüllen.

Aber Spielzeug zu Ostern? Ich machte mich schlau und musste merken: Das ist der neue Trend. Seit einigen Jahren machen das alle. Sagen die Warenhäuser. Damit die, die es noch nicht machen, ein schlechtes Gewissen bekommen und auch mitmachen. So läuft der Hase. Voll die krumme Tour. Als hätten wir Eltern nicht schon genug damit zu tun, unsere Kinder vor den fiesen Anschlägen des Konsumterrors zu schützen: vor den debil grinsenden Kackehäufchen mit Saugfuss an der Coop-Kasse und den verlogen-treuherzig dreinschauenden Hasenbabys in der Migros.

Ostern ist das neue Weihnachten und die Spielzeugindustrie macht tüchtig Kasse. Aber worum ging es bei Ostern nochmals? Irgendwas mit Tod und Auferstehung. Star-Wars-Lego kamen jedenfalls nicht vor. Wenn schon, müsste man an Ostern alle weggelegten Spielsachen aus dem Keller holen und zu neuem Leben erwecken. Von wegen Auferstehung. Aber das ist natürlich Blasphemie, eine Versündigung wider das erste Gebot des Kapitalismus «Du musst immer neue Dinge kaufen – auch wenn du schon alles hast».

Ich weiss nicht, wie es bei Ihnen ist, aber mir geht diese ganze Osterschenkerei gehörig auf die Ostereier. Jedenfalls werde ich das System mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dazu kaufe ich mir die «Nerf Accustrike Alphahawk» aus dem Osterspielzeugkatalog. Bis am 8. April gibts die übrigens mit 30 Prozent Rabatt, aber das nur nebenbei. Falls Sie keine Kinder haben: Die Nerf Accustrike Alphahawk ist eines dieser Plastik-Schiesseisen mit Serienfeuerfunktion, die von der amerikanischen Waffenlobby entwickelt wurden, um schon Fünfjährige auf den Geschmack am Töten zu bringen. Aber in lebensfrohem Orange.

Damit lege ich mich dann auf die Lauer. Und wenn so ein Manor-Hase angehoppelt kommt, dann pfeffere ich dem ein Magazin hinter die Löffel.

Und auch wenn Ostern ist: Der steht dann nicht wieder auf von den Toten.

Das Liebesleben der Züge

«Übrigens» in den «Freiburger Nachrichten» vom 28. März 2017

«Papi, wo schlafen eigentlich nachts die Züge?», fragt mein Sohn, eingekuschelt in die Decke, und schnäuzt sich seine Schnuddernase. «Im Gleisbett», antworte ich, schnell wie ein TGV, denn ich weiss: Kinder sind wie Donald Trump, die simple Wahrheit erscheint ihnen oft unglaubwürdig; je alternativer die Fakten, desto besser. «Und wenn sie nicht einschlafen können, dann zählen sie Schwellen. Tschägeräng, tschägeräng, tschägeräng», fahre ich fort.

«Jede Nacht liegen sie wach und zählen Schwellen und träumen von Anschlusszügen. Denn eins musst du wissen, alle Züge sind einsam. Ewige Singles, auch wenn sie Flirt heissen. Darum fürchten die Züge auch die Nacht. Tagsüber haben sie den Taktfahrplan, das vertreibt die düsteren Gedanken. Aber nachts sind da nur die Einsamkeit – und die Schwellen. Tschägerang, tschägeräng, tschägeräng. Darum heisst es übrigens auch Schwellenangst.» Weiterlesen